Innovation & Vision

Michael LaFond: „In Lichtenberg, Treptow-Köpenick und Marzahn liegt das Potential der nächsten Jahre“

Michael LaFond: „In Lichtenberg, Treptow-Köpenick und Marzahn liegt das Potential der nächsten Jahre“
Foto: © Andi Weiland

Wohnprojekte und Nachbarschaften, Kultivierung der Vielfalt, Innenstadt und Draußenstadt: Wie sieht das Berlin der Zukunft aus? Darum geht es auf den Berliner EXPERIMENTDAYS 14  vom 5. – 13. September. Der Schwerpunkt liegt in diesem Jahr auf Ost-Berlin. Welche Experimente sind heute notwendig? Wir sprachen mit Michael LaFond vom Experimentdays-Projekt-Team.

 

INTERVIEW   JENS THOMAS 

 

CCB Magazin: Hallo, Michael, ihr organisiert vom 5. – 13. September die EXPERIMENTDAYS 14. Um was geht es bei den EXPERIMENTDAYS?

Michael LaFond: Im Kern geht es um selbstorganisierte, gemeinschaftliche und nachhaltige Wohnformen. Wir organisieren die EXPERIMENTDAYS, um Projekte zu vernetzen, um Menschen, die solche Formen suchen, mit den Menschen zusammenzubringen, die sie organisieren.

CCB Magazin:Welche Zielgruppen sollen konkret zusammengebracht werden und warum?

Michael LaFond: Im Mittelpunkt stehen die Vernetzung von Wohnexperten aus allen Bereichen, sowie die Vermittlung zwischen Wohnprojektinitiatoren und Suchenden. Projekte, die sich gerade in der Entwicklung befinden, sollen Mitstreiter und Unterstützer finden, und Interessierten soll Mut zur Umsetzung eigener Ideen gemacht werden. Daneben sind auch Berater, Finanzierungspartner, Firmen und andere Beteiligte vertreten, um den Aufbau von Partnerschaften und Kooperationen zu ermöglichen. Wir wollen Kompetenzen stärken, damit Wohnprojekte selbst organisiert werden können und um Wohnprojektstrukturen noch weiter auszubauen. Das Ziel ist es, die Entstehung und Verbreitung gemeinschaftlicher Wohnformen zu unterstützen.

CCB Magazin:In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt auf Ost-Berlin. Warum?

Michael LaFond: In den letzen Jahren wird es immer schwieriger, bezahlbare Grundstücke für Neubauten von Wohnprojekten in der inneren Stadt zu finden. Hier kommt der Osten der Stadt ins Spiel: In Bezirken wie  Lichtenberg, Treptow-Köpenick oder Marzahn liegt das Potential der nächsten Jahre, denn die Grundstücke außerhalb des Stadtringes sind – noch – bezahlbar und die Infrastruktur ist gut. Mit dem diesjährigen Schwerpunkt der EXPERIMENTDAYS wollen wir also helfen, das Image der Plattenbau-Schlafstadt-Siedlungen zu korrigieren, und wir glauben, dass gemischte Quartiere mit selbstinitiierten und eigenverantwortlich gesteuerten Projekten hierzu einen wichtigen Beitrag leisten können.

Die Räume in Berlin schwinden, aber auch der Widerstand wächst 

CCB Magazin:Wie „vielfältig“ sind Lebens- und Wohnformen in Berlin - noch?

Michael LaFond: Berlin verfügt seit jeher über eine große Vielfalt an Wohnformen. Tatsächlich gilt Berlin inzwischen als die europäische Hauptstadt der Baugemeinschafts- und Wohnprojekte. Allein im letzten Jahr wurden ca. 450 Wohneinheiten fertig gestellt, das sind zehn Prozent des Neubauvolumens. Das umfasst kleine und große Wohnprojekte, Genossenschaften, Baugemeinschaften,  Wohnungsbaugesellschaften, spezielle Formen wie Mehrgenerationenwohnen und vieles mehr. Aber die Stadt hat sich verändert: Als wir 2003 zum ersten Mal die EXPERIMENTDAYS veranstalteten, war Berlin noch bezahlbarer. Es gab viele Freiräume, die jetzt langsam verschwinden. Zudem gibt es einen Trend zur Privatisierung von öffentlichem Raum. Doch auch der Widerstand wächst: Mit der Zeit haben sich auch die einzelnen Initiativen für alternative und kreative Wohnformen besser vernetzt und sind heute besser in der Lage, die Politik zu beeinflussen. Wir wollen solche Netzwerke unterstützen, um eine Stadt zu schaffen, die sich an den Bedürfnissen der Menschen ausrichtet – besonders den Bedürfnissen nach Gemeinschaft, öffentlich zugänglichen Freiflächen und langfristig bezahlbarem Wohnraum.

