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Carsten Meier: „Vor allem die großen Unternehmen tun sich schwer“

Carsten Meier: „Vor allem die großen Unternehmen tun sich schwer“
Foto: © intraprenör

Das Team von intraprenör von links nach rechts: Carsten Meier, Jonas Seetge, Nina Hahasvili, Gregor Kalchthaler

Intraprenör ist ein vierköpfiges Startup aus Berlin, das Unternehmen zu Nachhaltigkeit berät. Was heißt nachhaltiges Wirtschaften und wie können Unternehmen künftig nachhaltiger produzieren? Wo sind Grenzen nachhaltiger Produktion und welche Wege müssen Unternehmen gehen? Creative City Berlin sprach mit einem der Gründer, Carsten Meier.

 

Interview Jens Thomas  
 

 

CCB Magazin: Hallo Carsten, du bist ganze 24 Jahre und schon Gesellschafter von intraprenör, einem Startup, das Unternehmen zu Nachhaltigkeitsthemen berät. Wird man in einem solchen Alter überhaupt schon ernst genommen von den großen Unternehmen?

Carsten: (Lacht) Wir hatten am Anfang auf jeden Fall unsere Schwierigkeiten, weder zu „beratermäßig“ in zu teuren Anzügen anzutreten, noch zu sehr den Berliner Hipster mit zerrissener Jeans raushängen zu lassen. Mittlerweile geht das aber, wir haben einen guten Zwischenweg gefunden.

CCB Magazin:Welche Idee steckt hinter intraprenör?

Carsten: Nina, Gregor, Jonas und ich haben gemeinsam an der Universität der Künste Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studiert. In unserem sechsmonatigen „Kommunikationsprojekt“ haben wir uns dazu entschieden, intraprenör zu gründen, um Unternehmen Nachhaltigkeit und Social Impact näher zu bringen. Nach unserem ersten Auftrag war klar: Wir wollen das Projekt weiterentwickeln und daraus etwas Großes machen. Es ist faszinierend zu sehen, was mit einem Unternehmen alles passiert, wenn Ökonomie, Ökologie und Soziales integriert gedacht werden. Uns geht es um Ideen, die wir gemeinsam mit den Unternehmen entwickeln, von denen sowohl das Unternehmen, als auch der Mensch und die Umwelt profitiert. 

Es ist faszinierend zu sehen, was mit einem Unternehmen alles passiert, wenn Ökonomie, Ökologie und Soziales integriert gedacht werden

CCB Magazin:Welche Unternehmen kommen auf euch zu, um beraten zu werden?

Carsten: Wir haben uns vor allem auf große Unternehmen spezialisiert. Unseren ersten großen Auftrag hatten wir beispielsweise für ein großes deutsches Einzelhandelsunternehmen, was besonders spannend war, weil sich diese Branche stark im Wandel befindet, da auch hier die Kunden nachhaltiger werden. Und auch im Moment sind wir vor allem mit großen Unternehmen in Kontakt, die sich schon etabliert haben und einen Imagewandel wollen. Diese Unternehmen tun sich besonders schwer mit dem Thema Nachhaltigkeit.

CCB Magazin:Warum ist das so?

Carsten: Unternehmen, die schon länger auf dem Markt sind, müssen sich erst einmal umstellen, das ist weitaus schwieriger als mit einer Idee neu zu starten und den Nachhaltigkeitsgedanken bereits im Firmenkonzept integriert zu haben. Viele der großen Unternehmen kommen zu uns und sagen: „Oh Mist, wir müssen irgendwie nachhaltiger werden, weil das die Kunden verlangen, aber wir wissen nicht wie.” Oder sie haben durch Medienberichte ihre Reputation auf dem Markt bereits verspielt und wollen das jetzt ändern. Was dann auf Seiten der Unternehmen folgt sind groß angelegte Marketing-Kampagnen, im Unternehmen selbst ändert sich aber nichts. Man kann Nachhaltigkeit nicht über eine Kampagne bewerben und schon gar nicht von einer Werbeagentur planen lassen. Nachhaltigkeit muss aus dem Unternehmen selbst heraus entstehen, es hat etwas mit dem Selbstverständnis zu tun.

