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„Wir müssen über Zumutungen des Ökonomischen nachdenken“

„Wir müssen über Zumutungen des Ökonomischen nachdenken“
Foto: © Prof. Dr. Katja Rothe

M³ MakeMeMatter – Alternatives Wirtschaften und Social Media für Darstellende Künste“ - so heißt ein neues Programm am UdK Berlin Career College. Was bedeutet alternatives Wirtschaften für die darstellenden Künste? Welche neuen Arbeitsmodelle sind denkbar und was hat das mit Social Media zu tun? Wir sprachen mit der fachlichen Leitung des Programms, Prof. Dr. Katja Rothe.
 

INTERVIEW   JENS THOMAS



CCB Magazin: Hallo Frau Rothe, ihr neues Programm am UdK Berlin Career College lautet „M³ MakeMeMatter – Alternatives Wirtschaften und Social Media für Darstellende Künste“. Um was geht es konkret?

Katja Rothe: Wir haben einen Weiterbildungskurs entwickelt, der wirtschaftliche Handlungsfähigkeit in einem Bereich fördern soll, der gerade auch in der gegenwärtigen Debatte als äußerst prekär skizziert wird: die darstellenden Künste, also Tanz, Schauspiel, aber auch Kostümbild, Artistik und Regie. In dem Kurs werden Techniken der Vermittlung und Positionierung der eigenen künstlerischen Arbeit mittels Social Media und Networking vermittelt, strategisches Handeln und die Möglichkeiten von Slow Marketing am konkreten Fall erprobt. Es geht nicht darum, den Künstlern und Künstlerinnen BWL-Tools aufzuoktroyieren. Die Kunstschaffenden sollen vielmehr ihre bereits existierenden Praktiken als Formen des Haushaltens, Teilens, Mitteilens und Verteilens entdecken und inspiriert werden, co-kreativ eigene Möglichkeiten des Vermittelns zu entwickeln.

CCB Magazin: Was meinen Sie mit co-kreativ?

Katja Rothe:Konkret lernt man Techniken und Tools aus den Bereichen Social Media, Open Source, Do-it-Yourself und Low-Tech kennen. Man beschäftigt sich mit Kulturpolitik, Organisationsformen in den Darstellenden Künsten und mit öffentlichkeitswirksamen Spielformen und Kampagnen. Guerilla-Marketing spielt ebenso eine Rolle wie das Crowdfunding und die Möglichkeiten, Fördermittel und Gelder einzuwerben und sich in der jeweiligen "Szene" zu positionieren, auch ohne Hochglanzbroschüre. MakeMeMatter möchte ausloten wie es gelingen kann, von der eigenen Kunst zu leben.

CCB Magazin: Ihr Angebot richtet sich an Einsteigerinnen und Interessierte 50+? Warum diese Zielgruppe?

Katja Rothe:Grundsätzlich richtet sich das Angebot altersübergreifend an alle Akteure der Darstellenden Künste. Wir haben zwei Workshops in einer Pilotphase des Kurses angeboten, die jeweils ein eher junges und ein eher älteres Publikum angesprochen haben. Wir wollten gerade auch bezüglich des Alters den Kurs öffnen und den Bedürfnissen von Menschen entgegenkommen, die bereits eine Laufbahn als Kunstschaffende haben, die aber an einem Punkt sind, an dem sie schauen wollen, was noch möglich ist. Die Kurse waren sehr erfolgreich und haben gezeigt, dass Weiterbildung sich ruhig offensiv generationsübergreifend verstehen kann.

CCB Magazin: Was macht die Zielgruppe 50+ besonders? Welche gesonderten Problemstellungen ergeben sich hier?

