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Tobias Losekandt: „Die soziale Mischung in Neukölln ist etwas ganz besonderes“

Tobias Losekandt: „Die soziale Mischung in Neukölln ist etwas ganz besonderes“
Foto: © Tobias Losekandt

Tobias Losekandt ist gebürtiger Berliner und kümmert sich um Berliner. Oder zumindest um solche, die in Berlin sind oder nach Berlin kommen  – und die im Kreativsektor arbeiten. Im letzten Jahr hat er zusammen mit dem Kreativnetz Neukölln e.V. das Starterkit ins Leben gerufen, eine neue Beratungs- und Anlaufstelle für Kreativschaffende in Neukölln. Was brauchen Kreativschaffende vor Ort? Was macht Neukölln als Standort aus? Wir haben uns mit dem Formatentwickler von Starterkit unterhalten.

 

INTERVIEW  JENS THOMAS

 

CCB Magazin: Hallo Tobias, du hast das Starterkit ins Leben gerufen, eine neue Beratungs- und Anlaufstelle für Kreativschaffende in Neukölln. Mal unter uns: Gibt es nicht schon genug Beratungsangebote für Kreativschaffende in der Stadt?

Tobias: Nein, es gibt noch nicht genug. Was wir täglich in unseren Beratungen merken, ist, dass die Zahl von Kreativen in Berlin mit Beratungsbedarf enorm hoch ist und es noch immer nicht genügende Anlaufstellen für Kreative in dieser Stadt gibt. Wir könnten jeden Tag mehr als drei Beratungen anbieten.

CCB Magazin:Wer kommt alles zu euch und was wollen die Leute wissen?

Tobias:Zu uns kommen die unterschiedlichsten Künstler und Kulturschaffenden mit den verschiedensten Anliegen: Künstler und Kreative aus Spanien, Italien, Israel, den U.S.A., auch Berliner Uniabsolventen und langjährige Kreativunternehmer, zudem Quereinsteiger, die sich gerade selbstständig machen. Genauso bunt sind auch die Anliegen: Internationale Kreative haben Fragen zum Thema Selbstständigkeit und suchen vor allem Anschluss an den Arbeitsmarkt in Berlin. Andere Kreative sind schon länger in Neukölln und sind auf der Suche nach Förderung und neuen Partnern oder Netzwerken.  

CCB Magazin:Was gebt ihr den Leuten konkret mit an die Hand?

Tobias:Das ist von Fall zu Fall sehr unterschiedlich: Während ein Grafikdesigner beispielsweise eher an einer reinen Kundenakquise interessiert ist, haben Regisseure und Schauspieler oftmals mehr Interesse am Ausbau ihres Partnernetzwerks. Für die in Berlin neuen internationalen Kreativen wiederum ist es oft sehr hilfreich, klare Informationen zu bekommen, wo für sie in der Stadt der richtige Standort ist. Berlin ist ja ein sehr spezieller Standort. Die Stadt hat vor allem postindustrielle Strukturen, daran muss man sich orientieren. Das Thema Förderung ist letztendlich aber für alle interessant. Darum versuchen wir gezielt relevante Förderprogramme, Stipendien, Netzwerke und weiterführende Workshopformate zu vermitteln. Unsere Beratungen beziehen sich meist auf Fragestellungen, die sich aus der Selbstständigkeit heraus ergeben.

CCB Magazin:Ihr sitzt in Neukölln, genauer genommen in Nord-Neukölln. Seit Jahren gilt Neukölln als problemüberhäufter Stadtteil mit einer Arbeitslosenquote von 17 Prozent. Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky schreibt immer wieder leidenschaftlich Bücher über Neukölln mit handsigniertem Warnhinweis. Auf der anderen Seite ist Neukölln für viele ein neuer Schmelztiegel für Kreativschaffende aus aller Welt. Was stimmt denn? 

Tobias:Für mich ist Neukölln vor allem eines: ein hochgradig interessanter und sehr inspirierender Stadtteil. Das war nicht immer so. Ich komme ja aus Berlin und der Ruf, den der Bezirk einst hatte, war ungefähr das, was Buschkowsky in seinen Büchern schreibt - gefährlich, ein Ort für Parallelgesellschaften. Diese Wahrnehmung war aber schon damals recht eindimensional. Ab 2008 begann sich das Image Neuköllns zu wandeln: Projekte konnten lokale Eigentümer durch Gewerbeleerstandsmanagement für die Ansiedlung von Kreativen begeistern. Daraus sind viele soziale, kulturelle und Bildungsprojekte entstanden, aber auch immer mehr Kreative wollten nach Neukölln. Das hat den Bezirk verändert. 

