Innovation & Vision

Zukunft auf zwei Rädern

Zukunft auf zwei Rädern
Foto: © Fahrer Berlin

Acht Beine und zwei Räder (Im Gespräch mit Creative City Berlin: Joachim Leffler, zweiter von rechts, dritter von links)

FAHRER ist ein junges Unternehmen mit Sitz in Berlin-Weißensee, das Fahrradzubehör aus recycelten Materialien herstellt. Die Idee dahinter: Geradeaus fahren, nachhaltig handeln. Wir waren vor Ort und haben Gründer und Geschäftsführer Joachim Leffler getroffen. 

 

Interview Jens Thomas  

 

CCB Magazin: Hallo Joachim, deine Firma heißt FAHRER und stellt Produkte für Radfahrer aus recycelten Materialien her. Wie kam es dazu?

Joachim Leffler:Es fing alles 2004 mit einem Fahrradband an: Zu dieser Zeit bin ich jeden Tag Fahrrad gefahren, dabei ist meine Hose immer in die Kette gekommen, das hat mich genervt. Also habe ich Material aus einer LKW-Plane entnommen, zwei Klettbänder aufgenäht – fertig. So ist die Idee von FAHRER entstanden. Eigentlich bin ich gelernter Architekt. Irgendwann stand ich dann aber vor der Entscheidung, mache ich FAHRER haupt- oder nebenberuflich? 2008 habe ich mich für die Hauptberuflichkeit entschieden. Heute sind wir ein Unternehmen mit sechs Mitarbeitern.

CCB Magazin:Dein Unternehmen stellt Produkte in Eigenregie her. Kommen die Kunden auf Euch zu oder kontaktiert ihr die Firmen?

Joachim Leffler:Beides. Einerseits entwickeln und gestalten wir selbst Produkte für Endkunden. Andererseits gehen wir direkt auf Firmen zu und stellen aus Materialien - so zum Beispiel Werbeflächen oder LKW-Planen - personalisierte Produkte her. Wir führen nutzlos Gewordenes einem neuen Nutzen zu. Zudem kann das Unternehmen Abfall vermeiden und sich nachhaltig dem Kunden gegenüber präsentieren. 

Wir führen nutzlos Gewordenes einem neuen Nutzen zu

CCB Magazin:In Eurem Sortiment sind vielerlei Produkte wie die wasserdichte Handy-Halterung für den Fahrradlenker oder der „Agent“, eine Schultertasche mit Platz für Handy, Schlüsselanhänger und Co. Ihr produziert ausschließlich fürs Fahrrad?

Joachim Leffler:Die meisten Artikel sind schon fürs Fahrrad gedacht, unser Name ist Programm. Unsere Produkte können aber auch anderweitig eingesetzt werden. Wir haben zum Beispiel eine neue Umhängetasche, die einfach zum Tragen verwendet werden kann. Aber fürs Fahrradfahren hat sie einen Rückenpad, ein ventiliertes, dickes Material, durch das Luft hereinzieht, man schwitzt dann weniger. Daher ist sie optimiert fürs Fahrradfahren.

CCB Magazin:Was reizt dich an der Produktion von Fahrradzubehör?

Joachim Leffler:Ich fand es schon immer spannend, Produkte zu entwickeln und herzustellen, die aus eigenen Ideen geboren sind. Und das Fahrrad ist für mich das Verkehrsmittel der Zukunft in den Städten. Bei Fahrer fließt also beides zusammen. FAHRER ist auch mehr als nur ein Job, es ist ein Lebensmotto.

CCB Magazin:Inwiefern?

Joachim Leffler:Fahrradfahren ist etwas schönes. Es hat etwas mit Freiheit zu tun. Mit dem Rad bin ich in der Großstadt fast immer schneller als mit dem Auto, ich habe kein Parkplatzproblem. Mit dem Rad kann ich fahren wann ich will. FAHRER steht darum für "in Bewegung bleiben", für aktiv sein und selbst entscheiden können, wo man wann hinfährt. Für mich hat FAHRER zudem etwas zutiefst Zufriedenstellendes, auch wenn es mit viel Arbeit verbunden ist. Ich mache etwas sinnvolles. 

CCB Magazin:FAHRER setzt auf Nachhaltigkeit, so steht es auf Eurer Homepage. Was meint das?

Joachim Leffler:Bei FAHRER geht es um die Weiterverwendung von Materialien, die haltbar und langlebig sind. Und wir setzen immer mehr Neumaterialien ein, die auf Recyclinggrundlagen beruhen.

CCB Magazin:Ihr verwendet auch LKW-Planen, die werden mit vielerlei Chemikalien hergestellt. Nachhaltigkeit bedeutet also nicht gleich Umweltschutz?

