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Andreas Lewin: „Essayfilme hinterfragen unseren Blick auf die Welt“

Special Essayfilm

Andreas Lewin: „Essayfilme hinterfragen unseren Blick auf die Welt“
Foto: © Wojciech Szepel

Im Gespräch mit Creative City Berlin, Andreas Lewin. Andreas Lewin hat DOKU.ARTS 2006 in der Akademie der Künste gegründet. Heute ist DOKU.ARTS ​ein renommiertes Filmfestival. 

Was macht gute Essayfilme aus? Was können sie vermitteln oder bewirken? Die zehnte Ausgabe von DOKU.ARTS findet in diesem Jahr vom 6. bis 23. Oktober statt und stellt genau diese Fragen. DOKU.ARTS ist das Internationale Festival für Filme zur Kunst. Wir haben uns zuvor mit Andreas Lewin, dem Künstlerischen Leiter des Festivals, über Sinn, Zweck und Zukunftsvision unterhalten.
 

Interview Jens Thomas

 

CCB Magazin: Hallo Andreas, ihr präsentiert mittlerweile die zehnte Ausgabe von Doku.Arts. Was gibt es in diesem Jahr zu sehen?

Andreas Lewin: Der Schwerpunkt liegt dieses Jahr auf Essayfilmen. Wir zeigen, wie sich das Genre mit literarischen und philosophischen Texten auseinandersetzt und wie diese auch in den Filmen in vielfältiger Weise auftauchen. Außerdem zeigen wir, was man selten in Deutschland zu sehen bekommt: Essayfilme aus außereuropäischen Kulturen.

CCB Magazin:Warum bekommt man die selten zu sehen?

Andreas Lewin: Das liegt unter anderem daran, dass Sendeplätze, und damit auch der Ankauf von Filmen, im Fernsehen für experimentelle Formen so gut wie nicht mehr existieren. Es gibt es nur wenige Orte wie einzelne Museen und spezifische Festivals, wo man diese Filme sehen kann. 
 

Exil: Wie erzählt man einen Genozid, von dem es weder Bilder noch Erinnerungsorte gibt? Dieser Frage geht der Dokumentarist Rithy Panh in seinem Film „Exil“ nach. Foto: © Rithy Panh.

CCB Magazin:Du hast die DOKU.ARTS 2006 in der Akademie der Künste gegründet. Erklär doch mal: Was genau ist ein Essayfilm und was unterscheidet ihn von einem Dokumentarfilm?

Andreas Lewin: Die Grenzen vom Essayfilm zum Dokumentarfilm sind natürlich fließend. Essayfilme verfügen jedoch eher über eine assoziative und sprunghafte Erzählweise - sie beinhalten fast meditative, sehr detaillierte Bewegtbildbetrachtungen. Vielleicht könnte man vielen Essayfilmen auch eine gewisse Melancholie und Poesie zuschreiben, die meist von einer sensiblen Kommentarstimme getragen wird. Vor allem aber entziehen sich Essayfilme der heute in allen Medien-, Kultur- und Festivallandschaften durchgreifenden „Formatisierung“ - sie bilden eigenständige widerständige Formen des dokumentarischen filmischen Schaffens und stehen somit oft außerhalb des Mainstreams der Filmbranche. Essayfilme sind Einzelstücke, handgefertigt von Filmautoren, die im Fernsehen und Kino wenig Platz finden. Sie sind dagegen viel öfter im Museum und im Galeriebereich zu sehen, wie zum Beispiel „It for Others“ von Duncan Campbell, der 2014 den Turner Prize gewann und davor bei DOKU.ARTS seine Deutschlandpremiere erlebte.

Essayfilme entziehen sich der durchgreifenden „Formatisierung“. Sie bilden eigenständige widerständige Formen des dokumentarischen filmischen Schaffens

CCB Magazin:Essayfilme haben sich vor allem im 21. Jahrhundert zu einer eigenständigen Kunstform entwickelt und erleben seit rund 15 Jahren einen regelrechten Boom in Museen und Galerien. Was ist der Grund dafür?

Andreas Lewin: Zum einen liegt das an der Ausgrenzung aus dem derzeitigen Medien- und TV- Markt, der vor allem an „Formaten“ und „Serien“ interessiert ist. Zum anderen interessieren sich Museen heute viel stärker als im letzten Jahrhundert für filmische Arbeiten von Künstlern. Die Digitalisierung ermöglicht zusätzlich ein unabhängigeres Arbeiten der Künstler.

CCB Magazin:Was fasziniert dich ganz persönlich an essayistischen Filmen?

Andreas Lewin: Mich faszinieren der Mut und die Risikobereitschaft der Filmmacher, mich faszinieren die überraschenden und ungewöhnlichen historisch-politischen und universalen Zusammenhänge, die sich in den Filmen auftun. Mich beeindruckt die Poesie und Langsamkeit der Betrachtungen, die Fragilität und Widerspenstigkeit dieses offenen und faszinierenden Genres. Das ist toll.
 

Notes on Blindness: Als der Theologe John Hull 1983 völlig erblindet, beginnt er mithilfe eines Kassettenrekorders Audiotagebuch zu führen, um seine Erfahrung zu dokumentieren. Für ihn ist das der einzige Weg, zum den Verlust des Sehens zu begreifen. Foto: © Peter Middleton James Spinney.

CCB Magazin:Was würdest du sagen, was macht einen guten Essayfilm aus?

Andreas Lewin: Eine spannende Balance zwischen einer großen Nähe zu den gestellten Fragen, des Sujets und der Menschen, gepaart mit freien Assoziation, Umwegen und überraschenden Merkwürdigkeiten und Wendungen zum gewählten Thema, die eine poetische und persönliche Betrachtungsweise von wichtigen Zeitfragen erst ermöglicht.

Mich faszinieren am Essayfilm die überraschenden und ungewöhnlichen historisch-politischen und universalen Zusammenhänge 

CCB Magazin:Ein Schwerpunkt eures Festivals liegt in diesem Jahr auf der politischen Aktualität von Essayfilmen im 21. Jahrhundert. Wie politisch sind Essayfilme? Was können sie bewirken oder vermitteln?

Andreas Lewin: Die Themen der Filme, die ausführlich in unserem internationalen Symposium zum Essayfilm am 7. Oktober behandelt werden, sind sowohl aktuell politisch wie zum Beispiel „Mauern und Grenzen“, „Bilder vom Krieg“ oder „Postkoloniales und ideologisches Erbe“, aber auch von universeller Natur wie „Reisen“ und „Blindheit“. Diese Filme verbindet das Thema des Sehens und Nichtsehens  - sowohl auf dezidiert politischer als auch auf einer sehr persönlichen Ebene. Die genannten Filme können auch unseren Blick auf die Dinge schärfen und unsere Sehgewohnheiten auf die Welt hinterfragen. Sie laden ein zu einer anderen analytischen und philosophisch-poetischen Betrachtungsweise der derzeitigen Weltzustände. Essayfilme bilden unverzichtbare Hoffnungszeichen auf die Veränderbarkeit ab. Und das ist kaum zu ersetzen.


Profil von DOKU.ARTS auf Creative City Berlin

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