Nachhaltigkeit, New Work Zurück

Verena Kuni: "Do It Yourself ist eine Chance"

Verena Kuni: "Do It Yourself ist eine Chance"
Foto: © MFK Berlin

Selbermacher - Do It Yourself: eine Revolution der Märkte oder eine Anpassung an die Erfordernisse der Arbeitswelt?

 

Interview Jens Thomas   

 

Vermutlich wusste es Tim O´Reilly bereits vor drei Jahren: O´Reilly, Verleger der Zeitschrift Make, prognostizierte im Jahr 2008 in seinem verlagseigenen Webblog: "Was heute noch Do It Yourself heißt, ist das Big Business von morgen". Kaum zu übersehen: Kreative Selbermacher erobern Märkte mit Handgemachtem, sie arbeiten fern der Festanstellung und machen es einfach selbst - sie gestalten gemeinschaftlich Gärten in urbanisierten Ballungsgebieten, nähen eigene Kleidung, betreiben mit Liebe und Mühe Boutiquen oder Labels, sie bloggen, vernetzen sich und klären über Missstände auf.

Do It Yourself (DIY), als Begriff erstmals 1912 in der amerikanischen Zeitschrift Suburban Life erschienen und in den 1970er Jahren von der Linken aus dem Begriffsrepertoire des Heimwerkermarktes der 1950er Jahre entlehnt, erfährt eine neue Dynamik: "Mach es selbst" wurde Ende der 1970er Jahren im linken Spektrum bewusst auf die Agenda gesetzt, um Autonomie und Selbstbestimmung fern des Diktats von verfestigten Alltags- und Lohn-Arbeitsstrukturen zu gewährleisten. Do It Yourself stand für eine Kultur des Amateurs im Bereich Punk/Hardcore und war zugleich eine Verweigerungshaltung vor den Marktmechanismen der Großkonzerne.

Foto: Verena Kuni.

Heute arbeiten Selbermacher an den verschiedensten Schnittstellen und unterschiedlichsten Branchenzugängen. Gleich mehrere Bücher sind in diesem Jahr erschienen, die sich dem neuen Do It Yourself-Trend widmen: "Hab ich selbst gemacht" (Susanne Klingner), "Ich schraube, also bin ich" (Matthew B. Crawford), "Urban Gardening" (Christa Müller) sowie die zwei Sammelbänder "Craftista" und "Do It Yourself - Die Mitmach-Revolution". Was tut sich da auf? Erleben wir eine "Revolution" der Arbeitswelt und Konsummärkte? Wie verändert das Selbermachen heutige Lebensweisen?

Jens Thomas sprach mit Verena Kuni, Kunst-, Medien- und Kulturwissenschaftlerin, Mitherausgeberin des Sammelbandes "Do It Yourself - Die Mitmach-Revolution" und Kuratorin der gleichnamigen Ausstellung im Museum für Kommunikation in Berlin, die seit Ende März zu sehen ist.


CCB Magazin: Frau Kuni, seit geraumer Zeit ist überall von Do It Yourself und vom Selbermachen die Rede. Müssen wir uns die Zähne bald selber ziehen?

Verena Kuni: Nein, so weit wird es hoffentlich nicht kommen. Das Selbermachen hat auch Grenzen.

CCB Magazin:Die da wären?

Verena Kuni: Dass man seine Kompetenzen kennt und die Konsequenzen ihrer Überschreitung - für sich und andere - verantwortlich abschätzen kann. Ich möchte weder mir noch anderen Zähne ziehen müssen.

CCB Magazin:Wie erklären Sie sich den derzeitigen Trend zum Selbermachen?

Verena Kuni: Das hat viele Gründe. Allem voran ist es doch sehr befriedigend, etwas selbst gemacht zu haben. Dieses Selbstwertgefühl kann man sich nicht kaufen. Indes ist es natürlich interessant, wenn das in einer durchaus konsumorientierten Gesellschaft zum Verkaufsschlager wird. Die Baumärkte - die an sich natürlich schon immer bzw. in Deutschland konkret seit den 1960er Jahren vom Heimwerken leben - haben das hierzulande wohl als erste wieder nach vorn gebracht. Wenn man sich für die jüngere Entwicklung interessiert, lohnt es, sich die entsprechenden Werbekampagnen genauer anzusehen: Slogans wie "Selbst ist der Mann" allein ziehen nicht mehr - schon deshalb, weil Frauen mittlerweile gute Kundinnen sind. Und es geht eben auch allem voran um (Selbst-)Verwirklichung, um das "eigene Projekt". Gerade in letzter Zeit wird natürlich auch der ökonomische Aspekt wieder verstärkt diskutiert. Da wird gern suggeriert, dass das Selbermachen billiger sei.

