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Maren Heltsche und Mario Münster: „Die Idee, ein Magazin zu etablieren, ist schon ein wenig übergeschnappt“

Schwerpunkt Magazingründung

Maren Heltsche und Mario Münster: „Die Idee, ein Magazin zu etablieren, ist schon ein wenig übergeschnappt“
Foto: © Rosegarden

Irgendwie auch fünf Freunde: das ROSEGARDEN-Magazin-Team. Im Gespräch mit Creative City Berlin, Maren (erste von links, unten) und Mario (oben, Mitte)

Wie gründet man ein gutes Magazin? Was macht ein gutes Magazin aus und wie finanziert man das? Das ROSEGARDEN Magazin aus Berlin nennt sich ein „Imperium für Geschichten“ für Millenials, Lohas, junge urbane Kreative, Generation X Nostalgie und und und. Die Macher sagen selbst:  „Unser Magazin soll wie ein guter Freund sein. Wir wollen Themen behandeln, über die man abends auch am Küchentisch spricht – entschleunigt, nicht hektisch und klickgetrieben". Ok, aber klappt das? Wir sprachen darüber mit den ROSEGARDEN-Gründer/innen Maren Heltsche und Mario Münster.  


INTERVIEW  JENS THOMAS       
                                                          

CCB Magazin: Hallo Maren, auf der Podiumsdiskussion zur neuen Kreativwirtschaftsberatung Berlin am 15. März sagtest du, dass ihr vom ROSEGARDEN Magazin nicht leben könnt, das aber auch nicht euer primäres Ziel sei. Wie lange hält man so etwas eigentlich durch, an etwas leidenschaftlich zu arbeiten, davon aber nicht leben zu können?

Maren: Solange wir das zeitlich hinbekommen und unser Geld an anderen Stellen zu verdienen, geht das. Die Welt ist ja voll von Großartigkeiten, die es auch nur gibt, weil Menschen etwas auf die Beine stellen, für das sie brennen – ausdrücklich auch ohne dafür Geld zu bekommen. Das heißt im Umkehrschluss natürlich nicht, dass wir mit dem Projekt kein Geld verdienen wollen. Das ist unser Ziel. Aber es ist nicht das entscheidende Kriterium. Seit unserer Gründung Anfang 2013 haben wir so viele unglaublich schöne Begegnungen mit Menschen gehabt, so viel gelernt, so viele gute Momente gehabt, so viele gute Geschichten erzählt... das braucht man auch zum Leben und das kann kein Geld aufwiegen.

CCB Magazin:Wie finanziert ihr das ROSEGARDEN Magazin?

Mario: Bisher auf verschiedenen Wegen. Lange Zeit war ROSEGARDEN für uns nur ein Hobby. Richtig ernst wurde es erst nach zwei rein digitalen Jahren mit unserer ersten Print-Ausgabe im Sommer 2015. Die haben wir über eine Crowdfunding-Kampagne finanziert. Die Kampagne fand auf Indiegogo statt und wir haben 3.000 Euro eingenommen. Im Herbst 2015 hatten wir dann das Glück, uns erfolgreich für das Inkubatoren-Programm Flying Elephant des Frühphasen-Investors WestTech Ventures zu bewerben: Darüber haben wir einen kleineren fünfstelligen Betrag eingenommen. Teile des Fundings waren aber auch für Coachings, Workshops und die Bereitstellung von Arbeitsplätzen im Co-Workingspace Unicorn für den Zeitraum von sechs Monaten. Im Ergebnis hat uns das ein wenig Kapital gebracht, das wir für die Finanzierung unseres Betriebs nutzen können. Und mittlerweile erzielen wir auch Einnahmen aus Anzeigen und Kooperationen. Dennoch gilt: Niemand von uns verdient momentan Geld mit ROSEGARDEN. Der Weg dahin ist lang. Aber wir sind unterwegs. 

Wir wollen Themen behandeln, über die man abends auch am Küchentisch spricht

CCB Magazin:Um was geht es beim ROSAGARDEN Magazin? Was ist euer Ziel?

