Wissen & Analyse

Juliane Schulze: „Wir müssen Vertrauen aufbauen“

Juliane Schulze: „Wir müssen Vertrauen aufbauen“
Foto: © Julia Schulze

Schnelles Geld oder nachhaltiges Investment? Wie und ab wann lohnt sich Venture Capital für Kreativwirtschaftsunternehmen? Und wenn ja, für welche? Juliane Schulze ist Direktorin von ENTER EUROPE und forscht zu diesen Fragen seit Jahren, auch in Form mehrerer Studien, die sie mitpubliziert hat. Wir haben uns mit ihr über ihre Ergebnisse und die Zukunft der Investition unterhalten.


Interview Jens Thomas

 

CCB Magazin: Hallo Frau Schulze, viele Kreativunternehmen wachsen langsam. Wie passen schnelles VC Kapital und gemäßigtes „nachhaltiges“ Wachstum eigentlich zusammen?

Juliane Schulze: Nicht sehr gut! Die meisten Venture Capitals (VCs) haben generell eher ein Interesse an Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial, in die sie investieren. Es geht ihnen um ein exponentielles Wachstum. Diese Art Investor erwartet eine enorm hohe Rendite in kurzer Zeit, die Kreativwirtschaftsunternehmen häufig gar nicht erwirtschaften können - selbst wenn sie wollten.

CCB Magazin: Sie haben selbst eine Studie zum Thema VC Kapital unter dem Titel „Taking the Pulse of Investors, traditional and alternative Finance Sources in Financing the Creative Industries“ veröffentlicht. Wie lauten ihre Ergebnisse?

Juliane Schulze:Die wichtigsten Kernergebnisse für Kreativschaffende sind, dass Privat- und Wagniskapital durchaus in die Kreativwirtschaft fließen. Die Investitionsziele der Investoren sind aber sehr unterschiedlich: So bevorzugten Privatkapitalgeber zu allererst Software & Computer Services, gefolgt von Video und Online Games und Werbung auf Platz drei. Bei Kreditgebern, so zum Beispiel Banken, rangierten Software & Computer Services ebenfalls ganz oben, danach nannten sie die Filmwirtschaft und das Verlagswesen. Bei Crowdfinanziers lagen die Präferenzen etwas anders, da Donation-, Lending- und Investment-Plattformen die besten Investitionsaussichten vor allem für Video Games- und Softwareunternehmen erkannten. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass neue Technologien ein Schlüssel für das Interesse der Investoren an der Kreativwirtschaft sind.

Neue Technologien sind der Schlüssel für das Interesse der Investoren an der Kreativwirtschaft

CCB Magazin: Was müssen Kreativunternehmer beachten, wenn sie sich um VC Kapital bewerben?

Juliane Schulze:Eine der wichtigsten Fragen, die sich jeder Unternehmer von Beginn an stellen sollte, ist, welcher Investor für einen der richtige ist: Sind es eher die Crowdfinanziers, durch die ich meine Produkte durch geschickte Vorverkäufe finanziere und die ich als Fans oder sogar als Community an mich binden kann? Oder sind es eher Business Angels, die eher geringere Summen aus der eigenen Tasche in junge Firmen investieren, die sich dann aber miteinbringen und mit dem Managementteam zusammenarbeiten wollen? Oder sind es Risikokapitalfonds, die Gelder anderer Anleger einsammeln und hohe Summen in skalierbare Firmen unter reinen Kapitalinvestitionsgesichtspunkten einstellen? Diese VCs erzeugen durch ihre Gewinnerwartungen einen enormen Wachstumsdruck, der für Firmen auch problematisch sein kann.

CCB Magazin: Was würden Sie sagen: Für welche Kreativunternehmen eignet sich VC Kapital, für welche nicht?

Juliane Schulze:Unsere Studienergebnisse bestätigen die Praxiserfahrung, dass vor allem technologiegetriebene Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial mögliche Kandidaten für VCs sind. Wir sprechen hier also über Firmen, die in wenigen Jahren um beispielsweise das Hundertfache wachsen können und klare Chancen auf einen lukrativen Exit bieten.

CCB Magazin: Das heißt doch, dass VC Kapital für Kreativwirtschaftsunternehmen nicht das richtige ist.

