Wissen & Analyse

Christoph Links: „Es ist einfach wunderbar, ohne Strom in der Badewanne zu lesen“

Christoph Links: „Es ist einfach wunderbar, ohne Strom in der Badewanne zu lesen“
Foto: © Ch. Links Verlag / Weber

Christoph Links arbeitete in den 1980er Jahren als Journalist für die Berliner Zeitung, im Anschluss war er beim Aufbau-Verlag und gründete kurz nach dem Mauerfall seinen eigenen Verlag – den Ch. Links Verlag, den ersten eigenständigen ostdeutschen Verlag mit Schwerpunkt Politik und Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts. Wie geht ein Verlag seines Formats mit den Umwälzungen der Buchbranche durch die Digitalisierung um? Welches sind die dringlichsten Herausforderungen, mit denen das Verlagswesen heute zu kämpfen hat? Ein Gespräch über Berlin, die Leidenschaft des Lesens und die Zukunft des Buchmarkts.

 

INTERVIEW   JENS THOMAS

 

CCB Magazin: Hallo Herr Links, Sie haben den Ch. Links Verlag kurz nach dem Fall der Mauer am 5. Januar 1990 gegründet. Am 9. November 2014 jährte sich der Berliner Mauerfall zum 25. Mal. Welchen Umbruch haben sie eindringlicher erlebt, den damaligen Fall der Mauer oder den heutigen Umbruch durch die Digitalisierung der Buchbranche?

Christoph Links: Der Umbruch ab 1989 war natürlich der deutlich tiefere Einschnitt in meinem Leben. Ohne den Fall der Mauer würde es unseren Verlag heute gar nicht geben. Drei Wochen nach dem Mauerfall wurde die staatliche Zensur abgeschafft, zum 1. Januar 1990 folgte die Lizenzpflicht für Verlage. In dieser Zeit begann eine wirklich freie Entwicklung der Medien und ein völliger Umbruch der politischen Verhältnisse. Damit kann man die Umwälzung der Buchbranche heute wirklich nicht vergleichen.

CCB Magazin: Wie kam es dazu, dass Sie ihren Verlag ausgerechnet kurz nach dem Mauerfall gegründet haben?

Christoph Links:Ich komme aus der DDR und hatte schon vor der Wende versucht, einen unabhängigen Sachbuchverlag zu gründen, ich bekam aber keine Genehmigung vom Kulturministerium. Das Papierkontingent reichte angeblich nicht aus. Das war zu DDR-Zeiten ein beliebtes Argument, um unliebsame Projekte aus dem Weg zu räumen. Nach der Wende hatten wir eine Situation, die wirklich einmalig war: Alle staatlichen Archive, Stasi-Dokumente etc. waren für Wissenschaftler zugänglich und auf diese Weise konnten viele Themen der jüngsten deutschen Geschichte, eben auch der DDR-Geschichte, gründlich aufgearbeitet werden. Das war uns ein Anliegen. Was die Forschung zur DDR-Geschichte angeht, ging es ja in den ersten Jahren nach der deutschen Einheit fast nur um Stasi, Stacheldraht und Schießbefehl, also die Herrschaftsgeschichte. Später richtete sich der Blick auch auf die Alltagsgeschichte und neuerdings auf die Kulturgeschichte der DDR. Mittlerweile haben wir unser Programm um viele Segmente erweitert. Aber in der Wissenschaftsreihe „Forschungen zur DDR-Gesellschaft“ wird weiterhin den vielfältigen Aspekten der ostdeutschen Geschichte nachgegangen. 

Nach der Wende hatten wir eine Situation, die einmalig war

CCB Magazin: Sie hatten immer eine Nähe zu Berlin und haben die Wandlungen der Stadt stets miterlebt. So gehörte ihr Verlag auch zu einer Welle von Verlagsneugründungen, die nach der Wende einsetze. Heute sitzen in Berlin Verlage wie Suhrkamp aus Frankfurt am Main oder Hanser aus München. Wie erleben Sie den Wandel Berlins damals und heute? 

Christoph Links:In Ost-Berlin hatte es auch damals schon in der Buchbranche – wie überall in der ostdeutschen Wirtschaft und Industrie – große Verwerfungen gegeben: Staatseigene Verlage wurden durch die Treuhand verkauft und stellten kurz darauf oftmals die Produktion ein oder reduzierten sie stark. Westdeutsche Verlage übernahmen den Markt. Auf der anderen Seite entstanden viele neue, meist kleinere Verlage. Die Aufbruchstimmung war gewaltig. Gerade im ersten Jahr, im „wunderbaren Jahr der Anarchie“, wie ein Buchtitel heißt, waren ja die bürokratischen Hindernisse gering. Inzwischen hat sich Berlin – anders als beispielsweise Leipzig – als gesamtdeutsche Verlagsstadt gut behauptet und ist inzwischen auf Platz eins, noch vor München und Frankfurt. Hier gibt es viele engagierte unabhängige Buchhandlungen, unzählige Literaturveranstaltungen, alles in allem ein gutes Klima für die Branche.

CCB Magazin: In Berlin sitzen heute rund 400 Verlage und bis zu 1.800 Unternehmen arbeiten im Bereich des Buchmarkts. Während aber rund 8 Prozent der bundesdeutschen Verlage in Berlin ansässig sind, werden nur 4 Prozent der Umsätze in der Stadt erwirtschaftet. Berlin ist noch immer Spielweise für viele kleinere unabhängige Verlage, es wird viel probiert, auch begünstigt durch die Digitalisierung. Welche Vor- und Nachteile bringt die gegenwärtige Umwälzung der Buchbranche durch die Digitalisierung mit sich? Und wie reagieren Sie mit ihrem Verlag darauf?