Foto: Verena Kuni.​

CCB Magazin:Ist es das?

Verena Kuni: Nicht unbedingt. In manchen Fällen sicher. In vielen jedoch nicht. Das liegt nicht einmal daran, dass die für Eigenproduktionen gekauften Produkte nicht billiger sein können als ein entsprechendes Fertigerzeugnis oder die eigene Arbeitskraft im Vergleich zu einer entsprechenden Fachkraft billiger ist. Würde man in dieser Zeit aber einer erlernten und angemessen bezahlten Tätigkeit nachgehen und berücksichtigt man den Aufwand zum Selbermachen - die Recherche, Fahrt- und Arbeitszeiten sowie erste Fehlschläge beim Selbstherstellen - ist das Selbermachen unter dem Strich nicht billiger.

Unter einem Nachhaltigkeitsgesichtspunkt kann es aber durchaus auch ökonomisch sinnvoll sein, wieder mehr selbst zu machen bzw. sich in lokalen Produktionsgemeinschaften und -ökonomien zu bewegen. Ersteres vermittelt zudem ein recht gutes Gefühl für den Wert einer Arbeit und eines Produkts - also auch, warum bei "Geiz ist geil" garantiert jemand auf der Strecke bleibt.

CCB Magazin:Richard Sennett schrieb über den homo faber, den Hersteller von Dingen, dass er Dinge gut macht, weil er seiner Arbeit mit Hingabe nachgeht. Wie wichtig ist Selbstwerdung und die Reflektion über die Arbeit beim Prozess des Selbermachens?

Verena Kuni: Der reflexive Anteil hat beim Selbermachen einen enormen Stellenwert - und zwar nicht erst, wenn eine intellektuelle bürgerliche Schicht zum Hammer greift. Es gibt ja tatsächlich auch eine Intelligenz der Hand. Sennett wiederum geht es um einen erweiterten Begriff des Handwerks - der sich nicht darauf beschränkt, dass man etwas Materielles herstellt. Entscheidend sind vielmehr die Fähigkeiten, die Selbstermächtigung im Prozess der Arbeit, die Wertschätzung, Sorgfalt und Liebe zum Produkt. Und zwar im "richtigen Maß" - auch das betont Sennett. Der "craftsman", der Handwerker oder die Handwerkerin weiß, wann er/sie aufhören muss und wovon er/sie besser die Finger lässt.

CCB Magazin:Der Begriff Do It Yourself kam erstmals 1912 auf. Was unterscheidet das Selbermachen heute vom Selbermachen damals?

Verena Kuni: Der gesellschaftliche und natürlich auch der technologische Kontext ist heute ein anderer. Das Selbermachen durchdringt mittlerweile sämtliche Berufs- und Bildungsschichten, es lokalisiert sich nicht mehr nur auf das ursprüngliche Segment von Heimwerken, Handarbeit und Bastelei. Eine Gemeinsamkeit hingegen ist, dass Do It Yourself schon immer ein Verlangen nach Veränderungen und Verbesserungen war - das war schon um die Jahrhundertwende hin zum 20. Jahrhundert so.

Foto: Verena Kuni.​

CCB Magazin:Die Arbeitswelt hat sich vor allem in den letzten drei Jahrzehnten durch die Digitalisierung sämtlicher Lebens- und Arbeitsbereiche entkörperlicht. Ist das Selbermachen auch eine Art Gegentrend, Dinge wieder selbst herstellen zu wollen und dabei Körper, Hände zu benutzen?

Verena Kuni: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Die Verbindung zwischen Hand und Wort wird durch die Digitalisierung der Arbeits- und Lebenswelt nicht mehr ausreichend befriedigt. Darum gibt es wieder eine Sehnsucht nach dem Haptischen. So sind plötzlich selbst früher eher verachtete, wenn nicht gar verhasste Handarbeiten wie Stricken, Häkeln, Sticken wieder "in". Und insgesamt gibt es auch einen Trend zum "Analogitalen", man möchte die Dinge wieder anfassen können.

CCB Magazin:In den letzten Jahren war in Bezug auf Do It Yourself vielfach von einer "Revolution" die Rede. Auch ihre Ausstellung trägt den Titel "Die Mitmach-Revolution". Was wird denn hier ihrer Meinung nach revolutioniert?

