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Flowkey: Die App macht die Musik

Flowkey: Die App macht die Musik
Foto: © flowkey

Das flowkey Gründertrio (v.l.n.r.): Ahmed Hassan, unser Gesprächspartner Jonas Gößling und Alexander Heesing

Das dreiköpfige Startup flowkey hat eine eLearning Plattform ins Leben gerufen, mit der man durch Web-Technologie ein Instrument lernen kann. Denn die Deutschen greifen immer seltener zum Instrument, laut einer Konsumentenbefragung wird in nur knapp 20 Prozent der Haushalte Musik gemacht, Tendenz sinkend. Fast ein Drittel der Bevölkerung hat jedoch Lust ein Instrument zu lernen, oft fehlt nur die Zeit und das Geld. Kann da eine App Abhilfe schaffen? Und wie sinnvoll ist das? Wir haben mit Jonas Gößling, dem Co-Founder und CEO von flowkey, über das Programm gesprochen.


INTERVIEW   MAUREEN NOE


CCB Magazin: Hallo Jonas, ihr habt eine eLearning Plattform entwickelt, mit der man Klavier spielen lernen kann. Ich habe das Erlernen und Spielen eines Instruments immer als eine gemeinschaftliche Sache erlebt und hätte, ehrlich gesagt, gar keine Lust, alleine vor dem Laptop ein Instrument zu lernen. Hand aufs Herz: Fehlt bei dieser Art von Lernen nicht das gemeinschaftliche Element, wie der Austausch über die Musik oder das Feedback eines Musiklehrers, der die persönlichen Stärken und Schwächen seines Schülers kennt?

Jonas:Was das Spielen angeht, gebe ich dir Recht - gemeinsam Musik zu machen ist tatsächlich ein einzigartiges Erlebnis. Aber um dahin zu kommen muss man üben, glaub mir: Beim Üben will dich eigentlich keiner hören, da musst du schon alleine durch. Genau dafür ist flowkey der ideale Partner: Wir bieten dir eine interaktive Form des Lernens, die sich fast wie Spielen anfühlt.

CCB Magazin:Wie?

Jonas:Wir bieten dir Inspiration, welche Songs du spielen könntest und wecken so dein Interesse am Musikmachen. Und wir bieten dir eine Lernform, bei der du jederzeit die Bewegungsabläufe siehst und den idealen Klang hörst - anders als bei einem Notenblatt. Außerdem kannst du jederzeit in der App mit unseren Profis chatten und Hilfe erhalten. Stell dir flowkey wie einen Freund vor, der dir beim Lernen, Üben und Spielen hilft - und jederzeit verfügbar ist.

Stell dir flowkey wie einen Freund vor, der dir beim Lernen, Üben und Spielen hilft 

CCB Magazin:Auf eurer Seedmatch Kampagnen-Seite schreibt ihr, dass ihr klassischen Musikunterricht als frustrierend empfindet – ihr wollt diesen „revolutionieren“. Was genau frustriert euch an den Unterrichtsmethoden traditioneller Musikschulen? Was macht flowkey besser?

Jonas:Der Spaß an der Musik geht schnell verloren, wenn sich Lehrer nicht auf die Schüler einstellen und stur ihr Tonleiterprogramm durchziehen. Zudem ist gerade für Anfänger das Üben mit einem Notenblatt nicht ideal. Auch nach Jahren Musikunterricht können sich viele Schüler noch nicht richtig vorstellen, wie eine Note, eine Notenabfolge, oder ein Akkord klingen soll. Da kann Technologie wirklich helfen: Bei flowkey siehst du im Video jederzeit die genauen Fingerbewegungen und hörst, wie der Song klingen soll. Dabei kannst du selbst mitspielen und sofort merken, wenn du Fehler machst.

