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Niche Berlin: Drei für die Stadt

Special Berlin Art Week

Niche Berlin: Drei für die Stadt
Foto: © Mary Scherpe

Heute startet die 5. Berlin Art Week. Und damit beginnen auch die Touren von Niche Berlin, von einem Drei-Frauen-Unternehmen, das Besucher an besondere Kunstorte führt, die sonst keiner zeigt.  Wir stellen Niche Berlin und ihre Touren heute vor  und zeichnen sie mit dem Siegel #berlinsbest aus! 
 

INTERVIEW  JENS THOMAS

 

CCB Magazin: Hallo Stefanie, Nele und Katharina. Ihr führt Kunstinteressierte und Architekturliebhaber aus der ganzen Welt durch die Berliner Szene. Bereits das vierte Jahr in Folge stellt ihr für die Berlin Art Week Führungen zusammen. Erzählt mal, was gibt es in diesem Jahr zu sehen? 

Stefanie: Wir besuchen in diesem Jahr vor allem viele Projekträume, die vom Berliner Senat für ihre Arbeit ausgezeichnet wurden. Am Samstag und Sonntag kann man zum Beispiel Touren in die Bezirke Mitte, Wedding, Moabit oder Schöneberg buchen. Was man da erleben kann, ist einzigartig – und ganz unterschiedlich: Auf der Schöneberg-Tour stellen wir zum Beispiel „Sonntag“ vor, einen Projektraum von April Gertler und Adrian Schiesser, die es sich zum Programm gemacht haben, an einem Sonntag pro Monat nicht nur die Arbeiten von zeitgenössischen Künstlerinnen oder Künstlern in kleinen Einzelausstellungen in einem privaten Umfeld zu präsentieren, sondern auch deren Lieblingskuchen zu backen. Diesmal darf man sich auf die Arbeiten von Christine Cheung und ihren Lieblingskuchen freuen. Die Annahme ist, dass man durch das private Umfeld und den persönlichen Kuchen ganz anders mit der Künstlerin ins Gespräch kommen kann. Unbedingt ausprobieren!

Im Zentrum unserer Kunstführungen stehen die Projekträume und jungen Galerien

CCB Magazin: Ihr habt euch im Mai 2009 gegründet. Was war der Anlass? Es gibt doch schon so viele Stadtführungen.

Katharina: Das stimmt, wir führen aber an Orte, die sonst keiner zeigt. Im Zentrum unserer Kunstführungen stehen die Projekträume und jungen Galerien. Wir haben damals gemerkt, dass wir selbst so wenig kennen, obwohl wir ja aus dem Kunst-, Kultur- und Architekturkontext kommen. Und heute sind wir die Experten! Im Fokus unserer Führungen stehen vor allem die Orte, die noch Vermittlungsarbeit brauchen, die man noch nicht so kennt aber kennen sollte. Viele dieser Orte sind nicht-kommerziell, das heißt auch, dass nicht der Verkauf im Vordergrund steht, sondern der Diskurs. 

CCB Magazin: Sind Berlin-Besucher aber diskursorientiert? Oder anders gefragt: Wer bucht eure Touren?

Nele: Einige sind diskursorientiert, andere nicht. Was unser Publikum generell von anderen unterscheidet: Unsere Touren werden von denen gebucht, die sich für das Sperrige, das Unkonventionelle, für das Subversive, eben für die Nischen interessieren. Zu unserem Publikum gehören Studenten, New Yorker-Sammler oder skandinavische Architekturbüros. Manche Kunden sind nicht sehr diskursfreudig, andere hingegen schon. Und unsere Touren passen wir immer an die Bedürfnisse der Besucher an.

CCB Magazin: Und das passiert wie?

Nele:Die Interessierten füllen auf unserer Homepage ein Formular aus. Im Anschluss organisieren wir, angepasst an die Bedürfnisse, die Tour. Eine Station kann dann zum Beispiel der Projektraum Between Bridges sein. Der international bekannte Fotograf Wolfgang Tilmanns hat in Schöneberg einen Ort kreiert, der nicht nur Ausstellungsfläche bietet, sondern auch Raum für Diskurse. Donnerstags werden hier aktuelle politische Themen und mögliche Konterstrategien diskutiert. Mal sind es auch Projekträume in Hinterhöfen wie „Mavra“ in einer Kreuzberger Garage. Oder nomadische kuratorische Initiativen ohne festen Ort, deren temporäre Bleibe wir aufsuchen, wie etwa „Neue Berliner Räume“, die ein fantastisches Programm auf die Beine stellen, das oft genau das Phänomen Räume thematisiert. Insgesamt geht es uns darum, an ausgewählte Orte zu führen, die besonders sind, die Berlin repräsentieren, aber nicht so repräsentiert sind.

