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Ben Pavlidis: „Komm, lass uns spielen gehen und Geld damit verdienen“

Schwerpunkt Crowdfunding versus Straßenfinanzierung

Ben Pavlidis: „Komm, lass uns spielen gehen und Geld damit verdienen“
Foto: © Ohrbooten

Ben von den Ohrbooten (Mitte mit Mütze) im Gespräch mit Crowdfunding Berlin: "Die Straße war für uns die erste Art des Crowdfundings. Es ist eine Art der Direkt-Finanzierung, über ein Publikum, das einem ganz nah ist. Und jeder Applaus auf der Straße ist ehrlich, man klatscht nur, wenn man es auch wirklich gut findet. Ansonsten geht man weiter". 

Von der Fußgängerzone auf die Bühne ins Netz und wieder zurück: So könnte man den Werdegang der Ohrbooten beschreiben, vier Berliner Jungs, die das Musikmachen auf der Straße entdeckten und seit 2003 HipHop, Reggae und balkanartige Sounds zusammenbasteln. 2005 kam ihr erster Longplayer raus. Jetzt folgt die fünfte Scheibe „Tanz mal drüber nach“ – mitfinanziert über Crowdfunding. Wie zieht man so eine Kampagne als Band am besten auf? Wie verändert Crowdfunding die Musikindustrie und ist Straßenmusik am Ende sogar die beste Art des Crowdfundings? Fragen über Fragen, Zeit für ein Gespräch. Wir trafen uns mit Ohrbooten-Ben in einem Kreuzberger Cafe, das Aufnahmegerät: läuft. 

 

INTERVIEW  JENS THOMAS

 

CCB Magazin: Hallo Ben, ihr habt vor wenigen Wochen euer neues Album „Tanz mal drüber nach“ herausgebracht – zum zweiten Mal habt ihr ein Album über Crowdfunding finanziert. Wie lief die Aktion? 

Ben: Das Funding lief prima! Wir haben 113 Prozent unserer anvisierten Summe eingenommen. Nach zwei Wochen hatten wir bereits 46 Prozent zusammen, das ist echt fett! Jetzt ist das Album raus. 

CCB Magazin:Erzähl doch mal, warum habt Ihr Euch für ein Crowdfunding entschieden und auf was kommt es bei einer Crowdfunding-Kampagne an? 

Ben:Wir machen die Crowdfunding-Kampagne ja schon zum zweiten Mal, eben darum, weil die erste so gut funktioniert hat. Ja, auf was kommt es an? Zunächst braucht man einen wirklich guten Trailer, das ist auch so ein persönliches Ding. Ich würde den Trailer nicht zu lang machen, bei 3.15 min. ist die Aufmerksamkeit vielleicht schon nicht mehr da. Und man braucht auf jeden Fall jemanden, der den Trailer gut umsetzt, der sich auch mit dem Filmschnitt gut auskennt und der das aus Leidenschaft macht. Wenn man eine Crowdfunding-Kampagne zum ersten Mal startet, muss man sich vorher gut informieren. Der Inhalt ist super wichtig. Und während der Kampagne sind die Updates zentral: So haben wir diesmal zum Beispiel ein Shirt mit drei verschiedenen Motiven angeboten, das hatten wir beim letzten Mal auch schon. Bei Facebook gab‘s ein Voting, wir haben ein Wohnzimmerkonzert verkauft, eine Postkarte von der Tour, signierte Drumsticks und ein altes Poster von der ersten Tour angeboten. Matze hat sogar einen Apfelkuchen gebacken, der sogar nach Hause geliefert wurde. 

CCB Magazin:Das klingt ja lecker. Und der kam auch an? 

Ben:Na klar, der kam an. 

CCB Magazin:Ihr hattet zum Schluss 429 Pledger (Unterstützer) und 26 Updates. Das ist eine Menge. Warum habt ihr Euch nicht für ein großes Label entschieden? Eure erste Scheibe "Spielbetrieb" kam doch auf dem Label der Toten Hosen, auf JKP, raus. Die letzte Platte "Alles für alle bis alles alle ist" wurde bei BMG veröffentlicht.

Ben:Ja, wir haben uns diesmal bewusst für ein kleineres Label entschieden. Im Gegensatz zu einer Major-Produktion geben kleine Labels zwar weniger Geld aus, dafür haben wir aber einen Bandübernahmevertrag bekommen, das bekommt man bei einem Major nicht einfach so. Mit dem Bandübernahmevertrag finanziert man die Aufnahmen und das Mastering selbst, erhält aber von der Plattenfirma zugleich einen finanziellen Vorschuss. In dieser Kombination können wir alles stemmen. Das Crowdfunding ist für uns aber nur eine Zusatzfinanzierung, es läuft nebenher, ist wie eine Art Vorverkauf, nur dass das Geld eben direkt bei uns ankommt und nicht bei irgendeinem Management. Beim Crowdfunding geht es aber nicht nur ums Geld, es geht auch um Kommunikation: Die, die sich für die Band interessieren, bekommen einen Einblick, was eine Band alles so macht, die Leute sind immer up to date. Wir haben diesmal zum Beispiel viel aus dem Studio gefilmt, die Leute konnten in unsere neuen Songs reinhören und verfolgen, wie sie entstehen. Ich denke, das ist schon cool für Leute, die sich für eine Band interessieren.