Maren: ROSEGARDEN ist ein unabhängiges Lifestyle- und Gesellschaftsmagazin. Unser Magazin soll wie ein guter Freund oder eine gute Freundin sein. Wir wollen Themen behandeln, über die man abends auch am Küchentisch spricht – entschleunigt, nicht hektisch und klickgetrieben. So fing es auch an mit ROSEGARDEN – als Mario und ich irgendwann gemerkt haben, dass man immer über die gleichen Themen spricht, stellten wir uns die Frage „Warum nicht darüber schreiben?“ – die Geburtsstunde von ROSEGARDEN sozusagen. Deshalb schreiben wir sehr persönlich, möglichst klug und pointiert über die Themen unserer Tage und wollen damit relevante Beiträge liefern. Unsere Leser sind die Menschen zwischen 25- bis 45-Jährigen, die mit sehr wachen Augen durch unsere Welt laufen und sie verstehen wollen. Da hast du die Millenials drin, viele Lohas, junge urbane Kreative, Generation X Nostalgie ... Aber sie alle verbinden einige Themen und Fragestellungen: Wie will ich leben? Wie will ich arbeiten? Was macht Terrorismus mit uns? Warum gibt es jetzt überall Pop-Up’s, Street Food und Sharing Economy? Wir schreiben über gesellschaftliche Themen und Trends, die unser Leben beeinflussen. Und zwar nicht durch ein bloßes Nacherzählen von Trends, sondern durch eine Auseinandersetzung damit.

CCB Magazin:Das ROSEGARDEN Magazin trägt den Untertitel „Imperium für Geschichten“. Ist das nicht etwas zu breit gefasst, um ein Magazin mit Format zu etablieren?

Mario: Haha, darauf werden wir am liebsten angesprochen. Geschichten sind etwas Großartiges. Die amerikanische Schriftstellerin Joan Didion hat mal den klugen Satz gesagt: „We tell ourselves stories in order to live.“ Wie wahr! Diesem Gedanken ein Imperium zu schaffen, ein Ort voller großer und kleiner Geschichten über Menschen, Ideen und Themen, das treibt uns an. Und klar ist uns bewusst, dass der Untertitel etwas Megalomanisches hat, aber gerade das finden wir passend. Die Idee, ein Magazin zu etablieren, ist an sich schon ein wenig übergeschnappt – den Spirit wollen wir auch nach außen hin zeigen inklusive des Augenzwinkerns.

Foto: Rosegarden.

CCB Magazin:Auf was kommt es bei einem guten Magazin an?

Maren: Da gibt es keine Musterlösungen. Spannend ist doch die Frage: Für wen? Zu welchen Themen? Mit wem? Gut ist so relativ. Für uns, unseren Anspruch und unsere Leserinnen und Leser heißt ein gutes Magazin Leidenschaft, Ich-Perspektive, relevante Themen, schöne Gestaltung, ohne blind dem Zeitgeist hinterherzurennen. Das alles immer einzulösen ist schon schwer genug.

CCB Magazin:Bei euch arbeiten alle ehrenamtlich. Wie organisiert man eine Zusammenarbeit auf unentgeltlicher Basis, wenn Grafiker, Programmierer und Autoren zusammenkommen und am Ende ein gutes Produkt entstehen soll?

Mario: Mit viel Kommunikation, ja, berechtigte Frage. Es ist nicht einfach und erfordert von allen Beteiligten sehr viel Disziplin, noch mehr E-Mails, Skype-Konferenzen und Telefonate, diverse Online-Projektmanagement Tools usw. Klingt jetzt nicht so sexy, ich weiß. Aber es gehört dazu. Ich hab gelernt, dass ein Magazin machen nicht bedeutet, nur zu schreiben. Es bedeutet ganz viel Management von Prozessen. Das ist manchmal auch nervig, aber es gehört dazu. Und je mehr man von der Leidenschaft seiner Mitstreiter lebt, desto hingebungsvoller müssen diese Prozesse gesteuert werden.

CCB Magazin:Wie findet ihr eure Leserschaft?  

