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Miriam Schriefers: „Wir erwarten konkrete Lösungsvorschläge“

Miriam Schriefers: „Wir erwarten konkrete Lösungsvorschläge“
Foto: © Miriam Schriefers

Die neue EU-Förderperiode 2014-2020 ist angebrochen: EU-Programme wie "Creative Europe", "Erasmus+", "Europa für Bürgerinnen und Bürger" und "Horizont 2020" stellen insgesamt ein Budget von 96,5 Mrd. Euro für die laufende Förderperiode bis 2020 bereit. Welcher Anteil steht für Kulturprojekte zur Verfügung? Wie lassen sich die Programme für kulturelle Vorhaben nutzen? Und können Arbeitsplätze und Nachhaltigkeit darüber gesichert werden? Wir nehmen an dieser Stelle das Programm Horizont 2020 unter die Lupe und sprechen mit Programmreferentin Miriam Schriefers. 


Interview Jens Thomas
 


CCB Magazin: Hallo Frau Schriefers, Sie begleiten das EU-Förderprogramm Horizont 2020. Um was genau geht es in ihrem Programm und wer kann gefördert werden?

Miriam Schriefers: Horizont 2020 ist das Rahmenprogramm der Europäischen Union für Forschung und Innovation. Ziel ist es, EU-weit eine wissens- und innovationsgestützte Gesellschaft und eine wettbewerbsfähige Wirtschaft aufzubauen und gleichzeitig zu einer nachhaltigen Entwicklung beizutragen: Horizont 2020 ist Teil der Europa-2020-Strategie mit ihrer Leitinitiative „Innovationsunion“, die für mehr Wachstum und Arbeitsplätze sorgen soll. An Horizont 2020 können sich alle Rechtspersonen eines EU-Mitgliedstaats, eines dem Rahmenprogramm assoziierten Staats oder eines Drittlands beteiligen. Und es werden Partner aus den Entwicklungsländern und den Ländern der Erweiterungs- und Nachbarschaftspolitik finanziell gefördert. Forschende aus den Industrie- und Schwellenländern können zwar in Horizont 2020 teilnehmen, erhalten für die Beteiligung aber in der Regel keine finanzielle Förderung. Bewerben kann man sich immer nur im Namen einer Einrichtung.

CCB Magazin: Die europäische Kultur- und Kreativbranche beschäftigt heute über 8 Millionen Menschen. Bis zu 4,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der EU entfällt nach Angabe der Europäischen Kommission auf die "Kultur- und Kreativbranche". Wie sollen über die Leitinitiative „Innovationsunion“ mehr Wachstum und Arbeitsplätze entstehen?

Miriam Schriefers: Voraussetzung für die Entstehung von mehr Arbeitsplätzen und Wachstum ist  – nach Meinung der EU-Kommission – eine wettbewerbsfähigere Wirtschaft durch Innovationen bei Produkten, Dienstleistungen und Prozessen. Und um hier anzusetzen, bietet Horizont 2020 drei getrennte, aber sich gegenseitig verstärkende Schwerpunkte: Zum einen den Bereich „Wissenschaftsexzellenz“, indem die besten Köpfe in Europa in allen Phasen ihrer wissenschaftlichen Karriere unterstützt werden. Der Schwerpunkt „Führende Rolle der Industrie“ fördert neue Produkte im Bereich Schlüssel- und industrielle Technologien. Hier wird auch auf Forschungsergebnisse gesetzt, wie etwa neuartige Materialien, Minicomputer oder biotechnologische Erkenntnisse, die eine wichtige Grundlage für andere Forschungsbereiche sein und zur Lösung von gesellschaftlichen Herausforderungen beitragen können. Drittens wird ein Großteil der Fördergelder zur Lösung von sogenannten „gesellschaftlichen Herausforderungen“, insgesamt sieben, aufgewendet, die auch für den Kulturbereich interessant sein können.

CCB Magazin: Inwiefern? Welche speziellen Fördermöglichkeiten gibt es für Kultureinrichtungen in ihrem Programm?

Miriam Schriefers: In der 6. Gesellschaftlichen Herausforderung „Europe in a changing world – inclusive, innovative and reflective societies“ ist der Bereich „Reflective societies“ speziell für europäische Kulturerbe-Einrichtungen relevant.

