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Luft nach unten

Schwerpunkt Scheitern

Luft nach unten
Foto: © Klaus Seilwinder

Jeder tut es, aber kaum jemand spricht gerne darüber: fehlschlagen, versagen, scheitern. Das Berliner Format Get Engaged hat dem Thema eine ganze Konferenz gewidmet. Gekommen sind über 50 Speaker und Speakerinnen der unterschiedlichsten Disziplinen. Ist Scheitern eine Chance? Brauchen wir einen neuen Umgang mit dem Thema? Oder müssen wir einfach lernen damit umzugehen? Wir waren auf der Veranstaltung dabei.


Von Ann-Kathrin Liedtke   

 

Ob Big Brother oder Dschungelcamp: Shows, in denen Menschen scheitern, scheinen mit einer Einschaltquote von bis zu 8 Mio. pro Folge nicht Wenige zu faszinieren. Auch die Kinohelden und -heldinnen aus klassischen Hollywoodfilmen müssen erst die obligatorischen Hindernisse überwinden, bis sie letztendlich ihr Happy End erlangen dürfen. Denn: wer will schon einem Gewinner beim Gewinnen zuschauen? Wäre Aschenputtel bereits zu Beginn Prinzessin gewesen oder hätte Forrest Gump einen IQ von 150 gehabt, hätte man wahrscheinlich wenig Sympathie für sie empfunden. Selbst zu scheitern ist dagegen oftmals nicht mehr so faszinierend. Fehlschläge können in einer Leistungsgesellschaft, in der der Mensch nach seinen Erfolgen beurteilt wird, schnell das Bild des Perfekten ins Wanken bringen. Ein Imageschaden.

Das Team des Berliner Eventformates Get Engaged hat dem Thema dennoch gleich eine zweitägige Konferenz gewidmet – und ist bei der Realisierung des Projekts beinahe selbst gescheitert. Die von Shai Hoffmann, Amira Jehia und Jakob Listabarth ehrenamtlich organisierte Veranstaltung sollte über Crowdfunding finanziert werden. Die benötigte Summe von 6.000 Euro konnte jedoch nicht vollständig erreicht, das restliche Geld musste über Eintrittsgelder generiert werden. An zwei Tagen sprachen über 50 Speaker und Speakerinnen über ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Scheitern. Über kulturelle Unterschiede, über Tabuthemen wie Fehlgeburten, über die Geflüchtetenpolitik oder das deutsche Gesundheitssystem.

Gescheitert? Sieht nicht so aus: Das Team der Get Engaged-Konferenz, am Mikrofon Organisator Shai Hoffmann. Foto: André Schäfer. ​

Aber was ist neu am Thema Scheitern? Warum dazu eine Konferenz? Schon 2012 fand die erste FailCon in Deutschland statt, in der Entrepreneure auf einer Konferenz ihr eigenes Scheitern analysierten, mittlerweile gibt es sogar ein „Scheitern Magazin“ und Tim Harford schreibt gleich ein ganzes Buch „Trial and Error“ und verkündet, dass man eben damit leben müsse, dass Fehlschläge zum Leben dazugehören.

Aber was heißt „scheitern“ eigentlich? Ursprünglich kommt der Begriff aus dem Seemannsjargon: ein gekentertes Schiff hinterlässt Trümmer – und Holzscheite. In Deutschland ist der Begriff mehrheitlich negativ besetzt. Der Duden definiert es als „ein angestrebtes Ziel“, das „nicht erreicht“ wird, als „keinen Erfolg haben“ oder auch: „misslingen, missglücken, fehlschlagen“. Und doch ist Scheitern immer persönlich geprägt, immer mit eigenen Erfahrungen verknüpft:
 


Nach der Definition des Dudens ist Klaus Seilwinder, der auf der Konferenz seine Geschichte erzählt, gescheitert. Er war über 40 Jahre lang alkoholabhängig. Arbeitslos. Obdachlos. Als Jugendlicher machte er zunächst eine Ausbildung zum Chemiefacharbeiter, ging dann für einige Jahre als Saisonkraft in die Landwirtschaft. Schon damals, als er bei einem Tabakbauern in Brandenburg angestellt war, habe er gemerkt, dass er ein Problem habe. Das war im Jahr 2000. Doch erst 12 Jahre später habe er versucht, seine Alkoholsucht in den Griff zu kriegen. Nach der Wende wurde Seilwinder arbeitslos und kam über Umwege in die Hauptstadt: „Ick bin dann irgendwie in Berlin jestrandet und bin dann zum Bahnhof Zoo, zur Bahnhofsmission. Kennt man ja aus den Romanen. Christiane F. und so“, erzählt Seilwinder heute.

