Innovation & Vision

„Ich nehme den Großkonzernen das, was ihnen nicht gehört“

„Ich nehme den Großkonzernen das, was ihnen nicht gehört“
Foto: © Van Bo Le-Mentzel

Van Bo ist Architekt, Open-Source-Designer, Querdenker und nennt sich "Karma-Ökonom". Er hat kostenlose Bauanleitungen zur Erstellung von Hartz-IV-Möbeln ins Netz gestellt und die Karma Chakhs produziert - und wohl kaum einer wurde über seine Crowdfunding-Kampagnen so bekannt wie Van Bo Le-Mentzel. Welche Wege sind über das Crowdfunding denkbar? Wie verändert Crowdfunding ökonomisches Denken und Handeln und wie kann die Wirtschaft von morgen aussehen? An einem sonnigen Tag trafen wir den Mittdreißiger in einem Café in Treptow, das Aufnahmegerät: läuft.
 

INTERVIEW   JENS THOMAS

 

CCB Magazin: Hallo Van Bo, du bist Architekt und veröffentlichst kostenlose Bauanleitungen zur Erstellung von sogenannten Hartz-IV-Möbeln. Du regst Debatten an und hast die Karma Chakhs ins Leben gerufen, einen fair produzierten Schuh als bewusste Kopie des erfolgreichsten Schuhmodells aller Zeiten, des Converse Chuck All Stars. Was würdest du sagen, wer bist du wirklich?

Van Bo: Zum einen bin ich Diplomingenieur Architekt und arbeite in einer Architekturfirma und interessiere mich für Möbelbau, deswegen baue ich ja auch Möbel, ich bin aber so nett und veröffentliche die Baupläne im Netz. Zum anderen bin ich Open Source-Designer, das heißt, ich glaube an die Kraft der Masse, an die Kraft der Crowd und untersuche mit unterschiedlichen Projekten, ob man nicht mit Hilfe der Crowd zu viel besseren menschenwürdigeren, innovativeren Lösungen kommt, als wenn man das Top-Down macht, so etwa als Firma oder als Startup. Die dritte Perspektive ist die, dass ich mich frage, warum ich das wirklich mache: Ich bezeichne mich selbst als Karma-Ökonom und versuche, Wege zu finden, wie man es schaffen kann, dass die Welt insgesamt irgendwie besser wird. Was kann jeder einzelne tun, damit wir mehr Zeit verbringen mit den Dingen, die für unser Leben besser sind?

CCB Magazin:Was kann jeder einzelne dafür tun?

Wir müssen Wirtschaft grundsätzlich anders verstehen. Wirtschaft beginnt für mich nicht beim Produzieren und Absetzen eines Gutes, sondern bei allem was ein Wir schafft. In dem Wort Wirtschaft steckt auch das Wir so schön drin. Jeder einzelne kann sich fragen: Was kann ich Gutes für diese Gesellschaft tun? Wie kann ich mich über Arbeit einbringen, damit es auch einen Mehrwert für andere hat? Für mich ist die Crowd das wahre Kapital. Denn es ist egal, wie viel Geld du hast, welchen Namen Du trägst. Es ist egal, welches Geld du hast, welche Kreise du kennst, wer deine Eltern sind. Das ist alles ist egal in der Wirtschaft von morgen, denn in der Wirtschaft von morgen zählt auch für Firmen die Crowd. Wenn du mal überlegst, wie Technologien entstehen und Innovationen, da wäre es ein Trugschluss zu glauben, dass diese Innovationen wie Suchmaschinen oder Wissenstransferplattformen im Internet entstehen, dass die durch eine Firma erfunden werden. Die werden immer durch die Crowd erfunden. So etwas wie Couchsurfing, das ist keine Erfindung von Airbnb. Carsharing ist auch keine Erfindung von BMW.  

Converse gehört nicht Nike, Converse gehört den Fans!

CCB Magazin:Aber große Firmen greifen das auf.  

Van Bo:Ja, sie machen das, weil sie unkreativ sind. Es ist ja nicht so, dass Converse die Schuhe erfunden hat, die wir als Converse kennen, sondern irgendein Basketballer hat sie erfunden. Es ist auch nicht so, dass die Suchmaschine von Google erfunden wurde, sondern irgendein Nerd im Silicon Valley hat‘s erfunden, also jemand aus der Crowd sozusagen. Und der erste Apple 1 Computer wurde auch nicht von Steve Jobbs oder von der Firma Apple erfunden, sondern von Steve Wozniak, jemandem aus der Crowd, aus der Elektronikszene, aus dem Silicon Valley. Das heißt, die großen Innovationen, die bahnbrechenden Ideen, die neuen Gedanken, der Mut, neue Produkte zu erschaffen, kommt selten von den Firmen. Deswegen ist es auch falsch, diesen Firmen solch einen Stellenwert zu geben, auch wenn es um Marken- und Patentrecht geht. Deswegen bin ich so ein großer Verfechter von Open Source, weil es eine Augenwischerei ist zu glauben, dass diese Firmen im Besitz der Marken sind oder sein sollten.

CCB Magazin:Du hast deine Kampagnen über das Crowdfunding finanziert. Bekannt geworden sind vor allem deine Hartz-IV-Möbel und die Karma Chakhs. Was ist das Spannende für dich am Crowdfunding?