Christoph Links:Wir können bisher nicht feststellen, dass uns durch die Digitalisierung und elektronische Produkte die Einnahmen im Druckbereich wegbrechen – auch nicht bei unseren Länderporträts, die digital am stärksten nachgefragt werden. Ohnehin haben wir in unserem Verlag eine große Backlist, halten viele Bücher lange lieferbar oder bringen aktualisierte Nachauflagen heraus. Es gibt aber auch Titel, bei denen sich eine Druckauflage nicht mehr lohnen würde. Indem wir diese aber als E-Books anbieten, sind sie für Interessierte weiterhin verfügbar. Bisher hält sich der E-Book-Umsatz bei den meisten Verlagen so um die fünf Prozent. Die Belletristikverlage verkaufen mehr, die Fach- und Sachbuchverlage eher weniger. Und natürlich haben auch wir das Potenzial des digital publishing rechtzeitig erkannt: Schon vor zirka zehn Jahren haben wir begonnen, unseren Lesern auch PDFs zur Verfügung zu stellen, inzwischen erscheint jedes Buch – sofern es keine rechtlichen Einschränkungen gibt – auch als E-Pub. Wir machen auch schon erste Versuche mit „enriched E-Books“, also Digitalbüchern, die mit Videos, Fotos, Tondokumenten etc. angereichert sind. Dorthin wird die Entwicklung vermutlich gehen  –  weg von der 1:1-Umsetzung des gedruckten Buches.  

Wir können bisher nicht feststellen, dass uns durch die Digitalisierung und elektronische Produkte die Einnahmen im Druckbereich wegbrechen

CCB Magazin: Die Digitalisierung hat die ganze Branche völlig auf den Kopf gestellt: Laut Bitkom wurden in Deutschland bereits 2012 rund 800.000 E-Reader und über 12,3 Mio. E-Books verkauft. Auch entscheiden sich immer mehr Autoren für einen Selfpublish-Anbieter im Netz, der Anteil beträgt mittlerweile 19 Prozent am deutschen Buchmarkt. Ist die Verlagsbranche durch solche Entwicklungen bedroht?

Christoph Links:Nein, ich denke nicht. Denn was Autoren an Verlagen ja noch immer schätzen, sind ein gründliches Lektorat und Korrektorat sowie der enge Kontakt zum Verlag und den Buchhandlungen. Auch wir veranstalten jährlich zirka 200 Lesungen und arbeiten effektiv mit den Medien zusammen, was sich in bis zu 500 Rezensionen pro Jahr niederschlägt. All das leisten die Plattformen für eigene Veröffentlichungen im Netz nicht. Da geht ein Titel auch schnell mal unter. Und für Leser wird es immer schwierig bleiben, sich in dem unübersichtlichen E-Book-Markt zurechtzufinden. Hier gibt es keine kompetente Beratung, wie man sie in guten Buchhandlungen bekommen kann. Für Spezial- und Nischenthemen wiederum, die es am Markt der gedruckten Bücher schwer haben, ist das Digitalangebot sicher ein Gewinn. Es erweitert das Angebot und ergänzt die klassische Verlagsproduktion, insofern sehe ich hier keine Verschärfung des Wettbewerbs.

CCB Magazin: Sie nutzen für ihren Vertrieb auch Amazon. Amazon bietet als börsennotierter Online-Versandhändler bessere Konditionen an, senkt so die Preise und musste in der Vergangenheit viel Kritik einstecken. Welche Gefahr stellt das Prinzip Amazon für die Verlage dar?

Christoph Links:In Deutschland wie in weiten Teilen Europas gibt es per Gesetz feste Ladenpreise für Bücher, die der Verlag festsetzt und die vom Händler nicht unterlaufen werden dürfen. Das gilt auch für Amazon. Das Gesetz sieht zugleich auch Höchstmargen für einzelne Händler vor, die nicht über den Großhandelsrabatten liegen dürfen. Wenn sich daran alle halten, kann man damit auch leben. Sollte es überzogene Forderungen geben, muss man sich dagegen eben wehren. 

Bisher ist es nicht gelungen, gute rechtliche Rahmenbedingungen für den digitalen Markt zu schaffen, das muss sich ändern

CCB Magazin: Wenn Sie in die Zukunft blicken: Welches sind die dringlichsten Herausforderungen, mit denen die Buchbranche in Zukunft zu kämpfen hat und wo steht ihr Verlag in 10 Jahren?

Christoph Links:Bisher ist es nicht gelungen, gute rechtliche Rahmenbedingungen für den digitalen Markt zu schaffen, das muss sich ändern. Gegen illegale Raubangebote sind wir nahezu machtlos. Und auch die Erpressungsversuche marktmächtiger globaler Unternehmen nehmen in diesem Bereich zu, denen wir kleinere unabhängige Firmen nicht gemeinsam entgegentreten dürfen, da das Kartellrecht entsprechende Absprachen verbietet. Nach den radikalen technischen Veränderungen der letzten zehn Jahre wage ich aber keine Prognose für die nächsten zehn Jahre. Ganz sicher wird es einen größeren Mix an Angeboten und Nutzungsformen geben, aber das gedruckte Buch wird darin gewiss einen stabilen Platz behalten. Es ist einfach wunderbar, ohne Strom in der Badewanne zu lesen.

CCB Magazin: Herr Links, vielen Dank!

Christoph Links:Ich danke Ihnen.

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