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Stephan Hengst: "Berlin muss mehr tun, um an der Spitze zu bleiben"

Stephan Hengst: "Berlin muss mehr tun, um an der Spitze zu bleiben"
Foto: © Stephan Hengst

Was braucht die Berliner Musikindustrie? Diese Frage beschäftigt Stephan Hengst seit Jahren. Stephan ist Gründer der Firma Teleporter Music und kam 2011 zur Berlin Music Commission, dem Berliner Branchennetzwerk zur Vernetzung und Förderung der Berliner Musikindustrie. Heute leitet der 33-Jährige aus Berlin-Pankow das Berliner Musikbusiness-Event Most Wanted: Music, ein Austauschformat, das in diesem Jahr am 10. und 11. November stattfindet. Wir stellen den Musikumtriebigen heute im Profil der Woche vor und sprechen mit ihm über die Veranstaltung und den Musikstandort Berlin. ​



CCB Magazin: Hallo Stephan, du bist Musikmanager und langjähriger Musiknetzwerker. Was verbindet dich mit Musik?

Stephan: Ich war früher selbst aktiver Musiker. Daher kommt vermutlich meine Leidenschaft für Musik und die Musikbranche. Schon als Jugendlicher habe ich Konzerte organisiert. Dabei hat mich schon immer das große Ganze interessiert: Wie kann man seine Leidenschaft professionalisieren? Musik ist ja etwas sehr Emotionales, Individuelles. Wie wird daraus aber etwas, das auch für andere zugänglich wird? Etwas mit Entertainment-Charakter, mit Format.

CCB Magazin:Heute arbeitest du bei der Berlin Music Commission.

Stephan:Ja, seit fünf Jahren. Seit sieben Jahren bin ich selbständiger Künstlermanager. Zur Berlin Music Commission kam ich über meine Tätigkeiten in der Musikbranche. Ich bin Inhaber und Gründer der Firma Teleporter Music. Hier betreue ich vor allem das Management für verschiedene Künstler unterschiedlicher Musikrichtungen und biete Promotion- und Consulting-Dienstleistungen wie A&R-Beratung und Produktmanagement an. Zuvor habe ich Musikbusiness an der Popakademie Baden-Württemberg studiert. Bei der Berlin Music Commission mache ich heute die Projekt- und Veranstaltungsleitung für das Berliner Musikbusiness-Event Most Wanted: Music, das in diesem Jahr zum dritten Mal als eigenständige Konferenz am 10. und 11. November im Haus Ungarn am Alexanderplatz stattfindet. 

Ich hab mich gefragt, wie kann man seine Leidenschaft professionalisieren?

CCB Magazin:Bevor wir über dein Veranstaltungsformat sprechen: Was genau macht die Berlin Music Commission?

Stephan:Die Berlin Music Commission ist das übergreifende Branchennetzwerk der Berliner Musikwirtschaft. Das heißt, wir vernetzen Unternehmen der gesamten Wertschöpfungskette und verbessern ihre Verlinkungen mit den anderen Teilmärkten der Kreativwirtschaft. Gemeinsam bündeln wir die unterschiedlichsten Player, also unsere Mitglieder, um neues kreatives und wirtschaftliches Potential zu erschließen. Einer unserer Kernaufgaben ist die strategische Entwicklung des Musikstandortes Berlin.

CCB Magazin:Was haben Berliner Musiker und Musikschaffende konkret von eurem Angebot?

Stephan:Unser Angebot richtet sich in erster Linie an Musikunternehmen, also an die professionellen Partner der Musiker und Kreativschaffenden. Über die Hälfte der Musikfirmen in Berlin sind kleine oder Kleinstunternehmen, 19 Prozent sind Einzelunternehmen ohne Angestellte, das hat eine von uns beauftragte Studie ergeben. Unser Ziel ist es, all diese Akteure der Berliner Musikwirtschaft bei der Professionalisierung, der Internationalisierung und dem Netzwerkaufbau zu unterstützen. Dazu bieten wir zum Beispiel Sprechstunden für unsere Mitglieder an oder schaffen Formate durch Veranstaltungen wie der Most Wanted: Music #convention und den Most Wanted: Music #satellites, über die sich Künstler und Musikbusiness-Profis (weiter)bilden und wertvolle Kontakte in der Branche knüpfen können. 

CCB Magazin:Ein Ziel von euch ist es auch, Berlin als Marke im Bereich Musik nach außen zu kommunizieren und zu präsentieren. Welche Marke hat Berlin? Gibt es die überhaupt? Und ist es sinnvoll, Berlin auf eine einzige Marke zu reduzieren? Berlin lebt von seiner Diversität. 

