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Johannes Mundinger: „Ich bin dann mal weg“

Johannes Mundinger: „Ich bin dann mal weg“
Foto: © Johannes Mundinger

Johannes Mundinger kommt aus Offenburg, er war Street Artist und lebt heute als Maler in Berlin. 2013 wurde er mit dem Förderpreis des Berliner Kunstvereins ausgezeichnet und hat sein Atelier heute in der Urban Spree Galerie, einem 400 qm großen unabhängigen Kunstraum, inklusive Gelände für Ausstellungen, Künstlerresidenzen, DIY-Workshops und Konzerte. Wie lebt und überlebt man als Maler in Berlin? Eine Begegnung.
 

Vor Ort WAR Jens Thomas
 


Als ich die Tür öffne, wird es dunkel: Es ist Dienstag, der 2. November, ich bin an diesem Abend mit Johannes Mundinger verabredet. Mundinger: Urban Art Maler. Künstler. Kultureller Repräsentant dieser Stadt von der Urban Spree Galerie auf dem RAW-Gelände in Berlin-Friedrichshain. Johannes Mundinger sperrt mir die Tür auf. Ich betrete den Raum, einen dunklen Flur. Die Wände sind voller Graffiti. Aus dem Club von nebenan lärmt etwas Musik, der Putz bröselt von den Decken. Es gibt hier nur wenig Licht, in der Ecke ist ein kleines Fenster, an dem sich Spinnenweben zieren. Irgendwie erinnert das hier an das mittlerweile geschlossene CBGBs in New York: Ein Brutstätte für Spontankultur und den Sound der Zeit. Ähnlich ist es hier in der Urban Spree Galerie, die sich direkt auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain in unmittelbarer Nähe zur Warschauer Brücke befindet und nicht irgendein Ort ist, sondern für die Entwicklung dieser Stadt der letzten Jahre und für den Diskurs um Kunst und Kunststandorte in Berlin steht. 

Wir gehen die Treppe hoch und Johannes Mundinger fängt an zu erzählen: "Das ist alles recht familiär hier", sagt er. Sein Atelier befindet sich im ersten Stock. Mundinger wirkt entspannt, er redet etwas leise, hin und wieder lacht er. Und er sieht so aus, wie ein Maler dieser Zeit wohl aussehen muss: Die Jeans sitzt locker und ist mit Farbklecksen übersät, man könnte auch sagen, die Farbe hat noch etwas Jeans. Wir kommen in sein Atelier: Hier reihen sich Mundingers Bilder, ein paar sind fast fertig, an einem anderen malt er gerade. Seine Arbeitsmaterialien liegen verstreut im Raum, ein kleines Heizöfchen steht in der Ecke und wärmt. "Der Winter kommt", sagt Mundinger mit verschmitztem Lächeln. Dann zeigt er mir alles: wie er hier arbeitet, was er hier macht, und alles wirkt so, als sei die Zeit in Berlin ein wenig stehen geblieben. So, als könne es hier ewig so weiter gehen.

Draußen, vor der Tür, pulsiert aber schon das neue Berlin: Grelle Lichter leuchten das kleinteilige Viertel im Osten der Stadt aus. Zahlreiche Anbieter und Unternehmen mit großen Namen haben sich hier in den letzten Jahren angesiedelt. Sie bilden das neue Friedrichshain und verändern die Stadt. Am Wochenende gehen an einem Abend bis zu 70.000 Leute über die Warschauer Brücke. Sie wollen in die Clubs, sie stehen Schlange an den zahlreichen  (mittlerweile sogar veganen) Würstchenbuden und ballen sich in den Spätis bis in die Morgenstunden. Das RAW-Gelände wirkt in den Abenstunden wie ein Experimentierfeld zwischen noch-subversiv und schon-zu-kommerziell. Mittlerweile wurde das RAW-Gelände vom Unternehmer Lauritz Kurth aus Göttingen gekauft. Er will die Clubs auf dem Gelände künftig abreißen und neu bauen lassen. Keiner weiß, wie es weitergeht. 

Darüber reden wir: Über die Urban Spree Galerie, über Mundingers Weg als Künstler von Offenburg nach Berlin. Über seine Situation. Über sein Leben und über das, was noch kommt. 
 

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CCB Magazin: Hallo Johannes, schön hast du es hier. Erzähl mal, du bist Teil der Urban Spree Galerie. Die Galerie liegt mitten auf dem RAW Gelände in Friedrichshain, hier ist immer mächtig viel los. Nervt dich das nicht?

Johannes Mundinger: Ach nein, eigentlich nicht, wieso?

