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Hergen Wöbken: „Wir müssen in Berlin nicht immer heiße Luft versprühen“

Hergen Wöbken: „Wir müssen in Berlin nicht immer heiße Luft versprühen“
Foto: © IFSE

Booming Berlin“ – so lautet der Titel einer neuen Studie vom Institut für Strategieentwicklung (IFSE). Die Studie hat die Entwicklung der Berliner Gründerszene von 2012 bis 2016 untersucht. Das Ergebnis: Berliner Startup-Unternehmen werden in wenigen Jahren Berlins größter Arbeitgeber sein. Zugleich kooperieren sie mit der kreativen Szene bislang kaum. Woran liegt das? Kann man das ändern? Sollte man das ändern? Wir sprachen mit Hergen Wöbken, Herausgeber der Studie, Strategieberater für Organisationen und Entscheider aus Wirtschaft, Kultur und Politik.
 

INTERVIEW   JENS THOMAS

 

CCB Magazin: Hallo Herr Wöbken, Sie haben mit dem Institut für Strategieentwicklung (IFSE) im Rahmen Ihrer Studie “Booming Berlin” die Entwicklungen der Berliner Gründerszene von 2012 bis 2016 untersucht. Ein Ergebnis lautet, dass Startups und kreative Szene bislang kaum kooperieren. Haben Sie diese Ergebnisse überrascht?

Hergen Wöbken: Es ist erstaunlich, dass eine der größten Kreativszenen der Welt bisher kaum Anschluss an die hiesige Startup Szene gefunden hat. Für Kenner beider Szenen ist das aber nicht wirklich neu oder überraschend. Und es ist bedenklich. Uns ging es jetzt darum, mehr Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken. Viele Akteure der Startup-Szene sind ja nach Berlin gezogen, weil es hier unter anderem eine vielfältige Kreativszene gibt. Und es gibt natürlich schon viele Berührungspunkte. Allerdings haben nur etwa 20 von 620 Startups einen inhaltlichen Bezug zur Kreativwirtschaft. Und damit ist das Potenzial – für beide Seiten – noch lange nicht ausgeschöpft.

CCB Magazin:Woran liegt es, dass Startups und die kreative Szene in Berlin bislang kaum kooperieren?

Hergen Wöbken: Bei den Startups waren am Anfang vor allem Geschäftsmodelle erfolgreich, die sich auf Nachahmung und effiziente Umsetzung fokussieren. Damit kam eine Kultur in die Stadt, die in einem Spannungsfeld zu einer Berliner Arbeitskultur der „Digitalen Bohème“ um die Jahrtausendwende steht. Zu dieser Kultur gehört auch der Gedanke der Nachhaltigkeit, den manche Vertreter, insbesondere in der Kreativwirtschaft, gegen eine Profitorientierung stellen, wobei das ja kein Gegensatz sein muss. Nun gilt es, dieses Spannungsfeld fruchtbar zu machen und eine Berliner Startup-Kultur zu schaffen, die Profitabilität mit Sinnstiftung und Innovationen mit nachhaltigen Geschäftsmodellen verknüpft.

Wir brauchen eine Berliner Startup-Kultur, die Profitabilität mit Sinnstiftung und Innovationen mit nachhaltigen Geschäftsmodellen verknüpft

CCB Magazin:Wie funktioniert das?

Hergen Wöbken: Zunächst durch klassische Vermittlungsarbeit. Auf der einen Seite muss man Kreativen vermitteln, dass eine Unternehmensgründung sehr viel Kreativität erfordert, aber auch Unabhängigkeit, Selbstverwirklichung und Sinnstiftung bieten kann. Auf der anderen Seite muss man den Investoren klarmachen, dass neue Geschäftsmodelle in der Kreativwirtschaft viel Potenzial haben. Und das gilt vor allem dann, wenn nicht eine kurzfristige Renditemaximierung im Vordergrund steht, sondern eine langfristige Wertschöpfung. Übrigens sind das die Tugenden der sozialen Marktwirtschaft, mit denen vor allem der deutsche Mittelstand in den letzten Jahrzehnten maßgeblich zu Deutschlands Wirtschaftskraft beiträgt. Wir stehen ja insgesamt vor umwälzenden Veränderungen. Und da ist es besser, diese aktiv und gemeinsam mitzugestalten. Darum ist eine verstärkte Kooperation zwischen Startups und Kreativen auch wünschenswert.

CCB Magazin:Was muss man dafür tun?   

Hergen Wöbken: Zunächst brauchen wir Vermittlungs-Plattformen. Diese können von großen Unternehmen der Kreativwirtschaft im eigenen Interesse aufgebaut werden. Es ist auch denkbar, dass sich kleine Akteure der Kreativwirtschaft zusammenschließen. Und wir brauchen Inkubatoren, Accelerators und Events und Workshops mit einem Fokus auf Startups und Kreativwirtschaft. Dabei geht es nicht um gut gemeinte Unterstützung von Gründern. Es geht darum, gemeinsam zu träumen, dabei viele Vorstellungen der Buchdruckgesellschaft auszukehren, große Visionen für eine vernetzte Welt zu entwickeln und sie anschließend in Businesspläne zu übersetzen. Starke Vermittler von außen können diesen Prozess beschleunigen und davon selbst profitieren.

CCB Magazin:Die Kreativwirtschaft ist ein breites Feld und umfasst rund elf Teilmärkte. Konnten Sie branchenspezifische Besonderheiten in Ihrer Studie feststellen, an denen das Kooperationsvermögen bislang konkret scheitert?