Klaus Seilwinder: „Als Verlierer hab ick mich jefühlt, ja. Aber ick hab doch nich‘ asozial jelebt.“

Für ihn erfüllte sich dort das Klischee, das dem Ort bis heute anhaftet: Drogen- und Alkoholabhängige, Menschen, die sich lange nicht um ihren Körper gekümmert haben, „gescheiterte“ Existenzen. Trotzdem fand er schnell eine Gruppe, der er sich zugehörig fühlte. Für ihn begann ein Leben auf der Straße. „Wenn man in einer Gruppe ist, ist man ja nich‘ mehr der einzije Loser. Man ist nich‘ alleene“, sagt Seilwinder. „Als asozial habe ich mich aber eijentlch nich‘ betrachtet. Als Verlierer hab ich mich jefühlt, ja. Aber ick hab doch nich‘ asozial jelebt.“ Asozial ist für Seilwinder, auf Kosten des Staates zu leben. Statt Hartz IV zu beantragen, sammelte der heute 60-Jährige daher Flaschen. Vom Erlös kaufte er sich Essen und Bier für den Tag.
 

Foto: André Schäfer.

Nach zehn Jahren auf der Straße bot ihm ein Freund an, ihn einen Winter lang von der Straße zu holen und mit ihm in seiner Wohnung zu wohnen. Seilwinder willigte ein. Langsam fand er den Weg zurück in ein geregeltes Leben. Mittlerweile ist er seit vier Jahren trocken, empfängt Hartz IV, lebt in einer betreuten Einraumwohnung. Seit Oktober 2015 bietet er mit zwei anderen ehemaligen Obdachlosen bei Querstadtein eine Tour durch Berlin an. Er zeigt den Teilnehmenden die Stadt aus seiner Sicht, erzählt, wie es dazu kommen kann, dass man obdachlos wird, wie man auf der Straße lebt und wie er den Weg zurück in ein geregeltes Leben gefunden hat. „Das ist wirklich spannend, das zu machen“, erzählt Seilwinder. „Das würde ich jerne noch lange machen. Und öfter.“

Andreas Reimers: „Scheitern gibt es für mich nicht“

Andreas Reimers würde den Werdegang von Klaus Seilwinder vermutlich als langen Lernprozess bezeichnen. „Das Wort ‚Scheitern‘ gibt es für mich eigentlich gar nicht“, sagt er. Wenn man einen Weg einschlage und das angestrebte Ziel nicht erreiche, nähme man eben einen neuen, anderen Weg. Dadurch erlange man Fortschritt und eine Chance, Neues auszuprobieren. Reimers ist Coach für Persönlichkeitsentwicklung. Er arbeitet mit Langzeitarbeitslosen genauso zusammen wie mit Führungskräften von Unternehmen. „Ich komme an dem Punkt der Menschen ins Spiel, wenn sie Ängste ausgebildet haben oder wenn sie mehr aus ihrem Leben machen möchten“, sagt Reimers. „Ich mache mit ihnen verschiedene Übungen oder entwickle Ideen.“

Auf das Drängen seiner Eltern hin machte Reimers zunächst eine kaufmännische Ausbildung. Als er selbst irgendwann an den Punkt kommt, mit dem Ist-Zustand nicht mehr zufrieden zu sein, stellte er fest, dass es ihm Spaß macht, sich mit dem Menschen auseinanderzusetzen. Wie funktioniert das Gehirn? Wie Erinnerung? Wie kann man den Körper mental trainieren? „Irgendwann merkte ich: das ist etwas, das ich gut kann. Da hab‘ ich Bock drauf.“ Mittlerweile ist er selbstständig und mit dem, was er tut, zufrieden: „Das Schönste ist einfach, wenn ich jemandem helfen konnte. Wenn ich ihm in die Augen schaue und sehe: da hat sich etwas verändert.“

Foto: André Schäfer.

In seinem Vortrag auf der Get Engaged-Konferenz erklärt Reimers den Vorgang von dem, was die meisten als „Scheitern“ bezeichnen würden. Zu scheitern sei zunächst nur möglich, wenn man sich außerhalb seiner Comfortzone bewege. In der Zone, in der man sich wohlfühlt, in der alle Wege, Gesichter, Vorgänge bereits bekannt sind. Alles, was darüber hinaus passiert, sei neu und dadurch potentiell gefährlich. Es entsteht ein mulmiges Gefühl in der Magengegend: Angst.