CCB Magazin:Du bist Maler. Braucht man da nicht Ruhe?

Johannes Mundinger: Die habe ich hier schon. Mein Atelier liegt ja im Hinterhaus. Klar, manchmal ist es schon anstrengend auf dem Gelände, vor allem am Wochenende. Ich mag das aber auch, den Rummel. Wenn ich zum Beispiel lange arbeite, gehe ich zwischendurch einfach mal runter, zu einem Konzert oder auf eine Party.

CCB Magazin:Arbeitest du lange?

Johannes Mundinger: Oh ja, sehr lange. Gerne bis nachts. Ab abends habe ich dann meist auch die Ruhe, um mich richtig konzentrieren zu können.

CCB Magazin:Wie bist du zur Urban Spree Galerie gekommen? Das ist ja schon ein sehr renommierter Platz hier, zwischen all den Klubs und kulturellen Angeboten.

Johannes Mundinger: Über das Wandmalen, das war 2012. 2011 kam ich nach Berlin und Pascal, der Chef der Urban Spree Galerie, hatte mich beim Malen entdeckt. Seit 2012 habe ich hier eine Atelierförderung.

CCB Magazin:Wie sieht diese Förderung aus?

Johannes Mundinger: Die Vereinbarung lautet, dass die lokale Szene vor Ort gefördert wird. Dass Urban Spree eben nicht nur eine Party-Location ist oder ein Konzertraum. Deshalb ist die Galerie ein sehr wichtiger Teil des ganzen – und eben auch, dass Ateliers kostengünstig zur Verfügung gestellt werden.
 


CCB Magazin:Du kommst ursprünglich aus Offenburg.

Johannes Mundinger: Ja, ich bin da geboren. Ich habe dann in Münster und Brüssel Illustration studiert, 2011 bin ich, nach dem Studium, nach Berlin gezogen.

CCB Magazin:Kanntest du Berlin schon zuvor?

Johannes Mundinger: Ein bisschen. Mein Vater hatte hier früher gelebt. Und schon während des Studiums war für mich klar, dass Münster nur eine Übergangsstation ist. Bukarest hätte mich vielleicht auch gereizt, die Stadt fand ich ganz spannend, aber ich habe sonst keinen Bezug zu Rumänien, darum hab ich mich für Berlin entschieden. Berlin ist einfach ein Zentrum für alles Mögliche, das hat mir gefallen. 

Berlin ist für mich ein Zentrum für alles Mögliche, das hat mir gefallen

CCB Magazin:Kannst du mal beschreiben, wie dein Arbeitsalltag aussieht?

Johannes Mundinger: Morgens erledige ich erst mal private Dinge, ab nachmittags bin ich meist im Atelier und bleibe sehr lange. Mein Atelier teile ich mir mit Tine Fetz, sie ist Comic-Zeichnerin und illustriert unter anderem für das Missy-Magazin. Und wenn ich nicht im Atelier bin, bin ich in der Welt unterwegs. Ich lege mich ungerne fest und bin kein großer Fan von regelmäßigen Terminen. Wenn ich arbeite, möchte ich nicht durch Termine aus meiner Arbeit gerissen werden.
 

Johannes Mundinger in Aktion. 
 

CCB Magazin:Du hast Illustration studiert und lebst heute als Maler. Als was würdest du dich bezeichnen? Als Illustrator oder Maler?

Johannes Mundinger: Als Künstler. Über das Malen großer – und kleiner – Wände gab es schon immer eine Beschäftigung mit dem Raum, beziehungsweise einem konkreten Ort, an dem sich meine Arbeit befindet. Das übertrage ich auch auf Ausstellungsräume, in denen ich die Malerei im Raum verorte. Auch die Art, wie Malerei wahrgenommen wird, gerade jetzt, übers Internet, interessiert mich. Da arbeite ich auch mit Projektionen oder der Veränderung des Raumes.

CCB Magazin:Du hast auch einen Street-Art-Kontext. Drücken sich die vielen Einflüsse und Brüche in deiner Arbeit aus?

Johannes Mundinger: Bestimmt. Vielleicht auch, gerade dadurch, dass ich mich vom angewandten Illustrieren abgrenzen möchte und so erstmal nur abstrakt gemalt habe. Aber bestimmt steckt da auch noch viel in meiner Arbeit von diesen Einflüssen drin. Bei diesem Bild hier (zeigt auf ein Bild) geht es zum Beispiel um Erinnerungen, die sich immer wieder verlagern oder verändern, wenn ich eine Geschichte erzähle. Man kann Erinnerungen ja immer nur bruchweise wiedergeben. Später habe ich dann eine komprimierte Zusammenfassung dieser Erinnerung. Wahrheit verändert sich so auch durch die Multiplizierung von Erzählungen. Erzählungen basieren wiederum auf Erinnerungen, die die Wahrheit immer wieder aufs Neue formt.

