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Melanie Seifart: „Kreative haben noch immer ein Exoten-Image“

Melanie Seifart: „Kreative haben noch immer ein Exoten-Image“
Foto: © P. Scheller

Wer sich mit seiner Unternehmensidee selbständig machen will braucht vor allem eines: Geld. Und natürlich Mut und ein tragfähiges Geschäftsmodell. Welche Schritte muss man dafür gehen und wie realisiere ich mein Projekt? Zu diesen Fragen berät Melanie Seifart vom Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes seit Jahren. Creative City Berlin stellt in einer neuen Reihe die wichtigsten Beratungsstellen für Kreativschaffende in der Stadt vor. Hier folgt Teil 2 (Teil 1), das Aufnahmegerät läuft, Melanie Seifart spricht.

 

INTERVIEW   JENS THOMAS

 

CCB Magazin: Hallo Melanie, du berätst Kultur- und Kreativschaffende in Berlin und Brandenburg. In Berlin arbeiten bis zu 30.000 Unternehmen und 190.000 Beschäftigte in der Kreativwirtschaft, die einen jährlichen Umsatz von rund 15 Mrd. Euro erwirtschaften. Die Akteure gelten als mobil, sie arbeiten oft immer und überall, oft auch unter prekären Arbeitsbedingungen und sie sind in hohem Maße selbstorganisiert. Warum brauchen diese Leute Beratung?  

Melanie: Weil es für die entwickelten Angebote und Produkte von Kreativschaffenden oft noch keinen Markt gibt. Die Geschäftsmodelle der Kultur- und Kreativwirtschaft sind ja so bunt und divers wie die Branche selbst. Hier setzen wir an: Wir geben Orientierung und Übersetzungshilfe. Zudem stellen wir Unternehmer und neue Themen ins Rampenlicht in unseren regionalen und überregionalen Veranstaltungsformaten, sodass Unternehmer sichtbarer werden und andere von ihnen lernen können. Unser Angebot ist kostenfrei.

CCB Magazin:An wen richtet sich euer Angebot und wer nimmt eure Beratung in Anspruch?

Melanie:Wir beraten gezielt Selbständige in den Kulturwirtschaftssegmenten – also im Bereich Design, Games, Verlage, Film, Rundfunk und Musik. Wir bieten also keine Beratung zur klassischen Kulturförderung an, auch nicht zu Non-Profit. Hier verweisen wir an andere Stellen wie PAP Berlin für Tanz und Theater, musicpool Berlin für Musik oder den Kulturförderpunkt Berlin zur Kulturförderberatung. 

Viele Kreativschaffende tun sich noch immer schwer damit, ein konkretes Angebot für ihre Arbeit zu formulieren

CCB Magazin:Melanie, was sind die dringlichsten Fragen, mit denen Kulturschaffende und Kreative an euch herantreten?

Melanie:In erster Linie geht es um Finanzierung. In den Beratungen wird aber oft auch deutlich, dass sich viele Kreativschaffende noch immer schwer damit tun, ein konkretes Angebot zu formulieren, also: Was biete ich genau an und für wen könnte das auch wertvoll sein? Es geht um die richtige Kundenadressierung und vor allem um den Blick über den Tellerrand. Das bedeutet, sein Tun auch mal in neue Wirkungskontexte zu stellen.

CCB Magazin:Das heißt?

Melanie:Auch klassische Kulturunternehmen, die beispielsweise eine öffentliche Förderung erhalten, müssen sich fragen, wie sie wirtschaften können. Denn auch ein Theaterbetrieb ist ein Wirtschaftsbetrieb, er muss geführt und organisiert werden. Und auch als Bildender Künstler kann ich mir die Frage stellen, wie ich über meine Arbeit innovative Impulse für aktuelle Zukunftsfragen liefern kann.

CCB Magazin:Viele sehen das als Kommerzialisierung und Verwirtschaftlichung der Kultur. Sollte Kulturproduktion ein kommerzielles Wirtschaftsfeld im herkömmlichen Sinne sein?