Katja Rothe:Die Probleme zwischen einer 20-jährigen und einem 50-jährigen sind in Bezug auf Social Media offensichtlich: Die eine ist ein "Digital Native", der andere schätzt die Möglichkeiten des Face-to-Face-Kontaktes. Dennoch liegen beide Positionen weniger weit auseinander als man denkt. Wenn die virtuellen Netzwerke in die so genannte reale Welt hinaus wachsen – Stichwort mobile Medien, Internet der Dinge, Open Hardware –, dann werden auch wieder die Fähigkeiten wichtig, die man glaubte verabschieden zu können: Materialität, Verantwortung gegenüber einer auch physisch verstandenen "Welt", Präsenz, Authentizität im Sinne von Zuverlässigkeit und ja, auch Körper- und Augenkontakt, das Vis-à-vis. 

Alternatives Wirtschaften heißt, dass Wirtschaft anders definiert wird

CCB Magazin: Sie sprechen in Ihrem Angebot von „Alternativem Wirtschaften“. Was meinen Sie damit und was wollen Sie vermitteln?

Katja Rothe:Alternatives Wirtschaften heißt zu allererst, dass Wirtschaft anders definiert wird. Es geht uns darum, die Definition dessen, was wirtschaftliches Verhalten sei, nicht im Sinne einer Wachstumslogik und unter der Alternativlosigkeit einer Sparlogik zu definieren. Vielmehr wollen wir auch das "Haushalten" mit Vorhandenem als ökonomisches Handeln verstehen. Dann wären auch das Teilen, das Pflegen, Wiederverwenden, Umverteilen und Verschenken wirtschaftlich sinnvoll und anzuerkennen. Wir schlagen vor, Wirtschaft nicht im Sinne einer strategisch initiierten Bedürfniserschaffung und -befriedigung im Kontext knapper Ressourcen zu verstehen, sondern wortgeschichtlich ernst zu nehmen: Denn Wirtschaften ist mit "Wirt" wortverwandt und bezeichnet hier jemanden, der Gunst und Freundlichkeit erweist. Wirtschaften wird also von uns als Form der „Gastgeberei“ getestet.

Foto: M³ MakeMeMatter.

CCB Magazin: Der Volkswirtschaftler Niko Paech fasst unter alternatives Wirtschaften die Befreiung vom Überfluss und zielt auf eine Begrenzung materieller Produktion und Re-Produktion ab. Was meint alternatives Wirtschaften dann für den Bereich der Darstellenden Künste? Hier werden ja keine vergleichbaren materiellen Güter produziert, vielmehr kulturelle Güter.

Katja Rothe:Auch wir beziehen uns in unserem Angebot auf Niko Paech, indem wir die Wachstumslogik gegenwärtiger Ökonomien – die ja oft auch im Sinne eines immateriellen Wissenskapitalismus beschrieben werden –  in Frage stellen wollen. Für die Künste macht das durchaus Sinn, denn Paech fordert eine Reduktion und Regionalisierung von Konsum: Genau das ist wichtig für Kunstschaffende, gerade im Bereich des Theaters. Hier soll nicht jeder Superstar werden. Vielmehr ist es wichtig, das jeweilige Handwerk zu erlernen, zu üben, zu erproben und Ideen entwickeln zu können. Und auch das Publikum möchte nicht einfach einen Service kaufen, sondern möchte Kunstpublikum sein, ästhetische Erfahrungen machen, zur Reflexion eingeladen werden und das Besondere erleben. 

Hier soll nicht jeder Superstar werden

CCB Magazin: Paech fordert zudem die "Reduktion und Umverteilung der durchschnittlichen Erwerbsarbeit". In den so gewonnenen Phasen entstünden Zonen für "marktfreie Versorgungsleistungen". Paech meint hier Tauschringe, Umsonstläden, Verschenkmärkte usw. Was hat das für die darstellenden Künste zur Folge?

