Als ich nach Berlin kam...

Wladimir Kaminer: „Ich habe keine Ziele“

Wladimir Kaminer: „Ich habe keine Ziele“
Foto: © Jan Kopetzky

Den kennt man: Wladimir Kaminer. Er wird nächstes Jahr 50. Vor 26 Jahren kam er von Moskau nach Berlin, mit 32 fing er zu schreiben an und hat mittlerweile 26 Bücher veröffentlicht. Sein halbes Leben lebt er jetzt in Berlin. Und sein halbes Leben wohnt er am Prenzlauer Berg. Wir trafen den Autor zum Gespräch: Warum kam er nach Berlin? Wie erlebt er den Wandel in der Stadt heute und wie denkt er über die derzeitige Situation in Russland? 
 

Interview Jens Thomas

 

CCB Magazin: Hallo Wladimir, schön, dass es so problemlos mit dem Interview geklappt hat. Ist das immer so einfach, mit dir Termine auszumachen?

Wladimir Kaminer: Ach, wenn ich hier bin und Zeit habe, na klar. Die Sonne scheint und wir können uns unterhalten. Ich unterhalte mich gerne.

CCB Magazin: Du bist jetzt seit 26 Jahren in Berlin. Du kamst 1990 von Moskau nach Berlin. Warum bist du damals nach Berlin gegangen?

Wladimir Kaminer: Ich wollte damals einfach weg. Und als wir in Moskau hörten, dass die ehemalige DDR, die damals noch juristisch existierte, Juden aus der Sowjetunion als humanitäre Flüchtlinge aufnehmen würde, bin ich los gefahren. Mit dem Zug und mit Michael, Michael ist ein Freund von mir. Ich bin ja Jude und für mich hieß das damals, dass wir hier in Deutschland ein Bleiberecht bekommen konnten. Ansonsten würde ich meinen Weg nach Berlin einfach nur als Flucht bezeichnen.

CCB Magazin: Flucht wovor?

Wladimir Kaminer: Ich bin schon sehr früh im Alter von 14 Jahren bei meinen Eltern ausgezogen, ich war ein Hippie. Kennst du einen Hippie, der noch zu Hause wohnt?

CCB Magazin: Keine Ahnung, vielleicht.

Wladimir Kaminer: Also in Russland gibt’s das nicht. Aber das war eigentlich gar nicht der Grund. Für mich war Russland wie ein Knast. Und wenn du aus einem Knast ausbrichst, überlegst du nicht, wohin du flüchtest, Hauptsache weg. Ich hätte damals auch nach Paris oder New York gehen können. Ich ging nach Berlin.

Meinen Weg nach Berlin würde ich als Flucht bezeichnen

CCB Magazin: Wie hast du Berlin damals erlebt, als du angekommen bist?

Wladimir Kaminer: Das war großartig! Ich erinnere mich noch ganz genau, es war der Tag des WM-Endspiels Deutschland gegen Argentinien 1990 in Italien. Deutschland wurde Weltmeister. Heute vor 26 Jahren! Michael und ich saßen im Zug und wussten von nichts. Als wir ausstiegen, waren alle am Feiern. Erst dachten wir, es hätte vielleicht noch mit dem Mauerfall zu tun, weil das ein derart prägendes Erlebnis für die Menschen hier sein musste und sich die Leute einfach immer noch freuen. So viele tolle Menschen auf einmal, dachten wir, und alle sind so nett zu uns Ausländern. Und überall gab es kostenlos Alkohol, in jeder Kneipe. Das hätte auch so bleiben können.

CCB Magazin: Was passierte dann?

Wladimir Kaminer: Ich zog mit Michael in die Lychenerstr. 73 an den Prenzlauer Berg. Berlin war damals einfach nur ein freies Territorium, vor allem in Ost-Berlin; Berlin war eine Interessengruppe. Hier in dieser Straße gab es eine Kneipe nach der anderen, mit Lesungen, und jede Kneipe war ein Treffpunkt. Es wurden Vorträge gehalten, Filme gezeigt, die Menschen diskutierten. Es entstand ein immenser Leerraum in dieser Zeit. Und in diesem Spalt, zwischen Altem um Neuem, zwischen Ost und West, konnten sich die Menschen neu ordnen und entfalten.

CCB Magazin: Hast du Russland damals vermisst?

