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Ruben Neugebauer: „Diese Bilder lassen einen nicht mehr los“

Schwerpunkt Kriegsfotografie

Ruben Neugebauer: „Diese Bilder lassen einen nicht mehr los“
Foto: © Ruben Neugebauer

In einer Rehaklinik in der Türkei, nahe der syrischen Grenze. Plätze sind hier knapp, jeden Tag kommen neue Verletze aus Aleppo. (März 2013, Kilis, Turkey)

Ruben Neugebauer ist erst 25 Jahre alt und als Fotograf schon an zahlreichen Kriegsschauplätzen dieser Welt gewesen – so zum Beispiel in Afghanistan oder Syrien. Was bewegt einen jungen Fotografen dazu, in den Krieg zu ziehen? Was macht der Krieg mit den Menschen und was macht er mit einem selbst? Ein Gespräch über Tod, Flucht, Trauer und die Wirkungskraft der Fotografie.

 

INTERVIEW   JENS THOMAS   

 

CCB Magazin: Hallo Ruben, du bist 25 Jahre alt und hast als Fotograf schon viele Kriegsgebiete dieser Welt bereist. Warum machst du das?

Ruben Neugebauer: Weil ich als Fotograf gute Geschichten erzählen will. Darum arbeite ich auch in einem Fotokollektiv, dem Jib Kollektiv, mit dem wir uns sozialkritischen Themen widmen. Denn für vieles, was auf der Erde schief läuft, tragen wir, die Industrienationen, eine große Mitschuld. Wir dürfen in der westlichen Welt nicht die Augen davor verschließen. Die Industrienationen stehen in einer langen kolonialen Tradition der  Ausbeutung. Das sollte uns immer im Bewusstsein bleiben.

CCB Magazin: Was hat dich dazu bewegt, Fotograf und schließlich Kriegsfotograf zu werden?

Ruben Neugebauer: Ich bin nicht primär Kriegsfotograf, auch wenn ich schon in Kriegsgebieten gearbeitet habe. Mir geht es immer um aussagekräftige Geschichten, notfalls auch dort, wo Krieg ist. Und fotografiert habe ich eigentlich schon immer: Mit sieben Jahren hatte ich meine erste Kamera. Später war ich in einer kleinen Gruppe von Kletterern und Alpinisten, einige von ihnen wurden Bergführer oder ähnliches. Ich bin Fotograf geworden, weil ich das besser kann. So hat das angefangen.

Ruben Neugebauer, 25 Jahre, Fotograf aus Berlin: „Wir können in der westlichen Welt nicht die Augen vor dem verschließen, woran wir eine Mitschuld haben.“


CCB Magazin: Was willst du als Fotograf bewegen?

Ruben Neugebauer: Meine Motivation, eine Geschichte zu erzählen, hängt immer von den Themen ab. Grundsätzlich beschäftige ich mich aber mit sozialen Kämpfen, Umweltproblemen oder den Ursachen von Flucht, die häufig auch direkte oder indirekte Folgen kolonialer Ausbeutungspolitik sind und die sich auch durch ein entsprechendes Wirtschaftssystem bis heute fortsetzt. Mein Ziel ist es, so nah wie möglich an den Themen dran zu sein und einen Journalismus mit Haltung zu verkörpern, der in letzter Konsequenz auch implizit Forderungen stellt – zum Beispiel die, nach mehr Hilfe für die syrische Zivilbevölkerung im Fall von Syrien. Es gibt aber auch andere Themen, über die ich berichte: Kürzlich habe ich zum Beispiel eine Geschichte über Solidarische Landwirtschaft gemacht. Die Idee war hier, eine Geschichte zu erzählen, die Mut macht, die auch positiv ist. Ich wollte Alternativen zu unserem Wirtschaftssystem aufzuzeigen, das zu einem großen Teil auf Ausbeutung basiert. 

Mein Ziel ist es, so nah wie möglich an den Themen dran zu sein und einen Journalismus mit Haltung zu verkörpern

CCB Magazin: Du warst 2013 zusammen mit Björn Kitzmann im Krieg in Syrien. Über vier Jahre dauert der Krieg dort nun schon an, halb Syrien liegt in Trümmern. Alleine 2014 sollen dort 76.000 Menschen ums Leben gekommen sein. Welche Eindrücke hast du gewonnen?

