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Ist die Zeit der Unschuld vorbei?

Ist die Zeit der Unschuld vorbei?
Foto: © André Wunstorf

Bis zum 31. August 2016 läuft das PROJECT SPACE FESTIVAL BERLIN. Es ist das dritte dieser Art. Seit Jahren kämpfen Projekträume um ihre Stellung und das Überleben in der Stadt. Was kann ein solches Festival daran ändern? Was gibt es auf dem Festival zu sehen und was wird thematisiert? Wir sprachen mit Heiko Pfreundt und Marie-José Ourtilane, die künstlerischen Leiter des PROJECT SPACE FESTIVALS BERLIN 2016.
 

Interview Jens Thomas

 

CCB Magazin: Hallo Heiko, hallo Marie-José, ihr organisiert gerade das PROJECT SPACE FESTIVAL BERLIN. Die französische Soziologin Séverine Marguin hat in ihrer Studie zu Projekträumen in Berlin festgestellt, dass von den zirka 150 Berliner Projekträumen ein Großteil mit weniger als 5.000 Euro jährlich auskommen muss. Was gibt es da zu feiern?

Heiko Pfreundt: Es gibt sicher etwas zu feiern – trotz dieser Ergebnisse. Denn es nehmen ja spannende Projekte teil: So zum Beispiel KuLe oder Alpha Nova & Galerie Futura, die es in diesem Jahr bereits seit fünfundzwanzig beziehungsweise seit dreißig Jahren gibt. Und freuen tun sich sicherlich auch die zehn von insgesamt 31 teilnehmenden Projekträume des Festivals, die in den letzten drei Jahren den mit 30.000 Euro dotierten Projektraumpreis der Berliner Kulturverwaltung erhalten haben. Der Preis wird mittlerweile ja im Rahmen der Berlin Art Week verliehen. Ich denke auch, dass sich bezogen auf die Studie von Séverine Marguin von 2011 einiges im Hinblick auf „marginalisierte Räume im Kunstbetrieb“ 2016 verändert hat.

CCB Magazin: Und das wäre?

Marie-josé Ourtilane:Die Auszeichnung der Projekträume wurde von anfänglich sieben auf mittlerweile 21 angehoben, das ist schon eine Menge. Auch hat die Koalition der Freien Szene immer wieder den Diskurs in der Stadt mit den Verwaltungen gesucht und letztlich die City Tax, zumindest in Teilen, zugunsten der Kulturszene durchgesetzt. Auch wir werden ja aus Mitteln der City Tax mit dem Festival bezuschusst. Zudem sind viele Projekträume in den letzten Jahren durch ihre Programmarbeit, den besonders experimentellen Raum, den sie den Künstlern und im Gegenzug auch ihrem Publikum bieten, zu wichtigen Vorstellungen künstlerischer Orte geworden, die neue Versprechen beinhalten. Und diese Orte wollen wir auch gezielt über das Festivalformat zeigen.
 

Project Space Festival, Tag 3: insitu, Soon Enough, Foto: Joanna Kosowska.


CCB Magazin: Erzählt mal: Was gibt es alles in diesem Monat zu sehen? Welche Programmpunkte sind zu erwarten und zu empfehlen?

Marie-josé Ourtilane:Im August wird an jedem Tag einer der ausgewählten Projekträume innerhalb von 24 Stunden gezeigt. In dieser Woche wird beispielsweise eine Tour die Besucher in sieben verschiedene Bezirke von Marzahn-Hellersdorf bis nach Kreuzberg führen: Als Gast hat das Festival dazu unter anderem die nomadische Galerie BRD eingeladen, auf die wir in Moabit treffen. Der Projektraum District begibt sich in Treptow in das mystifizierte Umfeld eines ehemaligen DDR Grenzwachturms und seiner umliegenden Gewässer. Will man hingegen der Frage nach dem besonderen Verhältnis von Projekträumen und Live Performance nachgehen, empfehlen sich in der dritten Woche des Project Space Festivals zum Beispiel die Abende von Alpha Nova & Galerie Futura in Kreuzberg, Grüntaler9 im Wedding und Centrum in Neukölln. Aus Kassel werden TOKONOMA gastieren. Auf eine interessante Parallele zu vielen Berliner Projekträumen, die in den 90er Jahren noch eng mit der lokalen Clubkultur verbunden waren, deutet die mit Künstlern aus Kassel, Berlin und Athen geplante Home Coming Parade an einem vollkommen frei gewählten Ort innerhalb der Stadt. Die vierte Festivalwoche wird sich, nach einem stillen Konzert bei La Plaque Tournante am Montag, von Dienstag bis Sonntag mit dem nomadischen Aspekt und dem relationalen Raumverständnis von LAGE EGAL, Comedy Club, Larrys Show, NOTE ON, Neue Berliner Räume und Frankfurt am Main auseinandersetzen. Den Abschluss des Festivals bilden die Gastspiele von Schneeeule im Acud und Kinderhook & Caracas im Moviemento-Kino, bis schließlich am 31. August das diesjährige Festival mit einer Performance und interaktiven Ausstellung bei KuLe zu Ende gehen wird.

