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Denis Altschul: „Wir sind ein Durchlauferhitzer“

Denis Altschul: „Wir sind ein Durchlauferhitzer“
Foto: © Jens Thomas

Das Agora Collective in Neukölln bringt sie zusammen: Querdenker und Geradeauslenker, Zukunftsplaner, Künstler, Kreative und Visionäre von morgen: Wir waren vor Ort und haben uns mit Denis Altschul vom Agora-Team unterhalten: Wie organisiert man einen solchen Ort für Kreativschaffende? Was kann dort entstehen, was wirklich nachhaltig ist und einen Mehrwert für die Gesellschaft hat?


vor Ort war Jens Thomas
 


Ich hatte Glück. Die Wetter-App sagt, es regnet, aber die Sonne knallt an diesem Morgen. Es ist der 25. Mai. Ich bin auf dem Weg zum Agora Collective in Neukölln und treffe mich mit Denis Altschul vom Agora zum Interview. Als ich ankomme, stehen die ersten schon vor der Tür: Menschen mit Handys, Menschen ohne Handys. Mittzwanziger, Enddreißiger, sie alle laufen etwas unruhig umher, klären Dinge ab: Es geht um kollaboratives Arbeiten, um Terminabsprachen, um Projektfinalisierung. Das Agora Collective liegt im Mittelweg in Neukölln. Das Haus ist groß, es ist verdeckt von Bäumen und verschwindet in buschigem Efeu, der sich an der Hauswand entlang schlängelt. Vor dem Agora befindet sich ein großer Garten, dahinter liegt das Café Agora: Hier wird genetzwerkt, geplant, gearbeitet, auch gekocht und gemeinsam gegessen. Alles  wirkt hier ein bisschen so wie in einer veganen Volksküche: die Dielen knarzen, überall gibt es Biokost, in der Ecke steht ein Klavier, in einer anderen befindet sich eine Bühne. Der Unterschied ist nur, dass hier gearbeitet wird - im ganzen Raum sitzen Künstler und Projektemacher und verschwinden hinter ihren Laptops. Im Hintergrund läuft leise Musik, in der Küche wird gebrutzelt und gekocht, hier und da ergeben sich informelle Gespräche.

Da bin ich nun, im Agora Collective, über das alle immer reden und über das alle immer sagen, dass hier etwas Großes entsteht. Ich schaue mich um und gehe durch den Hausflur. Vier Etagen hat das Agora Collective. Überall treffe ich Leute, die mich freundlich grüßen. Dann kommt Denis Altschul auf mich zu: Ein Mann mit 30-Tage-Bart und runder Brille, vielleicht Mitte Zwanzig, vielleicht Mitte Dreißig. Auf jeden Fall jemand, der vieles vorhat: Denis gibt mir entschlossen die Hand. Dann führt er mich herum und bittet mich in einen Raum. Da sitzen wir, gesprächsbereit. Ich drücke auf das Aufnahmegerät. Alles läuft.



CCB Magazin: Hallo Denis, schön, dass es mit dem Interview geklappt hat. Erzähl doch mal, was ist das Agora Collective und was macht ihr hier?

Denis Altschul: Das Agora Collective ist ein Coworking Space und Berliner Projektraum, hier soll sozialer Austausch stattfinden und Vielfalt und Selbstorganisation gelebt werden. Das Agora existiert seit 2011. Unser Fokus liegt auf Nachhaltigkeit, Kunst und Weiterbildung. Uns geht es mit dem Agora um neue Formate des kollektiven Forschens und Entwickelns. Alles, was Du hier siehst, ist in den letzten Jahren gewachsen. 

CCB Magazin: Was war hier früher?

Denis Altschul:Das Agora war mal eine Textilfabrik. Danach gab es vereinzelte Lofts in den Etagen, der letzte ist vor zwei Jahren ausgezogen, jetzt haben wir das Gebäude übernommen. Seitdem finden hier tagtäglich interessante Leute und Projekte zusammen. Jeder realisiert dabei ganz eigene Ziele mit den unterschiedlichsten Schwerpunkten. Unser Schwerpunkt liegt auf Interdisziplinarität. Wir wollen verschiedene Disziplinen aus den Bereichen Nachhaltigkeit, Food, Design und Kunst zusammenführen.

CCB Magazin: Ist es auch euer Ziel, dass daraus Geschäftsmodelle entstehen?