Foto: ©  Andi Weiland | Sozialhelden e.V.

CCB Magazin:Ihr bietet zahlreiche Workshops in diesem Jahr an. Welche Schwerpunkte habt ihr gewählt?

Michael LaFond: Das Workshop-Angebot ist breit gefächert und umfasst politische ebenso wie alltägliche Fragestellungen. Für Wohnprojekt-Interessierte gibt es zum Beispiel Tipps zum Aufbau von Gemeinschaftsprojekten oder Einblicke in die Soziokratie als Methode der Selbstorganisation. Wer es etwas praktischer mag, kann auch bei den Workshops zum urbanen Gärtnern lernen, wie man aus Kompost Erde herstellt -  oder kann an dem Versuch teilnehmen, eine Solaranlage aus Müll aufzubauen. Ein wichtiges Thema ist auch Barrierefreiheit: Im Anschluss an die „creative accessibility tour“ kann man dabei sein, wenn über gelebte Inklusion und „Stadt ohne Barrieren“ diskutiert wird.  

Wir wollen eine Stadt für alle

CCB Magazin:In diesem Jahr gibt es eine Wohnprojektbörse. Um was geht es da?

Michael LaFond: Bei der Wohnprojektbörse kommen um die 30 selbstorganisierte Projekte zusammen, ergänzt durch alternative Banken, Stiftungen und Expertennetzwerke. Gemeinsam wollen sie über nachhaltige, nicht-spekulative Stadtentwicklung informieren und diskutieren. Wir wollen das Interesse der breiten Öffentlichkeit an diesem Thema wecken und über Optionen informieren. Und natürlich wollen wir Politik und Verwaltung herausfordern.

CCB Magazin:Ihr habt die Leitlinie 4 des Stadtentwicklungsplan (StEP) Wohnen 2025  „Berlin gestaltet die Vielfalt der Wohnquartiere“ zum Gegenstand der Eröffnungsveranstaltung gemacht. Im Stadtentwicklungsplan Wohnen 2025 für Berlin werden die Handlungsfelder für die Stadtentwicklung der nächsten zehn bis fünfzehn Jahre festgelegt. Warum habt ihr sie so zentral platziert? 

Michael LaFond: Die Leitlinie 4 des Plans lautet „Berlin gestaltet die Vielfalt der Wohnquartiere“:  Die soziale und funktionale Mischung mit sehr unterschiedlichen Stadträumen ist charakteristisch für Berlin, doch sie zu erhalten ist angesichts der demographischen Entwicklung eine besondere Herausforderung. In diesem Zusammenhang kommt gemeinschaftlich organisierten Wohnprojekten,  Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften eine entscheidende Rolle zu. Daher wollen wir auf der Eröffnungsveranstaltung thematisieren, wie solche Wohnformen helfen können, Berlins einzigartige Vielfalt zu erhalten.

Foto: ©  Andi Weiland | Sozialhelden e.V.

CCB Magazin:Wenn ihr einen Blick in die Zukunft werft: Wie kann Berlins Vielfalt erhalten werden? Welche Experimente braucht es?

Michael LaFond: Wir wollen eine Stadt für alle – eine selbstgemachte Stadt, in der nicht nur Privatwohnraum innovativ realisiert ist, sondern auch öffentliche Freiräume demokratisch gestaltet und weitergedacht werden, in der Experimente gewagt und Visionen verwirklicht werden können. Im Moment ist dies noch nicht der Fall: Berlin öffnet sich zu langsam gegenüber innovativen Ideen. Wir brauchen daher neue Auseinandersetzungen mit den herrschenden Eigentumsverhältnissen, dem Boden als Wirtschaftsgut und der Gentrifizierung. Ganz zentral ist dabei die Frage der Privatisierung: Um alternative Wohn- und Lebenskulturen sowie neue Formen der Partizipation überhaupt zu ermöglichen, braucht es einen gewissen Handlungsspielraum. Öffentliche Liegenschaften sind hierbei ein zentrales Mittel. Wir fordern daher das Ende der Privatisierung, um auch in den kommenden Jahren noch die Möglichkeit zu haben, Wohnpolitik zu beeinflussen.

CCB Magazin:Michael, vielen Dank für dieses Gespräch.


Hier gibt es alle Infos zu den EXPERIMENTDAYS 14:
 

Kategorie: Innovation & Vision

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