CCB Magazin: Ihr habt mit dem diesjährigen Festival ein provisorisches Zentrum geschaffen, das Center of Minimum Distance. Was verbirgt sich dahinter?

Heiko Pfreundt: Das Project Space Festival hat sich aus 63 Projekträumen, die sich in diesem Jahr zur Teilnahme beworben haben, zufällig hier, an einem Ort des Verschwindens, die geografische Mitte, das Center of Minimum Distance, aller teilnehmenden und nicht-teilnehmenden Projekträume errechnet. Die Lage des Center of Minimum Distance lässt sich somit als kleinster gemeinsamer Nenner aller ausgewählten und nicht ausgewählten Projekträume in diesem Jahr betrachten. Das offene Gelände lässt sich frei betreten und bildet für einen Monat dieses Zentrum, einer in den letzten Jahren selbstbewusst erscheinenden Peripherie. Ein wichtiger Bestandteil des Zentrums ist, dass wir den Ort so belassen wie wir ihn vorgefunden haben. Und trotzdem ist das Center of Minimum Distance nicht nur der Name eines zentralen Berliner Brachlandes. Das Center betitelt vor allem auch den Blog auf unserer Webseite www.projectspacefestival-berlin.com, auf dem wir in regelmäßigen Abständen Artikel und Interviews zum Festival veröffentlichen. 

Wir wollen die öffentliche Aufmerksamkeit auf Projekträume und die freien Initiativen lenken, die jenseits von repräsentativ auftretenden Großveranstaltungen die wirklichen künstlerischen Anlaufstellen für das Publikum innerhalb der Stadt bilden

CCB Magazin: Das PROJECT SPACE FESTIVAL BERLIN findet zum dritten Mal statt. Auf eurer Webseite steht, dass ihr Leute dazu einladen wollt, „die experimentellen Praktiken der Projekträume kennenzulernen“. Welche experimentellen Praktiken sind das?

Marie-josé Ourtilane:Der Raum ist nichts Gegebenes. Darauf wollen auch die experimentellen Praktiken von Projekträumen hinzuweisen. Räume können durch bestimmte festgelegte Handlungen und Denkweisen entstehen, das zeigen viele der nomadischen Projekträume während des Festivals. Der sehr charakteristische Raum von Bruch & Dallas zum Beispiel, der seit mehreren Jahren fester Bestandteil am Kölner Ebertplatz ist, kann durch einen importierten Grundriss ebenso an einen anderen Ort übersetzt werden, wie TOKONOMA, die die Entscheidung getroffen haben, für einen Tag wieder zu den Anfängen der Technokultur zurückzugehen und die Besucher unter einer Autobahnbrücke in Schöneberg zu versammeln. Die Ausstellungen von Neue Berliner Räume, NOTE ON, Schneeeule, Galerie BRD oder Comedy Club finden nie ein zweites Mal am selben Ort statt. Auch andere Projekträume mit normalerweise festen Standorten wie District, Frankfurt Am Main, Kinderhook & Caracas werden sich innerhalb des Festivals an andere Orte begeben. Es gibt sogar eine zweieinhalb stündige kostenlose Bustour, die über die Flüchtigkeit von Räumen in Berlin anregen will, sie wird von Larrys Show angeboten.

CCB Magazin: Was wollt ihr aber mit eurem Festival erreichen? Wollt ihr primär die Öffentlichkeit ansprechen, damit noch mehr Besucher auf Projekträume in Berlin aufmerksam werden und sie besuchen, oder geht es euch vielmehr darum, die Öffentlichkeit über die Situation von Projekträumen aufzuklären?

Heiko Pfreundt:Beides. Wir wollen die öffentliche Aufmerksamkeit auf Projekträume und die freien Initiativen lenken, die jenseits von repräsentativ auftretenden Großveranstaltungen die wirklichen künstlerischen Anlaufstellen für das Publikum innerhalb der Stadt bilden. Einmal im Jahr entsteht dadurch für alle, sowohl für die Besucher, als auch für die Projekträume selbst, eine gemeinsame Investigation in ihre eigentliche Größenordnung innerhalb der Stadt.

Project Space Festival, Tag 2: Tacho, Europe. Visiting the Enclosure, Foto: Joanna Kosowska.