Katja Rothe:Für die darstellenden Kunstschaffenden ist das eigentlich bereits Realität. Selbst Tatort-Kommissarinnen müssen mit Phasen von Arbeitslosigkeit leben, große Teile der Schauspieler und Schauspielerinnen haben mindestens zwei Jobs. Sie kellnern oder jobben im Call Center. Bisher wird versucht, diese "Brotlosigkeit" des Herzensberufs zu vertuschen. Uns geht es darum, hier offensiv anzusetzen: Wir möchten einerseits die Kunstschaffenden darin ausbilden, sich zu organisieren und zum Beispiel faire Löhne zu fordern, andererseits wollen wir über neue und alternative Arbeitsmodelle nachdenken.

CCB Magazin: Bedeuten alternative Arbeitsmodelle und neue Wirtschaftsformen für den Bereich der Darstellenden Künste dann nicht einfach, Alternativen im Bereich der Selbstfinanzierung finden zu müssen?

Katja Rothe:Natürlich geht es darum, von der Kunst leben zu können. Ina Roß, eine unserer Dozentinnen, fragt in ihrem Buch ganz offensiv: "Wie überlebe ich als Künstler"? Aber darin erschöpft sich die Idee von MakeMeMatter nicht. Uns ist es wichtig, über die Möglichkeiten und Zumutungen des Ökonomischen nachzudenken und neue Formen des Wirtschaftens zu entwickeln bzw. zu unterstützen. Wenn man aber Wirtschaften als Form der Gastgeberei begreift, geht das weit über die "Selbstfinanzierung" hinaus.  

CCB Magazin: Der Bereich der Darstellenden Künste ist stark abhängig von der öffentlichen Kulturförderung. Inwiefern sehen Sie hier die Gefahr, dass alternatives Wirtschaften für die Darstellende Künste dazu führt, diesem Bereich immer mehr wirtschaftliche Eigenverantwortung zu übertragen?

Katja Rothe:Das ist längst geschehen. Die Kunsthochschulen bilden heute nicht mehr allein für öffentlich satt geförderte Ensembles aus. Ein zunehmender und sehr großer Anteil der Absolventinnen und Absolventen muss sich – ob sie wollen oder nicht – auf dem freien Markt eigenverantwortlich bewegen. Hier sprechen wir nicht allein von der freien Szene der Performer und Tänzerinnen, sondern auch von in Kitas tätigen Puppenspielerinnen, von Artisten, von sich selbst produzierenden Sängerinnen, von Projektanträge schreibenden Theaterpädagogen usw. Und gerade weil die Kulturpolitik sich seit nun schon mehr als 20 Jahren als Form des Kulturmanagements begreift, hat man es als Kunstschaffende sogar mit einer verschärften Form "der Logik wirtschaftlicher Reproduktion" zu tun: Einerseits ist man als Kunstschaffende das neue 'Idealsubjekt' eines kapitalistischen Verständnisses: flexibel, kreativ, einer Mission folgend, allen Hindernissen zum Trotz auf Verwirklichung bedacht und dafür auch prekäre Lebensverhältnisse in kauf nehmend. Man liefert kreatives Kapital, was Städte wie Berlin unter dem Begriff "Kultur- und Kreativwirtschaft" in klingende Münze umsetzen können, immerhin 16 Prozent am Gesamtumsatz der Berliner Wirtschaft. Andererseits ist man mit der "Alternativlosigkeit" leerer – öffentlicher wie privater – Kassen konfrontiert, die andere Alternativlosigkeiten, wie den Berliner Flughafen, locker finanzieren können. Kunst ist in Berlin sehr preiswert. Uns geht es darum, diese Realitäten zu erkennen und mit der Entwicklung von ökonomischer Handlungsfähigkeit zu verbinden, die aber nicht einfach Rezepten aus dem Marketing folgen muss, sondern frech eigene Formen der Vermittlung und Positionierung erprobt.

CCB Magazin: Auch Sie stellen Rezepte aus dem Marketing vor. Ihr Programm führt die Bereiche Alternatives Wirtschaften und Social Media zusammen. Was hat Social Media mit alternativer Ökonomie zu tun und alternatives Wirtschaften mit Social Media?

