Innovation & Vision

Seneit Debese: "Inklusion kann auch Innovation bedeuten"

Seneit Debese: "Inklusion kann auch Innovation bedeuten"
Foto: © Jens Thomas
Im Gespräch mit Creative City Berlin: Seneit Debese. 1999 kam sie nach Berlin, heute leitet sie Greta & Starks.

Seneit Debese ist Unternehmerin mit Vision: 2012 entwickelte sie zwei Apps für Hörgeschädigte und Sehbeeinträchtigte, um barrierefreies Kino zu ermöglichen: Greta & Starks. Heute ist sie ein 3-Mann-und-eine-Frau-Unternehmen am Prenzlauer Berg. Gefördert wurde sie über zahlreiche Programme und Initiativen, zu ihren Kunden gehören mittlerweile Verleiher wie Universal oder Disney. Wir zeichnen Sie heute mit dem Siegel Berlin's Best aus und wollen wissen: Wie startet man ein Unternehmen wie Greta & Starks? Ein Besuch am Prenzlauer Berg nahe der Silicon Allee. 
 

INTERVIEW JENS THOMAS

 

CCB Magazin: Hallo Seneit, du hast Greta & Starks 2012 entwickelt, zwei zentrale Apps, die es Hörgeschädigten (Greta) und Sehbeeinträchtigten (Starks) ermöglichen, ins Kino zu gehen. Hast du die Apps selbst schon mal im Kino ausprobiert?

Seneit Debese: Ja klar! Ich gehe natürlich auch in die Filme, die über uns bereitgestellt werden. Ich bin eine absolute Kinoliebhaberin. Ich hatte mich damals nur gewundert, dass es heute zwar möglich ist, auf den Mond zu fliegen, Sehbeeinträchtige oder Hörgeschädigte aber nahezu keine Möglichkeit haben, Kinowelten zu erleben und daran teilzuhaben.

Das Komische ist, dass man heute zwar auf den Mond fliegen kann, Sehbeeinträchtige oder Hörgeschädigte aber nahezu keine Möglichkeit haben, Kinowelten zu erleben. Das wollte ich ändern

CCB Magazin:Kannst du mal erklären: Wie genau funktionieren die beiden Apps Greta & Starks?

Seneit Debese:Ganz einfach: Der blinde Anwender nutzt Voice Over, um sein Smartphone zu bedienen. Das ist eine Technologie, die Apple schon 2009 eingeführt hat und die es uns heute ermöglicht, unsere Apps Greta und Starks zu entwickeln. Dazu laden sich die Nutzer die App kostenfrei im App-Store oder bei Google-Play runter. Dann suchen sie sich einen Film ihrer Wahl aus und schon geht’s los. Das gleiche gilt für die App Greta: Hier lädt man sich die Audiodeskriptionen herunter. Im Kino spielt die App dann die Audiodeskription ab, das sind bilderbeschreibende Töne, die passgenau in die Dialogpausen gesprochen werden. Greta macht so Audiodeskriptionen zugänglich, in jedem Kino, in jedem Saal, zu jeder gewünschten Vorstellung - einfach vom eigenen Smartphone! 
 

Das Team von Greta & Starks. Foto: © Jens Thomas 
 

CCB Magazin:Du hattest die Idee zu Greta & Starks 2012, nachdem du 2011 eine Reportage über die blinde Läuferin Kidisti Weldemichael drehtest. War das damals für dich eine Art Schlüsselerlebnis?

Seneit Debese:Absolut. Die Reportage war meine erste Begegnung mit einer blinden Person. Und da ist mir aufgefallen, wie schlimm es ist, nicht an dem teilhaben zu können, woran alle teilhaben. Kidisti Weldemichael war damals 19 Jahre alt. Sie wollte, so wie ihre Freunde auch, gerne ins Kino gehen. Und als Kinoenthusiastin fand ich damals, und finde das auch heute noch, dass jeder ins Kino gehen sollte. Im Kino taucht man in fremde Welten ein. Das Kino hat etwas Magisches. Es ist etwas ganz besonderes.

CCB Magazin:Welchen Background hast du selbst? Wie bist du zu dem gekommen, was du heute machst?