CCB Magazin: Was ist mit Projekten oder Institutionen, die keinen Schwerpunkt auf europäisches Kulturerbe haben? Fallen die aus dem Raster oder können die woanders unterkommen?

Unser Förderprogramm ist problemorientiert und interdisziplinär

Miriam Schriefers: Ja, da verweise ich auf die anderen EU-Förderprogramme Creative Europe, Erasmus+, oder Europa für Bürgerinnen und Bürger.

CCB Magazin: Erasmus+ verfügt über ein Budget in Höhe von rund 14,8 Mrd. Euro für die Laufzeit von 2014 bis 2020, darin ist der Bereich Kultur enthalten, jedoch nicht definiert. Das Gleiche gilt für das Programm Europa für Bürgerinnen und Bürger, hier steht allerdings nur ein Budget von 185,5 Mio. Euro zur Verfügung. Das Gesamtbudget des Programms „Kreatives Europa“ beträgt wiederum 1,46 Mrd. Euro für die Laufzeit 2014 bis 2020 - davon entfallen zirka 455 Mio. Euro auf das Teilprogramm KULTUR. Mit welchem Budget ist Horizont 2020 ausgestattet und wie unterscheidet es sich von den anderen Förderprogrammen Creative Europe, Erasmus+ und Europa für Bürgerinnen und Bürger? 

Miriam Schriefers: Unser Förderprogramm ist problemorientiert und interdisziplinär, das heißt, dass im Rahmen von Forschung und Innovation konkrete Lösungsvorschläge für gesellschaftliche Herausforderungen erwartet werden, während die anderen Programme meines Wissens niedrigschwelliger sind und tendenziell eher die europäische Begegnung als solche in den Vordergrund stellen. Auch die finanzielle Ausstattung ist eine andere: Von 2014 bis 2020 ist Horizont 2020 mit circa 80 Mrd. Euro ausgestattet. Allerdings entfallen nach offiziellen Angaben auf die 6. Gesellschaftliche Herausforderung „Europe in a changing world – inclusive, innovative and reflective societies“ lediglich 1,3 Mrd. Euro. Und auch davon ist nur ein sehr kleiner Teil für Kultureinrichtungen relevant.

CCB Magazin: Wie viel kann pro Projekt für die laufende Förderperiode beantragt werden?

Miriam Schriefers: Im Durchschnitt zwischen 1,5 und 2,5 Millionen Euro pro Projekt. Die Summe findet sich in der jeweiligen Ausschreibung, sie gilt jedoch für das gesamte Projektkonsortium, und das kann bis zu 30 Partner oder mehr umfassen. 

Unser Ziel ist es, einheitliche Rahmenbedingungen für Forschung und Innovation in Europa zu schaffen

CCB Magazin: Ihr Programm will Arbeitsplätze schaffen und zu einem „intelligenten, nachhaltigen und integrativen Wachstum“ beitragen. Wie können aber Wachstum und Nachhaltigkeit erzeugt werden, wenn Förderprogramme wie ihres in der Regel zeitlich begrenzt sind, Nachhaltigkeit aber Langfristigkeit voraussetzt? Ist das nicht ein Widerspruch?

Miriam Schriefers: Der Förderansatz im Kontext von Horizont 2020 ist grundsätzlich projektbezogen, das stimmt. Das Programm erhebt aber auch nicht den Anspruch, institutionelle Förderung zu betreiben, auch wenn dies immer wieder mal zur Diskussion steht. Ansprechpartner dafür wäre die EU-Kommission. Zudem sind die Förderbudgets im Rahmen der europäischen Projektförderung relativ klein, sie klingen nur erst einmal nach viel Geld. Im Vergleich zur nationalen und regional-kommunalen Ebene liegt der EU-Haushalt gerade einmal bei etwas mehr als 1 Prozent des europäischen Bruttonationaleinkommens. Die finanziellen Mittel sind also begrenzt. Trotzdem ist es das politische Ziel des Förderprogramms Horizont 2020, einheitliche Rahmenbedingungen für Forschung und Innovation in Europa zu schaffen, um Wachstum und Beschäftigung zu steigern. Hier sollen durch Horizont 2020 Impulse geliefert werden, indem idealerweise nachhaltige internationale und interdisziplinäre Netzwerke erzeugt werden.

CCB Magazin: Aber wie wird Nachhaltigkeit bei ihnen definiert und nach welchen Auswahlkriterien wird Nachhaltigkeit sichergestellt?

