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Norbert Wiesneth: „Charlottenburg-Wilmersdorf ist das Epizentrum für Fotografie in Berlin“

Norbert Wiesneth: „Charlottenburg-Wilmersdorf ist das Epizentrum für Fotografie in Berlin“
Foto: © PhotoWerkBerlin 

Norbert Wiesneth ist nicht nur Fotograf. Er leitet auch das PhotoWerkBerlin, eine Anlaufstelle, ein Ausstellungs- und Projektraum in Charlottenburg-Wilmersdorf. Wir waren vor Ort: Was verschlägt einen Fotografen nach Charlottenburg-Wilmersdorf? Warum nicht Mitte, Neukölln oder Kreuzbergirgendwo? Ein Gespräch über Berliner Vergangenheit, die Zukunft der Fotografie und neue Herausforderungen an das Berufsbild des Fotografen mitten in Berlin. 


VOR ORT WAR    JENS THOMAS
 


Die Straße zieht sich in der Bundesallee nahe des U-Bahnhofs Spichernstraße in Charlottenburg-Wilmersdorf. Hier liegt der Hohenzollerndamm - und das PhotoWerkBerlin. Ich bin an diesem Tage mit Norbert Wiesneth vom PhotoWerkBerlin verabredet. So sieht es hier also aus, in Good-Old-West-Berlin. Ein Gemüsehändler wirbt am U-Bahnhof Spichernstraße für prallrote Tomaten und schreit lauthals Preise heraus. Eine Frau stempelt leise ihr U-Bahn-Ticket ab und verschwindet geräuschlos in den Schluchten der Berliner Unterwelt. Ansonsten wirkt die Gegend hier aufgeräumt. Es sind kaum Menschen auf den Straßen, dafür umso mehr Autos. Gleich gegenüber ist ein Imbiss, an der Ecke ist die zentrale Rentenstelle ansässig.  

Ich gehe rein, in die Hausnummer 176. Hier ist es, das renommierte PhotoWerkBerlin, es liegt direkt in der Kommunalen Galerie. Das PhotoWerkBerlin ist Anlaufstelle, Ausstellungs- und Projektraum für Fotografen in der Stadt. Vorne am Eingang liegen Broschüren zur Fotografie aus, Fotos hängen an den Wänden und zieren den Raum. Vereinzelt kommen Besucher rein. Es ist still. Norbert Wiesneth kommt mir entgegen und gibt mir begrüßend die Hand, dann sagt er in leisem Ton: „Hallo Jens, willst du was trinken?“. „Sehr gerne Norbert“, erwidere ich. Norbert Wiesneth zeigt mir seine Räume, er erzählt, was er hier macht. Er siniert über das PhotoWerkBerlin und stellt mir seine Kollegen vor. „Alle drei Monate haben wir hier eine neue Ausstellung“. Norbert Wiesneth spricht langsam, etwas vorsichtig, aber er formuliert in klaren Worten das, was er hier vorhat: eine zentrale Anlaufstelle für Fotografen schaffen. Er hat kurzes Haar, eine modische Brille sitzt auf der Nase, er spricht in leicht bayrischem Akzent. „Ich bin in München geboren“. Er sei aber gut rumgekommen, erst in Bayern, dann in der ganzen Welt. „Bayern-Multikulti“ nennt er das. Wir setzen uns. Ich drücke auf das Aufnahmegerät. Immer wieder kommen Leute rein und sagen „Guten Tag“. Auch wir sagen: „Guten Tag“. Dann reden wir. Über Berlin. Über die Fotografie. Über Charlottenburg-Wilmersdorf. Über sein Leben. Über das PhotoWerkBerlin.


CCB Magazin: Hallo Norbert, schön ist es hier. Erzähl mal, was ist das PhotoWerkBerlin und was macht ihr hier?

Norbert Wiesneth: Das PhotoWerkBerlin gibt es seit 2012. Angefangen haben wir mit Foto-Workshops und der Vermittlung fotografischer Bildung. Das beinhaltet neben Workshops auch Künstlerlesungen und Künstlergespräche. Seit 2014 sitzen wir in der Kommunalen Galerie als Projektraum. Zuvor hatten wir keinen Ausstellungraum. Gemeinsam mit anerkannten Künstlern entdecken wir hier analoge Techniken, photographische Inszenierungen, natürliche Portraits, Architektur oder Orte, die Berlin speziell machen.

