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Jakob Preuss: "Es gibt immer Alternativen"

Jakob Preuss: "Es gibt immer Alternativen"
Foto: © Stefan Kloos

Im Gespräch mit Creative City Berlin, Jakob Preuss von "GehtAuchAnders": "Wir wollen
Problemfelder über Prominenz und öffentliches Auftreten aufzeigen". 

„GehtAuchAnders“ ist eine Künstlerinitiative für eine mutigere Politik mit dem Ziel, Prominenz und öffentliches Auftreten für gesellschaftliches Engagement zu nutzen. Wie genau soll das funktionieren? Und was soll sich ändern? Wir haben nachgefragt, bei Jakob Preuss von der Initiative.
 

INTERVIEW   JENS THOMAS

 

CCB Magazin: Hallo Jakob, „GehtAuchAnders“ ist eine Künstlerinitiative für eine mutigere Politik: Was genau soll „anders gehen“?

Jakob Preuss: Wir reagieren mit unserer Initiative auf den von der deutschen Regierung geprägten Ausdruck der „Alternativlosigkeit“, der in verschiedensten politischen Bereichen – sei es bei der Energiewende oder der Eurorettung – gepredigt wurde. Es gibt immer Alternativen, davon sind wir überzeugt. Und es lohnt sich, für den besten Weg konstruktiv mit Beteiligung der ganzen Gesellschaft zu streiten.

CCB Magazin:Für welche Wege lohnt es sich derzeit zu streiten?

Jakob Preuss:Die Bandbreite unserer Themen ist groß, sie reicht von der Finanzindustriekrise, über den Klimaschutz und die Überwachungsproblematik bis hin zur Jugendarbeitslosigkeit. Wir sind eine Internetplattform, um diese Themen auf die Agenda zu setzen. Dabei nutzen wir die Interessen und Kompetenzen unserer Mitstreiter: Der Dokumentarfilmer Marc Bauder hat einen Film zur Finanzindustrie gemacht und dazu etwas veröffentlicht, Pierre Baigorry aka Peter Fox zum Klimaschutz, PR Kantate wiederum zur Jugendarbeitslosigkeit, da er viel mit Jugendlichen arbeitet. Das Thema Überwachung wurde sogar von mehreren Künstlern „bearbeitet“.  Unsere Themenwahl ist immer eine Mischung aus Dringlichkeit und persönlichem Interesse – jeder kann Vorschläge einbringen.

CCB Magazin:Auffällig ist aber, dass vor allem Prominente aus dem Bereich Kunst und Kultur Agenda-Setting betreiben.

Jakob Preuss:Ja, das ist auch unser Ziel: Wir wollen Prominenz und öffentliches Auftreten für gesellschaftliches Engagement nutzen. Aber jeder Interessierte kann Gastbeiträge einschicken, von denen eine Auswahl veröffentlicht wird. 

Wir wollen Prominenz und öffentliches Auftreten für gesellschaftliches Engagement nutzen

CCB Magazin:Wie genau funktioniert „GehtAuchAnders“?

Wir waren bisher ein informeller Zusammenschluss. Jetzt haben wir den Verein GehtAuchAnders e.V. gegründet, um eine Struktur zu haben.  Wir treffen uns ungefähr einmal im Monat, um unser Vorgehen zu besprechen, vieles läuft aber über Mailverkehr und das Netz.  Jeder von uns bringt Kontakte aus seinem Bereich mit, die er anspricht. So hat Pierre Baigorry weitere Musiker angesprochen, ich Dokumentarfilmkollegen, Clemens (Schick) andere Schauspieler. Mittlerweile kommen Leute auch auf uns zu, da sie von unserer Initiative gehört haben. 

CCB Magazin:Ihr wollt gesellschaftliches Engagement stärken. Aber gibt es dazu nicht schon genug Vorhaben im Bereich der Kultur, aktuell zum Beispiel die Koalition der Freien Szene oder Stadt neu denken in Berlin, den Kreativpakt e.V. auf Bundesebene und so weiter und so fort. Was macht den Unterschied?