Ruben Neugebauer: 2013 waren bereits große Teile Aleppos zerstört und die Assad-Armee führte schon damals einen brutalen Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Wir haben die Überreste völkerrechtswidriger Streumunition gefunden, die nur Assads Luftwaffe eingesetzt haben kann. Scud Raketen legten ganze Wohnviertel in Schutt und Asche, das war weit weg von der Front. Ich dachte damals, viel schlimmer kann es eigentlich nicht werden. Die nächsten zwei Jahre haben mich eines besseren belehrt. Es wurde schlimmer.

Ein Junge in der Region Aleppo. Ein lauter Knall hat ihn erschreckt, er weint. © Ruben Neugebauer.

CCB Magazin: Wie gefährlich war diese Arbeit für dich selbst?

Ruben Neugebauer: Diese Arbeit ist immer gefährlich, ich arbeite aber meist nicht direkt an der Front. Mich interessieren die Geschichten dahinter. Fern der Front ist die Gefahr aber sehr viel diffuser. In vielen Konfliktregionen werden Berichterstattende zur Zielscheibe und trotzdem gibt es oft ein vermeintliches Gefühl von Sicherheit, das sich einschleicht. Gerade dann ist Vorsicht geboten. James Foley beispielsweise, der kürzlich von der IS enthauptet wurde, saß möglicherweise noch mit seinen Entführern Stunden zuvor im Internetcafe und fühlte sich vermutlich relativ sicher. In meinem Job kann es Dich überall treffen, egal wie professionell Du arbeitest. Dasselbe gilt allerdings auch für die syrische Zivilbevölkerung. Gerade in Aleppo sterben Tausende durch Fassbomben. Wenn dann aber syrische Aktivisten von Dschihadisten enthauptet werden, ist das in Europa kaum eine Meldung wert.

CCB Magazin: Du hast deine Geschichte über den Krieg in Syrien „Generation Trauma“ genannt. Warum?

Ruben Neugebauer: Der Titel ist ein Zitat von einem Doktor, der in einem großen Camp in Syrien arbeitet. Das Camp liegt kurz vor der türkischen Grenze und heißt „Bab al Salam“, zu Deutsch: „Tor zum Frieden“. Der Doktor sagte, dass eigentlich alle Kinder und Jugendliche traumatisiert sind, die ins Camp kommen, es aber keine Möglichkeit zur Unterstützung gäbe. Das Schlimme ist ja, dass dort derzeit eine ganze Generation heranwächst, die nur den Krieg kennt. Eine Generation, die tief traumatisiert ist.

Diese Geschichten von Tod und Trauer, die lassen einen nicht mehr los

CCB Magazin: Wie machen sich diese Traumatisierungen bemerkbar?

Ruben Neugebauer: Die meisten Kinder und Jugendlichen in Syrien haben Angehörige oder Freunde verloren, sehr viele von ihnen haben selbst Kampfhandlungen erlebt, viele sind auf der Flucht und auf sich alleine gestellt. Selbst an den Fronten gibt es viele minderjährige Kämpfer. Eigentlich bräuchten alle Menschen dort psychologische Behandlung, doch dafür gibt es keine Kapazitäten. Ärzte vor Ort versuchen es darum meist mit einer Art Placeboeffekt: sie verteilen Spielzeug, Luftballons, Murmeln und ähnliches, damit die Kinder den Krieg irgendwie aus ihren Köpfen bekommen. Das funktioniert natürlich nur bedingt. Viele Kinder und Jugendliche leiden an Epilepsie-Anfällen, Schlafstörungen oder reagieren schockhaft auf laute Geräusche. Ich habe in meiner Serie einen solchen Jungen mit einem Luftballon fotografiert. Als der Ballon platzte, war das für ihn ein ganz schlimmer Moment. Der Krieg war für ihn plötzlich ganz nah, er war greifbar. Der Knall des platzenden Ballons erinnerte ihn an die Schüsse der Front.

Kinder im Camp „bab al salam“, übersetzt „Tor zum Frieden“, vor der türkischen Grenze. Psychologen verteilen gezielt Luftballons, um traumatisierte Kinder von ihrem Erlebten abzulenken. Platzt ein Ballon, werden Erinnerungen schnell wach. Wenige Kilometer weiter wird gekämpft. © Ruben Neugebauer.

 

CCB Magazin: Wie verarbeitest du solche Erlebnisse? Das lässt einen doch nicht los. 

