Wissen & Analyse

Eric Eitel: „Es gibt mittlerweile ein politisches Bewusstsein in der Stadt“

Eric Eitel: „Es gibt mittlerweile ein politisches Bewusstsein in der Stadt“
Foto: © Music Pool Berlin

Ein "Pool", ein Team. Der Music Pool Berlin von links nach rechts: Olaf Möller, Andrea Goetzke, Eric Eitel, Kirsten Grebasch, Melissa Perales, Robert Witoschek.

Welche Modelle braucht es zur Wertschöpfung in der Musikindustrie? Welche Förderung braucht die Musik-Szene in Berlin und was erhofft man sich von Tim Renner als neuen Kultur-Staatssekretär? Der Music Pool Berlin wurde als neue Anlaufstelle in Berlin gegründet, um die Musik-Szene in der Hauptstadt zu qualifizieren und um solche Fragen zu diskutieren. Wir sprachen mit einem der Koordinatoren des „Pools“, Eric Eitel.
 

INTERVIEW   JENS THOMAS

 

CCB Magazin: Hallo Eric, seit 2007 gibt es bereits die Noisy Academy mit konkretem Beratungsangebot für Musikschaffende in der Stadt. Auch das Bandbüro existiert seit letztem Jahr, eine Anlaufstelle für Musiker in Berlin. Ohnehin gibt es seit 2012 das Music Board Berlin zur Förderung des Musik-Standortes Berlin. Warum braucht es da noch den Music Pool Berlin?

Eric: Katja Lucker vom Music Board Berlin hat das kürzlich einmal sehr schön gesagt: Es gibt viele Angebote in der Stadt, aber keine Bündelung. Jetzt kommen wir ins Spiel. Wir haben den Music Pool als erste Anlaufstelle positioniert und bieten allen Berliner Musikerinnen und Musikern eine kostenlose Orientierungsberatung. Von da aus, und das ist die Idee vom „Pool“, beraten wir und unsere Experten selbst oder leiten an andere Beratungsangebote weiter.

CCB Magazin:Eine Zunahme an Beratungsangeboten in der Stadt bedeutet aber nicht gleich ein Anwachsen des Marktes.

Eric:Das ist richtig, aber wir schaffen Transparenz, damit sich ein Markt entwickeln kann. Der Business-Case beginnt heute ja tatsächlich da, wo Musiker schon im Keller an irgendwelchen Geräten rumschrauben. Das kann schon der Beginn der Wertschöpfungskette Musik sein. In den letzten Jahren hat sich ja ein fulminanter Wandel vollzogen. Auf der einen Seite sind die ursprünglichen Versorgungsmechanismen der Musikindustrie völlig weggebrochen. Man kann heute einfach nicht mehr wie mit der Melkmaschine auf eine Platten- oder Booking-Agentur zugehen und glauben, der Firmenboss würde das kreative Potenzial abgreifen und den Business-Unterbau liefern. Heute ist viel Eigenverantwortung gefragt. Zum anderen existiert die Wertschöpfungskette Musik in industrialisierter Form aber immer noch: 80 Prozent der Einnahmen aus Musikverkäufen gehen in Deutschland zum Beispiel noch immer auf das Konto physischer Tonträger. Es ist nur einfach schwerer geworden, in den Markt reinzukommen. Hier vermitteln wir entsprechendes Wissen, durch Dozenten, die auch aus der Szene kommen. 

Der Business-Case beginnt heute ja tatsächlich da, wo Musiker im Keller an irgendwelchen Geräten rumschrauben

CCB Magazin:Stichwort Stärkung des Musik-Marktes: Bastian Lange u.a. beschreiben in ihrem Buch „Akustisches Kapital“, wie Produktion und Vertrieb in der Musikbranche heute immer häufiger unmittelbar in rasch umbrechenden sozialen Milieus und kreativen Szenen stattfinden, vormals fixierte Anlässe, Orte und Formen der Wertschöpfung verflüssigen sich. Welche Modelle braucht es zur Wertschöpfung in der Musikindustrie in Zukunft?

