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Melisa Karakus: "Wir räumen mit Klischees auf"

Melisa Karakus: "Wir räumen mit Klischees auf"
Foto: © Ferhat Topal

Was ist deutsch und was türkisch? Das Magazin renk geht dieser Frage auf den Grund und macht ein Format daraus - sowohl für Online als auch für Print. Melisa Karakuş (27) ist Gründerin und Herausgeberin des Magazins und erhielt für ihre Idee bereits zahlreiche Auszeichnungen: den Kultur- und Kreativpilotenpreis, ein Stipendium vom Social Impact Lab und den KAUSA Medienpreis. Wir stellen Melisa im Profil der Woche vor und wollen wissen: Warum gründet man ein Kulturmagazin mit deutsch-türkischem Schwerpunkt?


CCB Magazin: Hallo Melisa: Wer bist du und was machst du?

Melisa: Mein Name ist Melisa Karakuş und ich bin Grafikdesignerin und Projektmanagerin meines Grafikbüros büro farbe. Vor allem bin ich aber die Herausgeberin und Gründerin des renk.Magazins, einem deutsch-türkischen Online-Magazin, das sich mit Kunst und Kultur beschäftigt. Wir versuchen – und ich denke, nach vier Jahren haben wir es auch bereits ein Stück weit geschafft – mit gewissen Klischees aufzuräumen.

CCB Magazin: Was sind das für Klischees oder Vorurteile, denen ihr entgegenwirken wollt?

Melisa:Beispielsweise gibt es das Klischee des „Döner-Türken“ oder der „Kopftuch-Mama“. Es gibt aber ganz viele verschiedene Menschen, die einen deutsch-türkischen Migrationshintergrund haben. renk versucht genau diese positiv hervorzuheben.

CCB Magazin:Was unterscheidet euch von anderen Magazinen?

Melisa:Kunst- und Kulturmagazine gibt es viele. Aber ein Kunst- und Kulturmagazin mit deutsch-türkischem Schwerpunkt gab und gibt es so bisher noch nicht. Wir sind laut, witzig und vor allem bunt. Daher auch der Name: „renk“ ist türkisch und bedeutet „Farbe“. Wir gehen dabei ganz spielerisch mit Klischees um. Dafür habe ich beispielsweise bestimmte Fragen entwickelt: Wollen Türken wirklich wissen, ob du ein Problem hast? Wieso redet Jörg wie Ali? Was halten Türken von Kartoffeln?

CCB Magazin:Wie bist du auf die Idee gekommen, ein solches Magazin zu gründen?

Melisa:Die Gesellschaft hat mir beigebracht, dass ich mich entscheiden muss: bin ich Deutsche oder Türkin? Denn obwohl viele Türken schon vor über 50 Jahren als sogenannte 'Gastarbeiter' hierher kamen oder in Deutschland geboren wurden, besteht die Zuordnung zu „typisch türkisch“ und „typisch deutsch“ noch immer. Ich habe dann für mich entschieden, dass ich mich eben nicht entscheiden muss: Ich wähle nicht zwischen zwei Stühlen, ich mache eine ganze Bank daraus. Denn der Migrationshintergrund ist eine krasse Bereicherung. Ich wollte kreative Leute finden, die das genauso sehen wie ich, mich mit ihnen vernetzen und über die Integrationsproblematik diskutieren. Ich habe allerdings keine Plattform gefunden, auf der diese Möglichkeit bestand und wollte daher selbst etwas schaffen. Dass es ein Online-Magazin wird, wusste ich da noch nicht.

Es gibt nicht nur den 'Döner-Türken' oder die 'Kopftuch-Mama'

CCB Magazin:Und dann hast du das renk.Magazin gegründet?

Melisa:Genau. Ich habe 2012 in meiner Bachelor-Abschlussarbeit daran gearbeitet, bin anschließend mit meinem Projekt auf Facebook live gegangen und zack, ging das Ding viral. Anscheinend habe ich einfach einen Nerv getroffen. Etwa einen Monat später gab es bereits eine sechs-, siebenköpfige Redaktion, die an der Webseite und den Inhalten gearbeitet hat. Das ist echt unfassbar. Allein mit dem Konzept für das Online-Magazin haben wir 2013 den Kultur- und Kreativpilotenpreis gewonnen – da war die Webseite noch gar nicht online. Heute sind wir fast 40 Leute und es melden sich immer mehr, die mitmachen wollen.

Das renk.Magazin-Team. Foto links: © Nikolai Ziener // Foto rechts: © Anette Etges.


CCB Magazin:Auf der Webseite beschreibst du den Auftrag des renk.Magazins als „Aufdeckung deutsch-türkischer Ausnahmeverhältnisse“. Was bedeutet das?

Melisa:Viele Menschen sagen mir: „Du siehst ja gar nicht türkisch aus!“, „Du kannst ja richtig gut Deutsch!“ oder „Melisa, du bist ganz anders als die anderen Türken. Du bist eine Ausnahme.“ Damit werden im Grunde Positiv-Beispiele abgewertet, da es ja auch Negativ-Beispiele gibt. Man könnte das auch positiven Rassismus nennen. Ich will auf solche Aussagen aber nicht zu viel Gewicht legen, denn es gibt gleichzeitig ganz viele Menschen, egal welcher Nationalität, die anders handeln. Und dass ich lange nicht die einzige „Ausnahme-Türkin“ bin, beweisen wir in unserem Magazin.

CCB Magazin:Ihr erscheint allerdings nur auf Deutsch. Soll es in Zukunft auch eine türkische Ausgabe geben?