Jakob Preuss:Ja, es gibt schon eine Menge Interessenvertretungen und Netzwerke. Der Unterschied ist aber, dass wir gerade keine Interessenvertretung sind. „GehtAuchAnders“ setzt sich eben nicht explizit für die Belange von Künstlern und Kulturschaffenden ein. Unserer Ansatz ist: Über Prominenz und öffentliches Auftreten Problemfelder aufzuzeigen. Wir wollen Politik und Kulturschaffende auf Augenhöhe zusammenbringen. Denn viele Künstler sind sehr skeptisch, sich politisch zu äußern, geschweige denn festzulegen – ganz anders als zum Beispiel in den USA. Gerade Künstler werden aber gesellschaftlich stark wahrgenommen und hier bringen wir einen frischen Ansatz: Es ist eben untypisch, wenn ein Musiker wie Pierre Baigorry aka Peter Fox oder ein Filmemacher wie Detlev Buck einen Politiker außerhalb einer Talkshow befragt – das hat Authentizität und kann unter Umständen viele Leute erreichen. Die Themen selbst sind ja nicht neu, nur der Zugang ist ein anderer. 

CCB Magazin:Auch Tim Renner hat die Initiative unterstützt. Jetzt ist er neuer Kulturstaatsekretär. Ist das ein Schritt in die richtige Richtung, wenn prominente Kulturakteure öffentliche Ämter übernehmen? Oder droht vielmehr die Gefahr der Verwässerung, indem die Konfrontationslinien zwischen Kultur und Politik verwischen und unter Umständen nicht mehr das gesagt wird, was aus oppositionellen oder subkulturellen Zusammenhängen auf den Punkt gebracht werden muss?

Jakob Preuss:Ich persönlich kenne keine Konfrontationslinien zwischen Politik und Kultur, die verwässern könnten. Kultur ist ein Teil der Politik wie jeder andere Bereich auch –ich sage ja auch nicht, wenn ein Jurist Politiker wird, dass die Konfrontationslinie zwischen Jusitz und Politik verwässert wird, falls es so eine gibt. Für mich ist das eine Fall-zu-Fall Entscheidung. Tim – der uns übrigens am Vorabend schon über seine Ernennung informiert hat, ist meines Erachtens eine gute Wahl – schauen wir mal, wie er sich schlägt. Bei „GehtAuchAnders“ ist er jetzt nicht mehr aktiv, da er ja sozusagen die Fronten wechselte und auch einen vollen Terminkalender hat – er kann sich ja schlecht selbst „kritisch“ begleiten. Aber in unserem Slider lassen wir ihn drin und am Dienstag kommt er auch!
 

Tim Renner: Auch er hat die Initiative „GehtAuchAnders“ unterstützt. Foto: Martin Becker.

CCB Magazin:Dienstag, gutes Stichwort. Ihr habt aktuell eine Crowdfunding-Kampagne und wollt eure Party „zur Stärkung der Initiative“ am Dienstag darüber finanzieren. Warum habt ihr euch für eine Crowdfunding-Kampagne entschieden?

Jakob Preuss:Gute Frage! Wir hatten alle – obwohl Künstler – keine eigenen Erfahrungen mit Crowdfunding. Letzlich ist auch ein Crowdfunding für die Party am Dienstag gar nicht unbedingt das geeignete Format. Man hätte auch einfach eine Soliparty mit Vorverkauf und Abendkasse machen können. Eigentlich wollten wir auch ein größeres Crowdfunding planen, bei dem die Künstler ganz verschiedene Gegenleistungen anbieten - von einer Lesung über Sprachtraining oder Filmvorführung, bis hin zur Party oder dem DJ-Set. Da wir aber nur einen Termin für die Party auf die Schnelle gefunden haben - unsere DJs sind derzeit mit ihren Musikprojekten viel auf Tour - haben wir das ausgekoppelt, sind aber dennoch beim Crowdfunding geblieben. Und das Crowdfunding hat uns ermöglicht, neben den Tickets noch ganz andere Prämien anzubieten, um uns zu unterstützen, gerade für Leute die nicht zur Party kommen können. So gibt es zum Beispiel signierte Grußkarten mit Partyfoto, einen Mitschnitt der DJ-Sets oder auch eine Ehrenmitgliedschaft bei GehtAuchAnders e.V. So ist das ganze auch nicht auf Berlin begrenzt. 

Unser Ziel ist es, Politik und Kulturschaffende auf Augenhöhe zusammenzubringen

CCB Magazin:Party hin oder her: Was ist für euch das Besondere am Crowdfunding, auch über die Finanzierung hinaus?

