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Slavis Poczebutas: „Wir brauchen mehr Durchmischung in der Stadt“

Slavis Poczebutas: „Wir brauchen mehr Durchmischung in der Stadt“
Foto: © Slavis Poczebutas

Slavis Poczebutas ist Architekt und Stadtplaner. Er hat als Architekt in London, New York, Hong Kong oder Rotterdam gearbeitet. Vor zwei Jahren gründete er sein Studio MEKADO in Berlin. Aktuell beschäftigt er sich mit Raumfragen und architektonischen Konzepten für die Berliner Kreativwirtschaft. Wir stellen Slavis und seine Arbeit heute vor und wollen wissen: Welche architektonischen Konzepte braucht es für Kulturschaffende in Berlin?
 

 INTERVIEW JENS THOMAS

 

CCB Magazin: Hallo Slavis, du beschäftigst dich als Architekt schwerpunktmäßig mit Raumfragen und architektonischen Konzepten, unter anderem für die Berliner Kreativwirtschaft. Was machst du genau?

Slavis Poczebutas: Mein Schwerpunkt und Interesse liegt seit Jahren auf nachhaltiger und integrierter Stadtentwicklung und Architektur. Das heißt, dass ich mich zum Beispiel mit energetischen und infrastrukturellen Fragen bei der Umsetzung beschäftige, das ist die ökologische Perspektive. Darüber hinaus berücksichtige ich sozioökonomische Aspekte: Wie kann Architektur sozialräumlich sinnvoll gestaltet werden? In den letzten Jahren habe ich dazu Projekte wie Wanzhuang-Eco-City für die Landwirtschaft in der Peripherie Peking’s geleitet oder integrierte strategische Entwicklungsstrategien für die Ninh-Thuan-Provinz in Vietnam entwickelt. Zudem bringe ich mich in stadtpolitische und architektonische Diskurse ein.

CCB Magazin: Und das heißt? 

Slavis Poczebutas:Aktuell habe ich eine Initiative mit Bureau Ali Saad und Urban Space Immobilien initiiert. Unser Ziel ist, hybride Gebäudetypologien in Zusammenarbeit mit relevanten Interessensgruppen für konkrete Transformationsräume zu entwerfen und daraus einen Prototypen zu entwickeln.

CCB Magazin: Kannst du mal erklären, was „hybride Gebäudetypologien“ sind und was ihr konkret vorhabt? 

Slavis Poczebutas:Bei hybriden Gebäudetypologien gibt es in der Regel keine singuläre architektonische Nutzung. Das heißt, die Nutzungen überlagern, durchdringen und ergänzen sich. Das können zum Beispiel überdimensionierte Verkehrs- und Gewerbeflächen sein, die ein Vielfaches an Nutzungsmöglichkeiten bieten, aber auch Flächen rund um eingeschossige Super- oder Fachmärkte, die noch frei sind und genutzt werden können. Und das ist vor allem für Kreativschaffende interessant. Warum zum Beispiel keine Ateliers oder eine Werkstatt in die Erdgeschosszonen eines Wohnhauses oder eines Supermarktes integrieren? Unser Ziel ist es, hierzu entsprechende Prototypen zu entwickeln, wie man gering verdichtete monofunktionale Stadträume effizienter ausnutzen kann.

CCB Magazin: Wie sieht so ein Prototyp aus?

Slavis Poczebutas:Einer unserer Prototypen ist der „gemischte Superblock“ an der Metro in Berlin-Friedrichshain. Die von Metro genutzte Fläche ist ca. 55.000 m² groß, wobei ein Großteil wertvolles Bauland fürs Parken genutzt wird. Solche Flächen könnte man für Kreativschaffende und andere dringend benötigte Nutzungen wunderbar umfunktionieren. Schon jetzt gibt es dort einen Fußballplatz auf dem Dach, was wir als hybride Nutzungsüberlagerung sehr begrüßen. Man könnte allerdings zusätzlich auf dem Parkplatz problemlos Studentenwohnungen errichten, zudem Ateliers und Freiflächen für Grünes bereitstellen – insgesamt könnten dort bis zu 70.000 m² Geschossfläche errichtet werden, dies entspricht ungefähr 30.000 m² für Gewerbe und fast 500 Wohneinheiten, das haben wir exemplarisch einmal ausgerechnet. Ein anderes Beispiel ist der „Hybride Supermarkt“: Das sind Supermärkte wie Lidl, Penny, Rewe. Unser Vorschlag ist hier, dass man auf Supermärkten und deren Parkplätzen selbst Wohnungen errichtet.

