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Madeline Ritter: „Kulturförderung muss mutieren“

Madeline Ritter: „Kulturförderung muss mutieren“
Foto: © Bettina Stöß / www.moving-moments.de

Madeline Ritter hat den Tanzplan Deutschland und den Nachfolger Tanzfonds für die Kulturstiftung des Bundes auf den Weg gebracht. Aktuell hat sie eine erfolgreiche Aufstockung der Bundesförderung für den Tanz durchgesetzt. Wie schätzt sie die aktuelle Fördersituation für Darstellende Künstler in Deutschland ein? Welche Fördermöglichkeiten gibt es, welche sollte es geben?

 

INTERVIEW  JENS THOMAS

 

CCB Magazin: Frau Ritter, Sie haben den Tanzplan Deutschland und den Nachfolger Tanzfonds für die Kulturstiftung des Bundes konzipiert. Was sind Ihrer Meinung nach die dringlichsten Probleme, mit denen Darstellende Künstler beruflich derzeit konfrontiert sind?

Madeline Ritter: Ich möchte für den Tanz sprechen. Und da muss ich unterscheiden zwischen der Situation der freien Künstler und den Tänzern und Choreografen, die an den Stadttheatern arbeiten. Erstere sind vor allem mit dem Problem konfrontiert, wie innerhalb eines Fördersystems, das zeitlich begrenzte Projekte favorisiert, eine kontinuierliche künstlerische Entwicklung möglich ist. Das Stadttheatersystem bietet zwar Festanstellungen, verweigert aber dem Tanz – bis auf wenige Ausnahmen – die nötige Autonomie innerhalb der Sparten. Es sind die Schauspiel- und Opernintendanten, die in allem das letzte Wort haben.

Bei der Konzeption des Tanzplan Deutschland habe ich mir deshalb die Frage gestellt, wie das Verhältnis zwischen den Kulturakteuren und der Kulturverwaltung verändert werden müsste, um die Potentiale beider Bereiche besser auszuschöpfen. Allein über Antragsverfahren oder die Bestellung von Choreografen an Stadttheatern lassen sich die Situation des Tanzes und seine Produktionsbedingungen nicht verbessern.

CCB Magazin:Was müsste geschehen?

Madeline Ritter: Beim Tanzplan haben wir etwas sehr Einfaches gemacht. Wir sind in Städte gefahren und haben diese Frage in gemeinsamen Runden mit Vertretern der Kulturpolitik und der Tanzszene diskutiert. Die Antworten waren vielfältig und grundsätzlicher Natur: Wir brauchen neue Ausbildungen, Projektensembles, Residenzzentren, regionale Tanztreffen, internationale Koproduktionen, Tanz mit und für Jugendliche, Transitionsprogramme für ältere Tänzer und vieles mehr. Und da reicht es nicht, lediglich die vorhandenen Förderinstrumente aufzustocken – was schwierig genug ist – und das eine oder andere mit einem neuen Fördertool zu mischen. Ich halte es da mit der amerikanischen Sozialpsychologin und Ökonomin Shoshana Zuboff. Sie hat gesagt: „Wird nur noch von Innovation geredet, ist es das sichere Zeichen für den Niedergang. Wenn etwas verbraucht ist, nicht mehr richtig funktioniert, dann muss es ausgebessert, erneuert werden“. Es geht also um die Frage, wie sich öffentliche Kulturförderung verändern muss, um gesellschaftliche Transformationsprozesse wirkungsvoll mitzugestalten. 

Es reicht heute einfach nicht mehr, nur die vorhandenen Förderinstrumente aufzustocken

CCB Magazin:Und: Wie müsste öffentliche Kulturförderung verändert werden, um gesellschaftliche Transformationsprozesse wirkungsvoll mitzugestalten?