Ruben Neugebauer: Das stimmt, das lässt einen nicht mehr los, darum gehört es auch zur guten Vorbereitung dazu, sich sehr genau und intensiv auf solch ein Vorhaben vorzubereiten. Man muss sich auf eventuelle Dinge einstellen, die im Anschluss nur schwer zu verarbeiten sind. Wenn ich zum Beispiel aus Krisengebieten zurückkehre - und dazu gehören nicht nur die Kampfgebiete als solche - fühlen sich die Probleme hier oft belanglos an. Für mich ist es darum sehr wichtig, über diese Dinge sprechen zu können, sie zu reflektieren, um sie irgendwie auch nur in Ansätzen zu verarbeiten. Oft spreche ich auch mit Kollegen und Kolleginnen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, denn die können meine Lage verstehen. Sie wissen, was dort vor sich geht und was das mit einem macht. Ich habe aber auch die Adresse einer Psychologin, an die ich mich wenden kann, wenn ich Bedarf habe. Man muss die Gefahr einer posttraumatischen Belastung ernst nehmen. Unter Umständen muss man sich professionelle Hilfe suchen. Es gibt viele Kollegen und Kolleginnen, die daran kaputt gehen, weil sie sich ihr Trauma nicht eingestehen.

Ein Junge im Lager „Bab al Salam“ mit gefundener Patronenhülse, die er vor seinem Haus in Aleppo aufgelesen hat. © Ruben Neugebauer.
 

CCB Magazin: Derzeit bist du wieder in Deutschland. Wie empfindest du die aktuelle Situation hier? Wochenlang gingen Tausende unter dem Banner Pegida für eine Verschärfung des Flüchtlingsrechts auf die Straße, die Anzahl der Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte hat sich seitdem verdreifacht. Was möchtest du diesen Leuten sagen? 

Das Verhalten der EU ist einfach nur schäbig. Man sollte der EU den Friedensnobelpreis aberkennen

Ruben Neugebauer: Ich möchte sagen, dass man eigentlich ganz PEGIDA und auch Teile der CDU für eine Woche lang mal in ein Flüchtlingslager stecken sollte - ohne sanitäre Einrichtungen und ohne befestigte Wege, am besten noch im Winter und zurück wieder per Schlauchboot oder unter einen LKW geklemmt. Vielleicht würden diese Menschen dann in Ansätzen nachempfinden können, was es heißt, seine Heimat unter den schlimmsten Umständen verlassen zu müssen und was es bedeutet, im Krieg aufzuwachsen. Mich erschreckt aber nicht einmal nur das derzeitige Phänomen Pegida. Mich erschreckt vor allem eine „Das Boot ist voll“-Rhetorik vieler Politiker, von Seehofer bis Kretschmann, von SPD bis CSU. Sie alle sind verantwortlich für die menschenverachtende Flüchtlingsabwehr der Europäischen Union im Namen der Bundesrepublik, für das massenhafte Sterben an unseren Wohlstandsgrenzen. Mittlerweile sind viele Millionen Menschen aus Syrien auf der Flucht. Deutschland, als eine der reichsten Industrienationen der Welt, hat sich gerade einmal zur Aufnahme von 10.000 Flüchtlingen bereit erklärt, alle anderen sind gezwungen, sich Schleppern anzuvertrauen und auf lebensgefährlichen Wegen die Grenzen der EU zu überqueren. Sogar der kleine Libanon hat über eine Million Geflüchtete aufgenommen. Das Verhalten der EU ist einfach nur schäbig. Man sollte der EU den Friedensnobelpreis aberkennen.

Geflüchtete aus Aleppo und anderen Regionen Syriens im Lager Bab al Salam: Warten auf die Essensausgabe durch eine türkische NGO. © Ruben Neugebauer.
 

CCB Magazin: Ruben, welches sind deine nächsten Projekte? Was hast du vor?

Ruben Neugebauer: Gerade habe ich ein Video über ein Schiffs-Projekt gedreht, das im Sommer auf dem Mittelmeer sein wird, um eine Art zivile Seenotrettung für Geflüchtete aufzubauen – die sea-watch.org.  Auch hier geht es um die Auswirkungen von Krieg: auf dem Mittelmeer sterben täglich Menschen. Das nächste Projekt wird dann eine Teamarbeit mit meinem Kollektiv sein, eine Investigativgeschichte im Umweltbereich. Zum Schluss soll eine große Multimediareportage stehen, zu der ich leider noch nicht so viel sagen kann und will, um die Recherche nicht zu gefährden. Beide Projekte sind aber vergleichsweise ruhig – diesmal auch ohne besonders große Gefahr für mich.

CCB Magazin: Ruben, ich wünsch dir viel Erfolg und vielen Dank für das Gespräch.

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