Zu Besuch bei...

Von Spreepiraten und Sandkastenbräuten

Von Spreepiraten und Sandkastenbräuten
Foto: © Wencke Grothkopp

Selbstgenäht vom Schnittmuster zur Stoffwahl bis zur Umsetzung zum Versand nach Hause: Judith Horn stellt Kinderkleidung her und betreibt seit 2011 ihr Label ostseekinder - Kindermode handgefertigt aus Berlin-Friedrichshain. In Ihrem Atelier in der Kinkibox, einem Nähcafé in der Seumestrasse, traf Creative City Berlin die junge Modemacherin und sprach über maritimen Look und neuen Erfolg, die Pumphose Finn und den Zusammenhang von Psychologie und der Modewelt.

 

Interview Wencke Grothkopp

 

CCB Magazin: Hast du deine Kindheit an der Ostsee verbracht?

Judith Horn: Ja, ich bin an der Ostsee - auf der Insel Rügen - geboren und dort aufgewachsen. Mit 18 Jahren kam ich dann nach Berlin. Daher auch der Name meines Labels – die Ostsee ist meine Heimat, ich habe ein tiefes Gefühl dazu.  

CCB Magazin:Dein Label scheint großen Anklang gefunden zu haben: mehr als 700 Produkte hast du seit Januar 2011 verkauft. Was macht deinen Erfolg aus?

Judith Horn:Es ging alles ziemlich schnell bei DaWanda: als ich anfing, war das Thema maritim gerade ziemlich im Trend. Ich hatte eine Hose zum Verkauf – Pumphose Finn – die diesem maritimen Look entsprach: kurz, blau-weiß gestreift, mit kleinen Taschen und Erdbeeren. Mit dem niedlichen Foto meiner Tochter wurde Finn recht schnell zum Verkaufsschlager. Als Bestseller landete ich dann auf der Startseite… mittlerweile läuft es fast von alleine übers Schneeballprinzip. 

CCB Magazin:Der maritime Look macht also den Erfolg aus?

Judith Horn:Unter Anderem: Ich versuche viele maritime Stoffe zu verwenden, also weiß und rot und blau gestreift. Ich verwende den originalen Stoff, aus dem auch die Fischerhemden hergestellt werden. Diesen beziehe ich aus einem kleinen Werk in Norddeutschland: hellblau und dunkelblau gestreift, und in richtig guter Qualität. Die Hosen aus diesem Stoff sind am Erfolgreichsten und werden auch immer weiter empfohlen.  

CCB Magazin:Wie viel Arbeit steckt in der Herstellung der Pumphose Finn zum Beispiel?

Judith Horn:Wenn ich den Zuschnitt, das Anfertigen, das Einpacken und den Versand mitberechne, dann sind das so ein bis zwei Stunden pro Tag. 

CCB Magazin:Kannst du davon leben?

Judith Horn:Im Moment läuft es sehr gut. Ich versuche davon zu leben, seit Januar klappt das auch einigermaßen.

Tote Hose? Auf keinen Fall! Foto: Wencke Grothkopp.

CCB Magazin:Du arbeitest alleine und hast eine kleine, bald zweijährige Tochter. Wie lässt sich das alles als Selbstständige mit der Familie in Einklang bringen?

Judith Horn:Das ist relativ schwierig, aber zum Glück ist mein Atelier in der Nähe unseres Zuhauses. Ich arbeite hier während Charlotte in der Kita ist, nehme mir jedoch an drei Nachmittagen in der Woche nur für sie Zeit. Dafür komme ich nach dem Abendessen dann oft nochmal ins Atelier und nähe nachts, während Charlotte schläft. Dann merkt sie nicht, dass ich gar nicht da bin. Charlotte ist auch schon ein echtes ostseekind - sie probiert die neuen Kollektionen und testet sie; erst dann kommen sie in den Shop. Sie ist das ostseekinder-Model. 

CCB Magazin:Nähen war lange Zeit out, doch in den letzten Jahren gab es einen Boom von selbstdesignter Kleidung – mit Ihnen entstanden immer mehr Nähcafés, Fachgeschäfte und Internetportale. Hast du das auch für dich als Chance entdeckt?