CCB Magazin: Was passiert bei den Künstlergesprächen?

Norbert Wiesneth: Bei den Künstlergesprächen führt der Künstler entweder durch die Ausstellung oder wir führen thematische philosophische Gespräche mit den Künstlern, so zum Beispiel zum Thema „das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“, angelehnt an den Diskurs um die Thesen von Walter Benjamin. Ein anderes Thema war kürzlich das Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen zum 25. jährigen Mauerfall. Die Bannbreite der Themen ist groß. Genauso groß ist aber auch die Auswahl fotografischer Techniken in den Workshops, die wir anbieten. Die reichen von klassisch-historischen fotografischen Techniken bis hin zu künstlerischen Formaten.

CCB Magazin: Das klingt so, als würde sich euer Angebot nur an Fortgeschrittene richten?

Norbert Wiesneth: Im Grunde ja, wir machen keine klassischen Einsteiger-Workshops. Bei uns geht es vor allem um die, die an ihrer Kreativität, ihrer Vision oder an ihrem Ausdruck weiter arbeiten wollen. Oder eine bestimmte Technik lernen möchten. Gerade bei der historischen Fotografie kann das sehr interessant sein. 

Als Fotograf musst Du Dich spezialisieren, sonst kommst Du nicht weit

CCB Magazin: Wo finden die Workshops statt und wie werden die finanziert?

Norbert Wiesneth: Die Workshops finden entweder im Bethanien in Kreuzberg statt oder in den Ateliers der Künstler. In den Ateliers und Studios der Dozenten lassen uns die Dozenten dann an ihrer künstlerischen Erfahrung teilhaben. Wenn du deinen technischen Kenntnisstand und deine künstlerische Vision weiter ausbilden willst, bist du beim PhotoWerkBerlin genau richtig. Alle Workshops kosten natürlich Geld. Insgesamt haben wir um die 15 Dozenten, die regelmäßig für uns arbeiten.
 

Foto: PhotoWerkBerlin.

CCB Magazin: Nach welchen Kriterien sucht ihr die Dozenten aus? Kommen die auf euch zu oder sucht ihr die gezielt aus?

Norbert Wiesneth: Beides, und wichtig ist uns, dass jeder Dozent ein Spezialist auf seinem Feld ist. Das gilt auch für das Berufsfeld der Fotografie als solches. Wer heute versucht, alles zu machen, kommt nicht weit. Wichtig sind Spezialisierungen, sonst verlierst Du Dich.

CCB Magazin: Norbert, wie bist du zur Fotografie gekommen?

Norbert Wiesneth: Ich komme ursprünglich aus Bayern. Geboren bin ich 1972 in München, aufgewachsen bin ich in der Oberpfalz. Zum Studieren bin ich dann nach Italien, nach Bologna. Dort habe ich Kunst studiert. Bologna führte mich wiederum nach Berlin: Es gab damals ein Austauschprogramm Berlin-Bologna, zu dem ich nach Berlin beordert wurde, um das Projekt vor Ort zu koordinieren. Das war 1996. Berlin hatte ich damals eigentlich überhaupt nicht auf dem Zettel. Ich habe mich dann aber ziemlich schnell in diese Stadt verliebt. In Berlin habe ich auch noch mal studiert, an der UDK. Ich bin dann einfach hier geblieben. Die Stadt hat mich nicht mehr losgelassen.

CCB Magazin: Was bedeutet Berlin für dich? Auch mit Blick auf deine Tätigkeit als Fotograf? In unserem Magazin hatten wir kürzlich ein Interview mit dem Produktfotografen Helmut Sattler. Er sagt, Berlin sei für die Fotografie kein Epizentrum. Stimmst du ihm zu?

Norbert Wiesneth: Ja, das Besondere an Berlin ist - auch im Vergleich zu anderen Metropolen -, dass es hier keine klassischen Fotojobs gibt. Die Werbeagenturen und großen Verlagshäuser sitzen in München, Köln, Mainz oder Hamburg. Jobs, die gut bezahlt werden, gibt es in Berlin nicht viele.

Für die künstlerische Fotografie ist Berlin ein ganz spezieller Ort. Aber es gibt hier kaum klassische Fotojobs

CCB Magazin: Warum bist du dann hier geblieben?

