Innovation & Vision

Jessy Medernach: „Wir müssen Chancen eröffnen“

Jessy Medernach: „Wir müssen Chancen eröffnen“
Foto: © Verena Brüning

Alle reden über Flüchtlingspolitik und wie man Migrierende in den Arbeitsmarkt integrieren kann. Das Projekt CUCULA macht Möbel mit Köpfen: CUCULA will ein Unternehmen von Flüchtlingen für Flüchtlinge gründen und fünf Ausbildungsplätze schaffen – finanziert über Crowdfunding. Zum Schluss soll eine Design-Manufaktur an der Spree entstehen. Kann das funktionieren? Wie hilfreich kann Crowdfunding für die humanitäre Flüchtlingshilfe sein? Wir trafen Jessy Medernach, Sozialpädagogin bei CUCULA, zum Gespräch. 
 

INTERVIEW   MAUREEN NOE  



CCB Magazin: Hallo Jessy, CUCULA ist ein Verein, eine Werkstatt und zugleich ein Schulprogramm. Euer Name „CUCULA - Refugees Company for Crafts and Design“ setzt auf soziales, kulturelles und unternehmerisches in einem Projekt. Wie kam es zu dieser Verknüpfung?

Jessy Medernach: Die Idee von CUCULA entstand im November 2013, als fünf Flüchtlinge vom Oranienplatz im JugendKunst- und Kulturhaus Schlesische27 verschiedene Workshops besuchten. Es waren Maiga, Moussa, Ali, Saidou und Malik. Alle sind aus Westafrika über Lampedusa nach Deutschland geflüchtet. Mit dem Produktdesigner Sebastian Däschle bauten sie Möbel nach den Selbstbauplänen des italienischen Designers Enzo Mari, zu Anfang noch für den Eigenbedarf. Schnell wurde klar: Sie brauchen keine Möbel, sie wissen ja noch nicht mal, ob sie hier bleiben dürfen. Was fehlte, waren schulische und berufliche Perspektiven. Hier entsprang die Idee für CUCULA: Wir gründeten ein Kreativunternehmen für Flüchtlinge.

CCB Magazin:Wie kann man sich das vorstellen? Wie funktioniert das Konzept von CUCULA?

Jessy Medernach:Bei CUCULA arbeiten Designer mit Pädagogen und Flüchtlingen in einem interdisziplinär aufgestellten Team Hand in Hand. Wir inspirieren uns gegenseitig und lernen voneinander. Unsere Idee ist es, eine Designmanufaktur zu schaffen, in der Flüchtlinge die Grundlagen zur Holzverarbeitung erlernen, später eine Ausbildung absolvieren können und sich über den Verkauf der Möbel ihr eigenes Stipendium finanzieren – so bauen sie sich selbst eine nachhaltige Perspektive auf. Alltagshilfen, Rechtsberatung und Sprachunterricht sollen längerfristig darauf abzielen, dass die jungen Männer in Zukunft ihr Unternehmen selbständig führen und weiterentwickeln können. 
 

Das Team von CUCULA im Einsatz: "Es verändert einen, wenn man selber etwas mit den Händen herstellt und dabei merkt, was man eigentlich alles kann." Foto: © CUCULA.

CCB Magazin:Im Gegensatz zu anderen Formen der Flüchtlingshilfe hat euer Projekt eine sehr kleine Tragweite: Bei erfolgreicher Finanzierung sind vorerst nur fünf Flüchtlinge finanziell abgesichert und haben die Chance auf ein Bleiberecht. In Deutschland sind in diesem Jahr bisher knapp 160.000 Asylanträge eingegangen, die Erfolgsquote beträgt jährlich weniger als 10 Prozent. Was hat die breite Masse an Flüchtlingen von eurem Projekt?

Jessy Medernach:Wir wollen als Modellprojekt auch andere Menschen dazu anregen, ähnliche Strukturen aufzubauen, als Vorreiter sozusagen. Darum probieren wir Dinge aus, testen Möglichkeiten und suchen nach neuen Wegen, um Flüchtlinge aus ihrer gesellschaftlichen Stigmatisierung und Isolation herauszuholen. Dabei sind wir eines der ersten Projekte, die eine Alternative zur aktuellen Flüchtlingshilfe formuliert. Wir freuen uns sehr, dass uns mittlerweile Menschen aus ganz Deutschland kontaktieren, die Lust haben, etwas Ähnliches aufzubauen. 

Wir wollen als Modellprojekt andere dazu anregen, ähnliche Strukturen aufzubauen

CCB Magazin:Wodurch unterscheidet sich CUCULA von anderen Formen der Flüchtlingshilfe?