Juliane Schulze:Sagen wir es mal so: Bei VCs geht es immer um Blockbuster-Erfolge, es geht um ein Ausnahmewachstum. Das Gros in der Kreativwirtschaft sind aber Selbständige und Kleinstunternehmer. Kleinere Unternehmen mit solidem Wachstum und einer Konzentration auf das Kerngeschäft sind für VCs nicht wirklich attraktiv. Diese Unternehmen können aber sehr spannend für Business Angels sein. Ebenso kann die Plattformfinanzierung besonders in der wichtigen Testphase der Markteinführung die beste Wahl sein, um die Validität der Produkte oder Projekte zu überprüfen und sie gegebenenfalls so nah wie möglich am Markt und durch Nutzerfeedback weiterzuentwickeln. Insgesamt geht es darum, Kapitalgeber zu finden, die tatsächlich zu einem passen.

Bei VCs geht es um Blockbuster-Erfolge, es geht um ein Ausnahmewachstum. Dafür eignen sich viele Unternehmen aus dem Bereich der Kreativwirtschaft einfach nicht

CCB Magazin: Wo findet man Wagniskapitalgeber, die zu einem passen?

Juliane Schulze:Unsere Ergebnisse zeigen, dass Angel Investoren vor allem in lokalen, in nationalen und auch europäischen Verbänden organisiert sind. Jede Metropole hat ihre Business Angels Clubs, so auch Berlin. Diese Clubs laden interessante Firmen zu Pitches ein, in denen die Unternehmer sich und ihre Firma vorstellen können. VCs haben sich ebenfalls ähnlich organisiert, national und auch europaweit. Man kommt also um eine gründliche Recherche nicht herum. Und passende Investoren findet man meiner Meinung nach am besten durch Empfehlungen, durch das Recherchieren von vergleichbaren Firmen, in die in den vergangenen Jahren investiert worden ist - oder natürlich auf Branchenevents wie Messen, Märkten und Festivals.

CCB Magazin: Können Sie mal ein Beispiel bringen, wo ein Unternehmen aus der Kreativwirtschaft erfolgreich VC Kapital erworben hat?

Juliane Schulze:Eine der vielleicht bekanntesten Erfolgsgeschichten Europas kommt aus Finnland. „Angry Bird“: Das ist ein Video Games Franchise, das das Unternehmen Rovio weltberühmt gemacht hat. Nachdem zunächst drei Studenten der Aalto Universität 2003 „Angry Bird“ kreierten, gelang es der Firma nach zwei Jahren zuerst einen Business Angel zu überzeugen, in einem zweiten Schritt beschaffte das Unternehmen nach weiteren sechs Jahren 42 Mio. USD Venture Kapital. Es folgten diverse Firmenankäufe, um sich im Markt besser positionieren und die Marke weiterentwickeln zu können. Im Mai dieses Jahres hat „Angry Bird“ den Sprung auf die große Leinwand geschafft: Bis Sommer 2016 sind ca. 350 Mio. USD weltweit eingespielt worden bei 73 Mio. USD Produktionskosten.

Juliane Schulze:Ein weiteres Beispiel ist die Global Fashion Group (GFG), dem online Modehändler, der sich auf Schwellenländer spezialisiert hat, zu dem fünf Modeversender gehören, Lamoda, Dafiti, Namshi, Zalora und The Iconic. Das Startup der Berliner Firmenschmiede Rocket Internet konnte im dritten Quartal 2016 zeigen, dass der Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 16 Prozent gestiegen und bei 250 Millionen Euro lag. Dieser Entwicklung war im Juli 2016 eine Finanzierung von insgesamt 330 Millionen Euro vorausgegangen, wobei 300 Millionen Euro von den bestehenden Investoren Kinnevik und Rocket und 30 Millionen von anderen Geldgebern, darunter Rockets Capital Partners Fonds kamen. Derzeit bietet GFG mehr als 3000 internationale und lokale Marken in 24 Ländern an und beschäftigt mehr als 9,000 Mitarbeiter.

CCB Magazin: Ok, solche Geschichten gelingen aber nicht jedem. Ab wann würden Sie einem Unternehmen grundsätzlich von VC Kapital abraten?

Juliane Schulze:Wenn der Unternehmer nicht bereit ist, seine Firma irgendwann zu verkaufen, zum Beispiel weil man sich mit dem Unternehmen derart verbunden fühlt und man sich davon auch nicht trennen will. Dann sollte man die Finger von VC Kapital lassen.

CCB Magazin: Inwiefern ist es sinnvoll, dass der Staat oder die Landesregierungen Abhilfe bei Wagniskapital schaffen? Das Land Berlin hat letztes Jahr 100 Millionen Euro für Wagniskapital der IBB eingesetzt. Darüber sollen gezielt innovative Berliner Startups aus der Technologie- und Kreativwirtschaft gefördert werden, die sich in der Aufbau- und Expansionsphase befinden. Zitat: „Ziel ist es, mit beiden VC Fonds rund 80 Unternehmen erstmalig zu finanzieren und rund 30 bereits geförderte Startups weiter zu unterstützen“. Sind das gute Ansätze?

