Als ich nach Berlin kam...

Martin Krusche: Illustration auf Umwegen

Martin Krusche: Illustration auf Umwegen
Foto: © privat

Martin Krusche kommt ursprünglich aus Bayern. Macht ja nichts. Seit neun Jahren ist er in Berlin. Sein Motto: Wer nicht wagt, der nichts gewinnt. Martin Krusche ist Illustrator, bald 30 Jahre und Mitbegründer des Berliner Modelabels Yackfou - Yackfou ist deutschlandweite Streetwear für Young-Hipster und Old-Fashion Skater, nachdem das Label zunächst als Zwei-Mann-Unternehmen auf Berliner Flohmärkten begann. Martin Krusche macht jetzt alles anders: Er steigt aus bei Yackfou und fängt wieder von vorne an. Warum? Creative City Berlin traf den Künstler und sprach mit ihm über Chancen und Risiken seiner neuen Selbstständigkeit, seine Familie als Künstlerdynastie und den Kreativstandort Berlin. 

Interview: Wencke Grothkopp 
 

CCB Magazin: Martin, Yack Fou wurde 2003 gegründet. Heute habt ihr einen riesigen Onlineshop, ein eigenes Geschäft in Berlin Friedrichshain und ihr seid auf Modemessen in ganz Europa vertreten – ein schneller und großer Erfolg. Warum steigst du bei Yack Fou aus?

Marin: Ich weiß nicht, ob der Erfolg wirklich so schnell kam, schließlich habe ich keinen Vergleich. Aber es ging zumindest immer Schritt für Schritt vorwärts mit dem Label, begonnen hat es als Studenten-Beibrot und erst nach 4 bis 5 Jahren konnten wir tatsächlich wirklich davon leben. Nun steige ich in der Funktion als Geschäftsführer aus, trotzdem bleibe ich Yack Fou mit der Grafik und der kreativen Leistung erhalten.

CCB Magazin:Passen künstlerisches Arbeiten und Verwaltung deiner Meinung nach nicht zusammen?

Marin:Also grundsätzlich sind diese beiden Arbeiten schon sehr konträr. Wobei es aber manchmal gut ist, wenn man administrative Tätigkeiten macht, dann muss man strukturiert arbeiten, was einem wiederum beim kreativen Arbeiten helfen kann. Von daher kann man jetzt nicht sagen, dass sie überhaupt nicht zusammenpassen, aber ich denke, es ist schon schwierig beide gut zu vereinen. Aber wenn man das kann und ein wenig macht, bringt das für beide Teile, administrativ wie kreativ, etwas...

CCB Magazin:Was bedeutet der Ausstieg für dich persönlich?

Marin:Mal gucken - ich weiß es nicht! Für mich gibt es nun einen neuen Schwerpunkt hin zur Illustration, also zum Kreativen. Ich wünsche mir, dass ich nun Zeit habe, mich primär auf Illustration und Gestaltung zu konzentrieren. Wie es im Endeffekt wird, kann ich nicht sagen, weil ich natürlich auch gucken muss, wie ich meine Brötchen verdiene.

CCB Magazin:Yack Fou wurde für dich zu einem finanziell sicheren Polster. Hast du denn keine Sorgen, dass der Schritt in die Selbstständigkeit einen Rückschritt in finanzieller Hinsicht für dich darstellt?

Marin:Ja, vielleicht schon. Vielleicht wäre es die sichere Variante, wenn ich alles so wie gehabt weitermachen würde, aber ich will mich einfach mehr auf die Illustration konzentrieren. Vielleicht ist es ein Rückschritt in finanzieller Hinsicht - muss es aber nicht! Es kann auch sein, dass es super läuft, weil ich mich nur um die Illustrationen kümmere und dass das genau ausgleicht.

CCB Magazin:Der Weg in die Selbständigkeit könnte ab 2013 für Künstler und Kulturschaffende erschwert werden. Ursula von der Leyen plant eine monatliche Rentenbeitragspauschale von bis zu 400 Euro monatlich für alle Selbstständige.