Jessy Medernach:Flüchtlingshilfe basiert leider viel zu oft nur auf „Hilfe“: Kleiderspenden, Essenspenden, finanzielle Unterstützung. Das versetzt die Menschen in eine abhängige Lage – sie sind weiter auf die Hilfe anderer angewiesen und können sich nicht aus der auferlegten Passivität befreien. Oft wird auch nur „über“ Flüchtlinge geredet, die Menschen kommen selber nicht zu Wort. Wir hingegen wollen die Menschen dabei unterstützen, selbstwirksam zu werden. Denn es verändert einen, wenn man selber etwas mit den Händen herstellt und dabei merkt, was man eigentlich alles kann. Durch die Möbelproduktionen können die Flüchtlinge nicht nur zeigen, was sie können, sondern auch ihre aktuelle Situation schildern und ihre Geschichte erzählen.

CCB Magazin:Wie?

Jessy Medernach:In einer unserer angefertigten Spezial-Editionen, dem „Botschafterstuhl“, integrieren die Flüchtlinge Relikte ihrer gefahrvollen Flucht über das Mittelmeer – so entstehen Dokumente ihrer persönlichen Geschichte, die weit über den Gebrauchswert eines Stuhls hinausgehen und eine Form der Kommunikation darstellen.

CCB Magazin:Stichwort Kommunikation: Immer mehr Projekte setzen auf privates Engagement und Austausch mit Flüchtlingen. Das Portal „Flüchtlinge Willkommen“ beispielsweise, vermittelt Flüchtlinge als Mitbewohner an WG‘s. Wieso sind solche Berührungspunkte wichtig?

Jessy Medernach:Es ist wichtig, die Lage von Flüchtlingen zu verstehen, die in Deutschland ankommen: Sie sind mit einem neuen Kulturraum, einer fremden Sprache und einem sehr komplexen und bürokratischen Rechtssystem konfrontiert. Viele verstecken sich oder verzweifeln bei Behördengängen, aber auch im Alltag. Der Austausch mit Menschen, die schon länger in Deutschland leben, kann da vieles bewirken: Man findet Anschlussmöglichkeiten, lernt die Sprache und kulturellen Eigenheiten schneller kennen. Der wichtigste Punkt: Man fühlt sich im neuen Land willkommen.

CCB Magazin:Die Stimmung ist in Deutschland derzeit allerdings sehr angespannt: 50 Prozent der Deutschen haben laut Umfrage ein negatives Bild von Flüchtlingen. Seit Wochen marschiert zudem die neue Bewegung Pegida durch die Straßen Deutschlands und fordert eine Begrenzung von „Flüchtlingsströmen“ sowie schnellere Abschiebeverfahren. Zugleich wollen viele Deutsche Asylbewerbern laut einer Allensbach-Studie  gerne persönlich helfen. Kann die deutsche Abschiebepolitik durch privates Engagement und stärkere mediale Aufmerksamkeit beeinflusst werden? 

Jessy Medernach:Ja, aber nur wenn sich eine breite Masse aus der Zivilgesellschaft, aus Institutionen und Organisationen auch für Flüchtlinge einsetzt. Dann muss die Politik nämlich handeln. Momentan sieht die Situation allerdings so aus, dass über Flüchtlinge oft sehr negativ berichtet wird. Wir müssen hier Chancen eröffnen.

Momentan sind wir noch eine gesellschaftliche Utopie

CCB Magazin:Die Ziele von CUCULA spiegeln sich in der Realität aber noch nicht ansatzweise wider: In Deutschland dürfen Asylbewerber per Gesetz nicht arbeiten. Eure fünf Mitarbeiter sind derzeit noch von Abschiebung bedroht. Die Zeit beschrieb euer Projekt als gesellschaftliche Utopie der Integration. Wie seht ihr das? 

Jessy Medernach:Ja, momentan sind wir noch eine gesellschaftliche Utopie. Im April sind wir auf der Designmesse in Mailand mit der CUCULA – Refugees Company for Crafts aufgetreten, obwohl es noch keine Company gab, und die Flüchtlinge nicht angestellt werden konnten. Damit haben wir das Bild einer Utopie gezeichnet und konnten dann fragen: Wieso geht das nicht? Wir haben eine Werkstatt, in der Menschen lernen, mit Holz zu arbeiten und tolle Möbel zu produzieren, nur dürfen wir sie aufgrund ihres Flüchtlingsstatus nicht anstellen. Nun sind wir auf dem Weg, aus dieser Utopie eine Realität werden zu lassen: Bei erfolgreicher Crowdfunding-Kampagne gründen wir im Januar den Ausbildungsbetrieb und beantragen den Aufenthalt für die Auszubildenden.

 

"Hier geht es nicht um überteuerte Designerstücke, sondern um ein demokratisiertes, „soziales“ Design." Foto: © CUCULA.