Verena Kuni: Mit dem Begriff der Revolution muss man natürlich vorsichtig sein. Eine Revolution ist per Definition eine Umwälzung des Bestehenden, eine Veränderung der Verhältnisse, die von vielen gewollt und getragen wird. Aus der Geschichte kann man dann lernen, dass Revolutionen die Tendenz haben, früher oder später ihre eigenen Kinder zu fressen. Das lässt sich, vielleicht etwas weniger brutal, auch von so mancher Alternativbewegung sagen. Sympathisch ist aber auf jeden Fall der Akt des "Zusammen-Machens", der Solidarisierung, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, das zuvor utopisch schien. Mit dem Titel "Mitmach-Revolution" wollen wir in erster Linie diese positive Kraft ansprechen. Beispielsweise auch den gegenseitigen Austausch, das Voneinander und Miteinander-Lernen. Denn darum geht es ja bei Do It Yourself: Do It Yourself steht für selbst bestimmtes, selbstorganisiertes Arbeiten, Lernen, Handeln.

CCB Magazin:Viele können vom Selbstgemachten aber nicht einmal ihren Lebensunterhalt bestreiten. Untersuchungen wie die von Sigrid Betzelt oder Carroll Haak kommen zu der Erkenntnis, dass Künstler- und Kulturdienstleister eine umsatzsteuerpflichtige Grenze von 17.500 Euro bei ihrem Jahreseinkommen in der Regel nicht überschreiten und das Durchschnittseinkommen meist weit unter dem liegt, was andere Erwerbstätige mit vergleichbarem Bildungsniveau erzielen. Sind das nicht auch neue Risiken und Marktzwänge?

Verena Kuni: Sicher. In diesem Sinne kann man auch den Werbespruch der Handelsplattform für Selbstgemachtes, Etsy, durchaus doppeldeutig lesen: "sell yourself", das heißt eben nicht nur: "Verkaufe selbst!" - sondern auch: "Verkauf Dich selbst". Gerade in der jüngeren Generation derer, die sich auf diesem Markt bewegen, gibt es einen fließenden Übergang vom kreativen Imperativ hin zu einem professionalisierten Do It Yourself, das schließlich mit semi-professionellen Produktionen konkurrieren muss.

Durch Hartz IV bzw. begleitende Maßnahmen, die Menschen mit unregelmäßigem Einkommen - und dazu zählen mitunter ja auch Selbständige im sogenannten kreativen Sektor - unter entsprechende Handlungszwänge setzen, ist hierzulande noch ein weiteres Schwungrad hinzugekommen. Auffällig viele der kleinen Lädchen sind in der Ära "Ich AG" aus dem Boden geschossen. Insgesamt entscheidet man sich für das Selbermachen immer nur bedingt freiwillig bzw. individuell, und in jedem Trend sind auch gesellschaftliche Konditionen bzw. Zwänge enthalten. Das beleuchten wir auch in der Ausstellung kritisch.

CCB Magazin:Holm Friebe und Sascha Lobo nannten ihr Buch über die Digitale Bohème vor ein paar Jahren "Wir nennen es Arbeit". Hätte man es auch "Wir nennen es Selbstausbeutung" nennen können?

Verena Kuni:Auch diesen Titel kann man auf zwei Arten lesen. Zum einen deutet das Selbermachen auf den Prozess der Selbstökonomisierung hin und bildet prekäre Existenzen ab. Zum anderen heißt "Wir nennen es Arbeit" aber auch, dass es wirklich Arbeit ist. Und kein Freizeitspaß, für den kreative, künstlerische, aber auch intellektuelle bzw. immaterielle Arbeit gerne gehalten wird. Das gilt auch für Do It Yourself: Im Selbermachen und Selbstgestalten stecken Mühe und Arbeit drin.

CCB Magazin:Besteht nicht so aber nicht die Gefahr, dass ganze Bereiche heute als Arbeit bezeichnet werden, die nicht oder zumindest nicht hinreichend entlohnt werden?

Verena Kuni:Moment, warum sollte das eine Gefahr sein? Nicht umsonst ist aus feministischer Perspektive immer darauf hingewiesen worden: Hausarbeit ist Arbeit - das Problem besteht darin, dass sie bis heute nicht als vollwertige Arbeit anerkannt bzw. entsprechend entlohnt wird. Obwohl sie am Bruttosozialprodukt einen erheblichen und auch berechenbaren Anteil hat. "Wir nennen es Arbeit" heißt insofern allem voran: Wir nennen es Arbeit, weil es Arbeit ist.

CCB Magazin:Für die Politik kann das aber auch heißen, es gibt genügend Arbeit, kümmert euch bitte selbst drum. Wäre es nicht gerade Aufgabe der Politik, prekäre Existenzen besser abzusichern?

