Als ich nach Berlin kam...

Mathilde Ramadier und Alberto Madrigal: „Werdet erst mal erwachsen, bevor ihr nach Berlin kommt!“

Mathilde Ramadier und Alberto Madrigal: „Werdet erst mal erwachsen, bevor ihr nach Berlin kommt!“
Foto: © privat

Mathilde Ramadier ist 28 Jahre alt, Autorin, sie ist aus Frankreich. Alberto Madrigal ist 33 Jahre, er kommt aus Spanien und arbeitet als Comic-Zeichner. Beide leben in Berlin-Kreuzberg. Beide haben ein Buch veröffentlicht: Berlin 2.0., ein Comic über Berlin als Magnet für Künstler und Kreative, eine Liebeserklärung an die Stadt auf der einen Seite, ein Warnsignal für Kreativschaffende auf der anderen. Sie sagen: Empört Euch! Wir können so nicht weitermachen. Wir trafen die beiden Künstler zum Gespräch.    
                     

INTERVIEW   JENS THOMAS
 


CCB Magazin: Hallo Mathilde und Alberto. Ihr beide lebt in Kreuzberg. Mit welchen Zielen seid ihr nach Berlin gekommen?

Mathilde: Ich bin gekommen, um hier zu arbeiten und zu leben. Berlin ist anders als andere Städte. Ich kenne Berlin schon seit zehn Jahren. Ich bin seit fünf Jahren hier.

Alberto: Ich war eigentlich nur zu Besuch hier, das war vor acht Jahren. Dann bin ich hier geblieben. Ich kannte über Berlin recht wenig. Über die Berliner Kunstszene wusste ich so gut wie gar nichts, die habe ich erst hier kennengelernt.

CCB Magazin: Warum habt ihr eure Heimat verlassen?

Mathilde: Ich komme aus der Provence in Frankreich und habe sechs Jahre in Paris gelebt, aber irgendwann ging es nicht mehr. Paris ist zu voll, zu teuer, eine Wohnung kostet mittlerweile das Dreifache. Im Innenstadtbereich zu leben ist so gut wie unmöglich. Ein Grund, warum ich nach Berlin gekommen bin, war auch die Wirtschaftskrise mit hoher Arbeitslosigkeit in den europäischen Ländern. Ich fühle mich heute sehr wohl in Berlin. Ich liebe es, jeden Tag drei Sprachen sprechen zu können. In Frankreich würde ich jeden Tag nur Französisch sprechen.

Alberto: Ich komme aus der Nähe von Valladolid in Spanien, aus einer ganz kleinen Stadt. Da gibt es keine Kunstszene, die gibt es in Spanien nur in Madrid oder Barcelona. Als ich in Berlin ankam, hatte ich gar nichts: Zunächst wohnte ich in einer WG, dann nahm ich mir mit meiner Frau eine eigene Wohnung. Wir mussten nehmen, was wir bekommen konnten. Berlin war für mich damals eine ganz andere Welt, so groß, so weit, die Kunstszene ist hier überall präsent. Ich wäre aber sonst nicht nach Deutschland gegangen, außer nach Berlin. Berlin ist keine gewöhnliche deutsche Stadt. In Berlin gibt es auch ein großes internationales Netzwerk an Comiczeichnern, das gefällt mir. 

Berlin war für mich damals eine ganz andere Welt, so groß, so weit, die Kunstszene ist hier überall präsent

CCB Magazin: Ihr habt gerade zusammen ein Buch über Berlin veröffentlich. „Berlin 2.0“. Um was geht es da?

Mathilde: Das Buch handelt von Berlin als Magnet der Kreativszene, es ist eine kritische Auseinandersetzung mit der hiesigen Arbeitssituation. Das Buch handelt von der Pariser Literaturstudentin Margot, die es auf der Suche nach einem Job und kreativem Input nach Berlin verschlägt. Margot erlebt eine herbe Enttäuschung, als sie sich mit Minijobs durchschlägt und die Gentrifizierung zum Alltag wird. Sie hangelt sich von Job zu Job, sie kommt im Grunde aber nie an.

CCB Magazin: Ist diese Geschichte auch eure eigene?

Mathilde: Alles, was in der Geschichte steht, ist wahr, so wie Margot habe ich Berlin auch erlebt. In den fünf Jahren, seitdem ich hier bin, habe ich bis zu 20 Nebenjobs gehabt und dabei mehr schlechte als gute Erfahrungen gemacht. Die Geschichte ist darum eine Verarbeitung meiner Erlebnisse und Eindrücke. Die Art des Erzählens half mir auch, Distanz zu bekommen. Es gab eine Zeit, vor drei Jahren, da war ich unheimlich wütend auf diese Stadt.