Bei Mundinger geht es oft um Erinnerungen: "Erinnerungen, die sich immer wieder verlagern oder verändern, wenn ich eine Geschichte erzähle". 
 

CCB Magazin:Was beeinflusst dich als Maler?

Johannes Mundinger: Das Internet, die Gespräche und die Ausstellungen. Bei mir spielen Ästhetik und das Brechen derselben, also die Veränderung, eine große Rolle. Bei meinen Bildern gibt es häufig nur eine grobe Richtung, was genau herauskommt, entwickelt sich im Prozess. Ich lerne mich gewissermaßen selbst beim Malen kennen. Ein Thema von mir ist immer auch „sich im Raum verorten“. Ich möchte meine Malerei nicht einfach flach an der Wand haben. Ich möchte damit spielen, interagieren. Ich will, dass man ein anderes Gefühl für den Raum bekommt, wenn ich in ihm bin und ihn gestalte. Ich möchte auch die Elemente des Raumes über meine Arbeit interagieren lassen, durch Spiegelungen oder Anknüpfungen im Raum. 

Ich möchte meine Malerei nicht einfach flach an der Wand haben. Ich möchte damit spielen, interagieren

CCB Magazin:Deine Galerie liegt auf dem RAW-Gelände. Für Künstler in Berlin wird es zunehmend schwieriger in Berlin, günstige Räume zu finden und auch von der eigenen Arbeit leben zu können. Laut Berliner Senat leben in Berlin um die 7000 Künstler, der Berufsverband Bildender Künstler Berlin (BBK) schätzt die Zahl auf 8000 bis 10.000. Im Schnitt leben die Künstler von 850 Euro im Monat. Kannst du von deiner Arbeit leben?

Johannes Mundinger: Mittlerweile ja, gerade in diesem Jahr lief es richtig gut. Ich wurde mehrfach eingeladen, Wände zu malen oder Ausstellungen zu machen. Am Anfang war es natürlich schwerer, davon leben zu können.

CCB Magazin:Wie schätzt du deine Zukunft hier ein? Das RAW-Gelände hat mittlerweile der Unternehmer Lauritz Kurth aus Göttingen gekauft, er will die Clubs auf dem Gelände künftig abreißen und neu bauen lassen. In die Neubauten sollen vor allem Büros und Gewerbe einziehen. Läuft deine Zeit hier ab?

Johannes Mundinger: Ja, ich glaube schon. Ich denke, wir sind dann auf jeden Fall weg hier.

CCB Magazin:Du sagst das so, als würde es dir nichts ausmachen.

Johannes Mundinger: Doch, ich finde das auf jeden Fall traurig. Ich denke für mich aber auch, dass ich nicht ewig in Berlin sein werde. Ich reagiere auf das, was passiert, und dann schaue ich, was ich daraus machen kann. Das heißt nicht, dass ich das nicht schlimm finde mit der ganzen Verdrängung. Und eigentlich ich bin ja selbst Teil davon.

CCB Magazin:Inwiefern?

Johannes Mundinger: Auch ich bin nach Berlin gezogen und erhöhe die Nachfrage nach Wohnraum, weil ich ihn ja durch meinen Zuzug verknappe.

CCB Magazin:Was wäre dein Wunsch? Welche Lösung müsste es geben?

Johannes Mundinger: Die Stadt sollte mehr Flächen für Künstler sichern, Mieten nachdrücklich begrenzen und soziale Projekte fördern. Sonst haben Strukturen und Nischen in Berlin keine Chance. 

Wenn das RAW-Gelände künftig neu bebaut wird, sind wir hier wohl weg

CCB Magazin:Johannes, wie geht es mit dir weiter? Was planst du in der Zukunft?

Johannes Mundinger: Aktuell bin ich im Rahmen des Popup-Clubs „Pop into Berlin“ unterwegs. Am 16. November in Madrid, am 14. Dezember in Zürich. Dort male ich live vor Ort. Fürs kommende Jahr sind bislang eine große Einzelausstellung, eine kleine und eine Gruppenausstellung geplant, vieles ergibt sich aber meist erst übers Jahr. Ich merke, dass mir der Raum hier langsam zu klein wird, für die großen Bilder. Mal sehen...


Profil von Johannes Mundinger auf Creative City Berlin

Infos zu „Pop into Berlin

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