CCB Magazin: Was kann euer Festival aber an dem Vorwurf ändern, dass die Kunst- und freien Kulturszene immer mehr Besucher nach Berlin lockt, das Geld aber nicht bei Künstlern und der freien Kulturszene in gleicher Relation ankommt?

Heiko Pfreundt:In diesem Jahr gehört das Festival zu den Projekten, die zum ersten Mal aus Mitteln der City Tax finanziert wurden, also von den Hotels. Das ist doch schon mal was. Damit sind auch die meisten ausgewählten Projekträume im Rahmen des Festivals, also zumindest einmal im Jahr, in der Lage, Künstlern und Künstlerinnen Ausstellungshonorare zu zahlen. 

Projekträume sind oft der erste Ort, an dem Künstler und Künstlerinnen, die nach Berlin kommen, ihre Arbeiten zeigen können und mit dem lokalen Publikum in Berührung kommen

CCB Magazin: Was würdet ihr sagen: Wie wichtig sind Projekträume in einer Stadt wie Berlin?

Heiko Pfreundt:Sehr wichtig! Projekträume sind oft der erste Ort, an dem Künstler und Künstlerinnen, die nach Berlin kommen, ihre Arbeiten zeigen können und mit dem lokalen Publikum in Berührung kommen. Künstler und Künstlerinnen, die bereits längere Erfahrungen etwa mit den Konventionen von Kunstmarkt und Institutionen haben, gefällt vor allem die Nähe der Projekträume zum künstlerischen Experiment und ihre flexiblen Strukturen. Ein nicht unbedeutender sozialer Faktor ist zudem der kostenfreie Zugang zu den Veranstaltungen in den Projekträumen, ganz im Gegensatz zu den großen Museen und Großveranstaltungen in der Stadt, die oft viel Geld kosten.

CCB Magazin: Wenn ihr eine Zukunftsprognose wagt: Welche Zukunft haben Projekträume in Berlin?

Heiko Pfreundt:Wir beobachten, dass sich die Ziele und Ausrichtungen von Projekträumen in den letzten Jahren deutlich verändert haben. Während vor allem langjährige Projekträume wie Apartment Project und KuLe Orte sind, an denen Wohnen, Arbeiten und experimentelles Ausstellen noch zusammen stattfinden, sind andere wie der Comedy Club, die Galerie BRD, Young Girl Reading Group oder Ying Colosseum nur an zum Teil sehr kurzen, unerwarteten räumlichen Interventionen in der Öffentlichkeit interessiert. 

Die Ziele und Ausrichtungen von Projekträumen haben sich in den letzten Jahren deutlich verändert

CCB Magazin: Was ist der Grund dafür und was hat das zur Folge?

Heiko Pfreundt: Viele Projekträume wollen eine gewisse Unabhängigkeit vom Geschehen des Kunstmarktes haben. Und in Zukunft werden sie diese Unabhängigkeit weiter dazu nutzen, eigenwillige, spielerische Formate zu entwerfen. Kinderhook & Caracas zeigen schon jetzt, dass sich ein Projektraum ebenso in einen TV-Kanal verwandeln kann. Insitu wiederum inszenieren Gruppenausstellungen mit Vornamen wie „Vic“, „Madeleine“ oder „Charles“, so wie die Hinterlassenschaften fiktiver Charaktere, während der Kreuzberg Pavillon durch wöchentliche Open Calls jedem einen Platz in der Ausstellung unter bestimmten wechselnden künstlerischen Bedingungen bietet. Die Frage, die wir uns in Richtung Zukunft der Projekträume stellen, ist, ob die Projekträume mit all ihren Kunstschaffenden, Denkern und Denkerinnen, Kuratoren und Aktivisten, ein eigenes Zentrum brauchen? Brauchen sie also einen Ort, an dem Unabhängigkeit artikuliert wird und Diversität behauptet werden kann? Reicht es noch aus, sich als loses Netzwerk, flexible Nomaden und professionelle Nicht-Professionelle zu begreifen? Und was passiert, wenn Institutionen und kommerziellen Galerien sich dafür interessieren, was in Projekträumen stattfindet?

CCB Magazin: Und? Wie lautet Eure Antwort?

Heiko Pfreundt: Das werden wir beobachten müssen, und auch darum ist unser Festival gut. Im Grunde geht es um die Frage: Ist die Zeit der Unschuld vorbei? Und wenn ja – what´s next?

CCB Magazin: Heiko und Marie-José, vielen Dank für dieses Gespräch.


Profil des PROJECT SPACE FESTIVAL BERLIN auf Creative City Berlin

Alle Veranstaltungen im Rahmen des Festivals gibt es hier.

Rubrik: Specials

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