Melisa:Es soll weiterhin nur auf Deutsch erscheinen. Mit Deutsch fühle ich mich am wohlsten, denn das ist einfach meine Sprache – wie die von so vielen anderen Deutsch-Türken eben auch.

CCB Magazin:Viele Kulturschaffende und Journalisten erleben gerade eine umfassende Zensur in der Türkei, sie erhalten für regierungskritische Äußerungen teils langjährige Haftstrafen. Wie reagiert ihr auf die momentanen Ereignisse in der Türkei?

Melisa:Wir als Magazin reagieren nicht konkret darauf – aber wir lassen unsere Inhalte sprechen. Wenn man schaut, welche Künstler und Künstlerinnen wir featuren, liest sich schnell eine gewisse Haltung heraus. Aber wir oder ich als Herausgeberin sehe ich mich nicht in der Position, mich direkt zu den Ereignissen zu äußern. renk soll eben nicht symbolisieren, was schon allgemeiner Konsens zu sein scheint: alles was türkisch ist, ist auch politisch. Klar beschäftigen wir uns mit Politik, Kunst und Kultur sind politisch, aber es sollte nicht der Hauptfokus des Magazins sein.

CCB Magazin:Was sind das für Themen, die ihr behandelt?

Melisa:Unsere Themen sind super vielfältig. In unserer Printausgabe wird es beispielsweise eine Fotostrecke über rothaarige Türken geben – die gibt es nämlich auch – oder eine Reportage über Transfrauen und -männer, einen Artikel über eine feministische Künstlerin. Ein bunter Mix eben.

Von Online zu Print: das renk.Magazin gibt es jetzt auch analog. Foto: © renk.Magazin.

CCB Magazin:Bisher ist das renk.Magazin ehrenamtlich organisiert. Für dich ist das allerdings ein Vollzeitjob. Wie finanzierst du dich und das Projekt?

Melisa:Hauptberuflich arbeite ich in meinem Grafikbüro, aber alles was an Zeit übrig bleibt, investiere ich in renk. Das Projekt hatte nie das Ziel, kommerziell zu sein, aber mittlerweile überlegen wir schon, wie man renk monetarisieren kann. Das Magazin hat auch bereits dotierte Preise gewonnen, wodurch wir diverse Anschaffungen oder Veranstaltungen machen konnten. Und in der Blogfabrik, einem Coworking Space, bezahlen wir unsere Miete mit Content – mit Artikeln für ihren Blog. Das ist natürlich super. Wir haben jetzt außerdem angefangen, Werbung einzubinden. Mit einem Maxim-Gorki-Banner auf der Webseite oder mit Anzeigen im Printmagazin. Ich hoffe, dass mit dem Erscheinen des ersten Printmagazins eine Art Kreislauf entsteht: Dass wir mit den Einnahmen die zweite Ausgabe finanzieren können und so weiter.

CCB Magazin:Warum wollt ihr analoger werden? Ist ein Online-Magazin in der heutigen Zeit nicht eigentlich das innovativere Konzept und Print ein Schritt zurück?  

Melisa:Ich würde das nicht rückschrittlich, sondern super fortschrittlich nennen. Die Aufmerksamkeit der Leser ist online beispielsweise geringer. Zwischendurch bekommt man vielleicht eine E-Mail und schon hat man den Artikel vergessen. Im Internet ist außerdem das meiste umsonst – das ist ein großes Problem. renk ist seit vier Jahren ein cooles Projekt, aber es gibt kein Geld für eine Festanstellung. Bei Print ist schon das Gefühl ein ganz anderes: dass man das Papier anfassen kann. Print ist für mich gerade dann fortschrittlich, wenn es ein Nischenmagazin ist. Hier erlebt das Medium einen Aufschwung. Das ist vielleicht vergleichbar mit Vinyl oder Analogfotografie.

Print ist für mich gerade dann fortschrittlich, wenn es ein Nischenmagazin ist. Hier erlebt das Medium einen Aufschwung

CCB Magazin:Viele Medien setzen mittlerweile auf eine Bezahlschranke für ihren Online-Content. Wäre das nicht auch eine Lösung für renk?

Melisa:Das stimmt, aber ich achte da auf mein eigenes Verhalten: Ich lese das dann nicht. Daily Perspective oder Krautreporter finde ich trotzdem sehr klug. Gefühlt sinkt für mich jedoch insgesamt der Qualitätsstandard im Netz. Viele setzen auf Clickbaiting. Für mich noch ein Aspekt, der für Print spricht.

CCB Magazin:Was wünscht du dir für das Projekt in der Zukunft? Hättest du dich vor vier Jahren dort gesehen, wo du jetzt stehst?

Melisa:Nein, gar nicht. Ich habe nicht geahnt, dass alles so gut funktionieren würde. Ich muss aber auch sagen, dass ich viel dafür getan habe. Ich arbeite jeden Tag an dem Magazin. Auch am Wochenende. Ich hätte es aber genauso wieder gemacht, obwohl ich auch Momente hatte, in denen ich dachte: „Für umsonst arbeiten, wie soll das gehen?“ Bei dem renk.Magazin möchte ich in Zukunft primär die Printproduktion weiterverfolgen. Also auf jeden Fall analoger werden. Außerdem möchte ich unsere Veranstaltungsreihen erweitern, denn es macht unheimlich Spaß zu sehen, wie deine Leser aussehen. Das größte Ziel ist jedoch, zumindest zwei Stellen finanzieren zu können.

CCB Magazin:Melisa, viel Erfolg dabei!


Profil von Melisa Karakuş auf Creative City Berlin

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