Marin:Oh, das habe ich überlesen, weil ich bei der Künstlersozialkasse bin. Bei der KSK zahlt man entsprechend seines Arbeitsverdienstes in Relationen die Sozial- und Rentenbeiträge. Ich kann verstehen, dass es da ein Dilemma gibt, weil absehbar ist, dass diese ganzen Leute, die jetzt nichts für ihre Rente machen, später durchs soziale Netz rasseln oder eben der Staat dafür aufkommen muss. Auf der anderen Seite kann ich die Selbstständigen verstehen, denn 400 Euro sind kein Pappenstiel. Unabhängig davon wie viel man verdient und dann 400 Euro zu bezahlen - das finde ich unfair.

CCB Magazin:Du bist in deinem Leben viele Wege gegangen und schlägst nun wieder einen neuen Weg ein. Hat das auch etwas mit deiner Familiengeschichte zu tun? Dein Vater ist Künstler und deine Schwester ist es ebenfalls geworden…

Marin:Mein Opa und mein Onkel auch! Mein Opa väterlicherseits kommt aus Gablonz aus Schlesien – in Neugablonz hat er an der Fachhochschule Glasmalerei unterrichtet und war auch als Künstler selbstständig tätig und hat Landschaftsaquarelle gemacht. Mein Vater und meine Schwester arbeiten als Maler und Illustrator, mein Onkel zeitweise - das ist schon eine kleine Künstlerdynastie.

CCB Magazin:Wie selbstverständlich war es dann für dich, in die Fußstapfen deiner Familie zu treten?

Marin:Eigentlich überhaupt nicht! Natürlich war man dann immer im Kontakt dazu – ich bin aufgewachsen mit einem Pinsel in der Hand – aber eigentlich habe ich immer den Eindruck von zu Hause mitgenommen, dass mein Vater auf das Business und den Kunstbereich auch sehr geschimpft hat. Er hat häufig darunter gelitten selbstständig zu sein, weil es einfach schwierig ist nicht zu wissen, wie es vielleicht in ein oder zwei Jahren aussieht. Andere, die er kannte, hatten ihre festen Jobs, waren Beamte, und haben ihre Häuser gebaut! Von daher habe ich das von vornherein eher als negativ empfunden. Doch natürlich habe ich auch mitbekommen, dass es ihm Spaß macht, aber es war nicht automatisch mein Berufswunsch. Letztendlich rutscht man da trotzdem irgendwie rein.

Ich habe das Gefühl, dass man in Berlin etwas machen kann, ohne sich großartig Gedanken machen zu müssen. Das ist in Bayern ganz anders

CCB Magazin:Du kommst aus Bayern und bist nun seit neun Jahren in Berlin. Was macht Berlin für dich als kreativen Standpunkt aus?

Marin:Erst mal finde ich diese Lücken cool, also dass diese Stadt einfach sehr viel Freiraum bietet. Ich habe das Gefühl, dass man hier etwas machen kann, ohne sich großartig Gedanken machen zu müssen. Das ist in Bayern ganz anders. Aus meiner bayrischen Provinz habe ich das so in Erinnerung: da ich früher auch gesprüht habe, ist man eigentlich mit Allem, was irgendwie jenseits der Norm ist, angeeckt. Hier hatte ich das eigentlich nicht so. Es kümmert die Leute weniger, was man macht. Da die Stadt auch arm war und so viele Freiräume bietet, hat jeder einfach sein Ding machen können. Das finde ich auf jeden Fall entscheidend. Genauso, dass Berlin so groß ist - du siehst so viele Sachen und Leute, das ist ein krasser Input.

CCB Magazin:Ist es nicht auch gut, ein bisschen anzuecken wie bei dir zu Hause?