Katja Rothe:Das gegenwärtige Nachdenken über Formen alternativen Wirtschaftens wie Tauschkulturen, Teilen oder Open Hardware wäre ohne das Sozialwerden des Internet nicht denkbar. Social Media meint aber mehr als das Klicken von Like-Buttons: Vernetzung, Partizipation, Kollaboration, Authentizität, Spiel, Demokratisierung des Wissens – diese Werte teilen Social Media und Formen alternativen Wirtschaftens. Wahrscheinlich wäre die Idee des alternativen Wirtschaftens ohne Social Media und die damit verbundene Umverteilung der Definitionsmacht von oben nach unten, von wenigen zu vielen nicht denkbar gewesen.  

CCB Magazin: Alternatives Wirtschaften zielt aber auch - so der Soziologe Hartmut Rosa – auf Entschleunigung. Rosa appelliert hier an eine Veränderung der 'Weltbeziehung'. Social Media steht hingegen für immer schnellere und zielgerichtetere Kommunikationsprozesse. Ist das ein Widerspruch?

Katja Rothe:Ich denke, dass Social Media für eine Explosion der Gerüchte sorgt. Das Raunen der Crowd ist in meinen Augen gerade keine "zielgerichtete" Kommunikation, sondern eine assoziative Form der Gerüchteküche. Gerüchte sind immer schon schnell, aber auch sehr diffus und uneindeutig. Sie können ihren Inhalt noch in der Übertragung verändern, Stichwort "Stille Post". Das ist ganz im Sinne von Hartmut Rosa eine äußerst interessante Art der "Weltbeziehung". Rosa fordert ja diese "Weltbeziehung" ein, das heißt zu erkennen, "dass wir uns als Menschen immer schon, und immer schon unmittelbar, in eine Welt hineingestellt und auf eine Welt hin ausgerichtet finden". Social Media bedeutet für mich eben dies: ein in die Welt-gestellt-sein und zwar als eine mit anderen Verbundene. Die Perspektive der sozialen Medien ist in Bezug auf die Welt weniger die des allein agierenden Einzeltäters, sondern die des Zusammenfindens über eine Community oder den „Schwarm“, nicht die der Wahrheit und Lüge, sondern die des Gerüchts. Rosa begreift ja diesen Weltbezug "physisch", auf "sinnliche Erfahrung" ausgerichtet und grenzt ihn von der Medienerfahrung ab. Allerdings ist sein Referenzmedium der Fernseher. Ich denke, dass soziale Medien, gerade wenn sie mit meinem Agieren in der materiellen Welt verbunden sind (über Flash Mobs z.B. oder Apps), ebenfalls eine Form der bedeutenden, "gelingenden", ja materiellen und körperlichen Weltbeziehung herstellen kann. Die diversen sozialen und revolutionären Bewegungen der letzten Jahre haben das manchmal auf schmerzliche Art gezeigt. Und "MakeMeMatter" zielt auf diese Konzentration, die Aufmerksamkeit und die Freude, den Genuss der Rezipierenden und Prosumenten. Es setzt auf Nachhaltigkeit, auf Langfristigkeit der Marketingstrategien sowie auf Empfehlung und Verweisung in Netzwerken statt auf aggressives Bewerben.

CCB Magazin: Frau Rothe, vielen Dank für dieses Gespräch.


Alle weitere Infos zum Programm finden sich hier.

Weiterführende Literatur zu diesem Schwerpunkt:

Niko Paech: Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. 144 Seiten, oekom verlag München, 2012 ISBN-13: 978-3-86581-181-3

Hartmut Rosa: Weltbeziehungen im Zeitalter der Beschleunigung - Umrisse einer neuen Gesellschaftskritik. Erschienen: 12.03.2012. suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1977, Broschur, 446 Seiten. ISBN: 978-3-518-29577-9

Hartmut Rosa: Beschleunigung und Entfremdung - Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit. Erschienen: 20.05.2013. Broschur, 154 Seiten. ISBN: 978-3-518-58596-2

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