CCB Magazin:Aber ist Nachhaltigkeit nicht auch ein viel zu häufig verwendetes Schlagwort? Der neue Global Corporate Sustainability Report 2013 kommt zu dem ernüchternen Ergebnis, dass mittlerweile 65 Prozent der Unternehmensführer sich zur Nachhaltigkeit bekennen, jedoch nur 35 Prozent der Manager dafür sorgen, dass ihre Mitarbeiter dementsprechend ausgebildet werden, um Strategien zu entwickeln und operativ umzusetzen. Was bedeutet Nachhaltigkeit für euch?

Carsten: Nachhaltigkeit ist vielschichtig und deshalb spannend und schwierig zugleich. Es ist immer die Triade aus Ökologie, Ökonomie und Sozialem. Nachhaltigkeit kann eben nicht auf das Ökologische reduziert werden, auch wenn das viele denken. Wir glauben auch, dass eine viel größere Triebkraft entsteht, Dinge verändern zu können, wenn man es schafft, ökologisch, sozial und ökonomisch zugleich zu denken. Wichtig ist aus unserer Sicht auch die Motivation eines Unternehmens, wenn eine nachhaltigere Positionierung gewünscht ist. Geht es nur darum, sich vor relevanten Nicht-Regierungs-Organisationen wegzuducken oder will das Unternehmen tatsächlich seine Verantwortung in der Gesellschaft wahrnehmen? 

Man kann Nachhaltigkeit nicht über eine Kampagne bewerben und schon gar nicht von einer Werbeagentur planen lassen

CCB Magazin:Ihr zitiert auf eurer Webseite Mohammed Yunus, der 2006 den Friedensnobelpreis erhalten hat und einen gemeinsamen Weg in der Zukunft von Ökonomie, Ökologie und sozialem Handeln verlangt.

Carsten: Ja, er hat den Begriff Social Business entwickelt und damit die Idee populär gemacht, die auch wir vertreten. Ein zweiter wichtiger Name ist der Ökonom Michael Porter mit seiner Vision vom “shared value”. Denn es ist gerade der große Markt, der sich verändern und nachhaltiger werden muss. Und in diesem Sinne geht es vor allem darum, dass Unternehmen sich auf den Kunden einstellen: Was wollen Kunden? Wie kann ich mein Firmenkonzept an Kundenwünsche anpassen?

CCB Magazin:Aber laufen Unternehmen so nicht Gefahr, sich immer nur nach Kundenwünschen zu richten? Laut dem "Corporate Sustainability Barometer" der Leuphana Universität Lüneburg reagieren nachhaltige Unternehmen heute überwiegend nur auf Anforderungen einer zunehmend kritischen Öffentlichkeit. Ist das nicht ein Widerspruch, auf der einen Seite zu sagen, Nachhaltigkeit sollte Teil eines Selbstverständnisses sein, auf der anderen Seite Nachhaltigkeitsstrategien an Kundenwünsche anzupassen?

Carsten: Ich würde sagen: Der beste Blick in eine erfolgreiche Zukunft ist der Blick zum Kunden. Denn Unternehmen müssen sich fragen: In welchen Lebenswelten bewegen sich meine Kunden? Welche Probleme haben sie? Und was verbinden sie mit meinem Unternehmen beziehungsweise meinem Produkt? Unternehmen sind so gesehen Diener ihrer Konsumenten. Zugleich muss Nachhaltigkeit natürlich immer aus der Kultur des Unternehmens heraus entstehen, sonst wäre man auch nicht authentisch. Es muss eben beides sein: Unternehmen nachhaltiger zu gestalten bedeutet, einen Prozess anzustoßen, der für alle Stakeholder  - die Kunden, das eigene Unternehmen sowie die Öffentlichkeit - in die richtige Richtung führt.

Greogor Kalchthaler steht Rede und Antwort. Foto: Intrapernör.


CCB Magazin:Nachhaltigkeit hat aber auch immer etwas mit Langfristigkeit zu tun. Vor allem viele Startups überleben aber nicht lange. Laut Gründungsmonitor scheidet jedes dritte Startup in Deutschland innerhalb der ersten drei Jahre wieder aus dem Markt aus. Inwiefern laufen Nachhaltigkeitsstrategien ins Leere, wenn Langfristigkeit und langfristige Planbarkeit aufgrund unsicherer Beschäftigungsstruktur kaum mehr möglich sind?