Denis Altschul:Nicht unbedingt, wenn das so ist, umso besser. Das muss aber nicht sein. Man kann hier auch einfach nur Freunde werden, arbeiten und sich wohlfühlen. Wichtig ist uns, dass man im Agora gemeinsam wachsen kann und sich auch mit dem Agora verbunden fühlt. So gibt es Leute, die hier seit Jahren alleine arbeiten. Andere gründen neue Projekte. Die Art und Weise, wie und mit wem man hier arbeitet, überlassen wir jedem selbst. Das Agora ist ein Durchlauferhitzer.

CCB Magazin: Inwiefern?

Denis Altschul:Im Gegensatz zum Social Impact Lab in Kreuzberg haben wir zum Beispiel kein fixes Programm. Wir bieten auch kein Stipendium an. Im Agora treffen interessante Leute mit guten Ideen aufeinander, um sich auszutauschen. Alles ist organisch hier, nichts ist festgelegt, alles entsteht im Prozess. Am Anfang gab es hier nur eine Etage, das Café. Mittlerweile haben wir vier Etagen: den Coworking Space, einen Vibrant Floor, mit flexiblen Arbeitsplätzen, wo man sich austauscht und Teamsitzungen abhält. Auf der zweiten Etage passiert genau das Gegenteil: Hier darf man weder reden noch telefonieren. Die Atmosphäre ist ein bisschen wie in einer Bibliothek. Man hat hier Einzeltische. Seit diesem Monat ist auch die dritte Etage nutzbar. Dort gibt es größere Tische für Teams zwischen vier bis sechs Leuten.  

Begegnungen im Agora Collective. Foto: © Jens Thomas

CCB Magazin:Denis, seit wann bist du hier?

Denis Altschul:In Deutschland bin ich seit ein paar Jahren. Ich komme ursprünglich aus Sau Paulo, Brasilien. In Berlin war ich zum ersten Mal 2004. Berlin hat mich schon damals fasziniert. Ich merkte, dass es hier Platz für die buntesten Dinge und Ideen gibt. Im Agora arbeite ich seit 2,5 Jahren. Ich bin hier für das Office und Community Management zuständig.

CCB Magazin: Was hast du in Brasilien gemacht?

Denis Altschul:Ich bin in Sau Paulo aufgewachsen. Nachdem ich dort die Schule beendet hatte, wusste ich, dass ich weg wollte. Dann bin ich nach Deutschland, um dort Medien- und Kommunikationswissenschaften zu studieren, in Passau. Nach dem Studium stellte sich für mich die Frage, ob ich zurück nach Brasilien gehe oder nach Berlin. Ich habe mich für Berlin entschieden. 

Im Agora ist alles organisch, nichts ist festgelegt, alles entsteht im Prozess

CCB Magazin: Warum?

Denis Altschul:Ich bin ein Mensch, der ungern an nur einer Sache arbeitet. Vielmehr mache ich gerne mehrere Dinge parallel. So etwas kann man gut in Berlin. Berlin bietet unheimlich viel Platz zum Experimentieren und Ausprobieren. Das machen wir ja auch im Agora Collective. Und nebenher ist noch Platz für meine eigene Kommunikationsagentur, NAME. NAME unterstützt gezielt Projekte mit Schwerpunkt soziale Innovationen. Mir geht es darum, Kommunikationswege für gute Projekte zu verbessern: Wie mache ich auf das aufmerksam, was ich mache? Wie werde ich sichtbar für andere?

CCB Magazin: Erzähl doch mal, welche Projekte sind hier im Agora groß und sichtbar geworden?

Denis Altschul:Eine ganze Menge! Ein ganz besonderes Projekt ist Jolocom. Jolocom beschäftigt sich mit einer App, die das Internet dezentralisieren soll, indem Daten nicht mehr bei einer Cloud gespeichert werden, sondern auf dezentralen Servern liegen. Zugleich gibt es eine Freedom Box, wo man Dinge für andere ablegen kann. Man hat also Zugang und kann Dinge teilen, bleibt aber Besitzer eigener Daten. Die Idee von Jolocom ist im Agora entstanden. Mittlerweile sind Jolocom aber zu groß für das Agora und sitzen woanders. Aber sie kommen immer wieder vereinzelnd zurück, um hier zu arbeiten. Ein anderes Projekt ist Nowhere kitchen, das momentan unsere Küche betreibt. Nowhere kitchen beschäftigt sich mit der Wiederverwertung von Essensresten. Noch ein anderes Projekt ist das von Kim, auch sie hat hier gearbeitet: Kim hat jeden Tag für eine andere Person gekocht, sie dabei interviewt und alles dokumentiert. Asili wiederum macht aus Essenresten Textilienfarbe. Ich könnte noch weitere Projekte aufzählen. Es passiert eine Menge hier.