Wenn Berlin die Hauptstadt der Kreativen sein soll, dann ist Neukölln das Epizentrum

CCB Magazin:Wie genau?

Tobias:Die soziale Mischung zwischen Kreativen und dem migrantischen Milieu vor Ort ist heute etwas ganz besonders: Denn es begegnen sich diese zwei Welten, ob im Reuter- oder Richardstraßenkiez, und erzeugen ganz besondere Spannungen, ermöglichen einen Austausch und haben auch Konflikte zur Folge. Für Neukölln ist es wichtig, diese beiden Welten in Zukunft nachhaltig miteinander zu verbinden. Ich erinnere mich noch genau an meine Schulzeit: Nach Neukölln wollte damals niemand, man hatte Angst dort hinzufahren. Heute ist Neukölln Anziehungspunkt für Kreative aus aller Welt. Und wenn Berlin die Hauptstadt der Kreativen sein soll, dann ist Neukölln das Epizentrum - in Neukölln gibt es vielseitigste Netzwerkstrukturen und Kollektive, überall sind in den letzten Jahren Ladenateliers, Bars und Cafés entstanden, alternative Arbeits- und Lebensentwürfe werden ausprobiert, in den zahlreichen Coworking-Spaces wird selbständig und gleichzeitig auch zusammen gearbeitet. Für viele ist Neukölln auch ein Sehnsuchtsort.

CCB Magazin:Warum ein Sehnsuchtsort?

Tobias:Viele Leute haben Sehnsucht nach einem Leben, das sich nicht nur an Profit orientiert. Ein solches Leben wird in Berlin immer schwieriger, und ein solches Leben ist in Neukölln – noch – möglich. Wichtig ist, dass man das erhält. Ein Ziel unserer Arbeit ist es, auch an dieser Stelle zu vermitteln und die Akteure zu bündeln.

CCB Magazin:Aber führt eine Konzentrierung und Bündelung vor Ort nicht dazu, dass der Stadtteil weiter an Attraktivität gewinnt und sich die Spirale von Mietsteigerungen immer weiter dreht?

Tobias:So würde ich das nicht sehen. Uns geht es nicht darum, die Gentrifizierung voran zu treiben. Uns geht es um Vermittlung und als Anlaufstelle wollen wir Probleme gegenüber der Politik klar kommunizieren. Die Kreativschaffenden sind auch nicht selbst das Problem: Weder haben die Kreativen in Berlin den Hype um sich selbst konstruiert, noch besteht ein kollektives Interesse daran, die eigene Lebensgrundlage durch steigende Mieten zu zerstören. Ein solches Argument ist eher im Interesse von Investmentfonds, die mitverantwortlich sind für steigende Mieten in Berlin. 

Viele haben Sehnsucht nach einem Leben, das sich nicht nur an Profit orientiert

CCB Magazin:Was wäre die Lösung?

Tobias:Berlin muss Freiräume in der Innenstadt erhalten und helfende Strukturen weiter aus- und aufbauen. Nur so ist ein Ankommen und Weiterkommen für Kreativschaffende in Neukölln möglich. Leerstand bespielen allein funktioniert nicht mehr. Jetzt müssen auf Landes- und Bezirksebene explizit Flächen ausgewählt und als Schutzräume für Kulturschaffende und kreative Existenzgründer ausgebaut werden. Ansonsten wird diese Stadt ihr Potenzial, das sie durch die vielen kreativen Köpfe derzeit hat, verspielen. Unser ehemaliger Bürgermeister Klaus Wowereit hat mit seinem Fokus auf die Kreativität der Stadt in den letzten Jahren mit dazu beigetragen, dass Berlin als kreative Metropole wahrgenommen wird. Reale Hilfe und nachhaltige Förderung hatte er aber leider nur sehr sporadisch im Programm. Die Verdrängung durch immer weiter steigende Mieten wäre fatal und ein schlechtes Ende vom Lied. Neukölln könnte hier ein Gegenpol sein, gewissermaßen ein Modellprojekt: Gerade in Neukölln könnte man neue Wege aufzeigen, wie sich Gruppen mit so unterschiedlichen sozialen Hintergründen aus migrantischem Milieu und den Kreativen gegenseitig unterstützen können.