Zeigen, was gezeigt werden muss: Stefanie Gerke on Tour with Niche Berlin. Foto:  Mary Scherpe.


CCB Magazin: Was kostet eine Tour?

Katharina: Das ist unterschiedlich. Eine maßgeschneiderte private Tour geht ab 250 Euro für zwei Stunden los und reicht bis zu sechs Personen. Die öffentlichen Führungen im Rahmen der Art Week kosten aber beispielsweise nur 20 Euro pro Person. Und dann haben wir noch Angebote speziell für Firmenevents, ab drei Stunden, Preis auf Anfrage. 

CCB Magazin: Bei eurem Konzept fällt auf, dass ihr die institutionalisierte Kultur meidet. Langweilt die euch? 

Wir haben einen Service etabliert, den wir uns selbst wünschen würden, wenn wir in Berlin zu Besuch wären

Stefanie: Nein, überhaupt nicht! Vielmehr integrieren wir sie in unsere Führungen, nur findet man die eben viel besser auch alleine. Wichtig ist uns, Zugang zu den Orten zu verschaffen, die man sonst übersehen würde. Und unsere Touren ermöglichen gezielt einen Austausch für alle Beteiligten, sowohl für uns als auch für die Besucher und Besuchten. Die Orte, die wir besuchen, freuen sich über unsere Führungen, über das Interesse und den Dialog. Viele von ihnen begleiten wir jetzt schon eine ganze Weile, und es kommen immer wieder neue hinzu. So haben wir unseren Service etabliert. Einen Service, den wir uns selbst wünschen würden, wenn wir in Berlin zu Besuch wären.

CCB Magazin: Ihr sprecht gezielt auch junge Leute an, um einen speziellen Zugang zur zeitgenössischen Kunst zu ermöglichen. Sind junge Leute kunstverdrossen?

Katharina: Nein, sind sie nicht. Wir selbst sind ja auch jung und haben alle mit jungen Studierenden zu tun. Stefanie zum Beispiel lehrt an der Humboldt-Universität im Studiengang Kunst- und Bildgeschichte und auch Nele hat hier schon ein Seminar gegeben. Ich koordiniere an der TU die Architekturstudiengänge. Ich finde, dass junge Menschen sehr kunstinteressiert sind. Warum sonst sind die Studiengänge zu Kunst- und Kulturwissenschaften alle total überlaufen? Viele junge Leute wissen heute, wie wichtig die visuelle Kultur ist, und es gibt ein großes Interesse an unserer Gegenwart. Die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur ermöglicht ein Verständnis für die Gesellschaft, in der wir leben. Eine Auseinandersetzung mit Architektur bedeutet wiederum immer auch eine Beschäftigung mit der Stadtgeschichte, -planung und -entwicklung.
 

Nele Heinevetter von Niche Berlin: "Unsere Touren werden von denen gebucht, die sich für das Sperrige, das Unkonventionelle, für das Subversive, eben für die Nischen interessieren". Foto: Mary Scherpe.
 

CCB Magazin: Du sagtest, dass ihr über die Jahre einen Service etabliert habt, den ihr euch selbst auf Reisen wünschen würdet. Berlin befindet sich im permanenten Wandel. Wie sollte sich Berlin entwickeln, damit ihr in Zukunft noch das zeigen könnt, was ihr zeigen wollt?

Die Nischen in Berlin sind bedroht. Wichtig ist darum, dass nachhaltige und passende Ideen unterstützt werden 

Stefanie: Gerade die vielen günstigen und interessanten Räumlichkeiten haben in Berlin zur Etablierung einer spannenden Kunstszene beigetragen, ja, sie haben es erst ermöglicht. Es sieht aber so aus, dass diese Nischen wirklich bedroht sind. Die Stadt sollte es darum unbedingt vermeiden, ihre Liegenschaften weiter an die Höchstbietenden zu verkaufen. Man sollte vielmehr nachhaltige, passende Ideen unterstützen. Nur so bleibt Berlin das, was diese Stadt so interessant macht. Und nur so machen unsere Touren Sinn.

CCB Magazin: Stefanie, Nele und Katharina, viel Spaß bei der diesjährigen Art Week und darüber hinaus.


Profile von Niche auf Creative City Berlin 

Alle Touren von Niche Berlin im Überblick

Alles zur 5. Berlin Art Week 


Auszeichnung #berlinsbest 

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