Seneit Debese:Ich komme aus Eritrea und bin in Mannheim aufgewachsen. 1999 kam ich nach Berlin. Eigentlich habe ich BWL studiert. Doch während meines Studiums hatte ich einen ordentlichen Downer: Nur viel Geld verdienen, das war mir zu wenig. Ich wollte unternehmerisch so arbeiten, dass ich soziale Probleme lösen kann. Ich wollte mich einbringen. Ich hätte damals nur nie geglaubt, dass ich mal Apps entwickle, zumal es die damals noch gar nicht gab. 

Einfach nur Geld verdienen, das war mir zu wenig. Ich wollte unternehmerisch soziale Probleme lösen

CCB Magazin:Wer entwickelt die Apps heute? Wer ist alles am Projekt Greta & Starks beteiligt und welche Rolle hast du im Unternehmen?

Seneit Debese:Ich bin die Geschäftsführerin, die Apps entwickeln wir im Team. Insgesamt sind wir 3,5 Leute, also eigentlich vier. Zusätzlich haben wir natürlich noch einen großen Stab an freien Leuten, die am Projekt mitarbeiten und die uns unterstützen: Entwickler und Designer zum Beispiel. In Zukunft wollen wir weiter wachsen. Wir brauchen weitere Entwickler und vor allem Leute aus dem Sales-Bereich.
 

Im Büro bei Greta & Starks. Foto: © Jens Thomas
 

CCB Magazin:Eure Lösung ist softwarebasiert, sie funktioniert grundsätzlich weltweit und kostet die Kino- und Filmbranche nur ungefähr ein Prozent im Vergleich zu hardwarebasierten Lösungen. Die Anwendungen sind für die User und die Kinobetriebe kostenlos. Wer sind eure Auftraggeber und wie finanziert sich Greta & Starks heute?

Seneit Debese:Wir werden von den Verleihern beauftragt und bezahlt. Bislang gibt es noch keine vergleichbare Softwarelösung, das ist unser Marktvorteil. Und wir sind heilfroh, dass wir mittlerweile so große Verleiher wie Universal oder Disney als Partner mit an Bord haben, die alle Filme über unsere Apps zugänglich machen, sogar die internationalen. Bislang sieht eine Richtlinie ja vor, dass man 'nur' alle deutschen Spielfilme zugänglich machen muss, also nicht die internationalen. Über Universal oder Disney werden heute aber auch Filme wie Fifty Shades of Grey oder Rogue One - A Star Wars Story für blinde und gehörlose Filmfans bereitgestellt. Das ist eine große Errungenschaft, für uns als Unternehmen, für unsere Zielgruppe, für die komplette Kinobranche. 

CCB Magazin:Das heißt, dass eure Idee, die ja eine soziale ist, vor allem von den großen Verleihern getragen wird? Was ist mit den kleineren, unabhängigen Verleihern, die sich das vielleicht weniger leisten können? Unterstützen die euch auch?

Seneit Debese:Auch viele unabhängige Verleiher nutzen mittlerweile unsere Lösung und beauftragen uns. Dazu gehören Verleiher wie Piffl, Neue Visionen oder X-Verleih, die jeden deutschen Film, den sie herausbringen, Gehörlosen und Blinden bereitstellen. Die Großen stellen uns aber alle Filme zur Verfügung. Das ist für uns ein echter Wettbewerbsvorteil gegenüber vergleichbaren Angeboten im Ausland. Denn keiner hat bislang so eine Bandbreite an Filmen wie wir: Unser Angebot reicht von Animation über Blockbuster bis hin zur Arthouse-Perle.
 

Direkt am Prenzlauer Berg: Seneit Debese, Geschäftsführerin von Greta & Starks, vor ihrem Büro in der Schönhauser Allee. Foto: © Jens Thomas 
 

CCB Magazin:Ihr seid in gewisser Weise ein Good-will-Unternehmen. Studien zeigen immer wieder, dass Unternehmen mit sozialem Anspruch oft nur ein begrenztes Wachstum haben. War dir das von Anfang an klar und hattest du das mit einkalkuliert? Oder ist das vielleicht in deinem Bereich, der Technologie, gar nicht der Fall?

