Wissen & Analyse

Stephan Bohle und Julia Becker-Ritterspach: „Wir brauchen einen Kulturwandel“

Stephan Bohle und Julia Becker-Ritterspach: „Wir brauchen einen Kulturwandel“
Foto: © Alicia Kassebohm / Institute of Design

Vor zwei Jahren wurde am Institute of Design (IN.D) der Studiengang „nachhaltiges Kommunikationsdesign“ eingeführt. Was heißt nachhaltiges Kommunikationsdesign und welche Märkte erschließen sich daraus? Und vor allem: Was kann sich dadurch in der Zukunft ändern? Creative City Berlin sprach mit Stephan Bohle und Julia Becker-Ritterspach vom Institute of Design, die den Studiengang ins Leben gerufen haben. Sie sagen: "Wir können so nicht weitermachen". 

 

Interview Jens Thomas

 

CCB Magazin: Herr Bohle, Frau Becker-Ritterspach, vor zwei Jahren haben Sie den Studiengang „nachhaltiges Kommunikationsdesign“ ins Leben gerufen. Was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie?

Bohle: Nachhaltigkeit ist zunächst nichts Feststehendes; es ist immer ein Prozess, das Streben nach höheren ressourcenschonenden Standards in den Bereichen Ökologie, Ökonomie, Kulturelles-Soziales. Es geht um die Tragfähigkeit einer Gesellschaft: Was verträgt diese Welt überhaupt noch?

Becker-Ritterspach: Ein ganz wesentlicher Aspekt dabei ist Gerechtigkeit – es geht um das intergenerative und intragenerative Gerechtigkeitsprinzip.

CCB Magazin:Wie kam es dazu, einen Studiengang namens „nachhaltiges Kommunikationsdesign“ einzuführen?

Becker-Ritterspach: Zunächst sind wir mit einem Modul gestartet, mittlerweile haben wir zwei Module etabliert. Ich nenne das mal ‚Einführung in die Nachhaltigkeit‘. Die Studierenden verschaffen sich zunächst einen Überblick über die Problembereiche, die durch Nachhaltigkeit tangiert werden. Dabei versuchen wir einen systemischen Blick zu schulen: Wenn ich A mache, welche Auswirkungen hat das auf B und C? -Ökonomisch, ökologisch, sozial-kulturell. Später werden eigene Themen gewählt, so zum Beispiel „Wie essen Kinder gesünder?“ oder „Wie lässt sich der Co2-Austoß visuell darstellen?“. Im ersten Modul versuchen wir kritisches Denken anzuregen, erste Projekte zu entwickeln und im zweiten Modul geht es dann konkret um Nachhaltigkeitskommunikation.

CCB Magazin:Helfen Sie mir, was haben wir unter einer ‚Nachhaltigkeitskommunikation‘ zu verstehen?

Bohle: Es geht darum, über heutige Kommunikationswege auf Menschen einzuwirken und daraufhin zu arbeiten, eine nachhaltige Entwicklung zu ermöglichen. Gerade im Bereich Kommunikationsdesign stehen wir noch ganz am Anfang. Kommunikation ist aber ein ganz wichtiger Part in unserer Gesellschaft. Unsere Arbeitswelt wird zusehends ‚kommunikativer‘.  

Gerade im Bereich Kommunikationsdesign stehen wir in Punkto Nachhaltigkeit noch ganz am Anfang

CCB Magazin:In der Architektur gibt es schon länger eine diskursive Tradition, sich mit Nachhaltigkeitsstrategien, vor allem in der Stadtplanung, auseinanderzusetzen. Designer haben sich lange Zeit damit schwer getan. Sehen Sie hier einen neuen Trend, einen Bewusstseinswandel?

Becker-Ritterspach: In gewisser Weise ja. Wir stehen hier allerdings erst am Anfang. Aber wir stellen in unserem Studiengang fest, dass das Interesse an nachhaltigen Themen wächst. Das Thema Green Design ist bei uns ein Modul, das frei wählbar ist; man kann, muss aber kein Nachhaltigkeitsthema zur Abschlussarbeit wählen. Mittlerweile wählen aber schon fünf von zehn Studierenden pro Semester ein Nachhaltigkeitsthema, zu Beginn war es erst einer.

Arbeiten zum Thema Nachhaltigkeit Foto: © Institute of Design.

CCB Magazin:Der Nachhaltigkeitssektor ist ein wachsender Markt. Während  sich Nachhaltigkeitsstandards jedoch in den Bereichen Umweltökonomie und Textilindustrie zunehmend durchsetzen, sieht es in Bereichen wie beispielsweise der Mobiltechnologie noch immer düster aus. Wie sensibilisieren Sie in Ihrem Studiengang für diese Problemfelder?