Marin:Nein, das ist anstrengend. Es ist ja nicht so, dass man hier nicht aneckt, aber man hat hier andere Möglichkeiten. Wenn man zum Beispiel vorhat, ein Magazin zu gründen, dann würde man in Berlin genügend Leute kennenlernen, die so etwas schon einmal gemacht oder davon zumindest Ahnung haben und wüssten, wie man so ein Projekt realisiert. Man könnte direkt damit loslegen. Wenn ich das in Bayern in der Kleinstadt machen würde, dann gäbe es überhaupt nicht diese Leute und ich müsste mich erst mal durch Behörden kämpfen, damit ich das letztendlich machen kann. Das ist natürlich ein gewaltiger Unterschied, weil es einfach leichter durchzusetzen wäre und insgesamt einfach entspannter.

CCB Magazin:Wenn man sich die Illustrationen so anschaut, dann machen deine Figuren immer unglaublich viel: sie rauchen, reiten, tanzen, tragen Schnurrbärte, trinken, verdauen. Wie viel Martin Krusche steckt in ihnen?

Marin:Viele der Dinge, die in den Illustrationen passieren, sind nicht unbedingt Metaphern. Wenn jemand raucht, dann finde ich Rauchen nicht unbedingt cool, oder wenn ich Verdauen illustriere, meine ich nicht, dass das schlecht ist. Beim Rauch zum Beispiel finde ich den Rauch selbst super cool, weil der so geschwungen und ornamental ist. Oder die Posen der Leute, wenn sie rauchen und die Zigarette halten. Mich sprechen also die Dinge, die ich darstelle, vom Visuellen an, nicht vom Inhaltlichen. Es macht auch einfach Spaß, Dinge zu zeichnen, wie Kurven oder ein Feld, und letztendlich entsteht dabei eine Geschichte.

CCB Magazin:Du fertigst auch Reihen an, deine Diplomarbeit lief zum Beispiel unter dem Thema „Die sieben Todsünden“. Geschieht das nicht konzeptionell?

Marin:Nein. Ich finde Reihen cool. Wenn man etwas anfängt, dann steckt man da drin und kann direkt weiter machen. Dann hängen sie nebeneinander und man sieht den Prozess, der dabei stattfindet. Ich gehe da nicht vorab konzeptionell ran und überlege mir ein krasses Thema, sondern das sind Bildideen, die dann weiterentwickelt werden. Was ich richtig gut finde, ziehe ich durch. So habe ich zum Beispiel eine Reihe mit Bärtigen gemacht, derzeit mache ich eine Reihe zu „Wir sind das Volk“, wo Menschenhaufen mit ganz unterschiedlichen Personen gezeigt werden. 

CCB Magazin:T-Shirts zu bedrucken ist ein dankbares Geschäft für Illustrationen. um auch ein breites Publikum anzusprechen. Welches Medium wählst du nun, um deinen Arbeiten zu verkaufen?

Marin:Ich mache immer noch weiter T-Shirts, werde weiterhin mit Yack Fou auf Textilien drucken. Auf der anderen Seite haben wir seit einigen Monaten begonnen, Grafikartikel auf unserer Internetseite anzubieten. Poster, Postkarten – wo schlicht die Grafik drauf ist. Außerdem will ich erst mal schauen, was es sonst noch überhaupt gibt. Da lasse ich mir einfach mal alles offen. Illustrationen werden ja schließlich auch für Bücher, Magazine usw. verwendet und vielleicht finde ich da ja auch eine Lücke, die für mich geeignet ist.

CCB Magazin:Freust du dich noch, wenn du jemanden auf der Straße mit einem Yack Fou T-Shirt siehst?

Marin:Auf jeden Fall! Das ist das Salz in der Suppe und das, was mir eigentlich noch mehr bringt als davon leben zu können. Wenn man Leute sieht, die mit den selbst gestalteten Sachen herumlaufen, das ist super-cool.

CCB Magazin:Vielen Dank, Martin!



Aktuelle Illustrationen von Martin Krusche auf Shirts und Co. findet ihr unter www.yackfou.com,sein Portfolio unter www.martinkrusche.de und sein tägliches Schaffen und den aktuellen Output auf seinem Blog http://kruschemartin.blogspot.de/. Und das Portfolio von Martin Krusche auf Creative City Berlin.

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