Innovation & Vision

Rod Schmid: „Wir wollen uns inspirieren lassen"

Rod Schmid: „Wir wollen uns inspirieren lassen"
Foto: © Livekritik

livekritik.de von links nach rechts: Rod Schmid (Gründer), Karin Janner (Kommunikation), Till Führer (Redaktion)

Rod Schmid hatte eine Idee: Er gründete livekritik, ein interaktives Portal, auf dem Nutzer zu Kulturrezensenten werden können. Rod Schmid hatte noch eine Idee: Er trat Teile seines Unternehmen über das Crowdinvesting an Mikroinvestoren ab. Wie fühlt sich das an, eine Idee an andere abzugeben? Was verspricht man sich als junges Start-Up vom Crowdinvesting? Was sind Chancen und Risiken der Schwarmfinanzierung über Mikroinvestoren und wie unterscheidet sich das Crowdinvesting vom Crowdfunding? Creative City Berlin sprach mit dem jungen Geschäftsführer.

 

Interview Jens Thomas
 


CCB Magazin: Hallo Rod, du hast dein Portal livekritik.de anteilig an Investoren über das Crowdinvesting-Portal Companisto veräußert. Anteilseigner können eine stille Beteiligung an livekritik erwerben und so auch an möglichen Gewinnausschüttungen und am Wachstum beteiligt werden. Wie fühlt sich das an, eine Idee einfach an andere abzugeben?

Rod Schmid: Das fühlt sich nicht schlecht an. Es war ja von Anfang an angedacht, dass mehrere Leute an Livekritik partizipieren können. Vor allem inhaltlich, nun aber auch finanziell. Darum habe ich auch kein Problem damit, Teile von Livekritik an andere zu veräußern.

CCB Magazin:Das klingt zunächst nach klassischem Crowdfunding, worüber sich Fans beteiligen und das Projekt – materiell oder ideell – über eine Crowdfunding-Plattform unterstützen. Du hast dich aber für das Crowdinvesting entschieden, warum?

Rod Schmid: Die Idee Livekritik basiert auf einem Start-Up-Gedanken. Wir denken hier auch an einen wirtschaftlichen Nutzen. Beim Crowdfunding werden in der Regel kleinere Vorhaben mit weniger Geld unterstützt, meist ist die Unterstützung nur einmalig, projektbasiert und sie kann auch nur ideell sein. Livekritik möchte hingegen einen langfristigen Kulturdialog unterstützen. Diese Idee soll für uns und die Beteiligten im Ergebnis aber auch wirtschaftlich rentabel sein. Wir sind kein eingetragener Verein und auch nicht gemeinnützig. Wir wollen mit unserer Idee, die am Ende vielen hilft, gutes Geld verdienen.

CCB Magazin:Das fällt vielen schwer im Kulturbereich, zu sagen, ich will mit meiner Idee auch Geld verdienen.

Rod Schmid: Ja, die Zusammenführung von Kulturvermittlung und Kulturvermarktung ist für viele in Deutschland noch immer ein Hindernis. Von einer Idee leben zu können, das ist aber nichts Schlechtes, im Gegenteil. Einer unserer Investoren schreibt zum Beispiel: „Tolle Idee! Scheint mir sehr aussichtsreich, da alles auf einer Seite angeboten wird und alle Beteiligten profitieren.“ Genau das ist unser Ziel. Ich glaube in der Tat, dass wir es probieren sollten, das Thema Kulturvermittlung im deutschsprachigen Raum größer zu denken, spannender zu gestalten und spielerischer anzugehen als das bisher versucht wurde.

Die Zusammenführung von Kulturvermittlung und Kulturvermarktung ist für viele in Deutschland noch immer ein Hindernis

CCB Magazin:Im Jahre 2012 wurden über alle deutschen Crowdinvesting-Plattformen 4,3 Mio. Euro für junge Unternehmen investiert. Über das Crowdfunding waren es knappe 2 Millionen. Für viele sind das nur Anschubsfinanzierungen. Auch Sie haben zusätzlich 100.000 Euro aus EU-Fördermitteln erhalten. Hätte das Projekt sonst keine Chance gehabt?