Bohle: Darum haben wir den Studiengang ins Leben gerufen. Gerade die Design-Schulen und die Werbung tun sich mit der Thematik Nachhaltigkeit bis heute unheimlich schwer. In der Werbung sind erste Versuche – wie der von RWE – gar nach hinten losgegangen, indem sich der Verbraucher durch das sogenannte Green-Washing hinters Licht geführt fühlt. Und bis heute werden im Bereich der Werbung vor allem schöne Kampagnen für NGOs, WWF und Greenpeace lanciert, die eigentliche Frage aber, wie wir die Gesellschaft dahin bekommen, dass Nachhaltigkeit zum Standard wird, wird nicht geklärt. Hier versuchen wir anzusetzen, indem wir aufklären.

CCB Magazin:Einem wachsenden nachhaltigen Markt steht aber ein immer größer werdender, verschwenderischer Konsum gegenüber, der auf massengefertigte Billigprodukte setzt. Wie will man dieser Entwicklung entgegenwirken?

Bohle: Indem wir uns informieren und ein Bewusstsein schulen. Wir wissen heute, dass ungefähr zehn Prozent der Bevölkerung veränderungsbereit ist, die große Masse – 70 bis 80 Prozent – macht so weiter wie bisher, wiederum zehn Prozent sind nicht zu erreichen. Gerade die große Masse gilt es zu erreichen. Es hat sich auch schon eine Menge getan. 2010 gab es eine Umfrage im Auftrag des Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU), nach der 40 Prozent der Menschen überhaupt etwas mit dem Begriff der Nachhaltigkeit anfangen konnten, 2008 waren es erst bis zu 25 Prozent. 

Becker-Ritterspach: Was wir brauchen ist ein Bewusstseinswandel, sodass nachhaltige Produkte ein Statussymbol werden. Vermutlich ist aber so, dass sich in der Gesellschaft erst etwas grundlegend ändern und wandeln wird, wenn ein Schmerz eintritt, den es nicht mehr zu korrigieren gilt. Leider. So weit sind wir vielleicht noch nicht, diese Zeiten stehen uns aber noch bevor. Ich bin mir auch sicher, dass es irgendwann großflächige Kämpfe um Ressourcen geben wird, wenn wir nicht rechtzeitig einlenken.

CCB Magazin:Eine nachhaltige Ökonomie hegt den Anspruch, für mehr Verteilungsgerechtigkeit und sozialverträgliches Wirtschaften zu stehen. Nachhaltigkeit hat auch immer etwas mit Verzicht zu tun. Um aus der gegenwärtige Finanz- und Systemkrise herauszukommen müssten wir aber – das folgern führende Ökonomen wie Heiner Flassbeck oder Richard L. Koon – mehr Wachstum haben und mehr konsumieren. Mehr Verzicht, mehr Wachstum: Wie passt das zusammen?

Bohle: Das ist eine schwierige Frage, wir müssen auf jeden Fall dahinkommen, dass wir unseren Wohlstand mit immer weniger Ressourcen hinbekommen können. Momentan haben wir eine erhöhte Arbeitsproduktivität aufgrund von Technik und Innovation und dementsprechend einen immer höheren Ressourcenverbrauch. Wir müssen wegkommen von quantitativem Wachstum, wir brauchen mehr qualitatives Wachstum. 

Was wir brauchen ist ein Bewusstseinswandel, sodass nachhaltige Produkte ein Statussymbol werden

CCB Magazin:Das hieße, weniger ist mehr: Mehr Nachhaltigkeit, weniger Wachstum.

Bohle: Es nützt uns doch nichts, wenn wir unseren Wohlstand immer weiter steigern, uns aber irgendwann die Luft zum Atmen wegbleibt. Das erleben wir ja bereits in China: die Menschen können in den Städten teils nicht mehr richtig atmen aufgrund des zunehmenden Autoverkehrs. Wir müssen uns von folgender Logik verabschieden: Mehr Wachstum um des Wachstums Willen. Wenn die restliche Welt auf einen gemeinsamen Standard mit der westlichen Welt kommen will, brauchen wir sieben Mal mehr Ressourcen auf der Erde als bisher. Wie soll das funktionieren? Wir haben derzeit allein in Deutschland einen Ressourcenverbrauch von 70 Tonnen pro Person. Der Konsum beispielsweise von Elektronik hat sich in den letzten Jahren verdoppelt. Das ist absoluter Wahnsinn. Wir müssen schlechte Produkte sukzessive vom Markt nehmen und sie durch nachhaltige bessere ersetzen. Dann können diese nachhaltigen Märkte auch wachsen. 

CCB Magazin:Nachhaltige Produkte sind bislang im Querschnitt aber teurer als andere. Soll die Nachfrage nach nachhaltigen Produkten steigen, müssten sie billiger werden. Werden sie billiger, laufen Produzenten Gefahr, qualitative Standards aufgrund der gestiegenen Nachfrage außer Acht zu lassen, indem sie massenanfertigen müssen. Wie löst man dieses Problem?

