Als ich nach Berlin kam...

Jalal Maghout: "Mit einem Bein stehe ich in Berlin, mit dem anderen in Syrien"

Jalal Maghout: "Mit einem Bein stehe ich in Berlin, mit dem anderen in Syrien"
Foto: © Jalal Maghout

Niedliche, sprechende Tiere, die Märchenprinzessin und ihr Traumprinz und das obligatorische Happy End: Dass der Animationsfilm mehr ist als sein Klischee verspricht, beweist Jalal Maghout. Der syrische Filmemacher kam 2013 von Damaskus nach Berlin, um hier seinen Master in Animationsregie zu machen. Im Gespräch erzählt er uns von der Branche der Animationsfilme, warum er lieber Kurz- als Langfilme macht und berichtet über die Situation der Künstler und Künstlerinnen in Syrien.
 

Interview Ann-Kathrin Liedtke

 

Im März 2011 brach in Syrien der Bürgerkrieg aus. Die Zahl der Opfer schätzte die UN 2015 auf 250.000 Menschen, das Syrian Center for Policy Resarch (SCPR) geht von inzwischen über 470.000 Opfern aus. Insgesamt sind etwa zehn Millionen Syrer und Syrerinnen auf der Flucht – fast die Hälfte der Einwohner Syriens. Vor allem auch Kultur- und Kreativschaffende fliehen aus dem Land, in dem die Kultur durch den Krieg fast vollständig zum Erliegen gekommen ist. Jalal Maghout (29) ist einer von ihnen. Er kam 2013 nach Berlin, um an der Filmuniversität Babelsberg seinen Master in Animationsregie zu machen. In Damaskus studierte er Visuelle Kommunikation und produziert seitdem Animationsfilme, für die er schon als „Bester Independent Kurzfilm“ vom ANIMAYO Festival oder mit dem Jurypreis des War On Screen Festivals ausgezeichnet wurde. Seine Filme liefen auf zahlreichen Festivals auf der ganzen Welt: in Frankreich, Kroatien, Italien, Schweden oder Mexiko. 

CCB Magazin: Hallo, Jalal. Woran arbeitest du als Filmemacher momentan?

Jalal:Jetzt gerade mache ich meinen Abschlussfilm für den Master in Animationsregie. Der Film soll im September 2017 fertig sein, die Vorbereitung der Produktion des Films und die Stoffentwicklung haben in etwa ein Jahr gedauert. Als nächstes beginne ich mit der Animation. Obwohl ein Jahr nach viel Zeit klingt, ist das dennoch eine Herausforderung, denn der Film wird zwölf Minuten lang sein – das ist im Vergleich zu den anderen Abschlussfilmen relativ lang. Auch die Animationstechnik kostet viel Zeit.

CCB Magazin:Was für eine Art von Animation machst du?

Jalal:Ich mache klassische Animation. Handgezeichnet. Dafür brauche ich mehr oder weniger nur mein Zeichenmaterial, einen Rechner und Scanner. Bei andern Animationstechniken braucht man viel mehr Material, doch das Aufwändige an der klassischen Animation ist vor allem die Handarbeit. Teilweise zeichne ich eine Figur 1.000 Mal – ganz anders als bei der Legetrick-Animation, die ich in meinem zweiten Film verwendet habe. Dort zeichne ich die Figuren nur einmal und animiere sie später digital.

CCB Magazin:Worum geht es in deinem Abschlussfilm?

Jalal:Der Film heißt „Have A Nice Dog!“ und ist ein Psychodrama. Es geht um einen Mann, der in Damaskus lebt. Damaskus ist bis heute eine vergleichsweise sichere Stadt in Syrien. Die Menschen dort versuchen ein ganz normales Alltagsleben zu führen, die Märkte, Restaurants, Cafés und Schulen sind weiterhin offen. Gleichzeitig sind die Gefechtsgeräusche ständig zu hören und zu sehen. Der Protagonist in meinem Film leidet unter der Situation. Fast alle seiner Freunde sind bereits geflüchtet. Er ist allein. Er durchläuft im Film eine zweiseitige Flucht: die physische und die Flucht in sich selbst. Die Gefühle des Mannes visualisiere ich durch einen Hund, der der Begleiter des Protagonisten ist: er ist die Zurschaustellung all jener Gefühle, die der Mann eigentlich zu verbergen versucht.

Trailer zum neuen Film Have A Nice Dog! (2017), Dir.: Jalal Maghout.

CCB Magazin:Die Geschichte weist einige Parallelen zu deinem eigenen Leben auf. Ist der Protagonist dein Alter Ego?