CCB Magazin:Aber wie soll das passieren und wie unterstützt ihr diesen Prozess?

Tobias:Wir als Kreativnetz Neukölln e.V. sind ein Netzwerk von Kreativen für Kreative und erzeugen mit verschiedensten Formaten und unserer Homepage (www.KNNK.org) Sichtbarkeit für die vielen kleinteiligen Kreativschaffenden im Bezirk. Neben der Beratung sind die Vernetzung der Kreativen untereinander, Workshops zur Professionalisierung und das Match-Making mit neuen Kunden und Partnern nur einige der vielen Benefits, die wir als Verein anbieten. Ein Problem ist ja, dass die Kreativwirtschaft in Neukölln zwar mittlerweile als ein wichtiger Wirtschaftszweig wahrgenommen wird, zugleich stehen Kreative aber unter einem enormen Druck: steigende Mieten, Wege in die Selbstständigkeit ohne Sicherheit und zunehmende Konkurrenz. In der von uns in Auftrag gegebenen „Studie zur Neuköllner Kreativwirtschaft. Was geht in Neukölln? Eine Bestandsaufnahme der Kreativwirtschaft 2014“ haben wir kürzlich herausgefunden, dass die Kreativen vor allem Angst vor steigenden Mieten haben und ihnen unterstützende Netzwerkstrukturen enorm wichtig sind. Zudem verdient gerade in Neukölln ein Großteil der Kreativschaffenden unter 17.500 Euro jährlich. Wie soll man davon leben geschweige denn eine Familie ernähren? Darum sind wir mit dem Kreativnetz Neukölln als Netzwerk, Plattform und Multiplikator angetreten, um vor Ort zu helfen. Denn es gibt noch immer viel zu wenig Wissen über die neuen Arbeitsformen der Solo-Selbstständigen und Existenzgründer in oft prekärer Lage.

CCB Magazin:Tobias, wenn du eine Zukunftsprognose wagst: Wo steht der Stadtteil Neukölln und die Neuköllner Kreativbranche in 10 Jahren und was bedeutet das für deine Arbeit?

Tobias:Die Unterstützung kleiner lokaler Initiativen wird immer wichtiger, sonst ist die soziale Durchmischung in Neukölln bedroht. Die vielen verschiedenen sozialen Gruppen kommen nicht von allein zusammen. Für die Kunst- und Kulturschaffende in Neukölln wird es wichtig sein, sich kollektiv zu organisieren und Strukturen zu etablieren, die erfolgreiches Arbeiten möglich machen, sonst droht, dass durch steigende Mieten so gut wie alle Kreativität aus dem Bezirk verdrängt wird. Wie es auch kommt, der Bezirk und das Land Berlin müssen jetzt Hebel ansetzen. Räume müssen gesichert werden und Vernetzungs- und Beratungsformate brauchen Unterstützung. Mein Appell an Berlin wäre, eine zentrale Bündelung der Beratungsangebote in der Stadt in Form einer zentralen Anlaufstelle an einem analogen Ort zu schaffen, die ergänzend zu allen anderen bereits existierenden Angeboten, weiter verweisen kann. In den Teilbranchen wo das Beratungsangebot total brach liegt, könnte diese Anlaufstelle dann auch als Berater einspringen. Die Bündelung von Informationen wäre ein weiterer Vorteil. In meiner Starterkit-Beratung sitzen viele internationale und lokale Kreative, die immer wieder dieselben oder ähnliche Fragen haben: „Was muss ich beachten, wenn ich mich selbstständig mache, wo gibt es Förderung, was gibt es für Netzwerke, wie finde ich Kunden, ...“. Bei diesen Fragestellungen könnte Berlin unendlich viele Lösungen anbieten und Strukturen und Formate fördern, die den Kreativen helfen, am Standort an- und auch weiterzukommen.

CCB Magazin:Tobias, vielen Dank für dieses Gespräch.


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