Rod Schmid: Anfänglich nicht, wir brauchen Kapital für Investitionen, und dazu waren die genehmigten knapp 100.000 Euro aus EU-Fördermitteln genauso wichtig, wie jetzt das Crowdinvesting zur Expansion und technischen Weiterentwicklung. Nun haben wir unsere Investitionsschwelle aber bereits erreicht und stehen aktuell bei 70.000 Euro. Künftig rechnen wir darum auch mit neuen Arbeitsplätzen und einer entsprechenden Rendite.

CCB Magazin:Einer neuen Studie des DIW zufolge schafft ein Großteil der Selbständigen heute keine neuen Arbeitsplätze, mehr als die Hälfte ist solo selbstständig und viele kommen selbst nicht über die Runden. Jedes dritte Start-Up in Deutschland scheidet laut Gründungsmonitor innerhalb der ersten drei Jahre wieder aus dem Markt aus. Beunruhigt dich das?

Rod Schmid: Nein, das beunruhigt mich nicht. Wir haben uns im Vorfeld genau überlegt, was wir erreichen möchten, welche Art von Unternehmung wir aufbauen wollen und welche Wege wir dazu gehen können und wollen. Das Crowdinvesting ist dabei eine Etappe auf unserem Weg.

CCB Magazin:Die Art der Finanzierung kann über Crowdinvesting-Portale sehr unterschiedlich sein. Als einzige Plattform stellt Welcome Investment bis dato zum Beispiel nur die Plattform: Unternehmen und Investoren sind demnach völlig frei in ihren Entscheidungen über die Beteiligung, die Mindesthöhe einer Einlage oder das Vertragswerk. Wie funktioniert das Crowdinvesting bei Companisto?

Rod Schmid: Man legt zunächst eine anvisierte Zielsumme in Absprache mit Companisto fest. Bei uns waren das zu Beginn 25.000 Euro. Erreicht man diese Summe nicht, kommt das Funding erst gar nicht zustande. Maximal können 100.000 Euro investiert werden. Über die Companisto-Plattform werden dann Anteile an Investoren verkauft. Companisto bündelt als Mittelsmann die Einzahlungen der vielen Mikroinvestoren und tritt uns gegenüber selbst als einziger Anteilseigner auf. Die Crowd-Geldgeber gehen Verträge mit Companisto ein, wir selbst haben nur einen stillen Beteiligungsvertrag mit dem Crowdinvesting-Anbieter. Zuvor wird natürlich vereinbart, mit welchem Prozentsatz Investoren beteiligt werden können. 

Wir haben uns im Vorfeld genau überlegt, was wir erreichen möchten

CCB Magazin:Man hat die Veräußerung also selbst in der Hand?

Rod Schmid: Ja, wir haben uns im Vorfeld mit Companisto auf eine Unternehmensbewertung geeinigt und uns darauf verständigt, wie hoch die Beteiligungsquote maximal sein wird. Jede Privatperson kann nun Anteile an livekritik zum Preis von je 5 Euro erwerben. Beteiligungen für andere Start-Ups fangen zum Beispiel bei Seedmatch bei 250 Euro an oder bei Gründerplus bei 50 Euro. Bei uns soll nun jeder Anteil mittelbar 0,000625 Prozent der Gewinne von livekritik und des Unternehmenswerts vermitteln, das ist die sogenannte „mittelbare Beteiligungsquote“.

CCB Magazin:Wie viele Mikroinvestoren hast du bereits?

Rod Schmid: Über 440, die zwischen fünf und 15.000 Euro investiert haben. Die maximale Beteiligungsquote an unserem Unternehmen liegt bei 12,5 Prozent.

CCB Magazin:Verändert die Veräußerung den Stil der eigenen Unternehmensführung? Hat man im Anschluss noch völlig freie Hand?

