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Vincent Bozek: "Wir schaffen Denkräume"

Vincent Bozek: "Wir schaffen Denkräume"
Foto: © Santtu Laine

Wie verbindet man zeitgenössischen Tanz mit Gesellschaftsstudien und Choreografien mit Talk? Vincent Bozek macht genau das. Er arbeitet als freier Choreograf, ist 34 Jahre alt - und übt aktuell mit seinem Stück „Dandelions“ eine Menge Gesellschaftskritik. Wir stellen ihn und seine Arbeit heute im Profil der Woche vor.


CCB Magazin: Hallo Vincent, leg mal los: Wer bist du und was machst du?

Vincent: Hallo, also, ich lebe seit 14 Jahren in Deutschland, habe aber einen französischen Pass. Was ich mache, sagen wir es mal so: Ich beobachte Beziehungen zwischen Menschen, ausgehend von ihren Bewegungen. Und ich versuche, diesen Beziehungen spielerisch auf den Grund zu gehen – auf der Bühne, anhand von Bruchstücken persönlicher Geschichten, von kulturellen Konditionierungen, Wünschen und Erwartungen für die Zukunft. Konkret bedeutet das: Ich benutze meinen Körper, um die Körper der anderen zu erspüren und mich in ihr(e) Leben hineinzuversetzen. Das ist ein bisschen so wie in einem Buch, in das man sich einlesen und in Charaktere einfühlen muss.

CCB Magazin:Vincent, das klingt spannend bis skurril. Wie genau setzt du das um?

Vincent:Mit meiner Arbeit als Choreograf. Gerade komme ich von den Proben aus dem Studio. Derzeit arbeite ich am zweiten Teil meines Projekts Dandelions :: Catharsis, das vom 20. bis 23. Oktober 2016 in den Uferstudios gezeigt wird. Das Stück ist eigentlich eine Trilogie: Es gibt zwei Talk-Shows und ein Tanzstück. Die Talk-Shows heißen Tribute und Progress, zwischen den Talk-Shows führen wir das Tanzstück Catharsis auf – das ist eine Art Liebeserklärung an die vom Aussterben bedrohte menschliche Spezies. Mit Tänzen von Kasia Wolińska und Orlando Rodríguez, mit Musik von Simon Bauer, mit Lichtdesign von Susana Alonso und Kostümen von Margot Charbonnier – wir sind ein großes Team! Ich mag den zeitgenössischen Tanz, ich fühle mich sehr wohl in diesem Arbeitsumfeld. Es gibt dort mehr Raum, um mit dem Körper zu denken.

Mein Ziel ist es, Beziehungen auf den Grund zu gehen – anhand von Bruchstücken persönlicher Geschichten und kultureller Konditionierungen – durch meinen eigenen Körper

CCB Magazin:Du verbindest in deinen Arbeiten den zeitgenössischen Tanz auch mit Gesellschaftsstudien. Kannst du erklären, wie sich das konkret in deinen Arbeiten zeigt?

Vincent:Unser Denken gestaltet sich wie eine Art geistige Gymnastikübung, um Kreativität anzuregen – das ist eine meiner Arbeitsmethoden. Am Anfang verbinde ich dazu meine geisteswissenschaftlichen Kenntnisse mit meinen Lebenserfahrungen in der westlichen Gesellschaft. So bestimme ich den Kontext, in dem sich die menschlichen Körper bewegen. Erst dann setze ich die Choreografie als Mittel ein. Ein Beispiel: Wir sehen jemanden über die Straße laufen. Etwas erschwert seinen oder ihren Bewegungsablauf – er oder sie „hinkt“. Wir nehmen an, dass es die Hüfte ist. Bei genauerem Hinsehen erkennen wir aber, dass die Person einfach schon in bestimmtes Alter erreicht hat. Das lässt uns vermuten, dass sie bereits ein künstliches Hüftgelenk hat. Das bringt mich auf den technologischen und medizinischen Fortschritt – und zu jener Gesellschaft, die diese Art von Fortschritt(en) hervorbringt. Das alles bleibt natürlich nur eine Annäherung. Aber es ermöglicht uns, den Blick zu schärfen – den Blick auf eine Welt, die auf wirtschaftlichen, politischen, ideologischen und sozialen Beziehungen beruht. Die aber zugleich von Ungleichheit bestimmt ist und deren Ausmaß unser individuelles Verständnis übersteigt.

CCB Magazin:Bist du ein Visionär?