Norbert Wiesneth: Berlin war für mich immer schon die Stadt fürs Auge. Berlin ist fotografisch sehr herausfordernd, und mein Metier ist die künstlerische Fotografie. Dafür ist Berlin schon ein ganz spezieller Ort. Berlin bietet unheimlich viel Inspiration, nichts passt hier zusammen, und gerade das macht es so spannend. Diese wahnsinnig verschiedenen Schichten und Unterschiedlichkeiten in der Stadt. Es ist gibt in Berlin keine homogene Oberfläche. Aber finanziell, aus wirtschaftlicher Sicht, da stimme ich Helmut Sattler zu, ist Berlin kein Epizentrum der Fotografie. Das ist alles weit unter Hauptstadtniveau. Nur wenige freie Fotografen können hier überhaupt von ihrer Arbeit leben. Obwohl in letzter Zeit in Berlin die Auftragsarbeiten anziehen. Das liegt vor allem an den vielen Start-ups, die in Berlin jetzt Fotokurse buchen wollen.
 

Das ist Norbert. Foto: © PhotoWerkBerlin.

CCB Magazin: Inwiefern?

Norbert Wiesneth: Die Fotografie ist für Start-ups ein probates Mittel, um sich selbst zu vermarkten. Vor allem Presse- und Event-Fotos sind schwer im Kommen. Start-ups wollen aber in der Gründungsphase für Fotos kein Geld ausgeben, darum machen sie es selber. Da bekommt dann irgendeiner in einer Agentur eine Kamera in die Hand gedrückt, mit dem Hinweis, komm mach mal…

CCB Magazin: Das heißt, ihr profitiert davon, dass Fotografen eure Workshops buchen, die Branche aber nicht, weil durch das Selbermachen die Konkurrenz zunimmt und Preise gedrückt werden?

Norbert Wiesneth: So streng würde ich es nicht formulieren. Bei uns buchen ja überwiegend etablierte Fotografen oder die, die auf dem Weg dorthin sind. Und wenn Unternehmen wachsen, buchen sie auch wieder vermehrt professionelle Fotografen, weil sie dann das Geld dafür haben. Das Problem bezieht sich vorwiegend auf Start-ups in der Gründungsphase. Und das ist auch kein Berliner Problem. Weltweit ist der Fotomarkt derzeit enorm unter Druck. Zum einen liegt das daran, dass die Digitalisierung immer mehr Möglichkeiten zum Selbermachen schafft. Zum anderen unterbieten sich mittlerweile auch die professionellen Fotografen. Das ist schon ein derber Wettlauf. Es gibt in der Fotobranche auch keine Tarife, an die man sich hält. Gerade zu Beginn versuchen junge Fotografen mit allen Mitteln, einen Fuß in die Tür zu bekommen.

CCB Magazin: Wie bekommt man das in den Griff?

Norbert Wiesneth: Wichtig ist, dass man sich klar macht, dass billig nicht der beste Weg ist. Das merken wir auch an unseren Workshops. Bei uns werden gerade nicht die billigsten Angebote gebucht, sondern die, die für die Leute interessant sind. Richtig professionelle Leute wollen oft auch gar nicht das Billigste. In Berlin fehlt einfach ein bisschen diese bayrische Weisheit: Was nichts kostet, ist auch nichts wert. Und den Fotografen kann ich auch nur raten, diesen Unterbietungswettlauf nicht mitzumachen. Es ist auch wichtig, mal Nein zu sagen. Man wartet dann vielleicht etwas länger, ist aber gleich eine Stufe höher. Zum Schluss sind auch alle motivierter, weil sie mehr bekommen. 
 

Wichtig ist, dass man sich klar macht, dass billig nicht der beste Weg ist. Fotografen kann ich auch nur raten, diesen Unterbietungswettlauf nicht mitzumachen
 

CCB Magazin: Norbert, wie finanziert ihr PhotoWerkBerlin?

Norbert Wiesneth: PhotoWerkBerlin ist eine GbR, wir finanzieren uns hauptsächlich privat. Es gibt aber vereinzelt Kurse, die gefördert werden, so zum Beispiel vom Bundesministerium für Bildung. Das ist dann projektbezogen. Aktuell sind wir auch dabei, einen Förderverein zu gründen, damit wir gemeinnützig sind und Spenden annehmen können.