Jalal:Eher nicht. Na ja, vielleicht zu 50 Prozent (lacht). Ich habe selbst in Damaskus gelebt und das hat mich natürlich geprägt. Jedes noch so kleine Detail im Alltag hatte für mich in dieser Zeit einen sehr hohen Wert, denn es bestand immer die Möglichkeit, dass ich im nächsten Moment vielleicht sterbe oder flüchte. Wenn ich jemandem begegnete, kam mir dieser eine Gedanke: das könnte das letzten Mal sein, dass ich ihn sehe. Die permanent herrschende Angst wird von den meisten Menschen unterdrückt, denn das Leben muss ja weitergehen. Ein Tier hingegen verbirgt seine Gefühle nicht. Wie der Hund, der bei meinen Eltern lebte. Meine Mama nannte ihn „Baroud“ – „Schießpulver“ auf Deutsch. Wir lebten in einem sicheren Bezirk, aber die Helikopter und Militärjets flogen täglich über unser Haus hinweg und bombardierten die umliegenden Gebiete. Es war dauernd laut. Baroud hatte immer Angst. Dieser Hund und Damaskus waren prägend. Nur zwei, drei Kilometer entfernt werden Menschen in ihren Häusern bombardiert, während man im selben Moment in Damaskus in einem Café sitzen kann. Eine surreale Situation. Ich fragte mich, ob die Leute dieser Stadt, die ja eigentlich in Sicherheit sind, psychisch „normal“ sind.

CCB Magazin:Hast du schon eine Antwort darauf gefunden?

Jalal:Ja. Sie sind nicht normal (lacht) – überhaupt nicht normal. Ich sehe das an mir selbst: ich habe unter dem Krieg nicht körperlich gelitten. Mein Verlust war nicht so schlimm wie der so vieler anderer Millionen Syrer. Mein Leben hat sich durch den Krieg – diese fünf, sechs Jahre – dennoch sehr verändert. Ich schaue jetzt anders auf die Dinge. Ich bin eine andere Person geworden.

Ich kenne keinen einzigen Künstler, der noch in Syrien ist

CCB Magazin:Wie ist die Situation für Künstler und Künstlerinnen in Syrien? Gibt es noch so etwas wie ein Kulturleben im Land?

Jalal:Nein. Von meinem Bekanntenkreis kenne ich keinen einzigen Künstler, der noch in Syrien ist. Die meisten sind mittlerweile in den Libanon oder in die Türkei geflohen. Und sehr viele Künstler kommen tatsächlich nach Berlin. Besonders politische Kunst ist heikel – man kann nichts Kritisches äußern. Es gibt allerdings eine Kunstszene der Propaganda: Kunst, die den Vorstellungen der Regierung entspricht. Das war zwar schon vor dem Krieg so, aber nicht so extrem. Man kann die Situation für Künstler und Journalisten in Syrien vielleicht ganz gut mit der DDR in Deutschland vergleichen – auch dort konnten Künstler, die sich kritisch äußerten, nicht frei arbeiten.

CCB Magazin:Hast du noch Freunde oder Familie in Syrien?

Jalal:Ein Bruder ist im Libanon und einer in der Türkei, sie arbeiten dort. Aber meine Mutter, mein Vater und meine Schwester sind noch in Damaskus. Ich denke jeden Tag an sie. Es ist, als stünde ich mit einem Bein in Deutschland und mit dem anderen in Syrien. Ich habe natürlich versucht sie davon zu überzeugen, das Land zu verlassen, aber das Leben in Damaskus geht noch seinen gewohnten Gang, deswegen wollen sie nicht gehen. Ob ich selbst mal zurückkehre, weiß ich noch nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass ich mal bei dem Wiederaufbau des Landes mithelfe. Ich denke da besonders an die neue Generation der Syrer. Es ist jetzt seit fast sechs Jahren Krieg. Die Kinder, die in dieser Zeit geboren wurden, hatten kaum die Möglichkeit eine Schule zu besuchen. Sie kennen nichts anderes als den Krieg.

"Ich bin jetzt eine andere Person": Selfie Attempt, Dir.: Jalal Maghout.

CCB Magazin:In Deutschland engagierst du dich schon jetzt für Geflüchtete Kinder und Jugendliche.

Jalal:Genau, in Berlin oder auch in Leipzig habe ich bereits gemeinsam mit der visuellen Künstlerin Diana Abdulkarim Workshops für Geflüchtete im Alter von etwa 7 bis 18 Jahren betreut. Die meisten Teilnehmer waren Syrer. In einem Animationsworkshop lernen die Kinder Legetrick-Animation. Sie machen den kompletten Filmprozess mit: von der Idee über die Entwicklung der Geschichte bis hin zur Umsetzung. Sie sollen ganz unbeeinflusst ihre eigene kleine Geschichte erzählen. 