CCB Magazin: Wütend, warum?

Mathilde: Die Arbeitssituation in Berlin ist nicht einfach, gerade für Künstler. Man arbeitet nonstop und verdient im Grunde nichts. Und in jedem Job lernte ich Leute kennen, denen es genauso geht. Die Leute eilen von Job zu Job und sind teilweise nicht mal sozialversichert. Viele leben an der Armutsgrenze, sie verdienen nicht mal 1.000 Euro. Das hat mich sehr erschrocken. Das Buch half mir, meinen inneren Frieden zu finden. Heute geht’s mir besser.

Berlin 2.0, erschienen bei Futuropolis, einem französischen Verlag. Cover © Futurepolis


CCB Magazin: Was hat sich seitdem verändert?

Mathilde: Ich arbeite heute als Autorin und Übersetzerin und kann davon leben. Zumindest für ein halbes Jahr weiß ich, wie es weitergeht. Doch 80 Prozent meines Geldes verdiene ich in Frankreich, nicht in Berlin. Ich arbeite als Freelancerin, überwiegend für französische Medien. Aber ich brauche keinen Nebenjob mehr.

Alberto: Bei mir lief es genau umgekehrt: Vor vier Jahren hatte ich einen Job in einer Agentur, die Video-Games herstellten. Heute arbeite ich als Freelancer. Aber es ist nicht einfach, vom Comic-Zeichnen leben zu können. Ich arbeite überwiegend für einen Verlag in Italien, der Rest setzt sich aus weiteren Aufträgen zusammen.

CCB Magazin: Ihr kritisiert in eurem Buch die Startup-Szene in Berlin. Warum?

Mathilde: Wir kritisieren nicht die Startups an sich, wir kritisieren die neoliberale Philosophie vieler Startups. Wir kritisieren, dass man heute so schnell wie möglich gründet, sich so schnell wie möglich ein Team aufbaut und in wenigen Jahren wieder von der Bühne verschwindet – und dann auch Mitarbeiter wieder entlässt. 

Wir kritisieren nicht die Startups an sich, wir kritisieren die neoliberale Philosophie vieler Startups

CCB Magazin: Aber ist es nicht auch etwas Schönes, dass die Menschen Ideen haben und sich etwas trauen?

Mathilde: Ja, das ist sogar etwas sehr Schönes. Aber unsere Beobachtung ist, dass sich mental in dieser Szene das Schneller-und-Weiter durchsetzt. Gute Ideen brauchen aber Zeit, sie brauchen Leidenschaft, die guten Dinge wachsen oft langsam. In der Startup-Szene habe ich viele kennengelernt, die jünger sind als ich, die keine Ahnung vom Leben haben, aber an das Große glauben. Das geht oft schief. Wichtig ist es doch, auch an die Gesellschaft als Ganze zu denken, wenn man gründet. Viele sind nur Manager ihrer selbst.

CCB Magazin: Mathilde, Du bist Autorin, Alberto Du bist Comic-Zeichner. Wie geht man gemeinsam an ein solches Projekt ran und wie setzt man eine solche Geschichte gemeinsam um?

Mathilde: Ich habe die Geschichte geschrieben, Alberto hat die Geschichte zeichnerisch umgesetzt.

Alberto: Ich wusste von dem Thema vorher nicht allzu viel. Wir haben uns über diese Geschichte auch erst richtig kennen gelernt. Ich habe inhaltlich viel von Mathilde gelernt. Zeichnerisch habe ich das umgesetzt, was man nicht in Worte fassen kann. Das Comiczeichnen ist wie eine Mischung aus Film und Roman: Du erzählst eine Geschichte wie ein Autor, nur mit anderen Mitteln.

CCB Magazin: Wie bist du zum Zeichnen gekommen, Alberto?

Alberto: Eigentlich bin ich Programmierer. Irgendwann merkte ich aber, dass mir das zu wenig war. Also begann ich zu zeichnen. Obwohl ich mir am Anfang überhaupt nicht vorstellen konnte, dass man damit mal Geld verdienen kann. Vor zehn Jahren, als ich 23 Jahre war, entschloss ich mich, einfach meinen Job aufzugeben. Seitdem habe ich zwei Bücher veröffentlicht, das erste ist eine Autobiografie, das zweite ein Comic über das Arbeitsleben des Künstlers, es geht um Passion. Heute lebe ich vom Comic-Zeichnen.