Melanie:Es geht hier nicht darum, öffentliche Förderung gegen freie Kulturproduktion auszuspielen. Es gibt Felder, die der öffentlichen Förderung unterliegen und das ist auch gut so: Rund 17 Prozent der gesamten Kulturproduktion wird nicht über private Einnahmen, sondern über öffentliche oder private Förderung finanziert, das ergab gerade der Kultur und Kreativwirtschaftsindex. 7 Prozent finanziert sich über andere Einnahmequellen oder Sozialtransfers. Zugleich gibt es aber das Kulturwirtschaftsfeld und auch der Bildendende Künstler muss sich irgendwann die Frage stellen: Wie kann ich von meiner Arbeit leben? Ziel unserer Beratungen ist es, unternehmerisches Denken und Handeln zu schulen. Unsere Erfahrung zeigt auch, dass es bei vielen Akteuren noch immer große Unkenntnis über den eigenen Wert der Arbeit und eine Scheu davor gibt, die eigene Arbeit angemessen vergüten zu lassen.  

Ziel unserer Beratungen ist es, unternehmerisches Denken und Handeln zu schulen

CCB Magazin:Viele Kreativschaffende verkaufen sich unter Wert?

Melanie:Ja, und gerade weil die Konkurrenz so hoch ist, versuchen viele preisgünstig zu sein, was aber nicht nachhaltig ist und womit man sich und der gesamten Branche keinen Gefallen tut.

CCB Magazin:Viele Unternehmen suchen aber die, die am billigsten sind.

Melanie:Das ist ja gerade das Problem und auch hier versuchen wir anzusetzen: Wir wollen gegenseitiges Vernetzen unterstützen, damit ein gemeinsames Bewusstsein entstehen kann. Wir sagen: Bleibt nicht so klein, versucht euch zu binden. Proletarier aller Länder vereinigt euch, hieß es einmal. Also: Kreativschaffende aller Länder vereinigt euch und versteht euch auch als gesamte Branche, in der man sich gegenseitig unterstützt und für eine angemessene Vergütung einsetzt.

CCB Magazin:Es gibt ja bereits viele Initiativen und Zusammenschlüsse wie den Kreativpakt e.V., Art But Fair oder die Koalition der Freien Szene, die sich für eine angemessene Vergütung und berufliche Besserstellung der Einzelbranchen einsetzen. Wo liegt das Problem?

Melanie:Es gibt bereits gute Ansätze, aber die Diversität der Branchen ist sehr hoch: Die Kreativbranche ist kleinteilig organisiert, 97 Prozent sind Kleinstunternehmen, auch ist der Begriff der Kreativwirtschaft sehr sperrig und viele wollen sich darunter nicht verorten. Das alles erschwert die Vernetzung und ein gemeinsames Verständnis.

Foto: Melanie Seifart.

CCB Magazin:Du berätst in Berlin und Brandenburg. Welche regionalen Unterschiede machst du fest, bezogen auf Anliegen, Anforderungen und Problemlagen von Kreativschaffenden?

Melanie:Die Probleme der Kreativschaffenden und die Fragen, mit denen die Akteure in unsere Beratungen kommen, weisen im Grunde keine besonderen regionalen Besonderheiten auf. Allerdings sind für die erfolgreiche Umsetzung einer Geschäftsidee die Arbeitsbedingungen und regionalen Besonderheiten entscheidend. So stellt zum Beispiel das Thema Vernetzung in einem Flächenland wie Brandenburg eine viel größere Herausforderung dar als in einem Ballungsraum wie Berlin. In Berlin hingegen ist die Konkurrenz größer, der Selbständigenanteil in der Kreativwirtschaft ist in Berlin deutschlandweit am höchsten - er liegt bei 60 Prozent, im Bundesdurchschnitt sind es 24 Prozent.

CCB Magazin:Der neue Kultur- und Kreativwirtschaftsindex ist gerade erschienen: Er hebt die Unterschiedlichkeit der einzelnen Branchen hervor und macht auf den Wachstumstrend aufmerksam, betont aber zugleich das Problem steigender Mieten und den Mangel an günstigen Gewerbe-, Ausstellungs- und Probenräumen. Wird die Verknappung von Wohn- und Arbeitsraum für die Branche zunehmend zu einem Problem?

Melanie:Steigende Mieten sind ein Problem, vor allem für die, die auf Räume angewiesen sind – Bildende Künstler, Tänzer und Theatermacher, Musiker oder Modedesigner. Für all diese Leute sind steigende Mieten Zusatzkosten, die den Gewinn schmälern. Für Grafiker oder Autoren ist die Raumfrage hingegen weniger problematisch, wenngleich steigende Mieten unabhängig von der jeweiligen Branchenverortung ein Problem darstellen.