Foto: Ohrbooten.

CCB Magazin: Ihr seid gewissermaßen auf der Straße groß geworden. Zum ersten Mal hab ich Euch auf dem Boxhagener Platz in Friedrichshain vor über zehn Jahren gesehen. Inwiefern war das für Euch damals schon die erste Art des Crowdfundings, Street-Funding sozusagen. 

Ben:Ja, gute Frage, so könnte man‘s nennen. Sowohl das Musikmachen auf der Straße als auch Crowdfunding sind eine Art der Direkt-Finanzierung, über ein Publikum, das einem ganz nah ist – auf der Straße noch viel mehr als im Netz. Und Du hast uns ja auch live gesehen und nicht gekannt und wenn man dann noch merkt, dass die Jungs da vorne sympathisch sind und dazu noch wirklich etwas können, dann kann Straßenmusik für einen Musiker wirklich hilfreich sein. Mittlerweile kommen wir aber nicht mehr so oft dazu, auf der Straße zu spielen, wir sind einfach zu viel unterwegs. Früher hatten wir nicht so viele Shows und dann hat man sich eben gesagt: „Komm, lass uns spielen gehen und Geld damit verdienen.“ Und vor allem auch Leute auf uns aufmerksam machen.  

Jeder Applaus auf der Straße ist ehrlich, man klatscht nur, wenn man es auch wirklich gut findet, ansonsten geht man weiter

CCB Magazin: Rico Loop, ein Freund von Euch und ebenfalls Straßenmusiker, hat einmal zu mir gesagt, die Straße sei für ihn die ehrlichste Angelegenheit der Welt, weil sie so ungeschliffen und ungefiltert wäre – die Leute kommen und gehen und wenn sie einen gut finden, bleiben sie stehen und hören zu. 

Ben:Ja, genauso ist es! Jeder Applaus auf der Straße ist ehrlich, man klatscht nur, wenn man es auch wirklich gut findet, ansonsten geht man weiter. Matze und ich haben ja zu Beginn auch noch die Cafés abgeklappert, das war zum Teil noch krasser: Man kommt rein in so einen Laden und es wird erstmal nur auf die Gitarre geschaut. 80 Prozent der Gäste haben einfach keine Lust auf Musik, weil sie gemütlich im Café sitzen wollen und womöglich noch was zum Essen bestellt haben. Das läuft auf der Straße ganz anderes. Es ist ein völlig freier Raum. Der Zuschauer hat den Musiker direkt vor Augen, hört Musik in Echtzeit und wir als Musiker sehen die Menschen an uns vorbei gehen oder sie bleiben stehen. Spielst Du wiederum in einem Club, erwarten die Leute was von Dir, sie haben für Dich im Vorfeld bezahlt. Auf der Straße musst Du dir ein Publikum erst mal face to face erspielen, das ist schon eine ziemlich gute Schule. Im Netz siehst du hingegen nur die Likes, Views oder Kommentare, das ist schon noch mehr Kommunikation auf Distanz. Ich würde beides aber jungen Bands empfehlen, sowohl das Musikmachen auf der Straße als auch Crowdfunding.  

CCB Magazin: Womit habt ihr mehr Geld verdient, mit dem Musikmachen auf der Straße oder über Crowdfunding? 

Ben:Das kann man so gar nicht vergleichen, weil das Musikmachen auf der Straße in Echtzeit stattfindet und das Crowdfunding als Kampagne über einen längeren Zeitraum läuft. Was wir aber sagen können, ist, dass wir auf der Straße viel weniger Platten verkauft haben. Wir haben es aber auch nie darauf angelegt, großartig Geld auf der Straße zu verdienen, das war nur ein schöner Nebeneffekt. Künstler, die gezielt mit Straßenmusik Geld verdienen wollen, gehen da anders vor: Sie spielen gezielt an Orten mit großem Durchlauf und auch zeitlich begrenzt – maximal 20 Minuten. Wir waren eher so auf gute Stimmung aus und haben immer 40 Minuten oder länger gespielt. Damit konnten wir uns immer etwas Taschengeld verdienen und ein paar CDs verkaufen. Mehr aber auch nicht. 

