Im Profil

Leander Wattig: "Ich bilde mir nicht ein, dass ich den großen Unterschied machen könnte. Aber ich handle so als ob"

Leander Wattig: "Ich bilde mir nicht ein, dass ich den großen Unterschied machen könnte. Aber ich handle so als ob"
Foto: © Sebastian Mayer

Wie verändern Internet und Digitalisierung Arbeits- und Lebenskonzepte? Leander Wattig setzt sich mit dieser Frage auseinander. Er arbeitet als freier Eventkonzepter in der Publishing-Branche und als Veranstalter bei Orbanism, zudem organisiert er im Club der polnischen Versager die #pubnpub-Netzwerktreffen. Wir sprechen mit ihm über erfolgreiche Vernetzungs- und Veranstaltungsformate in Berlin zur Erschaffung einer Gemeinschaft. Welche Zukunft sieht er für sich selbst in seiner sich dauerhaft verändernden Branche?


CCB Magazin: Hallo Leander, leg mal los: Wer bist du und was machst du?

Leander Wattig: Ich bin Leander und arbeite als freier Eventkonzepter in der Publishing-Branche und als Veranstalter bei Orbanism. Aktuell organisieren wir beispielsweise mit dem Orbanism Space wieder den offiziellen Digitaltreffpunkt auf der Frankfurter Buchmesse, wo wir letztes Jahr in Kooperation mit Twitter und anderen Partnern die ganze Breite der Kreativen von Judith Holofernes über Sascha Lobo bis hin zu Xatar vor Ort hatten, um der Buchbranche neue Impulse zu geben. In Berlin wiederum veranstalte ich beispielsweise im Club der polnischen Versager seit Jahren die #pubnpub-Netzwerktreffen mit Speakern wie Kathrin Passig, Stephan Porombka, Sascha Lobo und Tilo Jung. Hier lernen sich Leute aus den unterschiedlichsten Filterblasen kennen. Daneben engagiere ich mich noch als Dozent an der Universität der Künste Berlin und als Vorstandsmitglied der Theodor Fontane Gesellschaft.

CCB Magazin: Das ist eine Menge. Wie bist du zu alldem gekommen?

Leander Wattig:Das Internet und die Digitalisierung wälzen alle Lebensbereiche um, auch meine. Oft genug werden dabei Ängste geschürt, weil mögliche Nachteile sofort sichtbar sind, während positive Effekte erst gedacht und geschaffen werden müssen. Mein Ziel war von Beginn an, diese Chance zu nutzen und die Entwicklung im Rahmen der eigenen Möglichkeiten mitzugestalten. Daher habe ich mich 2007 am Ende meines Verlagswirtschaftsstudiums als Blogger und Berater in der Buch- und Medienbranche selbstständig gemacht. Schnell merkte ich aber, dass Bloggen allein nicht reicht, sondern wirkliche Veränderung bedingt, dass Menschen sich physisch-real begegnen und Beziehungen aufbauen. Daher habe ich ab 2009 zahlreiche erfolgreiche Vernetzungs- und Veranstaltungsformate entwickelt und bin inzwischen stark als Eventkonzepter im Eventmarketing tätig, das für mich die konsequente Fortführung von Social Media ist. Um meine Aktivitäten als Veranstalter und Publisher in geeignete Strukturen zu überführen und da wir eine sehr ähnliche Philosophie vertreten, habe ich 2014 gemeinsam mit Christiane Frohmann „Orbanism“ gegründet, wo wir unsere eigenen Eventformate bündeln und umsetzen. 

Wirkliche Veränderung setzen voraus, dass sich Menschen physisch-real begegnen und Beziehungen aufbauen

CCB Magazin: Was genau ist Orbanism?

Leander Wattig:Orbanism setzt sich zusammen aus „orbis“ und „urbanism“ und soll das ins Internet übertragene Urbane mit den positiven Aspekten des Globalen verbinden. Wir mit Orbanism entwickeln und realisieren in diesem Sinne als Veranstalter eigene Eventformate im Bereich Publishing und Kultur und wirken bei anderen mit. Zudem beschäftigen wir uns als Publisher mit der Frage, was erfolgreiche Veranstaltungen ausmacht. Unser Ziel ist es, lebendige Räume für Begegnungen über Filterblasen-Grenzen hinweg zu schaffen und zu fördern.

CCB Magazin: Was willst du mit deiner Arbeit grundsätzlich bewegen, erreichen oder verändern?

Leander Wattig:In Deutschland scheint es allein schon als Leistung zu gelten, negative Seiten von Zukunftsentwicklungen aufzuzeigen. Für mich ist das eher Dünnbrettbohrerei. Zudem umgibt uns aktuell eh so viel Negatives, man muss ja nur mal die Nachrichten einschalten oder auf Facebook die Timeline durchgehen. Alles wird immer aufgeregter und vermeintlich politischer, oft unterhalten sich die Leute aber gar nicht mehr richtig, sondern verlautbaren nur in Beton gegossene Sichtweisen. Wer die nicht teilt, wird schnell als Feind gesehen und auch auf einer persönlichen Ebene attackiert. Ich bewundere hingegen Leute, die den härteren Weg wählen, die versuchen konstruktiv nach vorn zu schauen und die vor allem Menschen mit Offenheit und Empathie begegnen, jenseits der Filter- und Meinungsblasen. Die Zukunft kommt ohnehin.