Madeline Ritter: Shoshana Zuboff würde darauf antworten: Durch Mutation, und zwar durch Mutation zu organisatorischen Mischformen, zu Hybriden. Und für die Kulturförderung heißt das: Die Kulturverwaltung muss sich trauen, eine neue Rolle einzunehmen. Vom Fördergeber zum mitgestaltenden Akteur, der ebenso viel zu gewinnen oder zu verlieren hat, wie der Künstler oder die Kulturinstitution. Die Haushälter beklagen schließlich immer das Gleiche: Alle Kulturschaffenden hätten nur das eine Ziel, den sicheren Hafen der institutionellen Förderung. Die Reaktion der Politik ist dann: Der Schnellste und Geschickteste gewinnt. Dann wird der (Förder)Sack zugemacht. Und so entsteht ein geschlossenes System. Hier müssen wir ansetzen.

CCB Magazin:Wie genau? Welche Modelle braucht es?

Madeline Ritter: Ich bin der Meinung, dass es neben den gewachsenen Strukturen von institutioneller Förderung und Projektförderung Modellprojekte geben sollte, die Veränderungsprozesse der kulturellen Infrastruktur unterstützen. So zum Beispiel kreative Strategien, um die vorhandenen Ressourcen bei Bund, Ländern und Kommunen besser zu nutzen. Dazu müssen die verschiedenen Förderebenen aber neue Formen der Interaktion und der Zusammenarbeit generieren. Grundsätzlich muss die Vernetzbarkeit von Förderinstrumenten verstärkt werden. Denn bisher gibt es vor allem Regeln, wodurch sich Förderungen gegenseitig ausschließen. Ich wünsche mir hingegen Match-Fundings auf allen Ebenen! Derzeit ist der Bund mit 13,4 Prozent Anteil an der gesamtdeutschen Kulturförderung der kleinste Player im Zusammenspiel mit Ländern und Kommunen und sollte vielleicht gerade deshalb die Position eines frei beweglichen Radikals übernehmen. Die Kulturstiftung des Bundes hat gezeigt, wie man durch gezielte Interventionen das ganze Feld zum Schwingen bringen kann. JEKI (Jedem Kind ein Instrument), Tanzplan Deutschland, Netzwerk Neue Musik, Doppelpass und Kulturagenten sind flexible Instrumente einer kooperativen und partnerschaftlichen Kulturförderstrategie.

CCB Magazin:Sie geben auch Workshops über „Fördermöglichkeiten in den Darstellenden Künsten“. Wie bewerten Sie die aktuelle Fördersituation für Darstellende Künstler in Deutschland insgesamt?

Madeline Ritter: Bestimmte Förderinstrumente kommen noch immer zu kurz. Dies gilt vor allem für die Bereiche Ensemble- und Konzeptförderung, Residenzen, künstlerische Recherche, Wiederaufnahmeförderung und Weiterbildung. Grundsätzlich ist die Fördersituation unbefriedigend für alle Beteiligten, auch für die Förderer. Die Enquete Kommission „Kultur in Deutschland“ forderte deshalb in ihrem Governance-Ansatz diskursive Prozesse, die alle Akteure einbinden. Ich bin Teil einer Initiativgruppe, die sich mit Tanzexperten aus verschiedenen Bundesländern und dem Dachverband Tanz für eine bundesweit koordinierte und gestärkte Tanzförderung einsetzt. Wir wollen ein bundesweites Modell der Tanzförderung entwickeln, indem wir Potenziale der Förderung der Länder und Kommunen besser miteinander verbinden und durch substanzielle Bundesmittel ergänzen. Ganz wichtig: Alle unsere Fördervorschläge beziehen Ensembles und Tanzschaffende aus institutionalisierten wie freien Strukturen gleichermaßen mit ein. Ein erster Erfolg konnte mit der Implementierung unserer Förderinitiative im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD errungen werden. Nur ist das leider noch nicht mit Geld unterlegt. Angestrebt wird aber eine mittelfristige Bundesbeteiligung von jährlich 20 Millionen Euro.

CCB Magazin:Die Tanzförderung wird immer wieder mit der Film- oder Musikförderung verglichen: So beläuft sich die Filmförderung des Bundes auf eine Größenordnung von über 100 Millionen Euro, die Musikförderung liegt bei 45 Millionen Euro.  Die Förderung des Bundes für den Tanz hingegen kann auf nur 4,5 Millionen Euro beziffert werden - Kommunen und Länder fördern den Tanz mit ca. 110 Millionen jährlich, das sind wiederum nur 5 Prozent der Förderung für die Darstellenden Künste. Wie kommen diese gewaltigen Unterschiede zusammen?