Wladimir Kaminer: Nein, ich war 23 und ein heranwachsender Mann! Ich wollte raus. Und die damalige russische Gesellschaft veränderte sich rasant, zum negativen. Die Russische Föderation begann 1992, die innenpolitischen Konflikte nahmen zu. Jelzin schlug damals Aufstände gewaltsam nieder, bis Russland 1998 in die Zahlungsunfähigkeit abrutschte. Die Generation meines Vaters überforderte das sehr. Zudem waren wir Dissidenten, in einem geschlossenen Land. Ich bin ein Abenteurer, ein Wanderer, ich musste weiter.

CCB Magazin: Was haben deine Eltern gesagt, als du dich entschlossen hattest zu gehen?

Wladimir Kaminer: Mein Vater? Der hat gesagt: „Junge, mach mal. Du gehst jetzt nach Deutschland. Ich halte hier die Stellung!“ Meine Mutter hatte damals eigentlich gar keine Meinung. Sie häufte nur ständig Lebensmittel an und vernagelte die Wohnung. Ein Jahr später besuchte sie mich in Berlin und wäre fast geblieben. Sie konnte gar nicht glauben, wie schön das hier ist.

CCB Magazin: Du bist dann Autor geworden. Wie kam es dazu?

Wladimir Kaminer: Ich habe schon immer gerne Geschichten erzählt. Und irgendwann merkte ich, dass die Haupterzeugnisse der Menschen ihre Geschichten sind. Alles andere ist unbeständig. Schau mal hier vorne, die Autos, die sind in 20 Jahren alle Schrott. Die Lebensmittel von heute sind morgen schon verdorben und die Menschen sterben sowieso. Aber ihre Geschichten, die bleiben. Vorausgesetzt, sie erzählen sie jemanden, der diese Geschichten aufschreibt und sie für ein Publikum prepariert, damit die nächsten Generationen Lust darauf haben, sich mit diesen Geschichten zu beschäftigen.

Die Haupterzeugnisse der Menschen sind ihre Geschichten. Alles andere ist unbeständig

CCB Magazin: Hast du erst in Berlin angefangen, Geschichten zu schreiben?

Wladimir Kaminer: Ja, 1997, ich war 32. Am Anfang hatte ich meine Geschichten nur auf der Bühne vorgetragen, damals noch auf der Reformbühne Heim und Welt in der Torstraße. Irgendwann wurde ich von einer Literaturagentin angesprochen und gefragt, ob ich daraus ein Buch machen will. So fing alles an.

CCB Magazin: Du wohnst bis heute am Prenzlauer Berg. Ist das nicht langweilig auf Dauer?

Wladimir Kaminer: Ach nein, mir gefällt es richtig gut hier! Ich bin am Prenzlauer Berg auch schon sechs Mal umgezogen.

CCB Magazin: Warum bist du damals nicht in den Westen gegangen? Hast du Angst vor dem Westen?

Wladimir Kaminer: Jetzt wo du fragst, ein bisschen. Der Westen ist mir irgendwie unheimlich, das ist wohl eine Macke von mir. Tiergarten, Schöneberg, Charlottenburg, das ist so unglaublich muffig, findest du nicht? Es gibt da Stunden, wo niemand auf den Straßen ist. Hier am Prenzlauer Berg ist immer was los: Musik, die Leute, das gefällt mir.

CCB Magazin: Aber auch der Kiez hier hat sich verändert.

Wladimir Kaminer: Ach ja, wo denn? Zeig mir mal ein vernünftiges teures Restaurant an diesem Scheiß-Prenzlauer Berg! Ich finde hier seit 25 Jahren keins. Wir haben in dieser Straße noch immer fünf Döner, vier Vietnamesen und drei Inder, die eine erfolgreiche Vergiftung versprechen. Wo ist sie, die Gentrifizierung?

CCB Magazin: Die Preise steigen doch seit Jahren.

Wladimir Kaminer: Für Wohnungen ja, aber das Bier kostet immer noch 1 Euro irgendwas im Späti. Es sind unheimlich viele Kinder hier, das stimmt. Die Leute vermehren sich unglaublich gut. Das gefällt mir. Ich mag Kinder. Ich habe selbst welche, mein Sohn ist jetzt 17. Für mich soll eine Wohngegend genauso sein wie hier, wenn man Kinder hat. Da kann man doch nicht in irgendwelchen gespenstischen Gegenden wie in Zehlendorf oder Grunewald wohnen. Das erinnert mich irgendwie an die Sowjetunion. 