Seneit Debese:Ich gebe zu, ich hatte von Anfang an die Anwender im Blick. Ich habe mir damals gesagt: Ich mach das jetzt. Und wenn eines Tages jemand zu mir kommt und sagt, „wie geil, dass es diese App gibt“, dann macht mich das glücklich. Dann freue ich mich, und dann ist es das, was ich will. Ich denke mittlerweile auch, dass sich gute Ideen monetarisieren lassen: Letztes Jahr setzte zum Beispiel das Filmfestival Dok Leipzig unsere Apps ein, zwar auch für gehörlose Zuschauer, vor allem aber für das deutschsprachige, Leipziger Publikum, die sich auf diese Weise die deutschen Untertitel anzeigen lassen konnten. Das ist es, was wir wollen! Wir wollen möglichst alle erreichen. Nur so kann man auch finanziell erfolgreich sein. Inklusion kann auch Innovation bedeuten und eine Wirtschaftskraft freisetzen, von der viele profitieren.

Wir wollen möglichst alle erreichen. Nur so kann man auch finanziell erfolgreich sein. Inklusion kann dann auch Innovation bedeuten und eine Wirtschaftskraft freisetzen, von der viele profitieren

CCB Magazin:Du bist mit Greta & Starks über zahlreiche Programme gefördert worden. War das am Anfang eher eine Art Anschubfinanzierung oder ist das auch ein Weg, um ein Unternehmen wie deins zu skalieren?

Seneit Debese:Wir haben natürlich klein angefangen. Wir hatten eine Vision. Trotzdem mussten wir unser Produkt und unser Geschäftsmodell validieren. Darum haben wir zunächst mal kleine Beträge beantragt, so zum Beispiel beim BKM, Medienbord oder der FFA - und sie auch bekommen. In Berlin erhielten wir je 15.000 Euro  über den TransferBonus und den DesignTransferBonus für unser Headset zur Projektion von Untertiteln, zudem kamen kleinere Beträge von Filmförderinstitutionen  in der Schweiz und in Österreich zusammen. Zusätzlich haben wir 100.000 Euro über das EU-Projekt Media erhalten. In der Gesamtheit waren das aber eher kleinere Beträge, um erst mal die wichtigsten ersten Schritte gehen zu können.

CCB Magazin:Wenn du anderen einen Tipp geben würdest: Wie startet und skaliert man ein Projekt wie Greta & Starks?

Seneit Debese:Ich würde sagen: macht einfach!  Denn Fehler macht man immer. Daraus lernt man. Wir zum Beispiel arbeiten heute in einem Bereich, den es damals noch nicht gab. Dafür gibt es dann auch keinen vorgezeichneten Weg, den man hätte problemlos gehen können. Im Grunde ist das immer Trial and Error. Das ist aber auch das Schöne daran: Gründen ist wie eine Entdeckungsreise.

Ich rate Euch: macht einfach!  Gründen ist wie eine Entdeckungsreise

CCB Magazin:Seneit, wie geht es in Zukunft weiter? Wo willst du persönlich und auch mit Greta & Starks noch hin?

Seneit Debese:Unser Ziel ist es, dass wir in fünf Jahren alle Länder mit unseren Apps beliefern, die europäischsprachig sind. Das ist das Mindeste, was wir erreichen wollen. Dann arbeiten wir bereits an einer Produkterweiterung, die so aussieht, dass wir in naher Zukunft auch Hörfilme vermarkten wollen. Das wäre zwar kein kostenfreies Angebot, gleichwohl aber ein sehr attraktives - großes Kino einfach zum Mitnehmen. Diese Art von Hörfilmen sind vergleichbar mit einem Hörbuch. Und wir entwickeln gerade ein Headset, das sich mit einer Google-Glas-Brille vergleichen lässt, nur viel besser funktioniert: Über das Headset kann man sich Untertitel in den Raum hineinprojizieren lassen. Dieses Headset ist auch gekoppelt an unsere App Starks, die schon jetzt Untertitel abspielen kann. Und wir wollen künftig internationale Untertitel anbieten. Das heißt, dass man an jedem Ort zu jedem Film seine Sprache auswählen kann. Auch dieses Angebot wäre kostenpflichtig. Wie Du siehst, wir haben noch einiges vor!

CCB Magazin:Ich wünsche dir viel Erfolg dabei. Und danke für das nette Gespräch und den feinen Kaffee in eurem Büro!


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