Eric:Ach, der Musik-Branche muss man gar nicht großartig helfen. Es müssen nur die Rahmenbedingungen stimmen. Nach den großen Fragezeichen der letzten Jahre, die die Szene vor sich hergetragen hat, hat sie wieder einen Fuß auf den Boden bekommen. Das liegt natürlich daran, dass sich die Szene nicht mehr so gegen das Digitalisierungsthema wehrt, sondern akzeptiert, dass Tonträger auch Produkte sind und sich in Zeiten der Digitalisierung vervielfältigen lassen. Die Einnahmen aus dem digitalen Geschäft sind mittlerweile auf einen Anteil auf rund 20 Prozent angestiegen. Der Umsatz aus Streaming-Diensten wächst um knapp 40 Prozent. Erstmals seit 1999 wurde im Jahr 2012 nach Jahren erdrutschartiger Einbrüche wieder eine „schwarze Null“ auf dem Musikmarkt geschrieben. Im letzten Jahr konnte die Branche ein erneutes Umsatzplus von rund einem Prozent auf etwa 1,45 Milliarden Euro vermelden. In Zukunft wird es vor allem darum gehen, infrastrukturelle Rahmenbedingungen  zu verbessern. Für Berlin heißt das: Künstlerförderung, ausreichend Proberäume, Erhalt und Förderung der Clubszene. Das sind die zentralen Felder. Hier bedarf es auch der Förderung.
 

Foto: Berlin Music Pool.

CCB Magazin:Steffen Hack alias Stoffel vom Berliner Watergate forderte auf einer Podiumsdiskussion mit Katja Lucker u.a. auf den Berlin Music Days im letzten Jahr, dass die Musik- und Clubkultur Berlins keine weiteren Förderprogramme brauche, sondern Freiflächen. Wie siehst du das?

Eric:Ich denke in einer Ideal-Welt ist das so. Berlin ist aber nicht mehr das Berlin der 80er Jahre oder das von vor zehn Jahren. Unter den herrschenden Bedingungen sehe ich es dann als genauso richtig an, Leuten die Möglichkeiten zu bieten, sich im System zu behaupten, wie man natürlich auch Freiflächen und -räume braucht, damit interessante Musik überhaupt entstehen kann. Beide Wege sind wichtig. Wir vom Music Pool sehen uns hier auch als Anlaufstelle, um solche Diskussion zu führen und die Interessen der Szene gegenüber der Politik zu vertreten. Ich glaube auch, dass es mittlerweile ein politisches Bewusstsein in der Stadt gibt, dass man die Szene auch stärken muss. 

Berlin braucht: Künstlerförderung, ausreichend Proberäume, Erhalt und Förderung der Clubszene

CCB Magazin:Nun hat Berlin mit Tim Renner einen neuen Kultur-Staatssekretär, der direkt aus der Musikwirtschaft kommt. Was versprecht ihr euch davon?

Eric:Tim ist aus unserer Sicht eine gute Besetzung, da er auch die Bedürfnisse der Basis, das heißt der Musikerinnen und Musiker, auf dem Schirm haben wird. Darüber hinaus gibt es wohl auch kaum jemanden in der Stadt, der die Musikindustrie so gut kennt wie er. Wenn das Ganze dann zu einem angemessenen Ausgleich der Interessen, also zwischen Hochkultur, Populärkultur und den Szenen führt, dann macht er aus unserer Sicht einen guten Job. 

CCB Magazin:Wie geht es mit dem Music Pool Berlin weiter? Was sind die next steps?

Eric:Der Music Pool Berlin hat vorerst eine Förderung bis Ende 2015. Inzwischen ist der Aufbau unserer Infrastruktur, also Personal, Büro, Webauftritt abgeschlossen und alle Ressourcen fließen jetzt in die Beratung. Neben der kostenlosen Orientierungsberatung, die wir mittwochs und freitags in unseren Räumen in der noisy Musicworld anbieten, finden regelmäßig Workshops und öffentliche Community Abende statt. Der letzte Abend zum Thema Popmusikförderung haben wir gerade mit dem Kulturförderpunkt Berlin und dem Musicboard veranstaltet. Da das Projekt bisher sehr großen Zuspruch von allen Seiten erfahren hat, rechnen wir damit, dass wir eine Anschlussförderung erhalten. Alternativ gäbe es aber sicherlich auch andere Förderprogramme, die den Music Pool über hinaus 2015 finanzieren würden.

CCB Magazin:Eric, vielen Dank für dieses Gespräch.


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