Innovation & Vision

Nathalie Dziobek-Bepler und Lilia Kleemann: „Kinder sind unsere wichtigste Inspirationsquelle“

Nathalie Dziobek-Bepler und Lilia Kleemann: „Kinder sind unsere wichtigste Inspirationsquelle“
Foto: © Marcus Ebener

Ab 1. August 2013 hat jedes Kind ab dem ersten Lebensjahr in Deutschland Anspruch auf einen Betreuungsplatz, es fehlen aber noch immer massig Erzieher und Kitaplätze. Nathalie Dziobek-Bepler und Lilia Kleemann sind die Gründerinnen von baukind, einem Büro für Architektur und Produktdesign, das Kitaprojekte vom Bauantrag bis zur Innengestaltung plant. Für sie wird diese Lücke zur Ressource; selbst die Fußleiste kann da zum Spielobjekt werden. Creative City Berlin hat die beiden besucht.


INTERVIEW   JENS THOMAS

 

CCB Magazin: Ab 1. August 2013 hat jedes Kind ab dem ersten Lebensjahr Anspruch auf einen Betreuungsplatz. In Berlin gibt es etwa 2200 Kitas, 19.000 neue Kitaplätze will Berlin bis Ende 2015 bereitstellen. Sie dürften sich vor Aufträgen doch eigentlich kaum mehr retten können?

Nathalie und Lilia: Ja, die Anfragen sind immens gewachsen. Momentan bekommen wir wöchentlich bis zu zwei neue Anfragen von Gründern, die sich beraten lassen wollen oder schon einen Kitabau planen. Man muss sagen, dass diese 19.000 Kitaplätze ja alleine in Berlin fehlen, bundesweit sind es 220.000. Darum bekommen wir mittlerweile auch Anfragen aus anderen Bundesländern. Der Andrang ist groß.

CCB Magazin: Immer weniger Kitas sind öffentliche Einrichtungen, sondern privat finanziert. Wer fragt bei euch konkret an?

Nathalie und Lilia: In der Regel sind es Vereine und gemeinnützige GmbHs. Dabei handelt es sich entweder um Träger, die expandieren wollen, Erzieher, die sich selbständig machen oder Betriebe, die einen Kitabau planen. Es fragen aber auch vermehrt Leute mit geschäftstechnischem Sinne an, da immer mehr Kitas privat finanziert werden. Auch bauen heute immer mehr Unternehmen und Großkonzerne eine Kita.

Foto © Marcus Ebener.

CCB Magazin: Ihr stellt mit eurem Konzept Kitas gewissermaßen auf den Kopf und macht sie zu einem Erlebnisraum für Kinder; sämtliche Objekte, von der Fußleiste bis zum Heizkörper, werden zu Spielelementen. Wie kam es zu dieser Idee?

Nathalie und Lilia: Wir sind in dieses Spezialgebiet sozusagen hineingewachsen. Wir haben uns vor Jahren über die Kita unserer Söhne kennen gelernt. Irgendwann wollte die Leiterin eine dritte Kita eröffnen, war aber mit diesem Vorhaben völlig überfordert. Da haben wir uns eingeschaltet: Wir haben die gesamte Planung, Beantragung der Baugenehmigung bis hin zur Bauleitung übernommen, die Koordination mit den vier zuständigen Ämtern sowie die Umsetzung des Innenausbaus. Vor allem in den vielen Vorschriften und räumliche Gegebenheiten sahen wir ein großes Potenzial. Dabei realisierten wir, dass es trotz der großen Nachfrage noch keinen Allround-Service für Kitabau gibt. Wir beschlossen, uns selbstständig zu machen und bewarben uns bei dem Ideenwettbewerb „Kreativpiloten Deutschland“. Die Teilnahme und die Auszeichnung als Kreativpiloten trieb unsere Geschäftsidee rasant voran. So wurde baukind geboren. 

Wir bieten alles an, was zu einem Kita-Vorhaben gehört

CCB Magazin: Ihr seid nicht nur gestalterisch tätig, sondern übernehmt auch planerische und administrative Aufgaben.

Nathalie und Lilia: Ja. Die Besonderheit neben der Gestaltung ist unser Service, das gesamte Projekt zentral zu koordinieren. Wir bieten im Grunde alles, was zu einem Kita-Vorhaben gehört: die Planung, Fertigstellung des Bauantrags, wir koordinieren den Kontakt mit den Ämtern – mit dem Veterinäramt, dem Gesundheitsamt und dem Berliner Senat. Wir begleiten die Ausschreibung und das gesamte Bauvorhaben und kümmern uns um die komplette Innenraumgestaltung, bis ins kleinste Detail, bis zum letzten Zahnputzbecher. Im Grunde können wir die Kita betriebsbereit übergeben.

CCB Magazin: Wie gelingt euch der Spagat zwischen administrativen und künstlerisch-gestalterischen Aufgaben? Für viele Kreative ist das ein Problem. Habt ihr da eine klare Aufgabenteilung?

Nathalie und Lilia: Wir teilen uns die Aufgaben auf, da sind wir ein eingespieltes Team. Aber in beiden Aufgabenbereichen – der Architektur und dem Produkt-Design – bewältigen wir sowohl künstlerische als auch administrative Aufgaben. In manche Bereiche mussten wir uns natürlich auch erst einarbeiten, so zum Beispiel in die Unternehmensführung. Wir haben vor vier Jahren zu zweit gestartet und sind mittlerweile zu siebt.

CCB Magazin: Ihr habt euren Sitz in Kreuzberg. Gerade in Gegenden der östlichen Bezirke wie in Köpenick, Bohnsdorf, Karlshorst oder Mahlsdorf gibt es heute einen akuten Kitaplatz-Bedarf bei steigenden Kinderzahlen. Aus welchen Stadtteilen wird bei euch am Häufigsten angefragt?