Jakob Preuss:Über das Crowdfunding können wir noch mal ganz andere Leute erreichen. Auf der einen Seite für die Party, auf der anderen Seite können wir für die Initiative werben. Bezogen auf die Party wäre das an einer Vorverkaufskasse schwieriger gewesen. Wir haben ja ein gutes Netzwerk: Pierre und Marten haben zum Beispiel jeweils über 800 000 Facebook-Fans. Wir senden aber auch Pressemitteilungen raus und geben Interviews wie zum Beispiel diese Woche auf Flux FM, oder sprechen Leute aus unserem Umfeld direkt an. Insgesamt ist für uns alles neu im Bereich Crowdfunding: Mindestsummen kalkulieren, Pakete schnüren, Power-Werbung etc. Beim Crowdfunding fanden wir vor allem die Grundidee gut: Es gibt eine Crowd, die ein Projekt toll findet und es unterstützen will. Das ist, was wir herausfinden wollen: Haben die Leute Lust auf unsere Initiative?

CCB Magazin:Eure Kampagne läuft über die Plattform VisionBakery. VisionBakery hat die Prämien aber direkt auf eurer Webseite eingebaut. Das heißt, die Kampagne findet direkt auf eurer Plattform statt. Insgesamt habt ihr 10.000 Euro als Zielsumme anvisiert. Was soll alles durch die Crowdfunding-Kampagne finanziert werden?

Jakob Preuss:Das teuerste an unserer Webseite waren und sind gefilmte Interviews, das ist aber auch die interessanteste und meist gesehene Beitragsart. Dafür braucht man Licht, eine Location, zwei bis drei Kameras, Schnitt etc. Weiterhin ist die Pflege und Bearbeitung der Webplattform ein ständiger Posten. Wir sind auch auf die Hilfe von Grafikern und Fotografen angewiesen. Auch würden wir gerne jemanden für Pressearbeit und Community-Betreuung bezahlen, denn das ist recht viel geworden – nicht alles kann man in der wenigen Freizeit unserer Mitstreiter professionell betreuen. Das gleiche gilt für die Buchhaltung. Bisher haben alle ehrenamtlich gearbeitet – das wollen wir auf Dauer unseren Freunden und Bekannten auch nicht zumuten.

CCB Magazin:Eure Kampagne trägt den Untertitel: „Feiern für eine mutigere Politik“. Das klingt nach „Jetzt wird zurückgetanzt“. In den 1990er wurde durch Trends der Feierei im Bereich elektronischer Tanzmusik das Zeitalter der Entpolitisierung aufgrund angeblicher Inhaltslosigkeit ausgerufen. Nun wollt ihr Party und politisches Engagement zusammenbringen. Lässt sich über eine zunehmende Eventisierung wieder eine neue Politisierung erzeugen?

Jakob Preuss:Na ja, wir wollen ja nicht auf der Party Politik machen, sondern durch die Party etwas Geld einsammeln, um uns dann wieder auf die Politikbegleitung konzentrieren zu können. Überspitzt gesagt: vielleicht kommt der eine oder andere nur zur Party, um gute Musik zu hören und wird dann nie wieder auf „GehtAuchAnders“ einen Beitrag lesen – das wäre zwar schade aber auch kein Beinbruch. Das kommt anderen zugute, die sich dann auf unserer Plattform mit Politik auseinandersetzen. Aber natürlich ist die Feier eine Möglichkeit, um neues Interesse zu wecken – das wird dann aber nicht auf der Party befriedigt, sondern durch das Durchforsten unserer Plattform. Darüber hinaus vernetzt sich die Künstlerwelt bekanntlich gerne – natürlich auch auf Festen und Festivals.

CCB Magazin:Jakob, wie geht es nach dem Crowdfunding mit der Initiative weiter?

Jakob Preuss:Dann wird durchgeatmet, Geld gezählt und überlegt, ob wir unsere ursprünglich geplante größere Crowdfunding-Aktion mit den gemachten Erfahrungen gleich dranhängen, um „GehtAuchAnders“ auch längerfristig auf unabhängige Füße zu stellen, oder ob wir erst mal wieder ein Thema wählen, was wir politisch bearbeiten. Bisher waren wir hauptsächlich mit Beiträgen im Vorfeld zu Wahlen  - Bundestag und Europaparlament - beschäftigt, das wird sich jetzt ändern. Wir können eigene Themen ganz bewusst setzen. Und darauf freuen wir uns.

CCB Magazin:Jakob, vielen Dank für das Interview. Wir sehen uns Dienstag in der ersten Reihe.

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