CCB Magazin: Wie aber willst du konkret die Zukunft über deine Arbeit beeinflussen?

Leander Wattig:Ich persönlich möchte Veranstaltungen über meine Arbeit schaffen und unterstützen, deren primärer Maßstab die Qualität des Austauschs der Teilnehmer untereinander ist. Ich bilde mir aber nicht ein, dass ich den großen Unterschied machen könnte. Aber man sollte so handeln als ob. Und das tue ich auch. Und wenn wir die Zukunft überhaupt irgendwie beeinflussen wollen oder können, dann geht das nur gemeinsam. Ich bin davon überzeugt, dass gemeinsame Erlebnisse die beste Voraussetzung sowohl für gesellschaftliche Veränderungen als auch für ökonomischen Erfolg sind. Das Miteinander hat schon immer Gesellschaften geprägt und verändert. Dass da noch viel zu tun ist, kann man auch in der Wirtschaft sehen. Die meisten Konferenzen, Messen und Fachevents sind so konzipiert, dass die Leute zwar viele Infos von tollen Speakern in tollen Locations bekommen, aber wenig Hilfe, um in Kontakt zu kommen, wenn sie zufällig noch nicht alle kennen oder vielleicht eher schüchtern sind.  

CCB Magazin: Was würdest du sagen: Was ist das Besondere an deiner Arbeit?

Leander Wattig:Das Besondere ist vielleicht, dass ich seit 10 Jahren meinen Job erfinde. Erst haben wir in der Buchbranche langsam die Vorteile des Internets entdeckt, was ich als Blogger eng begleitet habe, sodass ich in der Branche gut vernetzt bin. Hier ging und geht es um den Brückenschlag zwischen Buch-Publishing und Web-Publishing und dem ganzen Tech-Bereich. Jetzt entdecken wir, dass Offline und „AFK“ auch künftig sehr wirkungsvoll bleiben werden und Digital-Tools das noch enorm verstärken können. Hier geht es um den Brückenschlag zwischen der Publishing- und der Live-Branche, die die beiden größten Branchen im Medienbereich sind, die voneinander viel lernen können. Schließlich nähert sich das Publishing immer mehr der Echtzeit an – von den Prozessen bis hin zu Live-Erlebnissen. Live bedeutet aber auch immer öfter Publishing – vom Streaming bis hin zu instantanem Schreiben. Daher widmen wir den Orbanism Space auf der Frankfurter Buchmesse auch genau diesem Thema. Es wird im Eventbereich neben den großen Allround-Agenturen auch künftig Bedarf für Spezialakteure geben, die sich auf bestimmte Märkte spezialisieren und da gut vernetzt sind. Für mich persönlich bedeutet das immer wieder Neuland. Gerade das macht aber Spaß. Neugier ist vielleicht die wichtigste Eigenschaft heutzutage.

Neugier ist heute die wichtigste Eigenschaft, um überhaupt Dinge zu bewegen 

CCB Magazin: Du kommst ursprünglich von der Ostsee und lebst heute in Berlin. Was bedeutet Berlin für dich als Lebens- und Standort?

Leander Wattig:Weil ich von der Ostsee komme, mag ich Berlin auch deshalb, weil es hier so viel Wasser und so viel Grün gibt. Als Ossi Jahrgang 81 bin ich von klein auf Umbrüche gewohnt, die Gutes bringen können. An Berlin liebe ich darum das Unfertige, das Bewegliche. Dadurch gibt es hier so eine interessante Mischung an unterschiedlichsten Leuten, Orten und Organisationen. Das hat mir beispielsweise in Frankfurt oder Stuttgart, wo ich vorher gewohnt habe, gefehlt. Gerade für meinen Job ist Berlin perfekt.

CCB Magazin: Wenn du einen Wunsch hättest: Wie sollte Berlin in Zukunft gestaltet werden?

Leander Wattig:Die Stadt Berlin muss aufpassen, dass sie beweglich bleibt. Die allseits beklagte Gentrifizierung ist ja normal. Es ist eher ungewöhnlich und der besonderen Geschichte geschuldet, dass die Hauptstadt eines Landes als preiswerter Wohnort gilt, was dann wiederum die Lebenskünstler anzieht, die Berlin zu dem machen, womit sich die Stadt heute schmückt. Ich hoffe, dass die Entwicklung einigermaßen gut gesteuert wird und die Stadt sich bemüht, dass möglichst viele der besonderen offenen Orte als Community-Plattformen und Kulturlabore erhalten bleiben können und natürlich neue entstehen. Sonst entzieht man dem Ganzen das Fundament und Berlin wird austauschbar. 

Berlin muss aufpassen, dass sie als Stadt beweglich bleibt. Sonst verliert sie ihr Fundament und wird austauschbar

CCB Magazin: Leander, was planst du in der Zukunft?

Leander Wattig:Ich würde mich gern noch mehr mit Leuten kurzschließen, die in anderen Branchen ähnlich unterwegs sind, und freue mich immer über den Kontakt (@leanderwattig). Fast alles Gute fängt bekanntlich mit einem Käffchen an.

CCB Magazin: Leander, das hast du schön gesagt. Mach’s gut, meld dich mal und viel Erfolg bei allem!


Profil von Leander Wattig auf Creative City Berlin 

Profil von Orbanism auf Creative City Berlin 

Kategorie: Im Profil

rss

Schon gelesen?

schließen
schließen