Rod Schmid: Absolut. Die Anteilsverkäufe ändern weder unseren Firmenstil noch unsere inhaltliche Ausrichtung, es gibt keinen operativen Eingriff, wir verkaufen hier keine redaktionellen Mitsprachrechte. Interessant ist vielmehr, dass uns das Crowdinvesting die Chance gibt, unsere Nutzer substanziell zu beteiligen. Wir wollen uns inspirieren lassen von unseren Nutzern. So befinden sich unter den Investoren viele, die selbst Rezensionen bei livekritik schreiben oder uns auf Facebook folgen. Die Anteilseigner haben also auch ein ideelles Interesse am Unternehmen und teilen den Gedanken der Kulturvermittlung. Das schafft langfristig eine emotionale Verbundenheit.

CCB Magazin:Aber kann denn jeder Anteilseigner bei livekritik werden? Oder gibt es Investoren, die man nicht haben möchte und gegen die man sich folglich schützt?

Rod Schmid: Nein, jeder potenzielle Crowdinvestor kann mitwirken, darauf haben wir keinen Einfluss. Man muss aber hinzufügen, dass es sich bislang nur um Privatpersonen gehandelt hat, also nicht um Unternehmen, die Anteilseigner wurden. Erst seit wenigen Tagen ist es bei Companisto möglich, dass auch Unternehmen zu Anteilseigner werden können.

CCB Magazin:Das heißt, auch die Deutsche Bank oder ein Pharmakonzern könnte einsteigen und zum Crowdinvestor werden?
 
Rod Schmid: Theoretisch ja, aber das wird vermutlich nicht über eine Plattform wie Companisto passieren. Solche Unternehmen denken in anderen Dimensionen und werden vermutlich mit einem Start-Up direkt verhandeln, falls sie Interesse haben. Und dann werden wir genau schauen, ob die möglichen Partner auch strategisch und inhaltlich zu unserem Projekt passen.

CCB Magazin:Im Berliner Tagesspiegel hast du gesagt: „Wir wollen einen neuen Kulturdialog im Internet schaffen“. Warum denkst du eigentlich nicht daran, deine Rezensenten irgendwann einmal zu bezahlen?

Rod Schmid: Wir müssen hier zwei Dinge klar unterscheiden: Das eine ist die Möglichkeit, sich zu beteiligen, also die Partizipation im Netz und die Eröffnung eines Raums für zeitgemäßen Kulturdialog in der Breite. Das andere ist der klassische Journalismus. Der Job des Journalisten soll auch künftig der Job des Journalisten bleiben. Ein Rezensent beispielsweise bei der FAZ hat in der Regel eine  Ausbildung und ein ganz anderes Know How und dafür soll er auch bezahlt werden. Bei livekritik entsteht etwas parallel zum Journalismus, etwas, das den Kulturdialog ermöglicht. Wir öffnen das Feld für den Nutzer, für Empfindungen, die jeder mitteilen kann.

CCB Magazin:Das Crowdinvesting ist und bleibt im Gegensatz zum Crowdfunding eine riskante Anlagefinanzierung: Geht das Unternehmen pleite, ist das Geld der Anteilseigner futsch. Wie schätzt du die Zukunft von livekritik ein, um deine Anteilseigner nicht zu enttäuschen?

Rod Schmid: Das Geschäftsmodell der Besucherbewertungen ist in anderen Märkten bestens erprobt: Bei uns wird der Fokus aber nicht auf Hotels, wie etwa bei holidaycheck, regionale Geschäfte wie zum Beispiel über qype, oder Kinofilme wie bei moviepilot gelegt, sondern auf Kultur-Inszenierungen. Der Umsatz im Kulturveranstaltungsmarkt liegt dabei in Deutschland mit vier Milliarden Euro weit vor dem Kino-, Tonträger- oder Gamesbranche. Ich denke, dass wir sehr gute Chancen besitzen. Auch der Markt für Empfehlungsmarketing ist hoch interessant: Erst vor wenigen Monaten wurde zum Beispiel qype für rund 50 Mio. Dollar an den amerikanischen Konkurrenten Yelp verkauft.


Weiterführende Links zum Thema Crowdinvesting:

www.deutsche-startups.de

www.zeit.de/karriere

www.handelsblatt.com 

www.fuer-gruender.de

 

Kategorie: Innovation & Vision

rss

Schon gelesen?

schließen
schließen