Aber warum hat man überhaupt Angst vor dem Scheitern? „Weil Angst natürlich ist“, sagt Reimers. „Sie ist evolutionsbedingt und soll uns eigentlich vor Gefahren schützen.“ Der Persönlichkeitscoach begleitet seine Klienten durchschnittlich zwei bis sechs Monate. Die meisten Probleme könnten nicht in einer Einzelsitzung gelöst werden, sein Coaching sei ein Prozess, der vor allem durch die Menschen selbst vorangetrieben werden müsse. Um die Angst vor dem Neuen zu überwinden schlägt Reimers vor allem vor, die Perspektive zu ändern: Etwas Neues auszuprobieren enthalte die Möglichkeit, erfolgreich zu sein – oder aber daraus zu lernen.

Inga Höltmann: „Zu scheitern war mein Beschleuniger“

Eine Sicht, die auch Inga Höltmann geholfen haben mag, nach ihrem gescheiterten Projekt noch einmal mit etwas Neuem zu starten. Ihr Online-Magazin BizzMiss wurde zum Jahreswechsel beendet. „Letztendlich bin ich froh, dass es so gekommen ist“, erzählt sie. „Es ist natürlich keine schöne Erfahrung und macht mich nicht stolz, aber es war auch ein Beschleuniger für Neues.“ Zusammen mit drei Kolleginnen gründete die Wirtschaftsjournalistin vor drei Jahren das Format. Die Idee: mit einem weiblichen Blick wirtschaftliche Themen beleuchten. Eine Marktlücke. Das erste Jahr ist erfolgreich, der Newsletter hat vierstellige Abonnentenzahlen. Als nacheinander zwei der Kolleginnen schwanger werden, kann der straffe Redaktionsplan nicht mehr eingehalten werden.

BizzMiss wurde von den vier Gründerinnen als Nebenprojekt gestartet. Die Zeit, die in das Projekt investiert werden konnte, ging von der Zeit ab, in der tatsächlich Geld verdient werden konnte. Auch deswegen konnte der Wegfall der zwei Kolleginnen nicht durch neue Arbeitskräfte ausgeglichen werden. Das Magazin wurde erst zu einem Blog umstrukturiert, schließlich kann auch der nicht mehr ausreichend bespielt werden. Sie beschließen das Ende ihres Projekts.

Foto: André Schäfer.

„Die Zeit bei BizzMiss war sehr intensiv“, erzählt Höltmann. „Aber dadurch habe ich mir letztendlich auch eine Expertise in diesem Bereich aneignen können. Ich hab das alles eigentlich als wahnsinnig gewinnbringend empfunden.“ Aus den Fehlern, die bei dem Aufbau des Online-Magazins gemacht wurden, könne Höltemann heute zudem für ihr nächstes Projekt lernen. Sie will noch einmal von vorne beginnen und neu gründen.

Scheitern als Chance?

„Wer mit nichts weiter als einem ersten Einfall gründet, gehört vermutlich zu den 80 Prozent, die in den ersten fünf Jahren scheitern werden“, sagte Wirtschaftsprofessor Dr. Günter Faltin einmal in einem Interview. Faltin hilft Gründern und Gründerinnen in seinen Büchern wie "Kopf schlägt Kapital" auf die Sprünge - denn für ihn gehört das Scheitern einfach zum Leben dazu. Aber machen wir uns nichts vor: Viele Gescheiterte durchleben trotz solcher Tipps und Hinweise zunächst eine Krise, bevor ein Neustart gewagt werden kann. Erschwerend kommt hinzu, dass in der heutigen Gesellschaft „scheitern“ immer noch mit einem Stigma belegt zu sein scheint. Dabei ist mutmaßlich jeder in der einen oder anderen Form bereits gescheitert. Fehlerforscher Michael Frese schätzt, dass jeder Mensch stündlich zwei bis fünf Mal scheitert: „Die meisten Fehler, etwa ein Grammatikfehler während des Sprechens, sind harmlos. Das Dumme ist bloß, dass es auch Fehler gibt, die wirklich dramatische Konsequenzen haben können.“

Die Get Engaged Konferenz konnte die verschiedenesten persönlichen Geschichten des Scheiterns an diesem Wochenende aufs Podium bringen. Sie zeigen: Der Umgang mit dem Thema ist und bleibt individuell – wann oder ob ein Erkenntnisprozess folgt, auch. Oder wie es Blogger und Journalist Sascha Lobo formulierte: „Machen wir uns nichts vor: Scheitern ist schlimm und man muss es trotzdem aushalten.“ Wer aber scheitern könne, sei in seinen Augen „erst richtig frei“. Vermutlich geht es um den richtigen Umgang mit Fehlschlägen, am Scheitern selbst führt kein Weg vorbei. Ein Leben lang. Daran werden wir uns gewöhnen müssen.


Interview mit den Organisatoren Shai Hoffmann und Amira Jehia auf Creative City Berlin.

Rubrik: Specials

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