Joachim Leffler:In erster Linie geht es um das Wiederverwerten von Materialien. Das ist ja auch schon ökologisch. Das Material wurde ursprünglich zwar energieaufwändig hergestellt, es kann aber langfristig und sinnvoll genutzt werden. Zugleich steht FAHRER für faire Arbeitsbedingungen bei der Produktion: Wir stellen die Produkte nicht irgendwo in Asien unter zweifelhaften Bedingungen her. Wir haben uns bewusst bei den Produkten, wo es möglich ist, für einen regionalen Standort in Berlin und im Umland entschieden. Und wir arbeiten vorwiegend mit Werkstätten für Menschen mit Behinderungen zusammen, wir engagieren uns gerne sozial. Wir zahlen anständige Gehälter, das gilt auch für eigene Praktikanten und Praktikantinnen. 

Rad ab? Nein, Rad dran - nur ziemlich weit vorne. Foto: © Fahrer.


CCB Magazin:Ihr reproduziert Waren von und für andere Anbieter. Gibt es Firmen, die für euch nicht in Frage kommen und für die ihr nicht produzieren würdet?

Joachim Leffler:Bislang hatten wir einen solchen Fall noch nicht. Wir würden so etwas immer von Fall zu Fall entscheiden. Und wir freuen uns, wenn wir Unternehmen helfen können, sich nachhaltiger und sozialer aufzustellen. Schlussendlich hätten wir aber ein Gesicht zu verlieren, wenn wir beispielsweise für die Rüstungsindustrie produzieren würden. Das würen wir nicht machen. Denn damit würden wir allen anderen ins Gesicht schlagen, mit denen wir arbeiten. Wir würden an Glaubwürdigkeit verlieren.

CCB Magazin:Der Fahrradmarkt wächst seit Jahren. Gut 4 Millionen Fahrräder und E-Bikes wurden 2012 an den Handel verkauft, rund 50.000 Beschäftigte erwirtschafteten in der deutschen Fahrradbranche im letzten Jahr einen Gesamtumsatz von 4 Mrd. Euro - derzeit gibt es etwa 70 Millionen Fahrräder in Deutschland, 80 Prozent der Haushalte haben mindestens eines. Spürt ihr, dass durch die Zunahme des Radverkehrs auch der Bedarf an nachhaltigem Fahrradzubehör steigt?

Joachim Leffler:Nachhaltigkeit ist aktuell ein großes Thema, und ja, der Bedarf ist gestiegen. Während der Anteil an Fahrrädern steigt, sinkt der Anteil von Autos und Lastwagen. Darum haben wir uns auch irgendwann hauptberuflich für FAHRER entschieden. Denn wir haben gemerkt, es funktioniert, es gibt einen Markt. Dieser Markt ist zwar noch ausbaufähig. Gerade die Produktion von Fahrrädern und Fahrradzubehör ist bis heute alles andere als nachhaltig. In diesem Bereich werden massig umweltschädliche Materialien und  Ressourcen verschwendet. Ein nachhaltiger Markt kann sich hier aber noch entwickeln. Hier leisten wir einen Beitrag.

Wir haben uns bewusst für einen regionalen Standort in Berlin entschieden

CCB Magazin:Du lebst und arbeitest in Berlin. Auch hier hat sich der Radverkehr in den letzten zehn Jahren in etwa verdoppelt, wenngleich Berlin im Vergleich zu Metropolen wie Amsterdam oder Kopenhagen noch immer unter der 20-Prozent-Marke liegt. Was wünschst du dir stadtpolitisch, damit eure Arbeit in Zukunft keine Nischenarbeit mehr ist?

Joachim Leffler:Berlin ist meiner Meinung nach eine relativ fahrradfreundliche Stadt. Sicherlich lässt sich da noch einiges verbessern. Im Grunde ist unsere Arbeit schon jetzt keine Nischenarbeit mehr. Ich denke auch, dass sich dieser Markt weiter entwickeln wird. Insgesamt finde ich es aber besser, wenn so etwas nicht über Druck angeschoben wird, sondern über Einsicht. Man könnte das Autofahren sicher noch teurer machen und die Spritpreise anheben; oder man könnte eine City-Maut erheben. Wenn die Menschen aber von sich aus merken, dass Fahrradfahren Spaß macht, umweltschonend ist, fitt hält und man mit dem Fahrrad innerstädtisch sogar schneller sein kann als mit dem Auto, dann geht das in die richtige Richtung.

CCB Magazin:Letzte Frage: Bist du Autofahrer?

Joachim Leffler:(Lacht) Ja, ich kenne zumindest beide Sichtweisen - die der Fahrrad- und Autofahrer. Mit dem Fahrrad fahre ich zum Beispiel täglich zur Arbeit, das sind 16 km hin und zurück. Seitdem zwei Lastenräder zu unserem Fuhrpark zählen, steht das Auto fast nur noch. Wenn ich dann mal Auto fahre, mache ich das bewusst und über Land sogar gerne. 

CCB Magazin:Joachim, vielen Dank für dieses Gespräch und gute Fahrt. 


Profil von FAHRER auf Creative City Berlin

Kategorie: Innovation & Vision

rss

Schon gelesen?

schließen
schließen