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Zwischen Biografie- und Oderbruch

Zwischen Biografie- und Oderbruch
Foto: © Stephanie Steinkopf

Manhattan liegt in Brandenburg. Mitten im Grünen, mitten in der Idylle und nur eine Autostunde von Berlin entfernt. Manhattan, so nennen die Dorfbewohner im brandenburgischen Oderbruch zwei Plattenbauten seit Jahren. Seit der Wende ist hier strukturell nahezu alles zusammengebrochen. Kaum einer hat mehr Arbeit, keiner zieht mehr hier hin, wer kann, zieht weg. Die Berliner Fotografin Stephanie Steinkopf kommt aus dieser Region und kehrte zurück: Sie ging nach 18 Jahren an den Ort ihrer Jugend, um die soziale Situation in Bildern einzufangen. Für ihre Arbeit wurde sie mit dem Vattenfall-Fotopreis ausgezeichnet. Creative City Berlin sprach mit ihr.

 

 Interview Jens Thomas 

 

CCB Magazin: Stephanie Steinkopf, was kann man in Bildern zeigen, was man nicht schreiben kann?

Stephanie Steinkopf: Mit der Kamera ist man immer näher dran an den Menschen, die Fotografie geht direkt ins Mark, sie transportiert keine nackten Zahlen wie der Journalismus, es geht um Emotionen und um ganz viel Nähe. Wenn man ein Portrait mit einer Kamera macht, hat man das Gefühl, man schaut dem Menschen direkt in die Augen.

CCB Magazin:Sie waren vier Jahre in einer ostdeutschen Kleinregion und haben die Situation in Bildern eingefangen. „Manhattan - Straße der Jugend“ lautet ihre Fotoarbeit, mit der Sie nun sogar mit dem Vattenfall-Fotopreis ausgezeichnet wurden. Wie leben die Menschen dort im Oderbruch, 23 Jahre nach dem Mauerfall?

Stephanie Steinkopf: In dieser Region hat sich, ähnlich wie in anderen dörflichen Kleinstädten und Dörfern Ostdeutschlands, nahezu alles verändert. Damals gab es in der Region eine florierende Agrarwirtschaft und nahezu Vollbeschäftigung. Heute sind die meisten Bewohner seit über 15 Jahren arbeitslos. Die Häuser sind marode und heruntergewirtschaftet. Eine funktionierende Infrastruktur fehlt. Ich möchte aber betonen, dass soziale Armut nichts ostspezifisches ist, sich nur in vielen Regionen in besonderem Maße zeigt. So sind im Oderbruch heute ganze Regionen abgeschieden. Der Inselcharakter dieser Region ist markant.

Die Fotografie geht direkt ins Mark, sie transportiert keine nackten Zahlen wie der Journalismus, es geht um Emotionen und um ganz viel Nähe

CCB Magazin:Für was steht „Manhattan“?

Stephanie Steinkopf: „Manhattan“ nennen die Bewohner die zwei Plattenbauten in der Mitte des Dorfes. Sie ragen wie eine Skyline empor. Fast jeder Dorfbewohner wohnte zeitweise dort.

CCB Magazin:Das Manhattan New Yorks steht für Aufstieg, Wirtschaftlichkeit und Prosperität. In Brandenburg ist es Abbild eines Niedergangs. Inwiefern drücken sich Wünsche und Ängste in solch einer Betitelung durch die Bewohner aus?

Stephanie Steinkopf: Die Bewohner dort sind vom Umbruch völlig enttäuscht worden, sie haben beinah alles verloren. Zu DDR-Zeiten war das „Manhattan“ ein besonders beliebtes Wohngebiet. Die Wohnungen wurden sogar verlost, weil sie so begehrt waren. Davon ist nichts mehr übrig geblieben, so etwas frustriert, macht Angst, zugleich hofft man, dass es wieder besser wird. Aber die Realität sieht anders aus: Heute steht ein Block in Manhattan ganz leer, im anderen Plattenbau sind von 40 Wohnungen noch 12 bewohnt. Wer kann, zieht von hier weg.

Foto: Stephanie Steinkopf.

CCB Magazin:Auch Sie sind weggezogen, sie stammen aus der Region. Wie schwer war es für Sie, zurückzukehren?

