Als ich nach Berlin kam...

Wolfgang Barnick: „Das wird hier immer internationaler“

Wolfgang Barnick: „Das wird hier immer internationaler“
Foto: © Jens Thomas

Wolfgang Barnick ist seit 38 Jahren in Berlin. Seit Mitte der 1990er-Jahre arbeitet er am Pfefferberg in Prenzlauer Berg. Kaum einer kennt die Szene vor Ort so wie er. Kaum einer hat den Wandel vor Ort so mitverfolgt. Heute ist Wolfgang Barnick zuständig für das Programm für Kreativschaffende im Creative Service Center. Wir sprachen mit ihm über gute alte Zeiten und schöne Neuigkeiten, nämlich über die neuesten Programmpunkte des Creative Service Centers und über die Zukunft des Standorts Prenzlauer Berg.  
 

Interview Svenja  schern

 

CCB Magazin:Hallo Wolfgang, richtig belebt ist es hier. Sind hier immer so viele Leute?

Wolfgang Barnick:Ja, jeden Tag. Der Biergarten am Pfefferberg ist historisch gewachsen und eine Augenweide wie du siehst. Hier kann man es durchaus aushalten.

CCB Magazin:Du bist jetzt seit 38 Jahren in Berlin. Warum bist du nach Berlin gekommen?

Wolfgang Barnick:Das hatte vielschichtige Gründe. Zunächst hatte mich die Vielfalt in Berlin fasziniert.  Ursprünglich komme ich ja aus Düsseldorf. Als ich nach Berlin kam, bin ich zunächst nach West-Berlin gezogen, nach dem Mauerfall ging ich in den Osten. 1992 lernte ich den Pfefferberg kennen, wenig später habe ich angefangen hier mitzuarbeiten und bin 1999 in den Vereinsvorstand gegangen.

CCB Magazin:Was genau ist der Pfefferberg und was macht ihr im Creative Service Center?

Wolfgang Barnick:Der Pfefferberg ist der Ort, ein historisch gewachsener zentraler Platz. Die erste Pfefferwerk-Organisation gab es bereits 1990, es war ein Verein zur Förderung von Stadtkultur. 1999 kamen wir dann hierher. Und das Creative Service Center gehört heute zur WeTeK Berlin gGmbH, die hier ebenfalls ansässig ist. Im Creative Service Center fließen alle Beratungs- und Weiterbildungsangebote der WeTeK für die Kultur- und Kreativwirtschaft zusammen. Unser Angebot richtet sich an selbständige Kreative und Kulturschaffende aus den Bereichen darstellende und bildende Kunst, Musik, Literatur, Fotografie und Film, Literatur und Design. 

Wir wollen nicht die zusammenzubringen, die nicht miteinander wollen. Aber branchenübergreifendes Lernen kann den Horizont erhellen

CCB Magazin:Seit April habt ihr ein neues Programm. Was passiert da?

Wolfgang Barnick:Mit dem neuen Programm greifen wir zunächst auf Altbewährtes zurück. Unser Programm existiert ja seit 2009, das neue Angebot umfasst nun insgesamt fünf Säulen: neu orientieren, besser vermarkten, solide wirtschaften, optimal organisieren, erfolgreich kommunizieren. Die Themen reichen von Profilbildung, Netzwerken, Akquise, Social-Media-Marketing, Selbstmanagement bis hin zu Crowdfunding, E-Commerce oder Künstlerischen Interventionen. Unser Programm besteht immer aus kleinen Einheiten. Wir sagen: 40 Stunden pro Teilnehmende für eine Woche, das macht 70 Euro. Die Gebühr wird über ESF-Mittel finanziert. Für Teilnehmende aus der Freien Szene ist das Programm noch günstiger, es kostet nur 20 Euro. Und vor allem machen wir 2-Tages-Seminare, vertiefend dazu Beratungen und Werkstätten. Unser Programm kannst du dir individuell modular zusammenstellen

CCB Magazin:Es gibt aber schon eine Menge Beratungsangebote in der Stadt. Was macht den Unterschied?

Wolfgang Barnick:Die meisten anderen Angebote richten sich entweder ‚nur‘ an eine Branche innerhalb der Kulturwirtschaft oder es sind vorwiegend Einzelberatungen. Unser Angebot ist sowohl genre- und branchenübergreifend als auch vernetzend angelegt. Das heißt, man lernt sich branchenübergreifend in den Workshops kennen. Da sitzt dann mal eine Autorin neben einem Bildenden Künstler oder eine Tänzerin trifft auf einen Modedesigner. Insgesamt fördert das den Blick über den Tellerrand, es führt zu interessanten und neuen Kollaborationen. Viele Teilnehmende fühlen sich freier, über ihre eigene Situation zu reden, wenn sie wissen, dass nicht gleich die potenzielle Konkurrenz mit am Tisch sitzt.