Verena Kuni:Ja, das ist es sicher auch, Stichwort: Unbedingtes Grundeinkommen. Indessen läuft das in der Politik nach wie vor in eine völlig falsche Richtung. Da geht es lediglich um Beschäftigungspolitik, um "Jobs". Aber nicht um Produktivität und Arbeit. Und auch die Gewerkschaften tun sich noch immer schwer damit, so etwas wie selbständige Arbeit bzw. Selbständigkeit überhaupt wahrzunehmen. Als ob es da keine Notwendigkeit einer Interessenvertretung, einer gemeinschaftlichen Organisation, eines Solidarprinzip gäbe.

CCB Magazin:Gerade viele Kreative scheuen aber institutionelle Einbindungen. Wie müsste man dem begegnen?

Verena Kuni: Das funktioniert vorrangig über soziale Netzwerke. Und in diesem Bereich tut sich ja auch schon eine Menge, über digitale und über lokale Vernetzung. Insgesamt greift es von daher auch zu kurz, immer nur auf größere, institutionalisierte Organisationen wie die Gewerkschaften zu schauen und zu sagen, die müssten sich verändern. Solidarität heißt: Alle müssen sich aufeinander zu bewegen. Und dafür, wie auch allem voran: für sich selbst, ist jede/r einzelne selbst verantwortlich. Ich würde mal behaupten, das Do It Yourself-Prinzip kann insgesamt das Bewusstsein dafür stärken, dass wir alle politische Menschen sind. Und auch politisch handeln müssen.

Foto: Verena Kuni.​

CCB Magazin:In Bezug auf das Selbermachen ist immer wieder die Rede von Prosuming, der Teilhabe des Kunden am Produktionsprozess durch eine Nähe zum Produzenten und dem Produkt. Der Industrie-Soziologe G. Günter Voß spricht hingegen vom "arbeitenden Kunden", indem dem Kunden im Zuge des Selbermachens mehr Aufgaben übertragen werden, das den Arbeiter teils ersetzt und darüber auch Löhne gedrückt werden oder gar Entlassungen drohen. Was überwiegt Ihrer Meinung nach?

Verena Kuni: Es kommt doch darauf an, wer wen unter welchen Konditionen beteiligt, mit welchen Zielen das passiert und welche Konsequenzen das für alle Beteiligten hat. Ganz sicherlich gibt es da eine deutliche Tendenz zur Ausbeutung dieses Prinzips bzw. zu einem Prinzip der Ausbeutung - und sei es nur als Einladung zur Selbstausbeutung. Es ist ja oft sogar so, dass der arbeitende Kunde seine Eigenbeteiligung als freiwillige oder gar kreative Tätigkeit verkauft bekommt.

Customizing heißt dann: Man setzt seine Arbeitskraft, seine Kreativität ein und bezahlt dann noch mal extra dafür. Insgesamt ist Do It Yourself aber auch modellhaft im Sinne neuer Mikroökonomien. Eine echte Alternative zum Franchising-Prinzip - und man verkauft sich auch nicht an einen Zwischenhändler, der zusätzlich die Hand aufhält. Stattdessen gibt es Netzwerke, und es geht um einen Handel vor Ort. Das kann eine echte Alternativ-Ökonomie ermöglichen.

CCB Magazin:Können Sie Beispiele nennen?

Verena Kuni:Nehmen Sie etwa die Entwicklungen in den USA, wo alternative Währungen zunehmend Erfolg haben. In einer Situation des dramatischen Spagats zwischen Gutverdienenden und absolut Armen, die von den Möglichkeiten einer Beteiligung im Grunde völlig abgeschnitten sind, kann ein solches selbstgemachtes, von einer Gemeinschaft selbst reguliertes System wirklich Perspektiven schaffen. Und da hat das Do It Yourself-Prinzip dann tatsächlich etwas Revolutionäres.

CCB Magazin:Das klingt mehr nach einer Mobilisierung im Schatten der Wirklichkeit, indem man sich nicht mehr mit realpolitischen Mitteln zu helfen weiß. Und das funktioniert vermutlich auch nur im kleinen Rahmen, in einer Community...

Verena Kuni: Letzteres ist richtig - Mikroökonomien haben einen relativen engen Radius. Aber das Ganze findet nicht "im Schatten der Wirklichkeit" statt. Es ist eine Form der Realpolitik, die - mal frei nach Brecht - für jene "im Dunkeln", die man nicht sieht bzw. sehen will, eine Selbstermächtigung bedeutet. Und das läuft dort, wo dieses Prinzip erprobt wird, auch sehr gut. Darüber entsteht ein großes Gemeinschaftsgefühl, ein gut funktionierendes alternativ-ökonomisches Gemeinschafts-Tool. Das ist selbstgemacht von vorne bis hinten.

