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25. Juni 2012
Unter Stoff
Kleider machen Leute, Künstler vermieten Kostüme: So funktioniert das Kostümkollektiv aus dem Kreuzberger Bethanien. Vier Hauptamtliche und zahlreiche Helfer stellen täglich einen Fundus von über 2000 Kostümen zu günstigen Preisen bereit. Was hat es mit dem „Kollektiv“ auf sich? Wer unterstützt hier wen und warum? Creative City Berlin sprach mit Projektleiterin Muriel Nestler über neue Solidarität durch alte Klamotten, warum es in Berlin dringend mehr Projekte wie das Kostümkollektiv braucht und sie damit nicht einmal Geld verdienen will.
Interview: Jens Thomas / Fotos: Kostümkollektiv

Frau Nestler, seit März letzten Jahres existiert das Kostümkollektiv. Was ist das Ziel?
Wir haben uns als Verein gegründet, um einen Fundus zur Stärkung und Verbesserung der Arbeitsmöglichkeiten von Theaterschaffenden bereitzustellen. Der Fundus richtet sich also an alle, die mit Kostümen arbeiten. Dazu sammeln wir die Kostüme und verwalten sie. Sie stehen dem Verein für seine Zwecke und Künstlern sowie Kulturschaffenden zur Verfügung.
Sie sprechen mit ihrem Angebot gezielt Leute an, die keinen Zugang zum Fundus der Theater haben.
Ja, unser Fundus steht vorwiegend Künstlern der freien Szene zur Verfügung, er richtet sich an Kulturell Bildende und an die, die sich selbst kulturell bilden - sprich Schüler, Studenten und Laien.
Ein Zitat von Ihrer Webseite lautet: „Kostümbilden muss heute viel mehr als bisher als einflussreicher Bestandteil der Darstellenden Kunst, als wichtiger Beitrag von Kunst und Kultur anerkannt werden“. Können Sie das näher erklären?
Kostümbild wird oft missverstanden, weil eher das Design und das Handwerk im Vordergrund stehen. Ein Kostümbild ist aber viel mehr: eine inhaltliche und dramaturgische Auseinandersetzung über Kleidung. Mit dem Kostüm entsteht eine Figur: ein Konglomerat aus Texten, dem Akteur, dem Körper, der Bewegung und seinem Aussehen. Das Kostümbilden geschieht in Auseinandersetzung mit mindestens zwei Beteiligten eines Theaterprojekts: Akteur, Regie und Bühnenbild. Das Kostümbilden ist ein künstlerischer und nicht nur ein dienender Vorgang.
Sie und die anderen des Kostümkollektivs begreifen sich selbst als Künstler?
Ja, wir sind Künstler. Wir sind vorwiegend Bühnen- und Kostümbildner und wir haben erkannt, dass dadurch, weil es einen solchen Fundus in Berlin bisher nicht gab, die Theater-Arbeit in der freien Szene in Bezug auf das Kostümbild eingeschränkt war. Der Fundus ermöglicht darum eine wirkliche Auseinandersetzung und eine kollektive Figurenfindung.
Was meinen Sie mit „kollektiver Figurenfindung“?
In unserem Fundus können Schauspieler und Kostümbildner zusammen eine passende Figur in der Anprobe finden. Dazu gibt es auch ein tolles Zitat von Charlie Chaplin, in dem er beschreibt, wie seine Figur vom Tramp über die Kostümkammer (heute heißt es Fundus) entstanden ist. Dieser Tramp entstand mit dem Kostüm selbst: dieses Stockschwingen und dass er darüber erst die Figur für sich gefunden hat. Chaplin hat sich bestimmt nicht alleine Hut, Jacke und Stock herausgesucht und anprobiert, er hat Partner zum Austausch gehabt.
Es geht Ihnen mit dem Kollektiv also um ein Zusammenwirken, auch um ein Gemeinschaftsgefühl?
Ja, darum geht es auch.

Gemeinsam mit dem LAFT, dem Theaterhaus Mitte und mit dem Bund der Szenographen haben Sie Künstler nach ihrem Bedarf des Fundus befragt: 58 verschiedene Antworten haben Sie erhalten. Welches Fazit ziehen Sie?
Ich weiß jetzt, dass es einen großen Bedarf an einem solchen Fundus gibt - sowohl daran, Kostüme zu leihen, als auch daran, Kostüme sinnvoll in den Fundus zu geben. Die Umfrage diente schließlich dazu zu prüfen, ob sich einen solch großer Aufwand überhaupt lohnt.
Lohnt er sich?
Für die meisten Nutzer lohnt er sich.
Aber rechnet sich das auch für Sie? Können Sie vom Fundus des Kostümkollektivs leben?
Nein, leben können wir davon bislang nicht, das wollen wir aber auch gar nicht. Es geht hier um viel mehr: Es geht um gegenseitige Unterstützung.
Sie möchten nicht von Ihrer Arbeit leben können?