Madeline Ritter: Der Tanz hat es grundsätzlich schwerer, sich im Rahmen der existierenden Kunst- und Kulturfördersysteme gegen die anderen Kunstsparten zu behaupten. Lange stand der Tanz auch nicht in der Aufmerksamkeit der Bundeskulturpolitik. Das hat sich erst mit der Initiative der Kulturstiftung des Bundes für den Tanzplan geändert. Es gibt aber weiterhin großen Nachholbedarf. 

Wir brauchen Match-Fundings auf allen Ebenen!

CCB Magazin:Aktuell haben Sie eine erfolgreiche Aufstockung der Bundesförderung für den Tanz durchgebracht. Wie kam es dazu und werten Sie das als Erfolg?

Madeline Ritter: Der Stiftungsrat der Kulturstiftung des Bundes hat in seiner letzten Sitzung im Juli entschieden, die Förderinitiative Tanzfonds Erbe um weitere vier Jahre zu verlängern und mit einer zusätzlichen Summe von 2,16 Millionen Euro auszustatten. Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages hat kurz zuvor beschlossen, das von meiner gemeinnützigen Unternehmergesellschaft DIEHL+RITTER entwickelte Projekt „Dance On - Tanzrepertoire 40+“ mit 1,5 Millionen Euro zu unterstützen. Beide Projekte widmen sich sperrigen Themen – Tanzerbe und Tanz und Alter – von daher werte ich das als großen Erfolg, weil sich der Bund hier engagiert. Wir haben hier nicht nachlassende Überzeugungsarbeit auf allen Ebenen geleistet.   
   
CCB Magazin:Auf Ihrer Webseite steht: „In der Tanzszene besteht ein großes Interesse daran, das Erbe des Tanzes in Deutschland besser zu vermitteln – sowohl mit Blick auf das breite Publikum wie auch hinsichtlich der Ausbildung von Tänzern und Choreografen. Momentan sind jedoch weder öffentlich geförderte Tanzbühnen und -kompagnien noch freischaffende Künstler dazu in der Lage, eine solche zusätzliche Aufarbeitung zu leisten. Wo liegen die Probleme und wie löst man sie?

Madeline Ritter: Tanzfonds Erbe ist ein gutes Beispiel für eine mitgestaltende Förderpolitik. 2011, in der Vorbereitung zum Tanzfonds Erbe, haben wir viele Gespräche mit Tanzensembles und Choreografen geführt. Dabei zeichnete sich die Erkenntnis ab, dass die Beschäftigung mit dem Kulturerbe zwar gewünscht ist, aber die bestehenden Kapazitäten oft nicht ausreichen. Es mangelt nicht nur an finanziellen Mitteln, sondern auch am Zugang zu Choreografien und den dazu gehörigen Materialien. Die Urheberrechte für historische Werke des 20. Jahrhunderts sind oft ungeklärt oder verursachen hohe Kosten. Im Wissen um diese schwierige Situation konnten wir die Kulturstiftung des Bundes überzeugen, eine hundertprozentige Förderung auszuschreiben – im Rahmen von Projektförderungen ein äußerst unübliches Vorgehen. Mit meinem Team haben wir eine intensive Beratung und Begleitung aller Projekte ermöglicht sowie ein umfassendes Dokumentationskonzept umgesetzt, das alle mit der Förderung erarbeiteten Materialien und Stücke auf unserer Tanzfonds Webseite frei zugänglich sichtbar macht. Die Künstler müssen immer die Frage nach der Nachhaltigkeit ihres Tuns beantworten. Meiner Meinung nach steht der Förderer gleichermaßen in der Pflicht.

CCB Magazin:Frau Ritter, vielen Dank für dieses Gespräch.


Ein Überblick über die Tanzförderung in Deutschland findet sich unter www.tanzfoerderung.de oder unter www.kulturfoerderpunkt-berlin.de.
 

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