Stephanie Steinkopf: Zu Beginn war das natürlich schwierig, es ist mein Heimatdorf. Ich kenne die Region ja noch von früher, ich bin 1986 weggezogen. Heute ist dort alles anders, es leben kaum mehr junge Leute dort. Das alles zu sehen und zu verarbeiten, kostet sehr viel Kraft. Viele unterschätzen so etwas.

CCB Magazin:War ihre Arbeit auch eine Art der Aufarbeitung für Sie, in ihrer Biografie?

Stephanie Steinkopf: Auch das, ich habe bei meinen Eltern während dieser Zeit gewohnt, das ist alles sehr nah. So konnte ich anfänglich auch maximal nur bis zu drei Stunden am Stück arbeiten, alles andere war mir zu viel. In dieser Zeit habe ich aber lernen können, mich selbst zu akzeptieren. Ich habe gelernt dazu zu stehen, woher ich komme und wer ich bin.

CCB Magazin:Wie schwer was es für Sie, einen Zugang zu den Bewohnern zu finden?

Stephanie Steinkopf: Ich musste die Bewohner erst einmal kennen lernen, auch wenn ich aus der Region stamme. Wir mussten Grenzen testen und Vertrauen gewinnen. Fotoarbeit ist immer Beziehungsarbeit. Anfänglich sind mir viele natürlich mit Misstrauen begegnet. Viele kannten mich ja noch von früher und fragten sich, was ich denn hier nun ständig mache. Bei meiner Arbeit ist es darum wichtig, dass die Leute merken, dass man sich für sie interessiert und sich nicht entlarven möchte. Darum sollten solche Fotos auch immer respektvoll geschossen werden, das merken die Bewohner auch, die Fotos sind sehr emotional und ehrlich, viele von ihnen sind darum selbst berührt. Natürlich gibt es Leute, denen diese Art der Kommunikation und Offenheit noch immer zu dicht ist. Das muss man dann auch akzeptieren.

Die Bewohner erwarten nicht, dass sich irgendetwas ändert

CCB Magazin:Seit sie den Vattenfall-Fotopreis erhalten haben, interessieren sich die Medien nicht nur für Sie, auch für die Bewohner in der Region. Wie reagieren die Bewohner darauf, dass sie plötzlich eine solche Aufmerksamkeit bekommen?

Stephanie Steinkopf: Im Großen und Ganzen nehmen es die Menschen dort gut auf. Anfänglich waren einige durchaus skeptisch, auch ich hatte Bedenken. Mittlerweile freuen sich aber viele, dass sie mal eine andere Art der Aufmerksamkeit erfahren. Mich freut es dann auch, wenn Bürger plötzlich auf mich zukommen und sagen: „Toll, ich fahre auch in die Ausstellung, vielleicht kommt auch mein Sohn mit“. Mir ist klar, dass man mit einem solchen Thema sehr sensibel sein muss. Darum appelliere ich auch an Journalisten, behutsam mit einer solchen Thematik umzugehen.

CCB Magazin:Besteht nicht die Gefahr, dass man nach einer Phase gesteigerter Aufmerksamkeit in ein noch tieferes Loch fällt? An der Situation vor Ort wird sich vermutlich auch in Zukunft nichts ändern.

Stephanie Steinkopf: Vermutlich ja, aber die Bewohner erwarten auch nicht, dass sich an der Situation vor Ort etwas ändern wird. Grundsätzlich befürworten die Bewohner eher, dass nun endlich mal etwas benannt wird, was für die Region generell ein Problem ist.

Foto: Stephanie Steinkopf.

CCB Magazin:Frustriert es Sie nicht, dass sich in der Region trotz ihrer langjährigen Arbeit wenig verändern wird?

Stephanie Steinkopf: Nein, das frustriert mich nicht. Ich habe nicht den Anspruch, dass ich durch meine Arbeit die Gesellschaft verändern kann, vielmehr möchte ich ein Problem ins Bewusstsein rufen. Es ist eher so, dass ich mich vor Frustrationen schütze, indem ich nichts erwarte. Aber ich erhoffe mir, dass entsprechende Impulse aufgrund meiner Arbeit von anderen ausgehen, ich appelliere da auch an die Politik, in die Infrastruktur vor Ort zu investieren.

