Specials Zurück

Berlin Music Board: Was wünschen sich die Beteiligten?

Berlin Music Board: Was wünschen sich die Beteiligten?
Foto: © Berlin Music Board

Der Berliner Senat investiert eine Million für ein neues Music Board, das der Berliner Musikszene zu Gute kommen wird. 2013 soll es an den Start gehen. Das Ziel: Die lokale Musikwirtschaft soll gestärkt, Berlin als Standort für populäre Musik noch attraktiver werden. Was erhofft sich die Berliner Szene davon? Creative City Berlin lässt an dieser Stelle wichtige Akteure zu Wort kommen.

Eine einmalige Chance

 Das Music Board sollte ein Instrument werden, das strategisch die Weichen für eine Sicherung und Weiterentwicklung der Berliner Musikszene stellt.

 
Von Lutz Leichsenring (Pressesprecher und Mitglied im Vorstand der Clubcommission. Zudem ist er Geschäftsführer der Agentur YOUNG TARGETS).

Die Akteure der Berliner Musikszene - die Künstler, Booker, Indie-Labels und Clubs waren in den vergangenen Jahrzehnten als Katalysator für den Tourismus, die Film-, Werbe- und Modebranche und Aufwertung heruntergekommener Bezirke dienlich. Unter welchen Rahmenbedingungen diese Szene arbeitet, interessiert dabei kaum jemanden. Nachwuchsförderung? Ansprechpartner? Forschungsprojekte? Weiterbildung und Professionalisierung? ...Fehlanzeige! Politik und Investment-Gesellschaften gleichermaßen schmücken sich auf Hochglanzpapier mit dem coolen, hippen und kreativen Berlin, was diese Stadt weltweit einzigartig und lebenswert macht.

Die Musiknetzwerke Berlin Music Commission, Clubcommission und Label-Commission, die über 400 Musikunternehmen und -unternehmer vertreten, werden zwar als Gesprächspartner akzeptiert, bei den wenigen langfristigen Investitionsprojekten setzte man bislang aber nicht auf Branchen-Know-How, sondern vertraute lieber landeseigenen Gesellschaften. Viel entscheidender als Leuchtturmprojekte sind Strukturen - als Hilfe zur Selbsthilfe. Investitionsanreize, Rechtsberatung, Mentorenprogramme, Zugang zu neuen Technologien... Das Geschäft rund um die Musik agiert nicht typisch marktwirtschaftlich. Popularität und Gewinnmaximierung zu jedem Preis ist nicht oberstes Credo. Im Gegenteil: Die Szene ist am produktivsten, wenn sie Gestaltungsfreiheit hat und ihre Ziele selbst definieren kann.

Künstler benötigen günstige Proberäume und Auftrittsmöglichkeiten. Kleine Labels könnten mit kleinen Förderungen ihre Internationalisierung vorantreiben. Clubs brauchen günstige Mietflächen und langfristige Nutzungsrechte. Das Music Board sollte ein Instrument werden, das strategisch die Weichen für eine Sicherung und Weiterentwicklung der Berliner Musikszene stellt. Eine größtmögliche Unabhängigkeit von parteipolitischen Entscheidungen und eine Steuerung durch Branchenakteure sind dabei wichtige Aspekte, um von der Szene ähnlich anerkannt zu werden, wie es in der Filmbranche beim Medienboard der Fall ist. Es ist aber auch eine einmalige Chance, um bei den Politikfeldern Kultur, Wirtschaft und Stadtentwicklung Akzente für den Musikstandort zu setzen und der Branche Rückenwind zu verleihen.

 

Wir brauchen politische Konzepte!

 Das Music Board soll sich an den Interessen der alternativen Musiklandschaft orientieren – nicht am „Musikstandort Berlin“.

 
Von Jan-Michael Kühn (DJ, Soziologe und Leiter des Berlin Mitte Instituts. Er schreibt seine Doktorarbeit über Techno und Arbeit).

Der Begriff “Musikstandort Berlin” ist ein tückischer: Er suggeriert, dass sich eine Vielzahl heterogener Interessen, Probleme, Wirtschaftspraxen und Rahmenbedingungen (oftmals lediglich im Sinne unorganischer Stadtvermarktung bzw. Erhöhung von Wirtschaftsleistung) unter einen Hut bringen lassen. An einem vereinfachten Beispiel wird dies deutlich: Musikindustrie vs. Szenewirtschaft.