Becker-Ritterspach: Da sprechen Sie in der Tat ein Problem an. Das ist vor allem aber auch ein politisches Problem. Bislang ist es so, dass man als Produzent besser fährt, wenn man ‚schlechtere Produkte‘  - also billige Produkte zu billigen Produktionskosten - herstellt. Dieses Verhältnis müssen wir umkehren. Wir müssen diejenigen bevorteilen, die versuchen, nachhaltig zu produzieren. Dazu  muss es auch entsprechende Unterstützung von politischer Seite geben, zum Beispiel durch steuerrechtliche Begünstigungen oder ein entsprechendes Starterkapital für Unternehmen, die nachhaltig produzieren. 

Bislang fährt man als Produzent besser, wenn man billige Produkte zu billigen Produktionskosten herstellt. Dieses Verhältnis müssen wir umkehren

CCB Magazin:Wie ließe sich ein nachhaltiger Markt künftig aber international regulieren? Bislang ist nachhaltige Produktion häufig Vor-Ort-Produktion – lokal, regional. Um aus der gegenwärtigen Krise herauszukommen müssten wir aber – zumindest aus deutscher Sicht – mehr importieren. Gerade in fernöstlichen Ländern werden Arbeitsrechte jedoch außer Kraft gesetzt und es wird Billigware zu Billiglöhnen produziert, wir importieren darum nicht selten ressourcenverschwendende Waren inklusive Menschenrechtsverletzungen. Wie soll dieser Kreislauf durchbrochen werden, wenn wir einerseits mehr nachhaltig produzieren wollen, andererseits mehr importieren müssten, um die Wirtschaftskrise zu meistern?

Bohle: Das ist das nächste Problem, und wohl auch das größte, weil es hier um internationale Standards geht. Was wir tun müssen ist, Arbeit von Grund auf anders und neu zu verteilen - national, international. Wir müssen höhere Löhne zahlen, um Arbeitnehmer einerseits gerechter zu entlohnen und um anderseits die Konsumkraft anzukurbeln, damit nachhaltige Produkte auch gekauft werden können. Insgesamt geht es darum, ein nachhaltiges Angebot und eine nachhaltige Nachfrage zu stärken. Das ist ein weiter Weg.

Darstellung aus dem Buch "Entweder Oder" von Riccardo Carlet / Institute of Design.

CCB Magazin:Aber glauben Sie wirklich, dass sich das – gerade im internationalen Maßstab – realisieren lässt?

Bohle: Wir sind erst am Anfang einer Entwicklung, zu der es kein Zurück mehr gibt. Man muss auch festhalten, dass das Bewusstsein für Nachhaltigkeit in den letzten Jahren enorm gestiegen ist. Das Umweltschutz- und Klimaproblem wird in Deutschland heute nach der Arbeitslosigkeit als das dringendste Problem angesehen, das widerspricht nur völlig dem Anteil beispielsweise an Ökostrom in deutschen Haushalten – der liegt gerade einmal bei 11 Prozent. Im Modebereich sieht es noch düsterer aus. Der Anteil von Biobaumwolle beispielsweise liegt weltweit bei unter einem Prozent. Selbst im Bio- und Lebensmittelbereich, wo man mittlerweile annehmen könnte, es gebe doch an jeder Ecke einen Biodiscounter, haben wir einen Bioanteil an Lebensmitteln von nur drei bis vier Prozent. Auf das gesteigerte Bewusstsein folgt noch kein unmittelbares Handeln. Das muss und wird sich aber noch ändern.

CCB Magazin:Inwiefern bremst hier der ökonomische Druck aber die nachhaltige Entwicklung? Nachhaltigkeit steht für Exklusivität, Exklusivität kostet Geld und kann auch Arbeitsmarktchancen einschränken, wenn sich Produzierende in einem ohnehin schon prekären Markt auf den Nachhaltigkeitssektor beschränken.

Bohle: Das ist wahr, der Druck wächst, aber auch auf die Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt. Und der Druck wird auch größer, sich mit nachhaltigem Wirtschaften auseinanderzusetzen. Genau diesen Druck müssen wir erhöhen.

CCB Magazin:Appellieren Sie hier an die Eigenverantwortung der Verbraucher und Unternehmer oder braucht es dafür rechtliche Regelungen?

Bohle: Beides, aber der Staat muss die Regeln vorgeben, auf Freiwilligkeit können wir nicht spekulieren. Alleine in Deutschland werden 45 Milliarden Euro für umweltschädliche Subventionen ausgegeben, weltweit sind es 500 Milliarden Dollar. Das sind absolute Größen, da müssen wir ran. Wir müssen das Geld künftig für Produkte ausgeben, die unsere Probleme der Zukunft zumindest ein stückweit lösen, Produkte wie Öl und Co bekommen das Geld dann eben nicht. Der Kapitalismus ist so nicht mehr zukunftsfähig. Er muss in eine öko-soziale Marktwirtschaft transformiert werden.

CCB Magazin:Herr Bohle, Frau Becker-Ritterspach, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.


Portfolio des Institute of Design auf Creative City Berlin

Kategorie: Wissen & Analyse

rss

Schon gelesen?

schließen
schließen