Miriam Schriefers: Durch die Innovationsorientierung in Horizont 2020 wird sehr genau darauf geschaut, wie die Ergebnisse von Projekten weiterverwertet werden können. Dies ist auch ein eigenes Evaluationskriterium, der sogenannte „Impact“. Die von der EU-Kommission benannten Gutachter bewerten Projektanträge unter anderem daraufhin, ob die Auswirkungen eines Projektes spezifisch und messbar erscheinen. Antragstellende müssen somit einen Verwertungs- und Verbreitungsplan für alle Phasen der Projektlaufzeit erstellen, der zeigt, welche verwertbaren Ergebnisse erwartet werden.

CCB Magazin: Wird hier auch geprüft, ob das Projekt ressourcen- und umweltschonend wirtschaftet und faire Arbeitsbedingungen sichergestellt sind?

Miriam Schriefers: Nein, das wird nicht gesondert geprüft. Vielmehr muss man darlegen, für welche Zielgruppen die Projektergebnisse interessant sein könnten – zum Beispiel Behörden, NGOs, Bildungs- und Kultureinrichtungen – und wie man die Ergebnisse diesen Zielgruppen näherbringt, zum Beispiel über Publikationen wie Bücher, Zeitschriften-Artikel, Policy Briefs oder Social Media-Diskussionen, Informationsveranstaltungen, Trainingsmaßnahmen oder auch Leitfäden. Für Innovationsmaßnahmen muss der Pfad zur Markteinführung beschrieben werden.

CCB Magazin: Ihr Programm erwartet, dass Antragssteller konkrete Lösungsvorschläge für "gesellschaftliche Herausforderungen zu mehr Wachstum" geben. Ökonomen wie Niko Paech sehen die Grenzen des Wachstums unter den gegenwärtigen Bedingungen bereits erreicht. Paech spricht sich für mehr Ressourceneinsparung und die Wiederverwertung von Materialien im Sinne einer „Postwachstumsökonomie“ aus, damit Nachhaltigkeit erzeugt werden kann. Werden auch solche Aspekte bei der Vergabe von Geldern für Projekte berücksichtigt?

Miriam Schriefers: Sofern dies als Thema in der jeweiligen Ausschreibung vorgegeben ist, ja. Dies könnte aber am ehesten in der 5. Gesellschaftlichen Herausforderung „ Climate action, environment, resource efficiency and raw materials“ ein Thema sein. Zu diesem Bereich beraten die Kollegen der Nationalen Kontaktstelle Umwelt.

CCB Magazin: Was wissen Sie über die Erfolgsquote von geförderten Projekten? Etablieren sie sich auf dem Markt oder entstehen eher Probleme bei der Marktbehauptung?

Miriam Schriefers: Die ersten Ausschreibungen für Horizont 2020 sind gerade gestartet und die Evaluationen für die 6. Gesellschaftliche Herausforderungen laufen noch. Insofern kann man hier noch keine verlässliche Aussage treffen. Generell sieht es aber auch in Horizont 2020 leider nach einer sehr hohen Überzeichnung aus, das heißt, es werden sehr viele Anträge eingereicht und nur sehr wenige Projekte können gefördert werden. Im Vorgängerprogramm, dem 7. Forschungsrahmenprogramm, lag die Erfolgsquote für sozial- und geisteswissenschaftliche Projekte, zu denen die Nationale Kontaktstelle Sozial-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften (NKS-SWG) berät, jedenfalls bei unter 10 Prozent. Und zur Marktnähe: Eine größere Marktnähe wird in Horizont 2020 angestrebt, ob sie sich im Kontext der Sozial- und Geisteswissenschaften und damit auch des Kulturbereichs jedoch umsetzen lässt, wird sich frühestens 2020, zum Ende des Programms, zeigen.

CCB Magazin: Frau Schriefers, vielen Dank für dieses Gespräch.



Weitere Informationen zum Programm Horizont 2020: www.horizont2020.de; www.nks-swg.de

Infos zum Programm Creative Europe

Infos zum Programm Erasmus +

Infos zum Programm Europa für Bürgerinnen und Bürger

Infolink: Welche Neuerungen bringt die neue EU-Förderperiode 2014-2020 mit sich, auch für den Bereich der Kulturförderung? Wie sehen die neuen Programme aus und was müssen Antragsteller beachten? Hierzu gibt der Creative Europe Desk Auskunft.

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