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Lizzar: Ohren auf und rein

Lizzar: Ohren auf und rein
Foto: © Lizzar

Könnte auch eine Band sein - das Team von Lizzar, die sich um Independent-Bands und -Musiker kümmern.

Lizzar.com ist eine neue Plattform für Newcomer und Independent Artists. Das Ziel: Ein faires Bezahlmodell für Musiker implementieren, die auf anderen Plattformen kaum Gehör finden. Was genau ist bei Lizzar anders und wie funktioniert das Geschäftsmodell? Und warum wurde Lizzar über ein Crowdinvesting finanziert? Wir sprachen mit Philipp Jähnel, Co-Founder von Lizzar.
 

INTERVIEW   JENS THOMAS
 


CCB Magazin: Hallo Philipp, Soundcloud ging 2007 an den Start und hat heute über 40 Millionen Nutzer weltweit. Spotify, 2008 gegründet, wird mittlerweile von über 20 Millionen Menschen genutzt. Warum braucht es dazu noch eine Alternative wie Lizzar?
 
Philipp: Weil weder bei den großen Streaming-Diensten, noch bei Soundcloud die Künstler für das Abspielen ihrer Musik fair bezahlt werden. Bei Lizzar hingegen landen 100 Prozent der Einnahmen direkt auf dem Konto des Künstlers - ohne Umwege und ohne Zwischenparken. Ich möchte ein Beispiel bringen: Die namhafte Sängerin Bette Midler beschwerte sich kürzlich öffentlich, dass sie von Deezer, einem der großen Streaminganbieter, für vier Millionen abgespielter Songs lediglich gut $100 an Ausschüttungen bekommen habe. Da frage ich mich, wie man in einem derartigen Umfeld als Musiker überhaupt überleben kann? Auch Spotify zahlt für jeden Abruf eines Songs nur 0,0034 Euro aus, Werke von Indie-Künstlern werden dabei besonders schlecht bezahlt. Bei Lizzar kann der Künstler hingegen den Preis für seine Musik selbst festlegen und erhält beim Kauf eines Songs ohne lange Wartezeit die erzielten Ausschüttungen direkt auf sein Konto. Zudem, und das ist weltweit einmalig, können Fans beim Kauf des Songs oder Albums ihre Kontaktdaten hinterlassen, wodurch der Künstler das für ihn wertvollste auf der Welt erhält, nämlich eine direkte Beziehung zu seinen Fans fernab von Facebook und den Streuverlusten.

CCB Magazin:Kannst du kurz skizzieren, wie Lizzar genau funktioniert?

Philipp:Der Hörer kann neue Musik aller möglichen Genres und Subgenres entdecken, seine Favoriten in beliebigen Playlisten abspeichern und immer wieder unbegrenzt abrufen. Für den Hörer ist das Entdecken neuer Musik bei Lizzar kostenlos, wie im Radio, nur eben wesentlich individueller und vielfältiger. Zudem hat der Hörer die Möglichkeit, Musik auf Lizzar mit bis zu fünf Sternen zu bewerten, Songs über das hauseigene Widget in Social Media Kanälen oder Blogs zu verteilen und bei einem Downloadkauf Kontaktdetails für den Künstler zu hinterlassen, um bei zukünftigen Veröffentlichungen direkt informiert zu werden. Und auf Künstlerseite funktioniert Lizzar so, dass es den Musikern über den ersten Independent Music Store möglich wird, beim Musikvertrieb auf unserer Plattform 100 Prozent der Erträge durch Downloadverkäufe zu erzielen.

Bei uns bekommen Künstler 100 Prozent ihrer Erträge durch Downloadverkäufe

CCB Magazin:Du sprichst vom Independent Music Store. Unabhängige Musikunternehmen stellen heute 30 Prozent des Musikmarkts dar. Zugleich droht beispielsweise Youtube aktuell Indies mit Sperrung. Warum vertreibt ihr gezielt Independent Music?

Philipp:Genau aus diesem Grund: Oft sitzt man als Musikhörer an seinem Laptop vor Spotify, Soundcloud oder YouTube und würde gerne neue Musik entdecken, doch es fällt einem einfach kein Künstler ein. Ich denke, hierzu brauchte es eine Alternative. Auf Lizzar kannst du selbst seltenste Genres auswählen und bekommst deine Playlist direkt auf den Bildschirm projiziert.

CCB Magazin:Diese Entdeckungskanäle gibt es doch aber auch bei anderen Anbietern.

Philipp:Das stimmt, aber sie sind sehr mainstreamlastig und werden zugleich redaktionell vorgefiltert. Spezielle Musikwünsche, beispielsweise aus Indien oder aus Nordamerika, findest Du bei Lizzar im Gegensatz zu anderen Anbietern sehr schnell.

CCB Magazin:Ihr habt Lizzar über ein Crowdinvesting auf der Plattform Companisto finanziert. Warum ein Crowdinvesting? Warum Companisto?

Philipp:Crowdinvesting ist ein gutes Tool, um Gelder zu akquirieren. Und es ist eine Möglichkeit, um Resonanz in den Medien zu bekommen. Das gilt nicht nur für uns, auch für die Künstler auf Lizzar: Gerade für Newcomer und Independent Artists ist es in der heutigen Zeit schwierig, neben international bekannten Künstlern sichtbar zu werden, insbesondere auf Plattformen mit Mainstream-Fokus. Unsere Crowdinvesting-Kampagne hat die Aufmerksamkeit von Independent-Künstlern erhöht, die auf unserer Plattform sind. Und Companisto haben wir gewählt, weil die Crowd für ihr Investment auch finanziell am Erfolg unseres Unternehmens beteiligt wird. Zugleich hat uns die “Exklusivität” auf Companisto gefallen. Wir finden es gut, dass Companisto sich auf nur zwei neue Kampagnen pro Monat beschränkt und sich entsprechend Zeit für die Startups auf ihrer Plattform nimmt.