Die Musikindustrie ist gezeichnet von marktorientierter Musik für Massen, Formatradio, Discotheken, Superstars, großen wirtschaftlichen und organisatorischen Zwängen, mangelnder Innovationsfähigkeit, großen Herausforderungen durch Computerisierung, Vernetzung und Digitalisierung.

Foto: Wencke Grothkopp.

In den Nischenmärkten kleinteiliger Szenewirtschaften elektronischer Tanzmusik hingegen bestimmen feine musikalische, lebensweltliche und auf sozialstrukturelle Hintergründe abzielende Distinktionen und persönliche Werthaltungen den wirtschaftlichen Output, haben AkteurInnen starke ästhetisch-persönliche Beziehungen zu ihren Produkten – und wirtschaften, um sich künstlerisch ausleben zu können.

Entsprechend wird deutlich, wer für die Attraktivität Berlins maßgeblich verantwortlich ist: Nicht die überall verfügbaren und standardiserten Produkte der Musikindustrie in Discotheken, sondern die extrem kleinteilige und distinguierte, alternativ-subkulturell geprägte und entsprechend vielfältige Berliner Kulturlandschaft mit ihren Clubs, Off-Locations und Spielräumen für Jugendliche, die nicht erwachsen werden wollen.

Diese brauchen keine Hilfestellung für zusätzliche Kommerzialisierung, Professionalisierung und Vernetzung (das machen die AkteurInnen in eigenen Wirtschaftspraxen via Internet und Szeneorten online und offline ausreichend selbst, und im alternativen Modus des Wirtschaftens auch organischer) – wir brauchen politische Konzepte, die die Rahmenbedingungen der alternativen Kulturlandschaft schützen, fördern und bevorteilen. Dann gedeiht der „Musikstandort Berlin“ durch die AkteurInnen, also organisch.

Als ersten Schritt brauchen wir eine Online-Plattform, auf der sich AkteurInnen der Kulturlandschaft anmelden können, austauschen, Themen aufbringen und abstimmen - die Heterogenität der Kulturlandschaft lässt sich dadurch kanalisieren. Die Forderungen daraus sollten die politische Grundlage des Music Board bzw. der Club Commission darstellen. Als zweiten Schritt wird eine neue juristische Kategorie benötigt: das Kulturgewerbe. In diesem werden die kulturellen Logiken der erwerblichen AkteurInnen festgehalten, sodass diese im Kampf um urbane Ressourcen geschützt, bevorteilt und in der Stadtplanung aktiv berücksichtigt werden können - um z.B. „alternativ geprägte Ghettos“ (aka Szenekieze) weiter zu streuen und für eine bessere Durchmischung und entsprechend geringere Anfälligkeit für Gentrifizierung zu sorgen.

 

Gesunde und diverse Szenen

Berlin sollte Musik bewusst als Teil urbaner Lebenskultur und des Wirtschaftens in der Stadt begreifen. Das Music Board sollte hier eine entsprechende Stimme in die Politik hinein sein.

 
Von Andrea Goetzke (geschäftsführender Vorstand von all2gethernow).

Ich halte bei der Auswahl der zu finanzierenden Aktivitäten die übergeordnete Zielsetzung des Music Boards für wichtig. Es sollte für gute Rahmenbedingungen des Musikgeschäfts und der Musikkultur in Berlin sorgen - so dass KünstlerInnen und Unternehmen als auch Freiberufler, die mit ihnen zusammenarbeiten, gute Produktionsbedingungen vorfinden, die auch hier und da Experimente ermöglichen. Das Music Board sollte gesunde und diverse Musikszenen in der Stadt als Wert an sich zum Leitbild haben. Und nicht unter der Perspektive eines Stadtmarketings agieren, welche Musik lediglich als Instrument zur Erreichung und emotionalen Aufladung anderer ökonomischer Ziele benutzt.

Foto: Laurant Hoffmann.

Berlins diverse Musikszenen konnten sich u.a. auch wegen der historisch niedrigen Grundkosten und der vielen Freiräume entwickeln. Auf diesen Reichtum sollte Berlin aufbauen, anstatt ihn auszubeuten oder zu verdrängen. Berlin hat die Chance einen Entwicklungsweg zu gehen, der Musik bewusst als Teil urbaner Lebenskultur und des Wirtschaftens in der Stadt begreift und entsprechend politisch agiert. Das Music Board sollte hier eine entsprechende Stimme in die Politik hinein sein.

Rubrik: Specials

rss

Schon gelesen?

schließen
schließen