Van Bo:Ganz einfach: Ich nehme den Großkonzernen das, was ihnen nicht gehört. Converse gehört nicht Nike, Converse gehört den Fans. Converse wurde vor fast zehn Jahren von Nike aufgekauft. Nike hat aber überhaupt nichts mit dem Kult zu tun, dass James Dean diese Schuhe getragen hat, dass der Schuh eigentlich ein Basketballschuh war für das Allstar-Team. Und wenn Nike Converse kauft, muss Nike, finde ich, erst einmal die Fans fragen. Das machen sie nicht. Ich mache das aber: Ich entwerfe etwas und gehe mit meiner Idee auf die Leute zu und frage: Wollt ihr das? Macht ihr mit? Wer macht mit? Das ist im Grunde die ehrlichste Art und Weise, Ökonomie zu betreiben.

"Ich bezeichne mich selbst als Karma-Ökonom und versuche, Wege zu finden, damit die Welt insgesamt irgendwie besser wird." Foto: Van Bo.

CCB Magazin:Ok, jetzt wird ein Schuh draus: Nike kopiert den Schuh, du kopierst den Schuh. Wo ist der Unterschied?

Van Bo:Der Unterschied ist der, dass Nike seine Produktionswege dafür nutzt, um Produktionen in Niedriglohnländer zu verlagern und sich damit auch noch eine goldene Nase verdient. Zugleich werden darüber andere Branchenbereiche bei Nike refinanziert, die nicht so gut laufen. Ich bin aber der Meinung: Nein, Eigentum verpflichtet. Du hast eine Verantwortung, wenn Du produzierst, Nike hat eine Verantwortung. Und wenn Nike der Verpflichtung nicht nachkommt, gibt es nur zwei Wege: entweder protestieren oder boykottieren und selbst herstellen. Und genau das mache ich, ich stelle die einfach selber her. Aber ich produziere es mit den Lieferanten, von denen ich denke, dass es ein richtiger ist, also mit Fair Trade-Firmen. Und ich produziere sie mit einem Tempo, bei dem ich denke, dass es gesünder ist, eben nicht von heute auf morgen, sondern es dauert einfach ein halbes Jahr. Und ich produziere sie auch auf eine Art und Weise, die den Fans gerechter wird, ich beziehe sie mit ein. 

Eigentum verpflichtet. Du hast eine Verantwortung, wenn Du produzierst

CCB Magazin:Wie beziehst du die Crowd mit ein?

Van Bo:In erster Linie über Facebook, Twitter und die Crowdfunding-Plattform, in meinem Falle Startnext. Zugleich ist die Crowd auch an der Produktion beteiligt. So wurden zum Beispiel die Sohle und die Verpackung von der Crowd mitgestaltet. Im Grunde kann jeder für 69 Euro zum Koproduzenten werden. Man zahlt für seine Karma Chakhs genauso viel wie für die Schuhe von Converse.

CCB Magazin:Bei den Karma Chakhs hast du eine Mindestmenge von 500 Stück gewählt. Warum in dieser Höhe?

Van Bo:Die Firma in Pakistan hat mir gesagt, „ja du kannst das gerne machen, wir würden für dich einen Schuh produzieren, aber es lohnt sich halt nicht nur ein Paar, sondern wir brauchen eine Mindestbestellmenge von 500“. Ich will die Schuhe ja auch nicht verkaufen, ich will nur für mich ein Paar haben.

CCB Magazin:Juristisch bewegst du dich mit deiner Produktion in einer rechtlichen Grauzone, weil der Schuh dem Original beinahe gleich kommt.

Van Bo:Ja, aber auch Nike bewegt sich mit seiner Produktion in einer rechtlichen Grauzone, weil sie im Grunde Ideen klauen. Das tue ich auch, nur bewusst. Im Gegensatz zu Nike will ich aber keine Schuhe herstellen, um damit Geld zu verdienen. Die Schuhe sind für mich, für meinen privaten Gebrauch, und für die 499 anderen Koproduzenten. Mir geht es nicht um Gewinn, sondern darum, Converse beziehungsweise Nike dazu zu inspirieren, Produkte anders herstellen zu lassen. Es ist ja auch möglich, Produkte auf faire Art und Weise zu produzieren. Meine Kampagnen sind da ein Anstoß.

CCB Magazin:Bislang hast du über das Crowdfunding kein Geld verdient. Du hast es im Grunde für andere getan oder damit Debatten losgetreten. Nun planst du ein Crowdfunding-Probejahr ‚Crowdfund-My-Life‘, um davon leben zu können. Was hat es damit auf sich?

Van Bo:Ich nenne es "D-Scholarship" oder zu Deutsch: Ein D-Stipendium. Das D steht für demokratisch und meint, dass nicht einige wenige Menschen, so zum Beispiel ein Stiftungsrat, darüber entscheiden sollten, wer ein Stipendium bekommen soll und wer nicht. Das Volk, also die Crowd, soll es entscheiden. Darum will ich das Crowdfunding nutzen, um 52 Stifter zu finden. 52, weil das Jahr 52 Wochen hat. Ich habe meine Lebenserhaltungskosten auf 52 Wochen runtergerechnet und bin auf knapp 390 Euro pro Woche gekommen. Die brauche ich, um mich und meine kleine Familie am Leben zu halten. Jeder kann eine Woche meines Lebens stiften. Das D-Stipendium ist ein Experiment, um Ideen wie das bedingungslose Grundeinkommen einmal zu testen. Denn die Stifter geben mir ihr Geld wohlgemerkt bedingungslos. Das heißt rein betriebswirtschaftlich haben sie gar keinen Vorteil. Doch ich bin fest davon überzeugt, dass in jedem Menschen ein Genie und ein Gemeinwohlwesen stecken.

CCB Magazin:Van Bo, danke für dieses Gespräch.

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