CCB Magazin:Der Onkel ihres Vaters war selbst über Jahre hinweg Bürgermeister des Dorfes Letschin in der Region. Wie haben ihre Eltern und Verwandten darauf reagiert, als Sie plötzlich mit der Kamera auftauchetn und Missstände in der unmittelbaren Umgebung aufzeigen wollten?

Stephanie Steinkopf: Ein Teil meiner Verwandtschaft war und ist natürlich zwiegespalten. Der Onkel meines Vaters war zum Beispiel bis heute nicht in einer meiner Ausstellungen, das ist natürlich auch ein Konflikt, mit einer solchen Situation konfrontiert zu sein.  Auch meine Eltern haben erst mit der Ausstellung und dem Erfolg meiner Arbeit meine Arbeit wirklich schätzen gelernt. Am Anfang konnten sie die Reichweite meines Projekts gar nicht einschätzen. Sie waren erst einmal einfach froh, dass ich meine Schule und meine Arbeit mache. Ihnen war auch nicht bewusst, welche Arbeit wirklich dahinter steckt und dass diese Arbeit wirklich Arbeit bedeutet.

CCB Magazin:Sie sind erst sehr spät zur Fotografie gekommen. Zuvor haben Sie Musikethnologie, Lateinamerikanistik und neuere Geschichte studiert, auch in der kulturellen Bildung mit Jugendlichen haben Sie gearbeitet. Auch andere Fotografen, wie Lewis Hine, der sich in den USA am Anfang des 20. Jahrhunderts mit gesellschaftlichen Missständen beschäftigt hat, waren Sozialforscher. Inwiefern kommt ihnen dieses Wissen in ihrer Arbeit als Fotografin zu Gute?

Stephanie Steinkopf: Ich glaube nicht, dass man ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert haben muss, um eine  gute Fotografin zu werden. Auch unterscheidet sich die pädagogische Arbeit klar von der Arbeit der Fotografie. Ich bin als Fotografin nicht dafür da, um den Menschen zu helfen, ich bebildere ihr Leben, ihre Situation, ihre Geschichte. Aber Lebenserfahrungen sind in meinem Beruf überaus wichtig, die ich durch meine anderen Tätigkeiten sammeln konnte. Wenn man viel gesehen und viel erlebt hat, hat man einen anderen Backround, Zugang und Blick. Das drückt sich auch an den Bildern aus.

Mir ist die sozialkritische Fotografie sehr wichtig. Es geht mir um Leute, die aus dem sozialen Netz fallen oder die so gut wie unsichtbar sind

CCB Magazin:Sie leben heute in Berlin. Auch in Berlin gibt es Zonen der Abgeschiedenheit. Welche Unterschiede machen Sie zwischen Berlin und Brandenburg fest?

Stephanie Steinkopf: Der Inselcharakter in Regionen Brandenburgs sind ganz andere als in Berlin. In den dörflichen Strukturen im Oderbruch gibt es kaum soziale Treffs, kaum Zugang zu Freizeitangeboten, abends geht dort kaum einer mehr auf die Straße. Auch der Zugang zu außerschulischen Bildungseinrichtungen ist begrenzt. Aber auch in Berlin gibt es abgehängte Schichten, das sollte man nicht vergessen. Und hier können sich Isolationen verstärken, wenn man beispielsweise merkt, es geht einem schlecht und draußen tobt das wilde Leben. In Berlin kann sich nur jeder immer irgendwie beschäftigen, man kann sich nur in einer Masse von Leuten bewegen, die einen zumindest nicht kennt. Das geht im Oderbruch nicht.

CCB Magazin:Wie sieht ihre Zukunft aus? Welche Projekte planen Sie in nächster Zeit?

Stephanie Steinkopf: Ich würde gerne zum Thema Intersexualität arbeiten. Mein Schwerpunkt wird Deutschland bleiben, hier lebe ich, hier beobachte ich soziale Missstände, die es wert sind, sich damit auseinanderzusetzen. Ich möchte weiter inhaltlich arbeiten und Projekte mit Tiefe realisieren. Mir ist die sozialkritische Fotografie sehr wichtig. Dabei geht es mir um Leute, die aus dem sozialen Netz fallen oder die so gut wie unsichtbar sind.

CCB Magazin:Stephanie Steinkopf, vielen Dank für dieses Gespräch.


Weitere Infos zu Stephanie Steinkopf.

Portfolio von Stephanie Steinkopf auf Creative City Berlin


 

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