Das Crowdinvesting hat uns geholfen, eine faire Unternehmensbewertung zu bekommen

CCB Magazin:War das Crowdinvesting für euch erste Wahl zur Finanzierung oder nur eine Alternative zu anderen, vielleicht fehlenden Finanzierungsmöglichkeiten?

Philipp:Natürlich haben wir uns andere alternative Finanzierungswege angeschaut. Wir hatten aber noch keine Umsätze, darum kam eine Business Angel-Finanzierung zum Beispiel nicht in Frage. Und die Konditionen von anderen Stellen, wie zum Beispiel von Banken, waren zu schlecht. Das Crowdinvesting hat uns hier geholfen, erst einmal eine faire Unternehmensbewertung zu bekommen. Zudem ist Lizzar in jeglicher Hinsicht ein Produkt für die Crowd: Durch das Bewerten von Songs nimmt jeder Hörer an der Qualitätssicherung der Plattform teil.

CCB Magazin:Aber wie finanziert Ihr euch?

Philipp:Bislang finanziert sich Lizzar durch die erste Crowdinvesting-Runde. Wir haben knapp 51.000 Euro eingenommen. Und wir haben Einnahmequellen über Musiker und Labels, die für Zugänge, Präsentation oder Erfolgsauswertungen ihrer Musik zahlen. Jetzt hoffen wir baldmöglich auf weitere Umsätze. Derzeit sind wir mit Business Angels und VCs in Gesprächen zu einer 2. Finanzierungsrunde.

CCB Magazin:Ihr hattet im Anschluss eine Folge-Kampagne im Bereich reward based Crowdfunding auf Indiegogo. Warum das?

Philipp:Die Crowdfunding-Kampagne auf Indiegogo sollte uns helfen, gezielt diejenigen zu erreichen, die vor Investments zurückschrecken. Crowdfunding ist ja nicht gleich Crowdinvesting. Denn während der Crowdinvesting-Kampagne haben wir gemerkt, dass gerade Indiegogo eine interessante Anlaufstelle sein kann, um Kreative zu erreichen. Eine weitere Crowdfunding-Runde kommt für uns aber nicht in Frage, da der Zeitaufwand im Vergleich zum Erlös einfach zu groß ist. Eine weitere Crowdinvesting-Kampagne wäre dagegen durchaus interessant.

CCB Magazin:Aber ist das ein gutes Ziel, sich von einer Crowdinvesting-Kampagene zur nächsten zu hangeln? Lässt sich damit ein Geschäftsmodell langfristig absichern?

Philipp:Ich denke, dass sich jedes Startup – zumindest am Anfang – von einer Finanzierungsrunde zur nächsten „hangelt, bis man Profitabilität erreicht hat. Das würde ich nicht negativ sehen. Da spielt es keine Rolle, welche Form man wählt.

CCB Magazin:Inwiefern würdest du sagen, habt ihr von euren Kampagnen über die erfolgreiche Finanzierung hinaus profitiert?

Philipp:Durch Crowdfunding-Kampagnen kann man eine Menge über die Rolle von sozialen Multiplikatoren und den Unterschieden zwischen einzelnen Ländern in Bezug auf Risiko und Investementbereitschaft lernen. So ist für uns deutlich geworden, dass die USA den Deutschen im Hinblick auf Investitionen noch einige Jahre voraus sind. Die Milliarden-Startups entstehen einfach in Übersee und nicht im Land der Dichter und Denker. Hier wird einfach noch nicht schnell genug gehandelt und zu viel nachgedacht. Darum war es für uns so wichtig, während des Crowdinvestings binnen kurzer Zeit viele Unterstützer zu gewinnen und sie als Multiplikatoren für unsere Idee zu nutzen. Ohne eine Community ist ein Durchbruch im ständigen “Lärm” der sozialen Netzwerke, in der Presse und generell in den Medien auch nur schwer möglich.

CCB Magazin:Wie habt ihr eure Investoren erreicht?

Philipp:Zum einen hat uns unser persönliches und berufliches Netzwerk zu Beginn sehr geholfen, ohne das geht es nicht. Ich kann jedem angehenden Gründer auch nur raten, sich sein Netzwerk so früh wie möglich aufzubauen. So haben wir ein Kick-Off-Event veranstaltet, bei dem wir unserem Netzwerk unsere Ziele erläutert haben. Zum anderen ist gute Pressearbeit wichtig: Hier sollte man jedoch nicht eine Pressemeldung einfach nur auf gut Glück an 1.000 Pressestellen verschicken – das hat sich zumindest bei uns als äußerst unsinnig erwiesen. Viel besser ist es, beispielsweise nur fünf Zeitungen, Magazine oder Online-Blogs gezielt anzuschreiben. Das erhöht die Chance, dass berichtet wird.

CCB Magazin:Philipp, wie geht es mit euch weiter, was sind eure Ziele?

Philipp:Unsere Ziele sind klar definiert: Wir wollen in den nächsten sechs Monaten ein ordentliches Wachstum hinlegen, insbesondere in Hinblick auf die Nutzung unserer Premium-Abonnements.  Am 1.Mai haben wir unseren Lizzar-Store und unser Fan-Management-System gelaunched, womit wir einmalig auf dem Musikmarkt sind. Mit diesen Funktionen kann jeder Independent-Künstler sein eigenes Business verwalten und eine solide Musikkarriere aufbauen. Damit schaffen wir für Künstler eine sehr attraktive Alternative zu Spotify und iTunes. Entsprechend wollen wir uns auch langfristig als starker Streamingdienst und Store für Independent Musik im Markt positionieren.

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