CCB Magazin:Es heißt oft, dass die Kreativwirtschaft ein zusammengewürfeltes Sammelsurium einzelner Kulturdisziplinen ist, die nicht miteinander können. Was hat beispielsweise der Werber mit dem Bildenden Künstler zu tun? Ihr seht das eher als Chance?

Wolfgang Barnick:Auch. Es geht nicht darum, die zusammenzubringen, die nicht miteinander wollen. Aber branchenübergreifendes Lernen kann den Horizont erhellen. In unseren Seminaren fragen wir: Welche Wege können wir gemeinsam gehen? Wie komme ich an größere Aufträge ran? Bei uns geht es nicht ums Trockenschwimmen. Es geht darum, sein Tun unter Feedback anderer und fachlicher Anleitung zu verbessern.

CCB Magazin:Impliziert das auch einen neuen Blick auf die Ökonomie? Oder gehen die Leute aufeinander zu, weil die Ökonomisierung zunimmt und sie sich etwas zu ihrem Vorteil erhoffen?

Wolfgang Barnick:Ich weiß nicht, ob das durch die Ökonomisierung kommt, aber eine gewisse Hemmschwelle ist schon überwunden. Ich würde trotzdem eine gesunde Skepsis gegenüber der Ökonomisierung von immer mehr Lebensbereichen bewahren. Was unter dem Strich steht, ist der Anspruch der Akteure, von der eigenen Arbeit im Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft leben zu können. Das ist ja ein gutes Ziel. Oder wir entwickeln Modelle, die zumindest ein zweites oder drittes Standbein im Kunst- oder Kultursektor ermöglichen. Wir selbst regen zum Beispiel Kooperationen mit Unternehmen an, die von außerhalb der Branchen sind. Auch das kann ein Weg sein. Ziel ist es, künstlerische Kompetenzen in andere Unternehmen einbringen zu können, wo Geld vorhanden ist und Bedarf besteht, die Kreativen aber ihre Identität bewahren.

Es wird nicht alles schlechter: Der Zuzug von internationalen neuen Künstlern ermöglicht auch Koalitionen und Partnerschaften

CCB Magazin:Wenn du ein Fazit ziehen müsstest: Wie hat sich die Situation in Berlin und insbesondere hier vor Ort für Kulturschaffende im Laufe der Jahre verändert? Wie wird sie sich weiter verändern?

Wolfgang Barnick:Alles hat sich verändert. Als ich in den 1990er Jahren hierher kam, war der Prenzlauer Berg ein großer Freiraum. Die Mieten waren günstig. Das Durchschnittseinkommen lag Anfang der 1990er Jahre 20 Prozent unter dem Ost-Berliner Durchschnitt, heute liegt es fünf Prozent über dem Gesamtberliner Durchschnitt. Allein zwischen 1995 und 2000 hat sich die Hälfte der Bevölkerung hier ausgetauscht. Seit dem Mauerfall sind Schätzungen zufolge 80 Prozent der Bewohnerschaft neu hinzugezogen. In den 1990ern konnte ich hier über viele Jahre eine Form der kulturellen Zwischennutzung mitgestalten. Dieses Zeitalter ist zu Ende gegangen. Aber: Wir sollten nicht den alten Zeiten nachheulen. Es entsteht immer auch etwas Neues, selbst wenn die Karawane der party people weitergezogen ist und mit ihnen viele Clubs und Locations. Gerade der Zuzug von internationalen neuen Künstler*innen ermöglicht aber auch Koalitionen und Partnerschaften zwischen einheimischen und internationalen Künstler*innen. Das ist immer etwas Besonderes, da kann sich eine besondere Schlagkraft entwickeln, selbst wenn darin viele den Anfang vom Ende sehen, weil Berlin durch die zunehmende Konkurrenz aufgrund des Zuzugs auch teurer wird. Der Zustrom von Kreativen wird in den nächsten Jahren auch weiter anhalten. Berlin wird sich weiter internationalisieren. Ai Weiwei hat mittlerweile Produktions- und Lagerräume hier, auch der dänisch-isländische Künstler Ólafur Elíasson ist vor Ort, aber auch noch der Projektraum Meinblau. Es wird nicht alles schlechter, nur anders.

CCB Magazin: Wolfgang, danke für dieses Gespräch.


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