CCB Magazin: Wie viele Leute gehen im Agora täglich ein und aus?

Denis Altschul:Pro Tag sind das bis zu 50 Personen im Coworking Space. 30 davon sind immer hier, 20 wechseln. Im Durschnitt bleiben die Leute um die vier Monate. Das ist uns auch wichtig, denn wir wollen Beziehungen zu den Menschen im Agora aufbauen.

CCB Magazin: Wie teuer ist hier ein Arbeitsplatz?

Denis Altschul:Es fängt bei 16 Euro für einen Tag an und geht bis 248 Euro im Monat für einen Arbeitsplatz - inklusive eigenem Tisch, Drucker, Nutzung vom Meetingraum und des Netzwerks.

CCB Magazin: Ich habe gesehen, dass ihr hier nur biologische Produkte anbietet. Warum?

Denis Altschul:Das ist uns wichtig! Wir haben hier jeden Tag ein neues Menü im Programm, fasst alles ist biologisch und ökologisch. Wir pflanzen sogar selbst an, in Kooperation mit den Permakultur-Kursen. Die werden im Agora für unsere Community und Interessierte angeboten.

CCB Magazin: Wie finanziert ihr das Agora Collective?

Denis Altschul:Das Agora ist selbstfinanziert. Es gibt aber auch Projekte, die von der EU über vier Jahre finanziert werden. Letztes Jahr lief das beispielsweise über das Residence Affect Programm. Zehn bis 15 Künstler konnten sich darüber zu unterschiedlichen Kunstpraktiken austauschen, voneinander lernen und Projekte realisieren. Das Projekt, das auch in diesem Jahr stattfindet, lief über sieben Monate und wurde von unterschiedlichen Mentoren betreut.

CCB Magazin: Denis, wo wollt ihr mit dem Agora langfristig hin? Was plant ihr in der Zukunft? 

Denis Altschul:Wir wollen uns weiterentwickeln und weiter wachsen. Aktuell gründen wir zum Beispiel das Agora Rolberg als zweite Säule zum Agora Mittelweg. Agora Rolberg entsteht auf einer 2000 Quadratmeterfläche und liegt auf der ehemaligen Berliner Kindl-Lagerhalle. Hier wollen wir erforschen, wie wir in Zukunft Projekte zusammenführen können, die gezielt eine nachhaltige Community im Sinne der Kreislaufwirtschaft ermöglichen. Dort bringen wir Projekte beispielsweise mit Holzwerk- oder Textilwerkstätten zusammen. Alle Projekte werden von uns kuratiert. Unser Ziel ist es, in Zukunft alles konsumieren zu können, was wir dort anbauen und herstellen - aus Holz, Metall oder aus Essen. Aktuell organisieren wir zum Beispiel zusammen mit CRCLR (crclr.org) die Open Source and Circular Economy Days (oscedays.org) im Agora Rollberg vom 9. – 13. Juni. Es ist ein Event, wo jeder mit Fragen, Konzepten oder Lösungen kommen kann, um nachhaltige Projekte auf die Beine zu stellen. Insgesamt sehen wir das als Prozess und Form der Selbsterforschung. Wir können darüber selbst etwas lernen, zugleich vermitteln wir Wissen an andere weiter.

Wenn wir dahinkommen, bereits erforschte Konzepte in die Welt zu tragen und mit anderen zu teilen, dann kann Selbstversorgung und das Einsparen von Ressourcen für viele eine wirkliche Alternative sein

CCB Magazin: Ist diese Art der Selbstversorgung eine wirklich Alternative und kann die Gesellschaft und Ökonomie von Grund auf verändern? Oder findet das doch nur im Windschatten der Realökonomie statt?

Denis Altschul:Ich denke, diese Formen des Arbeitens und Lebens werden sehr experimentell bleiben, wir leben in Deutschland auch in einer sehr privilegierten Situation, wo man so etwas ausprobieren kann. Gesamtgesellschaftlich wird das aber auch in zehn Jahren die Ökonomie nicht völlig auf den Kopf stellen. Wenn wir aber eines Tages dahinkommen, bereits erforschte Konzepte in die Welt zu tragen und mit anderen teilen zu können, dann kann Selbstversorgung und das Einsparen von Ressourcen für viele eine wirkliche Alternative sein.

CCB Magazin: Denis, vielen Dank für das Gespräch, viel Erfolg bei allem.

Denis Altschul:Ich danke dir.


Profil des Agora Collective auf Creative City Berlin 

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