CCB Magazin:Du bist 2013 nach Deutschland gekommen. Warum wolltest du gerade hierher?

Jalal:Die Entscheidung, nach Deutschland zu kommen, habe ich schon Jahre vor dem Krieg gefällt. Ich war 2008 das erste Mal hier und habe mich direkt entschieden, in Deutschland meinen Master zu machen. Die Reise ermöglichte mir das Goethe Institut in Damaskus. Von ihnen habe ich einen Preis erhalten, der eine Reise nach Berlin, Leipzig und Hamburg beinhaltete. Ich habe mich sofort in die deutsche Sprache verliebt. Alle meine Freunde, auch die deutschen, finden es tatsächlich komisch, dass ich den Klang so schön finde. Als ich schließlich nach Berlin kam, war ich überrascht, wie die Leute hier sprechen. Das war total anders als das, was ich in den Büchern gelernt habe.

Soll ich wirklich noch einen Film über Syrien machen?

CCB Magazin:Viele Geflüchtete haben mittlerweile nur sehr geringe Chancen auf Visa. Wie sah die Situation für dich vor drei Jahren aus?

Jalal:Das war nicht leicht, auch wenn es 2013 noch leichter war ein Visum zu bekommen. Es gab zu diesem Zeitpunkt die sogenannte „Flüchtlingskrise“ noch nicht. Dennoch musste ich drei Jahre warten, bis ich nach meinem Bachelorabschluss in Damaskus nach Deutschland kommen konnteIn der Zwischenzeit habe ich an der Universität in Damaskus unterrichtet. Heute, 2016, ist es fast unmöglich geworden, auf legalem Weg nach Deutschland oder in die EU zu gelangen oder etwa ein Visum zu bekommen – auch, wenn man eigentlich allen Voraussetzungen entspricht.

CCB Magazin:Und warum bist du gerade nach Berlin gekommen?

Jalal:Ich wusste damals schon wie aktiv diese Stadt im Bereich der Kunst ist. Was es an Museen und Galerien gibt. Ich finde es toll, dass hier so viele Kreative wohnen. Das inspiriert. Ich habe meine Filme in Berlin schon auf verschiedenen Veranstaltungen und Festivals gezeigt. Demnächst auch im Wettbewerb von interfilm. Aber egal, ob große oder kleine Veranstaltung: bei jedem Screening ergeben sich tolle Gespräche und Diskussionen.

"Teilweise zeichne ich eine Figur 1.000 Mal – ganz anders als bei der Legetrick-Animation, dort zeichne ich die Figuren nur einmal und animiere sie später digital.":  Canvas On Mixed Media (2013), Dir.: Jalal Maghout.

CCB Magazin:Wirst du in solchen Gesprächen auch mit Vorurteilen konfrontiert? Gerade an den syrischen Film werden ja häufig gewisse thematische Erwartungen gestellt.

Jalal:Diese Vorurteile kenne ich. Ein Künstler aus einem Land wie Syrien wird in einem bestimmten Rahmen gesehen. Man erwartet Motive wie: Krieg, Terror, Zerstörung. Das liegt natürlich unter anderem daran, dass Kunst immer auch eine Reaktion auf die Realität ist, in der man lebt. Ich finde es nicht richtig, einen Künstler nur nach den Inhalten zu bewerten und nicht nach der künstlerischen Umsetzung. Diese Stereotypen gibt es allerdings beinahe überall: Man erwartet beispielsweise einen französischen Film über die Liebe. Es ist jedoch die Aufgabe des Künstlers, diese Stereotypen zu bekämpfen.

Solange es den Krieg gibt, wird es auch die Kunst geben, die ihn thematisiert

CCB Magazin:Dennoch entspricht auch deine Arbeit diesem Stereotyp des syrischen Films.

Jalal:Darüber habe ich schon viel nachgedacht: Soll ich wirklich noch einen Film über Syrien machen? Doch ich kann mich einfach nicht mit einem anderen Thema auseinandersetzen. Ich bin von dieser Situation geprägt. Das heißt nicht, dass ich in der Zukunft als der Regisseur für Antikriegsfilme gesehen werden will. Es ist auch möglich, dass ich im nächsten Jahr eine Liebesgeschichte mache. Aber der Krieg herrscht noch immer. Und so lange es ihn gibt, wird es auch die Kunst geben, die den Krieg thematisiert.