CCB Magazin: Ist der Comic auch ein Mittel, um eine solche Thematik, ein ernstes Thema, anders umzusetzen? Schafft der Comic einen anderen Zugang?

Mathilde: Ja, bestimmt. Mit dem Buch wollen wir vor allem ein breiteres Publikum erreichen, das schafft man sicher besser in dieser Form, als wenn man zum Beispiel ein faktenlastiges Sachbuch veröffentlicht. Uns ging es aber vor allem auch darum zu zeigen, dass das Bild, das man heute von Berlin hat, Berlin als kreatives Schlaraffenland und als Metropole des Kreativseins, so nicht stimmt. Berlin ist toll, ja, wir lieben diese Stadt. Darum ist das Buch auch eine Liebeserklärung. Auf der anderen Seite ist es ein Warnsignal. Die Medien in Frankreich und Spanien reden über Berlin, als sei es das reinste Paradies. Unser Buch soll den Lesern vermitteln: Achtung, werdet erst mal erwachsen, bevor ihr nach Berlin kommt! Denn es ist auch ein Kampf hier, gute bezahlte Arbeit ist knapp, auch wenn der Wohnraum noch immer günstiger ist als anderswo.

Alberto:Ich denke, gerade für die jüngere Generation kann eine solche Geschichte hilfreich sein. Viele haben heute wenig Zeit. Ein Comic liest sich schneller als ein Roman, aber er ist darum nicht gleich oberflächlich. Derzeit gibt es das Buch nur auf Französisch, geplant ist es aber auch in anderen Sprachen.

CCB Magazin: Euer Buch ist gar nicht so witzig.

Mathilde: Ja (lacht), das Buch ist eine ernste Geschichte, es ist ja auch ein „seriöses“ Thema. Es gibt keine Gags. Eine französische Zeitung hat kürzlich gesagt, das Buch ist halb süß halb salzig, wie ein Berliner Frühstück. Das Buch ist wie eine Beziehung; ein Liebesbrief mit schwierigen Episoden und Momenten. Es gibt kein Gut oder Schlecht, es ist nicht Schwarz oder Weiß, es ist ein Spiegel der Zeit.

Wir können uns doch Berlin nicht permanent schönreden und immer so weiter machen!

CCB Magazin: Ein Appell eures Buches lautet „Empört Euch“. Über was sollen sich die Leute empören?

Mathilde: Wir können so nicht weiter machen. In Berlin sagt man, es ist einfach von 900 Euro im Monat zu leben. Ok, aber ist das gut? Ist das ein Modell für die Zukunft? Wir können uns doch Berlin nicht permanent schönreden und immer so weiter machen.

CCB Magazin: Was wäre die Lösung?

Mathilde: Diese Art des Arbeitens, über Minijobs und unbezahlte Tätigkeiten, kann kein Model für die Zukunft sein. Es ist auch eine Art des Menschenrechts, für gute Arbeit gerecht entlohnt zu werden. Darum sind Mindestlöhne ein erster richtiger Weg. Das Interessante ist, als ich vor drei Jahren diese Geschichte begann, gab es noch keinen Mindestlohn in Deutschland. Als ich hörte, dass es keinen Mindestlohn gibt, war ich total erschrocken! Ich dachte, das kann doch nicht sein. Man darf in Deutschland Vollzeit arbeiten und nur 600 Euro verdienen? Das ist legal? Den Mindestlohn gibt es doch auch in vielen europäischen Ländern, in Frankreich gibt es ihn seit 30 Jahren, warum nicht hier? Jetzt gibt es ihn. Aber unsere Generation muss sich weiter empören. Sie muss aktiv werden.

CCB Magazin: Wie geht es mit euch weiter? Bleibt ihr hier? Was habt ihr vor?

Mathilde: Ich bleibe erst mal hier, wie lange, das weiß ich nicht. Ich denke, dass ich in 10 Jahren ganz woanders leben werde, ich reise einfach viel zu gerne. Und die Sonne fehlt mir schon sehr.

Alberto: Ich habe keine Ahnung. Jetzt bin ich erst mal hier. Und ich werde bald Vater! Das wird bestimmt aufregend und ganz neu für mich. Mal schauen.  

CCB Magazin: Mathilde und Alberto, Danke für das Gespräch, viel Erfolg, Hasta la vista!


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