CCB Magazin: Eure Crowdfunding-Kampagnen liefen beide auf PledgeMusic. Warum habt ihr Euch für PledgeMusic entschieden? 

Ben:Zum einen, weil die Kampagnen zum einen sehr lang laufen, viel länger als auf anderen Plattformen, mehrere Monate. Zum anderen hatten wir ja bereits die erste Kampagne auf Pledge, die lief wirklich gut und damit hatten wir schon etwa 500 Leute am Start, die waren schon eingeloggt sozusagen. 

CCB Magazin: Eure neue Platte heißt „Tanz mal drüber nach“, das Vorgänger-Album „Alles für Alle, bis Alles alle ist“. „Alles für Alle, bis Alles alle ist“ ist ja schon irgendwie ein kommunistischer Ansatz, das klingt nach einer radikalen Umverteilung in alle Richtungen. Alles für alle. Entspricht das auch dem Crowdfunding-Ansatz? 

Ben:Irgendwie schon, so haben wir das damals zwar nicht gedacht, aber eigentlich ist es so. 

CCB Magazin: Wie ist der Slogan denn gemeint? 

Ben:Der Slogan bezieht sich konkret auf einen Song. Und da geht es darum, dass die Vermögen immer ungerechter verteilt werden, wir das zwar alle wissen, sich aber trotzdem nichts ändert. In dem Song erzeugen wir darum Bilder, wie man einen Geldautomaten kaputt haut und alles verschenkt, in die Briefkästen stopft, eben alles für alle bis halt nichts mehr da ist.  

CCB Magazin: In Griechenland würde man sich drüber freuen. 

Ben:Ja (lacht), so gesehen ist es schon eine Art Kommunismus, den wir da beschreiben. Eigentlich haben wir ja alle genug auf dieser Welt, es kommt nur nicht bei allen gleich viel oder überhaupt etwas an.

Das Crowdfunding ist definitiv eine Art der Umverteilung

CCB Magazin: Ist das Crowdfunding eine Art des Kommunismus? Eine neue Art der Umverteilung? 

Ben:Es ist definitiv eine Art der Umverteilung. Und jeder kann mitmachen, keiner muss, aber kann. Ich kann einer Band einfach was geben, und sie gibt mir was. Bands machen sich auch transparent. 

CCB Magazin: Das Crowdfunding kann aber auch eine Notlösung sein, weil Gelder knapp sind und die Selbstverantwortung in der Gesellschaft steigt. 

Ben:Ja, auch das kann sein, ich denke aber, dass es im Musikbereich eher um Eigenverantwortung geht. 

CCB Magazin: Ist das gut?

Ben:Ja ich denke schon, es ist auf jeden Fall nützlich für Bands, die sich organisieren wollen. Und Bands müssen sich immer eigenverantwortlich organisieren. 

CCB Magazin: Rapper Flowin Immo hat seine letzte Platte über Crowdfunding finanziert, weil er keine Lust mehr hatte, sich irgendwelchen Labels unterzuordnen. Demokratisiert Crowdfunding die Musikindustrie?

Ben:In gewisser Weise ja, weil man sich durch Crowdfunding unabhängig von großen Labels machen kann. Das Crowdfunding ist aber oft nur eine Art der Anschubfinanzierung. Ich weiß auch nicht, ob es für Newcomer so das Richtige ist, die brauchen eigentlich erst mal jemanden, der sie kennt. Sich eine erste Fanbase nur über eine Crowdfunding-Kampagne zu erreichen, das halte ich schon für schwierig.   

CCB Magazin: Crowdfunding ist also eher was für die Etablierten oder Halbetablierten in der Musikindustrie?

Ben:Das Crowdfunding ist vor allem etwas für Bands, die schon ein bis zwei Platten herausgebracht haben und bereits eine Fanbase haben. Natürlich kann man auch ganz von unten anfangen und sich hochspielen. Wenn ich aber eine neue Band hätte, wäre mein erster Move auf jeden Fall keine Crowdfunding-Aktion. Ich würde mir erstmal ein Publikum erspielen. Das haben wir ja auch über Jahre mit den Ohrbooten auf der Straße gemacht. Zunächst haben wir uns eine Fan-Community face to face erspielt und dann im Netz geschaut, wer auch dafür bezahlen will. 

CCB Magazin: Ben, wie geht‘s mit Dir und den Ohrbooten weiter? 

Ben:Wir sind jetzt erst einmal auf Tour. Wir wollen einfach nur spielen. Im Anschluss werden wir uns an neue Songs ransetzen. Mal schauen, wie das wird. Das wird bestimmt spannend. 

CCB Magazin: Ich drück Dir die Daumen, Grüße an die Band und viel Erfolg! 


Hier gibt's alle Infos zu den Ohrbooten.

Hier gibt's die Crowdfunding-Kampagne im Überblick.

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