CCB Magazin:Dem Animationsfilm haftet bis heute das Klischee an, sich nur an Kinder zu richten, was auch an der Fülle an verniedlichten, anthropomorphen Tieren liegen mag.  Warum verbindest du die Animation mit dem eher genre-untypische Thema Krieg?

Jalal:Die  einfachste Antwort ist: die Animation ist schlicht mein Medium. Egal, welches Thema ich behandele. Mein letzter Film war beispielsweise dokumentarisch. Grundlage war ein vierstündiges Audiointerview mit einer realexistenten syrischen Aktivistin. Das war total spannend, aber ich als Künstler würde nie einen realen Dokumentarfilm machen. In einer animierten Dokumentation hingegen habe ich die Möglichkeit nicht nur die Realität abzubilden, sondern auch meine eigene, subjektive Wahrnehmung. Das ist faszinierend.

Ist der Alltag des Krieges normal?: "Have A Nice Dog!" (2017), Dir.: Jalal Maghout.

CCB Magazin:Dieses Vorgehen erinnert an Filme wie „Waltz With Bashir“ von Ari Folman über das Massaker von Sabra und Schatlia in Beirut. Auch er verband reale Interviews mit Animation.

Jalal:Genau. Solche Filme zeigen, dass der Animationsfilm vielfältiger ist als sein Ruf. Er kann auch schwere Themen behandeln. Ihm stehen sehr viele Möglichkeiten offen, surreale Situationen darzustellen, Träume oder Traumata. Der Krieg ist nicht nur das, was man real sieht, sondern auch das, was in den Köpfen der Menschen passiert.

CCB Magazin:Im Gegensatz zu Folman hast du dich jedoch für das Medium der Kurzfilme entschieden. Warum machst du keine Langfilme?

Jalal:Einen Langfilm zu produzieren ist sehr viel teurer. Man muss mit einem Team zusammenarbeiten, man braucht ein Studio. Ich könnte mir zwar vorstellen, in der Zukunft einen Langfilm zu machen, aber die Kurzfilme sehe ich nicht als Übung dafür, wie manche andere Kurzfilm-Regisseure. Sie sind eine Kunstform, mit der ich als Filmemacher und bildender Künstler meine Kunst umsetzen kann.

Die Animation ist mein Medium. Egal, welches Thema ich behandele

CCB Magazin:Kurzfilme laufen in Deutschland fast ausschließlich auf Filmfestivals und selten im Kino. Der kommerzielle Aspekt spielt da oft eine untergeordnete Rolle. Wie finanzierst du dich und deine Filme?

Jalal:Ich habe schon einige Preise gewonnen, aber darauf kann man natürlich nicht bauen. Für meine ersten zwei Filme hatte ich gar keine Finanzierung und habe sie komplett alleine produziert. Das liegt auch an meinem Hintergrund als bildender Künstler: wie die Kunst ist das Filmemachen für mich eine Arbeit, die ich alleine mache. Ich habe meine Filme behandelt wie meine Gemälde. In meinem dritten Film, „Suleima“ (2014), habe ich dann mit anderen zusammen gearbeitet und brauchte deswegen natürlich eine Finanzierung. In Deutschland habe ich mich mit „Have A Nice Dog!“ zuerst an die Robert Bosch Stiftung gewandt. Wir haben das Projekt eingereicht, wurden nominiert, haben die Förderung aber leider nicht erhalten. Momentan warten wir noch auf die Ergebnisse von Stiftungen im Libanon und in Kanada. Außerdem haben wir eine Produktionsförderung über 15.000 Euro der Bundesregierung erhalten. Im Vergleich zu anderen Ländern in der EU oder der USA ist es in Deutschland nicht so leicht Kurzfilme und speziell Animationsfilme zu produzieren. Dennoch: ich finde, es gibt zwar wenige, aber sehr gute Möglichkeiten Filme zu finanzieren.

CCB Magazin:Was willst du als Künstler und Filmemacher noch erreichen?

Jalal: Um ehrlich zu sein: wenn ich an etwas arbeite, denke ich nicht an die Preise, die ich damit gewinnen, oder an die großen Festivals, auf denen der Film laufen könnte. So etwas zu erreichen ist natürlich toll, aber das größte Ziel ist eigentlich, dass ich meine Arbeit immer fortführen kann. Und dass ich immer die Inspiration habe, um neue Projekte zu machen. In vier oder fünf Jahren möchte ich vielleicht auch meinen ersten Langfilm produzieren. Es ist mir einfach ein Bedürfnis, Filme zu machen.

CCB Magazin:Jalal, viel Erfolg dabei!


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