Carsten: Ich glaube, dass es ganz normal ist, dass Ideen und Projekte scheitern können, so entsteht auch immer wieder etwas Neues. Das ist ja gerade in Berlin zu beobachten. Allerdings würde ich mir in Zukunft wünschen, dass noch mehr Unternehmer daran arbeiten, Social Entrepreneurs zu werden. Und vor allem die Berliner Startup-Szene muss sich noch viel öfter die Frage stellen: Löst mein Produkt eigentlich ein echtes Problem? Und: Wer würde mein Produkt vermissen, wenn es morgen nicht mehr da wäre? Viele Startups werden weder aus besonders guten Konsumenten-Insights gegründet, noch wird darüber nachgedacht, wie man einen „shared value“ entwickeln könnte. Hier sehe ich aber vor allem einen großen Vorteil von Startups: Wenn man frisch startet und eine nachhaltige Unternehmenskultur bereits implementiert hat, können vor allem die großen Unternehmen von den neuen kleinen lernen.  

Der beste Blick in eine erfolgreiche und nachhaltige Zukunft ist der Blick zum Kunden

CCB Magazin:Zugleich haben es die kleineren Anbieter schwer, sich gegen die Große durchzusetzen. „Grüne“ Gründungen boomen zwar; angeführt von den  kleinen und mittleren Betrieben: laut Gründungsmonitor liegt der Anteil „grüner“ Gründungen derzeit bei 13,6 Prozent. Zugleich dominieren weiterhin Billigprodukte von Großhandelsketten. Inwiefern laufen junge Unternehmen Gefahr, nachhaltige Produkte langfristig in Konkurrenz zu den Billiganbietern nicht absetzen zu können?

Carsten: Die Gefahr, sich nicht behaupten zu können, besteht immer. Genau darum ist es auch so wichtig sich klar zu machen, was Kunden wollen und diese Bedürfnisse richtig anzusprechen. Nur das allein reicht eben nicht. Wie Henry Ford ja einmal so schön gesagt hat: “Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie sich schnellere Pferde gewünscht.” Deswegen ist es wichtig, in den Dialog mit allen relevanten Stakeholdern zu treten - so mühsam und kostspielig das auch sein mag. Es ist ja auch nicht so, dass die Großhandelsketten nur Billigprodukte anbieten, mittlerweile tun sich hier gar nicht mehr so viele Lücken für billigere Angebote auf: Milch und Butter sind an einem Preislimit angelangt, wo es nicht mehr günstiger geht. Und an den jüngsten Entwicklungen bei Aldi lässt sich ablesen, dass selbst der Ausweg für den Billig-König nur nach oben geht: Zum einen setzt der Discounter auf Markenprodukte wie Coca Cola oder Nutella, zum anderen aber auf eine breite Bio-Palette. Dadurch konkurrieren zwar auch die Großhandelsketten mit kleinen nachhaltigen Anbietern, mittel- bis langfristig werden aber alle preislich nach oben gehen. So wird sich auch ein neues Preis-Leistungsniveau einpendeln, wodurch kleinere Anbieter sich neben größeren behaupten können.

CCB Magazin:Wie sieht der Nachhaltigkeitssektor in zehn Jahren aus?

Carsten: Ich hoffe, dass wir dieses Wort dann nicht mehr benutzen müssen, weil eine Welt nachhaltig geworden ist. Ich glaube auch, dass nachhaltiger Konsum über Qualität geht und sich Qualität langfristig gegenüber Billigprodukten durchsetzen wird. Ich bin da optimistisch. Und die Branche wird sich in den nächsten Jahren weiter diversifiziert haben. Man wird von einer nachhaltigen Bauindustrie, nachhaltigen Bildungsinitiativen und nachhaltigen Konsumgüter sprechen. Und die müssen dann weder von Ökos gekauft werden, noch grün sein oder nach Erde riechen.

CCB Magazin:Carsten, danke für dieses Gespräch.


Profil von intraprenör auf Creative City Berlin

Weitere Infos zu intraprenör: www.intraprenör.de

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