CCB Magazin: Warum sitzt ihr gerade in Charlottenburg-Wilmersdorf?  

Norbert Wiesneth: Charlottenburg-Wilmersdorf ist mittlerweile der Foto-Bezirk in Berlin schlechthin. Der Gongschlag erfolgte durch den Umzug von c/o Berlin aus Mitte an den Bahnhof Zoo. Mittlerweile kommen sie aber alle her: Das Bikini-Haus eröffnete ebenfalls am Zoo, das Museum für Fotografie, die Newton Foundation oder Camera Work, alle sind sie hier. Selbst der Leica Shop ist in der Fasanenstraße. Das Besondere ist aber, dass in Charlottenburg-Wilmersdorf vor allem die Etablierten sitzen. Das Experimentierfeld ist weiterhin in Kreuzberg oder Neukölln. Charlottenburg-Wilmersdorf ist High End. Wenn man hochwertige Fotografie-Kunst sehen will, ist Charlottenburg der passende Ort. Das findest Du kaum mehr in Mitte.
 

Foto: Norbert Wiesneth.

CCB Magazin: Wie funktioniert die Vernetzung hier vor Ort? Kennt man sich untereinander und weiß von den jeweiligen Aktivitäten der anderen?

Norbert Wiesneth: Interessante Frage, das passiert nämlich gerade nicht. Komisch oder? Wir arbeiten aber daran. Aktuell haben wir uns zum Beispiel mit dem Kulturamt Charlottenburg verständigt und wollen PhotoDistrict ins Leben rufen, ein Netzwerk für Fotografie, hier in Charlottenburg. Aber es stimmt, die großen Adressen arbeiten auffällig wenig zusammen.

CCB Magazin: Woran liegt das?

Norbert Wiesneth: Ich denke, je etablierter man ist, desto eigenständiger wird man. Netzwerke entstehen ja meistens von unten, bottom up, um erst mal anzufangen. Die, die unabhängig werden, brauchen dann nicht mehr unbedingt ein Netzwerk zur Selbsthilfe. Obwohl das auch eine Einstellungssache ist. In meinem Studium gab es immer schon die Leute, die von Anfang an gesagt haben, „komm, wir machen was zusammen“. Und es gab die, die das abgelehnt haben – egal wie erfolgreich man war oder nicht.

CCB Magazin: Norbert, wie wird sich Berlin für Fotografen weiter entwickeln und wie geht es mit euch weiter?

Norbert Wiesneth: Die Internationalität in Berlin wird weiter zunehmen. Gerade in den letzten zehn Jahren ist aus der einstigen Berliner-Insel ein richtiges internationales Vernetzungsimperium geworden. Ich merke auch, dass gerade internationale Fotoschulen, amerikanische im Speziellen, extra nach Berlin kommen, um hier Kurse zu geben. So bietet zum Beispiel gerade die Hartfield viele Kurse in Berlin an, das ist eine sehr renommierte amerikanische Fotoschule. Von überall kommen derzeit Fotografen her, um Angebote zu buchen. Auch virtuelle Hochschulen siedeln sich immer mehr an. Eine ist zum Beispiel die Transart. Ob Berlin aber mal ein wirtschaftlicher Standort für Fotografen wird, das muss man abwarten. Die kreativen und künstlerischen Fotografen sind ja schon hier. Diese Entwicklung wird sich weiter fortsetzen. Und zu uns: Wir machen einfach weiter und werden größer. Auf Creative City Berlin haben wir gerade eine Ausschreibung eingetragen. Hast Du sie schon gepostet?

CCB Magazin: Oh, welche?

Norbert Wiesneth: Na den Open Call zur Street Fotografie: Wir laden Fotografen aus der ganzen Welt ein, um ihre Vision des Lebens in den Straßen zu präsentieren. Die ausgewählten Fotografen werden zum Monat der Fotografie bei nächtlichen Projektionen auf dem Trottoir des Ku-Damm gezeigt.

CCB Magazin: Norbert, mach ich gleich.

Norbert Wiesneth: Danke Jens!

CCB Magazin: Ich danke dir.


Profil von Norbert Wiesneth auf Creative City Berlin

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