CCB Magazin:Wenn du die Entwicklung der Kreativwirtschaft der letzten Jahre betrachtest, wie hat sie sich verändert? Welche neuen Trends machst du fest?

Melanie:Derzeit gibt es vor allem im produzierenden und produktbezogenen Bereich den Trend zur Selbstproduktion - hervorgerufen durch die fortschreitende Digitalisierung und damit neuen Möglichkeiten. Ich bin mir auch sicher, dass dieser Trend unsere Gesellschaft und die etablierten Produktionsformen auch weiterhin maßgeblich mitbeeinflussen und mitverändern wird.

CCB Magazin:Inwiefern?

Melanie:Schon jetzt geht die Entwicklung stark in Richtung Kleinteiligkeit und in den Bereich der Manufakturbetriebe, das wird sich noch verstärken. Es wird auch immer mehr in Netzwerken gearbeitet, also temporär und in flexiblen Einheiten. Coworking, Kleinteiligkeit, Kollaboration und branchenübergreifendes Arbeiten, das sind alles neue Formen des Arbeitens und Wirtschaftens. Wobei nicht die eine Arbeitsform die andere ablöst, vielmehr werden sie sich ergänzen.

CCB Magazin:Vor allem die Sharing Economy schlägt derzeit große Wellen. Auf der einen Seite sehen Ökonomen wie Jeremy Rifkin darin das Ende des Kapitalismus, weil über das Teilen die Grenzkosten zur Produktion nahe null laufen können und so die großen Player in ihrer Existenz bedroht würden. Auf der anderen Seite identifizieren Blogger wie Sascha Lobo einen neuen ‚Plattform-Kapitalismus‘ als Form einer neuen digitalen Wirtschaftsordnung, indem Plattformen wie Uber oder Airbnb schon jetzt ganze Märkte dominieren. Melanie, in welche Richtung geht das Ganze? 

Melanie:Vermutlich in beide: Zum einen nimmt die Kleinteiligkeit zu, zum anderen wird es weiterhin die großen Majors und Großkonzerne geben, die faktisch mehr Macht haben. Ich denke aber auch, dass die Großen von den Kleinen lernen können und das passiert auch schon jetzt: Große Unternehmen schauen zum Beispiel regelmäßig auf Crowdfunding-Plattformen nach, welche Projekte am meisten unterstützt werden und welche Trends sich dort abzeichnen, vor allem im Technologiebereich. Darum gibt es plötzlich auch die iWatch für alle, nachdem es sie zuerst nur auf Crowdfunding Plattformen gab.   

Ich würde mir wünschen, dass Unternehmen und Akteure der Kreativwirtschaft gleichberechtigt zu anderen Wirtschaftsbranchen stehen

CCB Magazin:Melanie, wenn du eine Zukunftsprognose wagst: Wo steht die Kreativindustrie in 10 oder 15 Jahren und was bedeutet das für deine Arbeit?

Melanie:Ich würde mich freuen, wenn der Positiv-Trend an Beschäftigungsverhältnissen und Umsatzzahlen in der Kreativwirtschaft weiter anhält. Und wünschenswert wäre, wenn die Unternehmen und Akteure der Kreativwirtschaft gleichberechtigt zu anderen Wirtschaftsbranchen stehen. Selbständige und Unternehmen der Kultur- und Kreativwirtschaft haben oft auch noch immer ein Exoten-Image, so wird das Potential der Branche als Triebkraft für Innovation für andere Wirtschafts- oder Gesellschaftsbereiche noch nicht ausreichend von Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erkannt. Darum arbeiten wir mit den Regionalbüros unterstützt durch die überregionale Arbeit des u-instituts intensiv daran, dass sich die Kreativwirtschaft als Branche begreift, die nicht gefördert werden muss, sondern, die selbst fördert. Eines der Projekte, die die Potentiale der Branche sichtbar macht, soll eine erste bundesweite Lange Nacht der Kulturwirtschaft werden, am 4. September 2015 soll sie an den Start gehen. Wahrscheinlich aber unter einem anderen Namen – schließlich geht es um Innovation.

CCB Magazin:Melanie, vielen Dank für dieses Gespräch.


Hier gibt es alle Infos zu Melanie Seifart und ihrem Beratungsangebot!

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