CCB Magazin:Flowkey soll den Zeitaufwand um 80 Prozent reduzieren, den es braucht, um neue Songs zu lernen. Ist es nicht eher erstrebenswert, sich für eine kreative Tätigkeit Zeit zu nehmen? Die meisten Menschen machen Musik schließlich als Hobby, aus reinem Spaß am Musizieren. Sollte zeitliche Effizienz ein Kriterium für guten Musikunterricht sein?

Jonas:Im Grunde gebe ich dir Recht - Musik machen und lernen braucht Zeit. Die meisten Menschen haben aber auch einen Job, der nur begrenzte Zeit für Hobbys lässt. Da ist es schon praktisch, wenn man statt einer Stunde nur eine halbe Stunde üben muss, um das gleiche Ergebnis zu erzielen. Unser Argument bezieht sich aber auch eher auf das Lernen mit Videos: Hast du schon mal versucht, bei YouTube Gitarre oder Klavier zu lernen? Entweder geht es zu schnell oder zu langsam und wenn du etwas wiederholen möchtest, klickst du wie wild auf der Zeitleiste herum. Das macht überhaupt keinen Spaß. Wir reduzieren die Klicks auf das Allernötigste.

CCB Magazin:Kann ein eLearning Programm einen Musiklehrer ersetzen?

Jonas:Ich würde es anders formulieren: Kann eine eLearning Plattform den Musikunterricht verbessern? Definitiv ja! Bisher spielt die Digitalisierung im Musikunterricht fast keine Rolle, zumindest in Deutschland – und genau da liegt das Problem. Nur wenige Schulen und Lehrer lassen sich auf die digitale Welt ein, die für Kinder und Jugendliche selbstverständlich zum Leben dazugehört. Warum lernt man im Klavierunterricht nicht, welche Rhythmik-Muster oder Akkorde für die Produktion eines Hip-Hop oder House-Tracks verwendet werden können? Warum sollte ich stundenlang auf ein stummes Blatt Papier starren, wenn es heute Audio- und Videostreaming gibt? Zudem haben wir bei flowkey sehr viele Nutzer, die sich einen Lehrer nicht leisten können, keinen guten Lehrer finden oder schlicht keine Zeit für regelmäßigen Unterricht haben. Diese Menschen würden ohne uns vielleicht gar keine Musik machen, was wirklich schade wäre.

Bisher spielt die Digitalisierung im Musikunterricht fast keine Rolle

CCB Magazin:Klassischer Musikunterricht ist sehr teuer und dadurch oft ein Privileg von einkommensstarken Teilen der Bevölkerung. Ist flowkey ein Versuch, den Musikunterricht zu demokratisieren?

Jonas:Richtig, genau darum geht es uns. Jeder Mensch soll die Möglichkeit bekommen, einfach und mit Spaß Musik zu machen und sich dabei nicht an verstaubte Unterrichtsnormen gebunden zu fühlen.

CCB Magazin:Der Name flowkey bezieht sich auf ein bekanntes Motivationsprinzip aus der Psychologie und Pädagogik, dem Prinzip des Flows. Wie habt ihr euer Programm gestaltet, dass der Nutzer in einen Flow kommt und Spaß am Lernen hat?

Jonas:Unser Lernsystem basiert auf den Grunderkenntnissen der mittlerweile jahrzehntelangen Forschung zum Thema Flow. Der Zustand des Flow ist für Menschen überaus angenehm, es müssen jedoch einige Bedingungen erfüllt sein, damit Flow erlebt werden kann: Man darf sich weder unter- noch überfordert fühlen, die Handlung muss fokussiert, ohne Unterbrechungen ablaufen und es sollte eine unmittelbare Rückmeldung stattfinden, ob man sich richtig verhält. Diese Bedingungen haben wir mit unserem interaktiven Lernmodus, dem „Flow Modus“, weitestgehend erfüllt. Im Flow Modus stoppt der Song bei jeder Note und läuft erst dann weiter, wenn man mit seinem eigenen Instrument richtig mitspielt.

CCB Magazin:Der Nutzer kann also exakt in seinem eigenen Tempo spielen?