Juliane Schulze:Unbedingt! Der VC Kreativwirtschaft ist mit seinen regionalen Förderzielen praktisch eine etwas ‚weichere‘ Variante der üblichen VCs und besitzt die nötige Expertise, um die Geschäftsmodelle der Kreativwirtschaftsunternehmen zu verstehen und bewerten zu können. Das ist in den klassischen VCs nicht unbedingt der Fall. Außerdem versteht sich der Fonds als aktiver Partner der Unternehmer, zum Beispiel auch bei der nötigen Suche nach der Match-Finanzierung durch einen zweiten Investor. Dieses Instrument in Berlin verschafft einigen Startups einen kostbaren Standortvorteil und führt auch dazu, dass ihre Unternehmer wichtige Lernerfahrungen sammeln, die sie fit für die weitere Entwicklung ihrer Firmen machen.

Viele Investoren glauben noch immer, dass die Kreativwirtschaft eine Hochrisikozone ist

CCB Magazin: Reden wir mal über die Gegenseite, die Investoren. Ein Titel auf einer ihrer Präsentationen lautete kürzlich: “Wie denken Investoren über die Kreativwirtschaft?“. Wie lautet ihre Antwort?

Juliane Schulze:Viele Investoren glauben noch immer, dass die Kreativwirtschaft eine Hochrisikozone ist und dass es im Bereich der Kreativwirtschaft nur Lifestyle-Unternehmen gibt. Zugleich nimmt man an, man hätte es durchweg mit chaotischen Menschen und Prozessen zu tun. Das sind typische Klischees. Auch wenn es stimmt, dass viele Kreativwirtschaftsunternehmen nur ein begrenztes Wachstum aufweisen oder anstreben, so handeln sie häufig unternehmerischer als sie selbst glauben. Investoren fehlt einfach das Wissen um die Wertschöpfungs- und Verwertungsketten innerhalb der Kreativwirtschaft und so verpassen sie interessante Investitionsmöglichkeiten.

CCB Magazin: Was wäre die Lösung? Wie kann man VC-Wagniskapitalgeber für die kreativen Branchen sensibilisieren, sodass Investoren mehr Einblicke in die Strukturen von Kreativwirtschaftsunternehmen bekommen?

Juliane Schulze:Wir müssen uns insgesamt mit den Erwartungen beider Seiten, also mit denen von Entrepreneuren und Investoren, auseinandersetzen. Denn auf der Kreativwirtschaftsseite finden wir Mikrounternehmen mit einem genuinen Interesse an Projektfinanzierung. Auf Investorenseite dominiert die Erwartung, Firmenanteile zu erwerben, die in ein paar Jahren ein Mehrfaches wert sind. Derzeit stehen sich der Wunsch nach Mitbestimmung seitens der Investoren und die Angst des Kreativen vor einem Kontrollverlust gegenüber.

Derzeit stehen sich der Wunsch nach Mitbestimmung seitens der Investoren und die Angst des Kreativen vor einem Kontrollverlust gegenüber. Wir kommen hier nur im gemeinsamen Gespräch weiter

CCB Magazin: Sie sind Direktorin von ENTER EUROPE und Vorstandsmitglied von Media Deals, einem pan-europäischem Netzwerk, das zu zentralen Themen der Wagnisfinanzierung forscht. Welche Lösungen schweben ihnen vor?

Juliane Schulze:Mit Media Deals versuchen wir, solide Brücken zwischen den Parteien zu bauen. Das heißt, das Vertrauen zwischen den Investoren auf der einen Seite zu schaffen, sodass sie sich gegenseitig beraten und koinvestieren können. Auf der anderen Seite bedeutet das, dass wir die Wertschöpfungsprozesse transparenter machen müssen, um die verschiedenen Risiko- und Finanzierungsmodelle miteinander zu vergleichen, damit auch klar wird, wo Investitionsgelegenheiten schlummern. Vergessen wir nicht, dass die Politik der Strafzinsen zu einer größeren Offenheit vieler Geldgeber führt. Das gilt es zu nutzen. Die zahlreichen Erfolgsgeschichten in der Kreativwirtschaft sind den Branchen und den Investoren immer noch weitestgehend unbekannt. Darum müssen wir endlich belastbares Datenmaterial sammeln und allen zur Verfügung stellen. Wir kommen nur im gemeinsamen Gespräch weiter. Wir müssen Vertrauen aufbauen.

CCB Magazin:  Juliane Schulze, vielen Dank für dieses Gespräch. 

Kategorie: Wissen & Analyse

rss

Schon gelesen?

schließen
schließen