Maren: Im besten Fall finden die ja uns. Zum Beispiel auf www.rosegarden-mag.de oder über Facebook, Twitter oder Instagram. Außerdem haben wir einen wöchentlichen Newsletter. Offline findet man uns auf Veranstaltungen und natürlich im Handel, wo es unser Print-Magazin zu kaufen gibt. Es ist ein kanalübergreifender Dauerlauf. Mithin vermutlich die größte, niemals enden wollende Herausforderung.

CCB Magazin:Inwiefern hat euch auch das Crowdfunding geholfen, eine Leserschaft zu finden und an euch zu binden?

Mario: Gute Frage. Bindung ist ein ganz wichtiges Stichwort. Als unsere Crowdfunding-Kampagne startete, waren wir schon zwei Jahre am Start. Wir hatten also bereits eine Community. Das war extrem hilfreich. 80 Prozent der Unterstützer kamen aus unserer bestehenden Community. Es gibt da eine sehr loyale Lesergruppe, der wir wahnsinnig dankbar sind. Ohne die gäbe es vieles nicht. Es gab da Leute, die montags einen Artikel für uns schrieben, dienstags die Kampagne mit Geld unterstützt und freitags etwas Korrektur gelesen haben. Das macht auch demütig. Aber in dieser engen Bindung liegt auch ein Schlüssel für unseren weiteren Weg. Stichwort „Magazin wie ein guter Freund“ – den legt mach auch nicht einfach wieder in die Ecke. Darüber hinaus hat die Kampagne auch Aufmerksamkeit bei Leuten gebracht, die uns nicht kannten und mit Sicherheit ein paar Leser mehr. Das zu quantifizieren, ist aber schwer.  

Macht das, worauf ihr richtig Lust habt!

CCB Magazin:Wenn ihr anderen Magazin-Gründern einen Rat geben würdet, auf was muss man bei der Magazingestaltung und -umsetzung achten?

Maren: Zunächst einmal: Macht das, worauf ihr richtig Lust habt! Mit der richtigen Leidenschaft dahinter kommt man auch über die weniger spaßigen Momente mit nervigem Kleinkram. Ansonsten: Möglichst langfristig denken, gute und professionelle Partner finden für all die vielen Dinge, die man nicht selber machen kann.

Mario: Vermeiden sollte man aus unserer Sicht den Ansatz, sehr schnell sehr groß zu werden und dabei viele Ressourcen zu verbrennen. Organisch wachsen, ein Schritt nach dem anderen machen... das scheint mir doch angebrachter zu sein. Und noch ein und: Nicht immer nur dem gestalterischen Zeitgeist hinterherlaufen. Der sieht morgen schon wieder anders aus und du dann alt. Eine Gestaltung finden, die nachhaltig ist, im besten Falle zeitlos, das ist eine Mega-Herausforderung.

CCB Magazin:Ihr kommt aus Berlin: Ist das ein Standort-Vorteil, weil Berlin ein Schmelztiegel für Kreativschaffende ist, oder gar ein Standort-Nachteil, weil die Konkurrenz so groß ist?

Mario: Klischee, aber wahr: Ja, wir empfinden das als Standort-Vorteil und zwar genau aufgrund der Vielzahl von Menschen, die hier spannende Sachen machen. Das ist Dauer-Input und das macht Spaß und hilft bei der Suche nach Geschichten. Oft finden die Geschichten auch eher uns als umgekehrt. Und was die Konkurrenz angeht: Wir sind ein nationales Magazin made in Berlin – die Konkurrenz gibt es eh, nicht nur in auf den sandigen Böden Berlins. Und wir finden es schön, dass es viele sehr gute Magazine gibt. Alle reden vom Zeitschriftensterben und gleichzeitig gibt es gefühlt jede Woche ein neues begeisterndes kleines Magazin.

CCB Magazin:Maren und Mario, wo seht ihr euer Heft in ein paar Jahren?

Maren: In ein paar Jahren sind wir immer noch dabei, Geschichten zu erzählen. Wir wissen, dass wir einen langen Atem brauchen. Ich denke, den haben wir. Wir wollen in Zukunft eine relevante Stimme sein, wenn in Deutschland wichtige Themen besprochen werden. Dafür müssen wir noch ein wenig größer werden. Aber das werden wir jeden Tag ein Stück.

CCB Magazin:Maren und Mario, viel Erfolg.


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