Hergen Wöbken: Nein. Ein Fehler könnte aber sein, dass wir noch immer in alten Branchengrenzen denken. Das hat uns bereits im Jahr 2010 beschäftigt, damals im Zusammenhang mit der so genannten Musikindustrie, es gilt aber für alle Bereiche der digitalen Kreativwirtschaft: Das technische Verbreitungsmedium Internet war das Ende für viele Verwertungsmodelle der Kreativwirtschaft. Es ist auch das Ende für die Branchengrenzen innerhalb der Kreativwirtschaft.

CCB Magazin:Ein Ergebnis ihrer Studie lautet, dass Startup-Unternehmen in wenigen Jahren Berlins größter Arbeitgeber sein werden. Schon heute beschäftigen die jungen Firmen in der Stadt zusammen rund 13.200 Arbeitnehmer. In der Berliner Kreativwirtschaft kann hingegen jeder zweite Kreative und Kulturarbeiter von seiner eigentlichen Tätigkeit nicht leben und stellt auch keine weiteren Mitarbeiter ein. Wie löst man dieses Problem?

Hergen Wöbken: Das Problem der Berliner Kreativwirtschaft war nicht Gegenstand unserer Studie zu den Startups in Berlin. Aber wir entwickeln gerne Lösungen dazu, wenn sich jemand dafür interessiert. Zu den Mitarbeiterzahlen der Startups muss man sagen: Die Zahl der Berliner Startups hat sich in den letzten drei Jahren verdoppelt und ist somit bis Anfang 2016 auf 620 angestiegen. In 78 Prozent dieser Unternehmen arbeiten weniger als 22 Mitarbeiter, dagegen beschäftigen nur etwa acht Prozent etwa die Hälfte aller Mitarbeiter. Wir haben hier sehr unterschiedlichste Arbeitsplatzbedingungen. Deshalb können wir nicht in das allgemeine und unreflektierte Loblied über Startups und deren Schaffung von Arbeitsplätzen einstimmen.

Berlin wird niemals das neue Silicon Valley werden

CCB Magazin:„Berlin wird niemals das neue Silicon Valley werden“, lautet einer Ihrer Fazits. Finden Sie das gut oder schlecht?

Hergen Wöbken: Das ist so, wie es ist. Wir müssen in Deutschland verstehen, dass Berlin und leider auch kein anderer deutscher Standort das neue Silicon Valley sein kann. Vielmehr müssen wir alle unterschiedlichen Stärken der vergleichsweise kleinen Standorte in Deutschland und darüber hinaus in Europa zusammenbringen, um den Anschluss nicht zu verpassen. Was Berlin betrifft, sollten wir uns auf unsere eigenen Stärken besinnen.

CCB Magazin:Was sind denn die Stärken von Berlin?

Hergen Wöbken: Berlin zeichnet sich durch seine Kultur, Diversität und Dezentralität aus, das sollten wir uns bewahren. Berlin ist eine Grenzstadt für Abenteurer und hat eine wunderbare Geschichte, eine hohe Heterogenität, das ist einmalig, das ist auch ein Schatz dieser Stadt! Wir müssen doch nicht immer heiße Luft versprühen. Warum? Für was? Das Wichtigste für Berlin ist eine realistische und gleichzeitig selbstbewusste Einschätzung der eigenen Stärken, aber auch Schwächen. Ein Hype hat allerhöchstens einen Marketingeffekt, wobei ich die Nachhaltigkeit dieses Effekts stark bezweifle. Wer den Hype in Frage stellt, will also nicht kritisieren, sondern eine solide Basis für eine weitere Entwicklung schaffen.

CCB Magazin:Sie haben in der Studie unterstrichen, dass es Aufgabe der Politik sei, die Frage zu beantworten, in welche Richtung die digitale Ökonomie zwischen Partizipation und Plattformkapitalismus in Zukunft entwickelt werden müsse. Welchen Rat geben Sie der Politik?

Hergen Wöbken: Ich gebe niemandem einen Rat, der mich nicht fragt. Ich fordere als Bürger dieser Stadt, dass unsere Politiker eingestehen, dass mit der digitalen Transformation der Gesellschaft alle Rezepte und Lösungen von gestern überholt sind. Und natürlich bin ich gerne bereit, an neuen Ansätzen und Lösungsmodellen mitzuwirken.

CCB Magazin:Aber welche Modelle priorisieren Sie denn für die Zukunft? Und was müsste insbesondere für die Kreativwirtschaft in Berlin getan werden? Von wem und in welcher Form?

Hergen Wöbken: Dazu ist schon viel gesagt und gedacht worden. Einfach machen! Wichtig sind die erwähnten Bündnis-Plattformen und eine verstärkte Zusammenarbeit. Aber auch verbindliche Zusagen von Seiten der Politik. Das können auch Absagen sein. Kurt Hackenberg, von 1955 bis 1979 Beigeordneter für Kunst und Kultur der Stadt Köln, hat das vorbildlich gemacht: Er förderte die kulturelle Bildung, unterstützte die experimentelle Kultur und brachte die Leute in der Stadt zusammen. Er hat immer konkrete Zu- und Absagen erteilt. So etwas ist wichtig, auch für Berlin. Nicht alle Experimente werden von Erfolg gekrönt sein, auch das ist klar. Das ist aber auch nicht schlimm. Wer aber immer alte Geschäftsmodelle verteidigt, der hat schon jetzt verloren.

CCB Magazin:  Herr Wöbken, vielen Dank für das Gespräch. 


Die komplette Studie gibt's im hier Überblick.

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