Doch, das schon, aber nicht ausschließlich von dieser. Ich möchte weiterhin an anderer Stelle künstlerisch arbeiten und Bühnen- und Kostümbilder machen. Außerdem ist das Kostümkollektiv für mich - wie für die anderen Kollegen auch - eine gute Plattform, um Projekte für die Kulturelle Bildung ins Leben zu rufen und mit Hilfe des Fundus Weiterbildungen anzubieten.
Aber gibt es da noch genügend Spielraum, um zeitlich nebenher einer anderen künstlerischen Tätigkeit nachzugehen, von der man seinen Lebensunterhalt auch bestreiten kann?
Ich hoffe das, ja. Ich hoffe, dass wir die Arbeit künftig so unter uns aufteilen können, dass die Arbeit im Kostümkollektiv für keinen von uns eine Belastung darstellt. Sehen Sie, wir sind gerade einmal vier aktive Mitarbeiter und wir arbeiten zusätzlich alle projektweise, dadurch ist jemand auch mal für einen ganzen Monat weg.
Sie schreiben auf Ihrer Internetseite, dass die Beschäftigung mit Kostüm- und Maskenbild im Kontext von Gesellschaftsbild, Bühnenfigur und Zeichensystem gerade in der heutigen Zeit der schnelllebigen Mode und unter kürzer werdenden finanziellen Mitteln eine notwendige Aufgabe ist. Merken Sie das, dass finanziell knappere Spielräume Ihre Arbeit behindern?
Auf jeden Fall. Und diesen Auswirkungen wollen wir mit dem Fundus entgegenarbeiten. Ein Fundus ist an jedem Theater, das Räumlichkeiten hat, eine ganz übliche Arbeitsstätte, die freie Szene verfügte darüber bis heute nicht, das ist ein Problem. Ein fehlender Fundus ist wie ein fehlender Arbeitsraum, es ist in etwa so, als würde man tanzen wollen und hätte nur einen Fuß oder nur ein Bein.
Erhalten Sie auch Unterstützung von außen?
Ja, und ohne diese ginge es nicht. Der Aufbau des Fundus wurde von der Deutschen Stiftung Klassenlotterie Berlin finanziell ermöglicht und wir erhielten Geld-Spenden für bauliche Investitionen von der BSR, die sich sehr für uns interessiert. Und wir hoffen auf weitere Spender. Mittlerweile haben wir über unseren Fundus auch viele Leute gewonnen, die ehrenamtlich mithelfen, ein paar Stunden vorbeikommen oder uns unterstützen, indem sie uns beispielsweise ihre Nähmaschine geben oder Ähnliches.
Einerseits behindern finanziell knappe Spielräume die künstlerische Arbeit, andererseits ergeben sich aufgrund prekärer Existenzen neue Solidarisierungseffekte, indem man sich hilft?
So in etwa, das ist ja das Spannende: Die Leute sind uns wahnsinnig dankbar für den Fundus und begeistert darüber, dass es uns gibt, weil ihnen einfach die finanziellen Mittel fehlen. Im Grunde können wir darum auch gar kein Geld mit dem Kollektiv machen, weil die freie Szene dieses Geld einfach nicht hat. Extrem hilfreich ist dabei auch, dass wir im Kunstquartier Bethanien mit anderen darstellenden Künstlern sind.
Es gibt eine große Solidarität unter den Künstlern im Bethanien?
Ja, wenn man helfen kann, unterstützt man sich immer irgendwie und es ergeben sich interessante Kooperationen.
Zusammenschlüsse von Künstlern haben eine lange Geschichte. Erste Künstleragglomerate gab es bereits seit dem 17. Jahrhundert über Zünfte und Gilden, im 19. Jahrhundert entstand parallel zu den Vereinigungen des Arbeitertheaters im deutschsprachigen Raum eine breite Bewegung der Laientheater auf Vereinsbasis. Dabei war es allerdings schon immer schwierig, dass sich Künstler längerfristig organisierten und Netzwerke aufrechterhalten werden konnten. Würden Sie das als eine neue Entwicklung begreifen? Sie nennen ihr Projekt ja bewusst ‚Kollektiv‘…
Über Projekte wie unseren Fundus ergeben sich sicher Solidarisierungen zwischen den Künstlern. Der LAFT Berlin und die Koalition der freien Szene ist eine bereits bestehende Solidarisierung. Ob das eine neue Entwicklung ist, kann ich nicht sagen. Doch jeder kann seinen Teil dazu beitragen, und da brauchen wir auch mehr politische Unterstützung und noch weitere Initiativen wie unseren Fundus.
An wen appellieren Sie?
An Künstler, die Politik, an die ganze Stadt. Berlin muss sich endlich bewusst werden, dass die freie Szene der Stadt ein großer Schatz ist. Darum wollen wir mit unserem Fundus auch Akzente setzen: Schon unser Gründungsgedanke ist ein genossenschaftlicher. Die Gründung und die Namensgebung des Vereins hatten damit zu tun, dass wir alle gemeinsam von etwas profitieren wollen.
Frau Nestler, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Profil und Portfolio des Konstümkollektivs auf Creative City Berlin
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