Judith Horn:Mit der Geburt von Charlotte habe ich für sie eine Decke angefertigt. Dann wollte ich vor Allem bequeme Sachen für sie nähen und habe mich immer mehr ausprobiert. Dass die ostseekinder so gut ankommen und ich mich damit selbstständig machen würde, hätte ich allerdings nie gedacht. Eine Chance war es also eher weniger: es war einfach plötzlich da, ich habe weitergemacht, dran geglaubt und hatte Glück. 

CCB Magazin:Du stellst deine Produkte seit Kurzem in der Kinkibox her – inwiefern profitierst du von der Arbeit in diesem Umfeld, das man der Berliner Stadtentwicklung nach auch Co-Working Space nennt?

Judith Horn:Das war das Beste, was mir passieren konnte! Ich kann alle Maschine mitbenutzen, meine Stoffe ordentlich in Regale einsortieren und herkommen, wann ich möchte. Mit Rabea und Yvonne, den Besitzerinnen der Kinkibox, ist es wunderbar – da kann man auch mal eine Kaffeepause machen und sich austauschen. Außerdem bin ich hier auf jeden Fall produktiver:  Ich schaffe einfach mehr und kann sauberer arbeiten, auch der Maschinen wegen, die einfach besser sind.

CCB Magazin:Wie sieht die Zukunft mit den Ostseekindern aus? Hast du bestimmte Pläne oder Ideen zur Veränderung?

Judith Horn:Momentan verkaufe ich nur Hosen und Kleidchen. Ich würde mein Sortiment gerne erweitern und eventuell bald auch jemanden anstellen, der mir hilft. Zu speziellen Aktionen schaffe ich das momentan auch alleine gar nicht mehr. Dann könnte ich auch mal wieder neue Ideen umsetzen, zurzeit arbeite ich immer alles nur ab. 

CCB Magazin:Du bist auch promovierte Psychologin…

Judith Horn:Ich habe im Dezember 2011 meine Doktorarbeit beendet und nebenbei die ostseekinder ins Leben gerufen. Als ich gemerkt habe, dass das so gut läuft, habe ich mich dafür entschieden - es ist meine Leidenschaft! Da macht es mir auch nichts aus, bis in die Nacht zu arbeiten. 

CCB Magazin:Verbindest du das Wissen, das du in deinem Studium erworben hast, mit der Mode?

Judith Horn:Auf jeden Fall. Im Bereich der Produktfotografie zum Beispiel, um bestimmte Zielgruppen zu erreichen, achte ich darauf wie die Fotos auszusehen haben, dass es ansprechend ist. Wie kann ich meine Zielgruppe erreichen, wie spreche ich sie an, wie kommuniziere ich mit ihnen – das alles sind Dinge, die ich im dem Studium gelernt habe. 

CCB Magazin:Hast du Interesse, in Zukunft auch wieder in diesem Feld zu arbeiten?

Judith Horn:Ursprünglich wollte ich in die Richtung der Arbeitspsychologie – mit den ostseekindern habe ich das erst mal ad acta gelegt. Aber ich könnte mir schon vorstellen in der Zukunft die Psychologie für spezielle Ideen wieder anzuwenden - in welcher Form bleibt aber noch geheim. Derzeit schaffe ich das aber zeitlich nicht. 

CCB Magazin:Könntest du dir vorstellen, deinen eigenen Laden zu eröffnen?

Judith Horn:Das wäre der Traum einen eigenen Laden zu eröffnen – aber jetzt ist die Kinkibox schon ein guter Anfang: ich habe hier ein Atelier und kann meine Sachen hier ausstellen und verkaufen. Ihr könnt mich hier gern besuchen und Eure ganz eigene ostseekinder-Hose in Auftrag geben. Alle Materialien sind im Atelier und können befühlt und ganz individuell zusammengestellt werden. Ich freu mich auf Euch!  

CCB Magazin:Vielen Dank!


Mehr Informationen zu ostseekinder findet ihr unter www.ostseekinder.com.
 

 

Kategorie: Zu Besuch bei...

rss

Schon gelesen?

schließen
schließen