Zehlendorf oder Grunewald: Das erinnert mich irgendwie an die Sowjetunion

CCB Magazin: Inwiefern?

Wladimir Kaminer: Auch in Russland ist es oft gespenstisch auf den Straßen, in Moskau findest du zum Beispiel viele Männer auf den Straßen mit Vorliebe zum Extremsport. Das ist doch unheimlich.

CCB Magazin: Könntest du dir vorstellen, irgendwann einmal nach Russland zurück zu gehen?

Wladimir Kaminer: Eigentlich nicht, und je länger ich hier bin, desto besser gefällt mir dieses Land. Normalerweise stecken die Menschen in einem Dilemma zwischen ihren Bedürfnissen und ihren Möglichkeiten. Die Bedürfnisse sind meist größer als die Möglichkeiten. Die Deutschen bringen das in Einklang. Sie wünschen sich nicht mehr als sie können, und sie können nicht mehr als sie sich wünschen. Auf Dauer ist das eine sehr vernünftige Sache. In Russland fragt man sich dagegen gar nicht mehr, was man eigentlich wollen könnte. Das ist wie mit einem Vogel: Wenn Du einem Vogel tausend Jahre immer wieder auf die Flügel haust, hat er irgendwann keine Lust mehr, seine Flügel zu benutzen. Auf die Flügel angesprochen sagt der Vogel dann: Was für Flügel? Hä, nie gehört. Flügel? So ist das in Russland. Russland ist ein Land ohne Geschichte. In Russland wurde die Geschichte so oft umgeschrieben, gebogen, nach aktuellem politischen Anlass zurechtgelegt, in Archive verpackt und verdreht, dass irgendwann keiner mehr wusste, was eigentlich gewesen war. Du hast dann nackte Menschen auf nackter Erde, ohne Vergangenheit.

CCB Magazin: Wie empfindest du die derzeitige Situation dort. Macht sie dir Angst?

Wladimir Kaminer: Für jeden, der Russland derzeit kritisiert, kann es gefährlich sein. Viele russische Künstler, die den Staat kritisieren, landen im Knast. Gerade in letzter Zeit sind viele Gesetze verabschiedet worden, die für jeden einzelnen Bürger eine Gefahr bedeuten. Und je unmenschlicher ein Regime, desto mehr schaut man auf Formalitäten, damit man sagen kann, ja schaue her lieber Westen, das ist alles gesetzlich, was wir hier machen, wir halten uns nur an die Regeln, aber die Regeln bestimmen wir. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie gefährlich das in Wahrheit derzeit in Russland ist. Bei so einem Propagandakrieg kannst du die Wahrheit nie wirklich herausfinden. Das meiste, was gesagt wird, ist wie eine Staubwolke. Man weiß nie, was dahinter steckt.

CCB Magazin: Ist Geschichtenschreiben für dich ein Mittel, um mit dieser Art von Wahrheit humoristisch umzugehen?

Wladimir Kaminer: Ja total! Man lacht über die Tragödien des Lebens, das ist wichtig und gesund. Sonst ist das Leben eine totale Sackgasse.

Lachen über die Tragödien des Lebens ist wichtig und gesund. Sonst ist das Leben eine Sackgasse

CCB Magazin: Wladimir, wie geht’s weiter mit dir?

Wladimir Kaminer: Ich wechsele alle paar Jahre mal den Arbeitgeber. Zurzeit schreibe ich für die Zeitschrift Abenteuer und Reisen, und für EPD, den Evangelischen Presse Dienst. Für EPD verfasse ich Filmkritiken und habe eine Kolumne. Das mache ich jetzt auch schon ein paar Jahre. Ansonsten habe ich keine Ziele. Ich hatte auch noch nie welche. Ich habe immer nur bestimmte Momente des Glücks und des Schaffens und lass alles auf mich zukommen. Vielleicht fahre ich nächstes Jahr mal nach Russland, dann drehe ich dort einen Film über die derzeitige Situation. Und momentan bin ich auf Lese-Tour. Willst du mal kommen?

CCB Magazin: Gerne! Meine Eltern sind nur gerade da, ich klär' das mal.

Wladimir Kaminer: Alles klar, Jens.

CCB Magazin: Wladimir, ich danke Dir für dieses Gespräch.

Wladimir Kaminer: Ich danke Dir.


Alle Infos zu Wladimir Kaminer: www.wladimirkaminer.de

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