Stephan:Ja, Berlin lebt von seiner Diversität und die wollen wir auch gar nicht reduzieren. Das meinen wir auch nicht mit „Marke“. Uns geht es darum, den Status der Stadt im Bereich Musik zu sichern und weiterzuentwickeln, sowohl durch die direkte Unterstützung der Branchenteilnehmer als auch durch Arbeit in Richtung Senat und der Initiierung beziehungsweise des Anstoßes öffentlicher Projekte und Maßnahmen.

CCB Magazin:In der Berliner Musikwirtschaft arbeiten mehr als 1.200 Unternehmen mit mehr als 12.000 Erwerbstätigen, die im Jahr über eine Mrd. EUR Umsatz erwirtschaften. Welchen Status hat Berlin?

Stephan:Berlin ist unbestritten der Hotspot für die Musik- und Kreativszene in Deutschland, auch weit darüber hinaus. Über 10 Prozent der Musikunternehmen in Deutschland haben mittlerweile ihren Sitz in Berlin, das ist ein riesiges Potenzial. Das macht die Stadt so einzigartig. Das hat mittlerweile auch das Land Berlin verstanden und fördert die Musikszene nun gezielt durch Maßnahmen wie der Einführung der City Tax und Förderinstrumenten wie dem Musicboard.

So siehts aus auf der Most:Wanted: Netzwerken und nochmals Netzwerken.

CCB Magazin:Du kommst aus Pankow, bist also Berliner. Wie erlebst du den gegenwärtigen Wandel in der Stadt und das heutige Berlin? War früher alles besser?

Stephan:Nein, so sehe ich das nicht. Berlin verändert sich, klar. Berlin hat sich aber immer schon verändert und wird sich weiterhin verändern. Nostalgie war noch nie gut. Die bringt uns nicht weiter. Das war ja jahrelang ein Problem in der Musikindustrie: Man hat sich neuen Entwicklungen zu lange versperrt, gerade im Bereich der Digitalisierung. Das hat der Musikindustrie in hohem Maße geschadet. 

Man hat sich jahrelang den neuesten Entwicklungen in der Musikbranche versperrt, das hat der Musikindustrie in hohem Maße geschadet

CCB Magazin:Der Musikmarkt brach auch darum 1999 erheblich ein. Im letzten Jahr hat der deutsche Musikmarkt erstmals wieder deutlich zugelegt: mit einem Wachstum von 4,6 Prozent. Du veranstaltest mit der Berlin Music Commission das Event Most Wanted: Music 2016 und thematisierst die neuesten Entwicklungen der Musikindustrie. Im Eröffnungspanel stellen Vertreter aus Politik, Unternehmen und Verbänden die Frage, was Berlin tun muss, um seinen Status als internationaler Music-Tech Hotspot weiter zu stärken. Wie würdest du diese Frage beantworten?

Stephan:Berlin ist für Musikunternehmen und für Startups dank dem kreativen Potenzial, dem liberalen Image und der immer noch günstigen Lebenshaltungskosten noch immer besonders attraktiv. Berlin muss in Zukunft aber mehr tun, um an der Spitze zu bleiben. Es müssen Freiräume erhalten werden, in denen sich Gründer und Künstler ausprobieren könnten, es braucht mehr Unterstützung bei der digitalen Transformation der Branche sowie spezielle Programme zur Unternehmensfinanzierung. Außerdem ist es wichtig, die regionale Musikszene durch Vernetzungsformate transparent, zugänglich und flexibel zu halten und damit Möglichkeiten für Kooperationen zu verbessern. Außerdem ist es unumgänglich, Fachkräfte auszubilden, an denen es in Berlin noch immer mangelt.

CCB Magazin:Warum mangelt es in Berlin an Fachkräften?

Stephan:In Berlin gibt es keine klassische Industrie. Und gerade die Musikindustrie basiert auf einer Art organischem Unterbau, das heißt, die Leute kommen direkt aus der Szene, sie machen aus ihrer persönlichen Veranlagung und aus ihrer Leidenschaft ein Businessmodel. Das bedeutet aber auch, dass es häufig an Spezialisten in bestimmten Berufsfeldern mangelt.