Jonas:Genau, ohne das Video zwischendurch per Hand stoppen zu müssen und so den Flow zu unterbrechen. Zudem steht immer nur eine Handlung im Fokus der Konzentration: den nächsten Ton oder Akkord richtig zu spielen. Unmittelbares Feedback gibt es über unsere interaktive Tonerkennung. Woran wir gerade noch arbeiten ist das Thema der Unter- und Überforderung. Aktuell bieten wir eine Auswahl an Songs, aus der der Nutzer selbst wählen kann. Einsteiger können sich anfangs jedoch häufig noch nicht gut selbst einschätzen und laufen Gefahr, sich zu schwere Songs auszuwählen. Langfristig bedarf es also einer noch besser ausdifferenzierten Didaktik und eines Empfehlungssystems, das Lerndaten auswertet und den nächsten Song oder die nächste Übung vorschlägt. Beim Thema Flow kann man sich im Übrigen viel von der Gaming-Industrie abschauen, die das Flow Erlebnis für den Nutzer perfektioniert hat.

 

Deinen Lieblingssong entdeckt? Dann los! Die Glücksforschung sagt: Im Flow lernen macht Spaß, geht schneller und motiviert dich, dran zu bleiben. Foto: flowkey.

CCB Magazin:Mit Melodicus aus Deutschland, JoyTunes aus Israel oder Playground Sessions aus den USA existieren bereits vergleichbare eLearning Plattformen für Musik auf dem deutschen und internationalen Markt. Inwiefern hebt sich eure Plattform von den anderen ab?

Jonas:Erstens sind wir der einzige Anbieter weltweit, der eine interaktive Akkord- und Tonerkennung mit Lernvideos verknüpfen kann. Dadurch kann man interaktiv mit einem echten Musiker mitspielen, anstatt mit synthetisch generierten Tönen, wie es bei den genannten Mitbewerbern der Fall ist. Zweitens liefern wir Noten, Klang und Bewegungsabläufe in einem einzigen, übersichtlichen Interface, wodurch der Nutzer alle Lernmaterialien ohne lästiges hin- und herklicken auf einen Blick sieht. Drittens, und dies ist eher ein Vorteil aus Unternehmenssicht, ist unser Geschäftsmodell extrem skalierbar, da die Plattform cloud-basiert funktioniert, die Inhaltserstellung schnell geht und die Didaktik sprachenunabhängig ist. Die Tatsache, dass sich schon während der Beta Phase in vier Monaten über 10.000 Nutzer aus 118 Ländern bei uns angemeldet haben, unterstreicht diesen Punkt.

CCB Magazin:Ihr habt flowkey über eine Crowdinvesting Kampagne auf Seedmatch finanziert. Wieso habt ihr euch für das Crowdinvesting entschieden? Wieso für die Plattform Seedmatch?

Jonas:Musik betrifft und berührt uns alle, von daher passt unser Thema perfekt zur Crowd. Die Kampagne auf Seedmatch war tatsächlich schon seit über einem Jahr in unsere Strategie eingeplant, da wir den Geschäftsführer Jens-Uwe Sauer auf einer Netzwerk-Veranstaltung kennengelernt hatten.

CCB Magazin:Euer Fundinglimit von 200.000 Euro habt ihr innerhalb von 22 Stunden erreicht, dann auf 300.000 erhöht, was auch sehr schnell eingenommen war. Wieso war eure Kampagne so erfolgreich? Was würdet ihr anderen Startups raten, die ebenfalls eine Crowdinvesting-Kampagne planen?