Nathalie und Lilia: Das ist total unterschiedlich, die höchste Bedarfsdichte ist natürlich in einigen Bereichen Ost-Berlins, aber auch in anderen Bezirken ist die Nachfrage hoch. Dies hat unter anderem auch damit zu tun, dass der Ausbau von Kitaplätzen ein politisch viel diskutiertes Thema ist und durch unterschiedliche Förderprogramme der Ausbau der Plätze gefördert wurde und wird.

CCB Magazin: Wie teuer ist ein Kitabau?

Nathalie und Lilia: In der Regel sind das mindestens 80.000 Euro. Viele kleine Träger unterschätzen aber den administrativen und finanziellen Aufwand, sie denken, ein Kitabau (Umbau) wäre für 20.000 bis 30.000 Euro zu realisieren. Durch das neue Förderprogramm wird es jetzt zwar für viele möglich, eine Kita zu realisieren. Oft liegt die Nachfrage bei den Förderprogrammen jedoch weit über der Ausschüttung. So standen in der letzten Antragsrunde vier Millionen zur Verfügung, angefragt wurden aber 17,8 Millionen.

CCB Magazin: Ziehen viele ihr Angebot wieder zurück, wenn ihnen klar wird, was ein Kitabau alles kostet und bedeutet?

Nathalie und Lilia: Das kann natürlich passieren, darum planen und koordinieren wir von Anfang an alles richtig. Dazu schauen wir uns zunächst die Immobilie an und klären, ob sie sich überhaupt für ein Kitabau eignet. Bei einer Kita mit mehr als 25 Kindern braucht man zum Beispiel einen Außenbereich von 150 qm, das wissen viele aber nicht. Bei einer Erstbegehung wird dann auch klar, ob die hohen Standards an Licht, Luft und Fläche für ein Bauvorhaben überhaupt gewährleistet sind. Wir sagen auch manchmal: Lassen Sie die Finger davon! Eignet sich das Bauvorhaben, erstellen wir eine Grobplanung und einen Entwurf, den stimmen wir dann mit den jeweiligen Ämtern ab. Erst nach dem Vorab-Ok fangen wir aber an, den Bauantrag zu bearbeiten und parallel den Förderantrag zu stellen.

CCB Magazin: Derzeit fehlen bundesweit bis zu 20.000 Erzieher, die Berliner Kitas haben derzeit 770 offene Erzieherstellen bei der Arbeitsagentur gemeldet. Bis 2015 sollen darum bundesweit bis zu 9.000 Mini-Jobber und Arbeitslose zu Erziehern im Schnelldurchlauf umgeschult werden. Seht ihr das als Gefahr, dass eure Leistung, Kitas qualitativ zu verbessern, an anderer Stelle mangels qualitativer Standards wieder ad absurdum geführt wird?

Nathalie und Lilia: Das ist sicher schwer zu pauschalisieren, ein umgeschulter Ein-Euro-Jobber kann natürlich unter Umständen schnell ein sehr guter Erzieher werden. Zugleich sind viele Erzieher – und auch berechtigt – entsetzt darüber. Das, was Erzieher über Jahre lernen, kann man einfach nicht im Schnelldurchlauf ersetzen. Es wäre denkbar, dass hier eine win-win-situation geschaffen wird: Erzieher werden entlastet und geben ihr Wissen an die Erzieher mit der Turbo-Ausbildung weiter. Eine Patenschaft. Wir stellen in unserer Arbeit aber immer wieder fest, dass Auftraggeber, die sich intensiv mit Pädagogik beschäftigen, ein ganz anderes Verständnis davon haben, wie man Räume den Bedürfnissen der Kinder anpassen kann. Die größte Belastung für Erzieher ist jedoch tatsächlich die zu große Gruppe aufgrund des Erziehermangels und der mangelhaften Finanzierung der Erzieher. 

Das, was Erzieher über Jahre lernen, kann man nicht im Schnelldurchlauf ersetzen

CCB Magazin: Norbert Hocke, ein GEW-Vorstandsmitglied, fordert darum, dass die zwei Milliarden Euro, die das neue Betreuungsgeld jährlich kostet, in den weiteren Ausbau und die Qualität von Kindertagesstätten investiert werden soll. Was haltet ihr davon?

Nathalie und Lilia: Ja, das befürworten wir. Kitas müssen qualitativ verbessert werden, dazu gehört auch, dass Gruppengrößen nicht derart zunehmen, sodass aktive Spiel- und Lernangebote nicht richtig genutzt werden können. An dieser Stelle wollen wir unseren Beitrag leisten. Im Endeffekt geht es darum, für das Wohl der Kinder zu sorgen, das sollte an erster Stelle stehen. Und dazu gehören auch zufriedene Erzieher.

CCB Magazin: Wie wird euer Konzept denn von den Kindern angenommen?

Nathalie und Lilia: Sehr gut, und es ist wirklich ein toller Moment, wenn wir sehen, wie die Kinder die Räume als Erlebniswelt testen. Kinder sind nicht nur ehrlich, sie sind auch kritisch. Die Räume werden von Beginn an von den Kindern sofort auf Herz und Nieren getestet. Kinder halten uns den Spiegel vor und so wissen wir immer, wo wir nachbessern müssen. Die Ideen, die wir haben und weiterentwickeln, ergeben sich aus dem Nutzungsverhalten der Kinder. Sie sind unsere wichtigste Inspirationsquelle. 


Portfolio von baukind auf Creative City Berlin

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