CCB Magazin:Ließen sich solche Modelle auch auf hiesige Gesellschaftsformen übertragen?

Verena Kuni: Die Verhältnisse in den USA sind schon noch etwas andere. Wir haben hierzulande nicht die gleichen Wirtschaftsstrukturen und auch nicht das gleiche Sozialwesen. Wir haben ein anderes politisches System. Aber man kann von diesen Modellen sicherlich lernen.

CCB Magazin:Indem aber vieles selber gemacht wird, lassen sich auch Arbeitsfelder nicht mehr klar umranden. Einerseits steigen die Eigenverantwortung und die Spezifizierung im Berufsleben, andererseits soll man alles selber machen können. Gefährdet das nicht auch ein Verständnis von Berufen und Berufsgruppen?

Verena Kuni: Sicher müssen sich es Fachleute mitunter auch gefallen lassen, dass ihnen Amateure, die auf einem alternativen Bildungsweg bzw. DIY entsprechendes Fachwissen erworben haben, auf die Finger schauen. Aber das gefährdet nicht automatisch den Status einer Fachausbildung. Es geht doch um die Frage: Was könnte bzw. kann man noch können? Also darum, dass man vielleicht noch mehr und anderes kann als das, wozu man mal ausgebildet worden ist.

Es geht darum, Neues auszuprobieren und zu lernen. Deshalb schlägt uns noch lange nicht "die Stunde der Stümper", vor der Andrew Keen mit Blick auf im Internet verbreitetes Halbwissen warnt. Klar ist aber sicher auch: Auf ein De-Skilling - nach dem Motto: alle können alles, nur leider nicht wirklich gut - sollte es nicht hinauslaufen. Nicht alles lässt sich über eine Amateur-Kultur abdecken.

CCB Magazin:Das Selbermachen wurde vielfach als neuer Weg im Kapitalismus bezeichnet, indem man den Kapitalismus nicht mehr per se kritisiert, sondern nach neuen, sozialen und gerechten Wegen im Kapitalismus sucht. Erleben wir gerade einen Paradigmenwechsel im Zuge des Selbermachens?

Verena Kuni:Vermutlich ja, es geht um neue und auch langfristige realpolitische Wege, damit Nachhaltigkeit gesichert und um ein neues Bewusstsein gestärkt wird. Wichtig ist heute, dass die Leute wieder an Prozessen beteiligt sind. Do It Yourself ist eine Chance, weil man aus Erfahrungen der anderen über das Zusammenmachen lernt. Transparenz ist dabei enorm wichtig. Denn warum spenden die Leute beispielsweise so ungern auf Konten? Weil sie nicht genau wissen, wo es ankommt. Wichtig ist, wenn ich etwas rein gebe, dass ich weiß, was dabei herauskommt. Dafür steht das Selbermachen.

CCB Magazin:Das Do It Yourself-Prinzip wurde vor allem durch die links-subversive Punk/Hardcore-Szene in den 1980er Jahren populär und stand für eine Verweigerung vor den Marktmechanismen der Großkonzerne. Kann man sich diesen Marktmechanismen aber überhaupt entziehen? Inwiefern greifen Großkonzerne den Gedanken individuell angefertigter Produkte wieder auf und produzieren anschließend in Serie?

Verena Kuni:Zunächst einmal ist keine Gegenkultur frei von ökonomischen Zwängen. Jede Subversion muss sogar ihr Marketing und ihren Markt entwickeln, wenn sie langfristig erfolgreich sein will, das haben die amerikanischen Soziologen Heath und Potter in Nation of Rebels sehr schön beschrieben. Zum zweiten Punkt: Warum sollen gute Produkte, ein kluges Design nicht von mehr Leuten benutzt werden dürfen? Darin kann man ja einmal etwas Positives sehen.

Die Frage ist doch eher: Zu welchen Konditionen passiert das dann? Wer verdient, wer trägt die Kosten? Wichtig sind gute Ideen, die auch anderen etwas bringen. Wenn es um eine Do It Yourself-Revolution gehen soll, braucht man sicher eine Art Grundvertrauen, dass es eine kritische Masse gibt, die bewusst anders leben und handeln will.

CCB Magazin:Verena Kuni, ich danke für dieses Gespräch.


Das Interview ist als Erstveröffentlichung in der Telepolis erschienen, dem Magazin für Netzkultur vom Zeitschriftenverlag heise.

 

Rubrik: Wissen & Analyse

rss

Schon gelesen?

schließen
schließen