Vincent:Nein, keinesfalls. Ich vermittle über diese Beobachtungsmethode – wir nennen das auch „Recherchemethode“ in meinem Team, das aus TänzerInnen, MusikerInnen, Licht-, Kostüm- und Bühnenbilddesign sowie einer Produktionsleitung besteht. Wir nehmen die Gesellschaft als Herausforderung an, und erarbeiten dazu gemeinsam eine Inszenierung – für und über eine bestimmte Gesellschaft, in so verschiedenen Formaten wie einer Talk Show oder einem Tanzstück. Insgesamt versuche ich durch meine Arbeit „Denkräume” zu schaffen, in denen KünstlerInnen und Publikum zu gesellschaftlichen Themen und Fragestellungen zusammenkommen.

CCB Magazin:Du setzt auch gemeinsam mit dem Journalisten Simo Vassinen Choreografien als Talk um. In Form der Talk Show Dandelions Progress. Was genau passiert da? Und hilft so etwas?

Vincent:Das ist auf jeden Fall sehr aufschlussreich! Denn hinter der Dandelions Progress Talk Show steckt ein konkretes Thema: die weltweite ökologische Krise. Und die Zusammenführung von Talk und Choreografie ist eine völlige neue Art der Zusammenarbeit, so etwas hat es zuvor in der Tanzwelt noch nicht gegeben. Unser Ziel ist es, Worte und Beispiele für ein konkretes Thema zu finden, damit es für alle und jeden zugänglich wird. Das ist sozusagen eine empathische, eine choreografierte Form von Journalismus.

CCB Magazin:Siehst du darin eine Möglichkeit, ernste Themen spielerisch zu diskutieren? Oder birgt das eher die Gefahr, dass ernste Themen nicht hinreichend behandelt werden?

Vincent:Das Wichtigste ist doch, gemeinsam zu den wichtigen Informationen vorzudringen. Dieses Vertrauen in die wohltuende Wirkung eines „Teamwork“ macht die Talk Show erst zu einem einzigartigen und zugänglichen Erlebnis. Natürlich besteht immer das Risiko, dass die Ziele einer solchen Veranstaltung missverstanden werden. Die Schwierigkeit unserer Arbeit besteht aber eher darin, dass wir mit „etwas Lebendigem“ arbeiten. Gleichzeitig mangelt es oft an gesellschaftlicher oder institutioneller Anerkennung, wenn man diesen Beruf als FreiberuflerIn ausübt. Die kognitiven Wissenschaften liefern uns zwar ständig neue Erkenntnisse über jene Mechanismen, die unserem Denken und Fühlen zugrunde liegen, aber auch wir, die „Dance Maker“, beschäftigen sich damit – Tag für Tag. Und das zeigen wir.

Bei der Arbeit: Vincent Bozek. Foto: © Santtu Laine

CCB Magazin:Du lebst seit acht Jahren in Berlin: Was bedeutet Berlin für dich und für deine Arbeit?

Vincent:Für mich ist Berlin wie ein großes Versuchslabor: In einer relativ kosmopolitischen Umgebung werden ständig neue Trends und Tendenzen erprobt. Das ist für meine Arbeit sehr fruchtbar. Berlin ist eine Stadt im Auf- und Umbau, die zugleich Spuren der Geschichte des 20. Jahrhunderts trägt. Das ist genau mein Ding.

Berlin ist für mich wie ein großes Versuchslabor

CCB Magazin:Stichpunkt Auf- und Umbau: Berlin verändert sich, vor allem für die freie Szene, zu der du ja gehörst, wird es schwieriger, kostengünstige Probeflächen zu finden. Welchen Weg sollte Berlin gehen? Was braucht die Stadt?

Vincent:Ich hoffe natürlich, dass es auch in Zukunft noch genügend Platz für außergewöhnliche Berufe wie die im Bereich Kunst oder Choreografien in Berlin gibt. Vor allem beobachte ich jüngst aber die Erfolge einer von Protektionismus und Populismus bestimmten Politik. Das finde ich sehr besorgniserregend. Denn sie bezieht sich auf eine mythische Vergangenheit, in der es viele Privilegien gab. In unserer Arbeit an Dandelions: A collapse-aware performance project for a changing planet haben wir verstanden, was die Umweltkrise mit der Vergangenheit zu tun hat: sie führt zu Krieg. Ich wünsche mir daher, dass Berlin eine europäische Stadt bleibt – zukunftsorientiert, mutig und innovativ.

CCB Magazin:Vincent, was planst du in der Zukunft?

Vincent:Weniger rauchen und Kaffee trinken.

CCB Magazin:Das klingt gut, da machen wir mit. Und wir sehen uns im Oktober in Deiner Show!

Vincent:Oh ja, das würde mich sehr freuen. Kommt auch am 5. November 2016 um 21:30 Uhr zum STATE Festival Berlin in unsere zweite Talk Show Dandelions Progress im Kühlhaus am Gleisdreieck. Macht's gut.


Profil von Vincent Bozek auf Creative City Berlin 

Kategorie: Im Profil

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