Berlin muss in Zukunft mehr tun, um an der Spitze zu bleiben

CCB Magazin:Der Berliner Soziologe und DJ Jan-Michael Kühn spricht in diesem Zusammenhang von „Szenewirtschaft“, in der Musikschaffende von der Ausgehkultur direkt zur aktiven Kulturproduktion übergehen. Ist es euer Ziel, diese „organischen“ Experten zu professionalisieren, damit sie zu Fachkräften werden?

Stephan:Auch das. In erster Linie wollen wir aber zwischen dem bestehenden Ausbildungsangebot und dem Bedarf der Unternehmen vermitteln. Das ist nämlich zum Teil noch nicht zielgerichtet genug. Darum helfen wir Unternehmen, qualifizierte Kräfte aus der Musikindustrie zu finden und andersherum.

CCB Magazin:Wenn du in die Zukunft blickst: Welche Trends erkennst du gegenwärtig, die für die Musikbranche hilfreich sind? Und welche zeichnen sich ab, die der Musikbranche überhaupt nicht gut tun? 

Stephan:„Überhaupt nicht gut tun“ gibt es meiner Meinung nicht. Die Frage ist vielmehr, wie man sich auf die neuesten Entwicklungen einstellt. Wir haben in diesem Jahr erstmals einen Technologieschwerpunkt eingebaut, der unter dem Namen „Hybrid Music Lab“ läuft, um die Themen der etablierten und der digitalen Musikwirtschaft zu verbinden. Wir wollen herausfinden, welche Entwicklungen sich für die Branche wie auswirken. Ziel ist es hier, dass die Akteure der Musikwirtschaft die Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung verstehen und somit die Möglichkeit haben, die Veränderungen aktiv mitzugestalten und zu ihrem Vorteil zu nutzen. Pauschal lässt sich nicht beantworten, welche Entwicklungen sich für die Branche wie auswirken können und werden. Genau das möchten wir bei Most Wanted: Music herausfinden.

CCB Magazin:Ihr diskutiert auf der Veranstaltung erstmals auch über die Integration von Geflüchteten in die Musikszene und über Berlin als Ausbildungsstandort für die Kreativwirtschaft. Was kann die Musikbranche für Geflüchtete tun? Welche Aus- und Weiterbildungen braucht Berlin? 

Stephan:Die Berlin Music Commission hat vor cirka einem Jahr den Verein CreAid Network Berlin mitgegründet, der als Schnittstelle zwischen geflüchteten Musikschaffenden und der Berliner Musikindustrie fungiert. Mit CreAid Network Berlin e.V. bündeln wir unsere Netzwerke und möchten Musikschaffende zum Beispiel auch dabei unterstützen, Praktika, Ausbildungsstellen und Jobs zu finden. Mit dem Panel „Arbeitsmarkt der Musik- und Kulturindustrie: Refugees Welcome!?“ wollen wir zum einen den Dialog noch mehr öffnen und zum anderen, mit der Hilfe von fachlich versierten Panelteilnehmern, auch Informationen liefern: Was muss ich beachten? Welche bürokratischen Hürden erwarten mich? Berlin ist für die Musikwirtschaft einer der vielfältigsten und lebendigsten Orte weltweit und somit natürlich auch Anziehungspunkt für Musikschaffende aus dem Ausland. Jeder Mensch sollte frei seiner Passion und seinen Interessen nachgehen können. Darum finden wir es auch so wichtig, den Arbeitsmarktzugang für Geflüchtete auch in der Kreativindustrie zu thematisieren, zu diskutieren und Programme und Ideen auf den Weg zu bringen. Welche Aus- und Weiterbildungen Berlin in den nächsten Jahren diesbezüglich braucht, auch das wollen wir herausfinden.

CCB Magazin:Stephan, was planst du in der Zukunft?

Stephan:Wir wollen jetzt erst einmal Most Wanted: Music mit der diesjährigen Ausgabe als drittes relevantes Musikbusiness-Event in Deutschland neben dem Reeperbahnfestival und der c/o pop etablieren. Und wenn man sich die Relevanz und Aktualität der Inhalte und die Entwicklung der Teilnehmerregistrierungen im Vorfeld anschaut, scheinen wir das auch zu schaffen. In den nächsten Jahren möchten wir dann auf dieser soliden Basis aufbauen können und uns mithilfe der Branchenakteure peu à peu verbessern und vergrößern.

CCB Magazin:Stephan, viel Erfolg dabei. Wir sehen uns auf eurer Veranstaltung.


Profil von Stephan Hengst auf Creative City Berlin 

Veranstaltung Most Wanted: Music. 2016 am 10. und 11. November 

 

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