Jonas:Eine Crowdfunding Kampagne dreht sich primär um Emotionen, erst als Zweites kommen rationale Faktoren hinzu. Erfolgreiche Teams wie Protonet oder Panono haben dies verstanden. Das Video zu einer Kampagne ist besonders wichtig. Es sollte das Problem emotional erklären und dabei Menschen in Alltagssituationen zeigen, anstatt auf Animationen, Monologen oder konstruierten Problemdarstellungen aufzubauen. Außerdem sollte es schnell gehen, nach 15 Sekunden muss ich wissen, was das Startup macht. Ich persönlich habe mir viel vom Video über die Kühltruhe „Coolest Cooler“ bei Kickstarter abgeschaut, der Aufbau der ersten 30 Sekunden ist genial. Auch der Text auf der eigenen Kampagnen-Seite muss spannend, knackig und authentisch sein – zu viele Fremdwörter und Nebensätze sollten vermieden werden. Ein gutes Video und Text sind allerdings nur die Grundvoraussetzungen. Wichtig ist auch, sein persönliches Netzwerk schon vor Kampagnenstart zu aktivieren, sodass schon in den ersten Stunden nach dem Startschuss Menschen aus dem Netzwerk die Kampagne teilen oder sogar selbst investieren.

CCB Magazin:Euer durchschnittliches Nutzerwachstum betrug in den vergangenen vier Monaten währen der Beta-Phase 14,6 Prozent wöchentlich, die Hälfte der Nutzer ist internationaler Herkunft. Wie baut man solch ein Netzwerk auf? Und wie bezieht ihr die Nutzer in euer Projekt mit ein?

Jonas:Wir haben grundsätzlich einen extremen Nutzerfokus und legen Wert auf individuelle Nutzerbetreuung, wie der schnellen Bearbeitung von Anfragen und Problemen. Das sorgt für positive Resonanz im Netzwerk und ist gerade am Anfang ein großer Wachstumstreiber. Außerdem lernt das Unternehmen automatisch, was die aktuellen Schwachstellen des Produkts und die Bedürfnisse der Nutzer sind. Hier kann man sich viel von den wirklich erfolgreichen Startups aus den USA abschauen, Airbnb zum Beispiel hat einen fantastischen Support. Auch Apple war früher für seinen Support berühmt. Steve Jobs hat selbst als CEO regelmäßig auf Kunden-Emails geantwortet. Deutschland hängt hier extrem hinterher - das muss sich ändern, wenn wir international erfolgreich sein wollen. Wenn man alles daran setzt, die Nutzer glücklich zu machen, ergibt sich automatisch ein Laserfokus auf das Produkt, der aus meiner Sicht extrem wichtig ist. Der Satz „Marketing is a tax you pay for being unremarkable“ des Geek Squad Gründers Robert Stephens ist zwar etwas übertrieben, leuchtet mir allerdings auch ein. Man sollte alles daran setzen, dass ein Produkt, zumindest in einer klitzekleinen Nische, das Beste der Welt ist.

CCB Magazin:Wie groß ist der eLearning Markt? Welche Rolle spielt der Standort Berlin in dieser Branche?

Jonas:Zunächst ist eLearning ein unglaublich weiter Begriff, ohne feste Definition. Je nach Studie liegt die Marktgröße zwischen 30 und 150 Milliarden US Dollar jährlich, wobei circa die Hälfte auf firmeninternes eLearning entfällt. Berlin hat mit Babbel, iversity und Sofatutor bereits interessante eLearning Unternehmen hervorgebracht. Neue Startups, wie Kenhub für eLearning im Bereich Medizin sind ebenfalls auf dem Vormarsch. Der Markt ist sehr spannend, aber birgt auch eine große Herausforderung: Man muss die Nutzer dazu bringen, langfristig dabeizubleiben. Gerade beim selbstständigen Lernen ohne externen Druck ist die Abbruchquote bekanntermaßen groß. Deshalb verbringen wir einen Großteil der Zeit mit Motivations- und Verhaltensforschung. Wer das Motivationsproblem am besten in den Griff kriegt, wird im eLearning Markt extrem erfolgreich sein.

CCB Magazin:Jonas, danke für dieses Gespräch und viel Erfolg!


flowkey Seedmatch Video from flowkey on Vimeo.

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