CCB Magazin:Ihr setzt auf „social“ Design. Eure Designs stammen aus der Feder des Italienischen Produktdesigner Enzo Mari. Wie kam es zu der Kollaboration? Wieso eigenen sich die Designs von Mari besonders?

Jessy Medernach:Enzo Maris Vision war ein demokratischer Zugang zu Design, deshalb veröffentlichte er 1974 die „Autoprogettazione?“-Selbstbaupläne und regte dazu an, dass die Leute sich selber hochwertige Designermöbel bauen. Die Pläne Enzo Maris ermöglichen es, über Sprachbarrieren hinweg mit einfachem Werkzeug und wenig Erfahrung qualitativ hochwertige, langlebige und schöne Möbel herzustellen. Mittlerweile entwickeln die Trainees ihre ersten eigenen Designideen, was zeigt, dass Maris Design weiterentwickelbar und somit zeitlos ist.

CCB Magazin:Maris Designphilosophie ist kapitalismuskritisch, gleichzeitig sind seine Entwürfe bei euch die Grundlage, um ein wirtschaftliches Unternehmen aufzubauen, denn ein freies und selbstbestimmtes Leben eurer Mitarbeiter in Deutschland kann nur durch die Bewährung oder ihr „Funktionieren“ im freien Marktsystem gewährleistet werden. Ist das nicht paradox?

Jessy Medernach:Ich denke nicht, dass sich das widerspricht. Hier geht es ja nicht um überteuerte Designerstücke, sondern um ein demokratisiertes, „soziales“ Design: Wir verkaufen die Möbel kostendeckend mit einem geringen Gewinn, der wieder in das Bildungsprojekt fließt. Mari sagte selber: „I want to create models for a different society“. Das wollen wir mit CUCULA auch. Design verstehen wir performativ. Im April haben wir Mari übrigens in Mailand besucht – er war begeistert von unserer Idee.

CCB Magazin:Ihr seid nicht die erste Crowdfunding-Kampagne mit Flüchtlingsthematik: „Flüchtlinge Willkommen“ finanziert Mieten über Crowdfunding und das Zentrum für Politische Schönheit hat kürzlich eine extrem erfolgreiche Kampagne zur Finanzierung ihrer kontroversen Protestaktion gegen die europäischen Außengrenzen realisieren können. Gibt es ein zunehmendes gesellschaftliches Bewusstsein im Hinblick auf die Flüchtlingsproblematik?

Jessy Medernach:Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich immer mehr Menschen für die Thematik interessieren, auch abseits vom politisch engagierten Netzwerk. Kein Wunder, die Medien sind voll mit Schlagzeilen über Flüchtlingswellen, Europas Außengrenzen und politische Flüchtlingsbewegungen - nur gibt es fast nie positive Nachrichten. Spannend ist, dass Crowdfunding hier auch zum Diskurs anregt, indem es viele Menschen vereint, die an eine alternative Flüchtlingspolitik glauben.

CCB Magazin:Wen wollt ihr mit eurer Kampagne ansprechen?

Jessy Medernach:Alle, die genauso unzufrieden sind mit der Flüchtlingspolitik wie wir – und natürlich Menschen, die sich für Design interessieren. Man kann bei uns sowohl ein tolles Designerprodukt kaufen, als auch einfach unser Projekt mit einer Spende unterstützen. Diese „gute Tat“ lässt sich sogar doppeln, indem man ein Möbel an eine soziale Einrichtung spendet.

CCB Magazin:Ihr seid noch in der Finanzierungsphase. Was passiert mit dem Geld bei erfolgreichem Abschluss der Kampagne?

Jessy Medernach:Bei Erreichen der Fundingschwelle von 70.000 Euro können wir fünf Ausbildungsstipendien für Flüchtlinge realisieren. Wir haben außerdem die Zusage über eine Querfinanzierung von 30.000 Euro als Startkapital für den Ausbildungsbetrieb. Unser absoluter Traum wäre das Erreichen des Fundingziels von 150.000 Euro: Durch diese Summe wäre ein ganzes CUCULA-Betriebsjahr gesichert und wir können den Verkauf soweit ausbauen, dass wir die Ausbildungsstipendien für das Folgejahr erwirtschaften könnten. Crowdfunding soll als Anschubfinanzierung für unser Startup sein. Danach soll es sich selbst tragen. Jetzt setzen wir unsere ganze Energie daran, dass wir unser Ziel erreichen!

CCB Magazin:Dann viel Erfolg damit! Danke für das Gespräch, Jessy.


CUCULA - Das Unternehmen von und für Flüchtlinge von Sebastian Däschle auf Vimeo.

Kategorie: Innovation & Vision

rss

Schon gelesen?

schließen
schließen