CCB Magazin: Und das soll funktionieren?

Slavis Poczebutas:Na klar. Supermärkte haben eine nach innen gerichtete Nutzung und damit bis auf den Eingang keine aktive sozial genutzte Fassade. Drum herum ist meist vieles frei. Dort könnte man zum Beispiel einen Ring von Ateliers errichten, ohne dass sich daran jemand stört. Und auf dem Dach gäbe es viel Platz für dringend benötigten Wohnraum, für Kitas oder Gärten.

Wir wollen, dass sich Läden, Ateliers oder Werkstätten künftig stärker in das architektonische Stadtbild integrieren, man dort aber gleichzeitig wohnen kann. Denn: Wenn Kreativschaffende nicht mehr dort arbeiten können, wo sie leben, ziehen sie weg

CCB Magazin: Gibt es denn schon einen Protoypen, der sich in die Realität umsetzen lässt?

Slavis Poczebutas:Bislang nicht. Wir sind aber in Verhandlungen. So hatten wir bereits Gespräche mit Lidl, die sehr interessiert sind, allerdings entspricht die Errichtung eines entsprechenden Prototypen nicht deren Kerngeschäft. Und politisch an die richtigen Ansprechpartner heranzukommen, das ist schwierig, aber wir geben nicht auf. Wichtig ist, dass man jetzt einfach mal einen entsprechenden Protoypen in der Realität erprobt. In der Vergangenheit hat das auch geklappt: Unsere Prototypen zielen auf die „Berliner Mischung“ und das durchmischte Kreuzberg ab. Beides sind erprobte Erfolgskonzepte. Schon früher erkannte man in Stadtteilen wie Kreuzberg, dass man von Spekulanten bedrohten Mietshäusern etwas entgegensetzen muss – wenn man kulturelle Vielfalt und soziale Durchmischung erhalten will. Genau hier setzen wir an: Wir wollen, dass sich Läden, Ateliers oder Werkstätten künftig stärker in das architektonische Stadtbild integrieren und man dort gleichzeitig wohnen kann. Denn: Wenn Kreativschaffende nicht mehr dort arbeiten können, wo sie leben, ziehen sie weg.
 

So sieht der Prototyp „gemischter Superblock“ an der Metro in Berlin-Friedrichshain aus 
 

CCB Magazin: Wie siehst du die Chancen, dass sich das Konzept der durchmischten Stadt wieder vermehrt umsetzen lässt?

Slavis Poczebutas:Leider werden derzeit geplante Neubauprojekte in der Stadt eher monofunktional gebaut. Das Problem ist, dass schon die aktuelle Baugesetzgebung für Schall- und Lärmbestimmungen oder Gebietskategorien wenig bis keine Nutzungsdurchmischung zulässt. Genau hier soll unser Prototyp ansetzen. Dabei geht es nicht darum, irgendwo eine lärmende Fabrik in ein Wohnquartier zu bauen. Es geht darum, dass man da, wo man arbeitet, auch leben kann. Und wie wichtig das für Kreativschaffende sein kann, darauf hat die Soziologin Saskia Sassen in vielen ihrer Beiträge hingewiesen: Kreative können Kundennähe vor Ort aufbauen, wenn sie in einem Kiez oder Stadtteil Produkte lokal produzieren und ihre Produkte anbieten können. Das Interessante ist ja: Die Einführung der neuen Baugebietskategorie "Urbane Gebiete", die von der Bundesregierung kürzlich festgelegt wurde, zielt genau auf diese Nutzungsdurchmischung ab.

CCB Magazin: Ok, wo liegt das Problem?                                             

Slavis Poczebutas:Das Problem ist, dass durch die derzeitige Rechtslage entweder zwischen Wohngebiet oder Gewerbegebiet unterschieden wird. Rein gesetzlich. Und beides wird knapp. Dadurch entsteht eine Flächenkonkurrenz, und vor allem die Kreativindustrie hat hier das Nachsehen: für den Gewerberaum hat sie oft nicht das entsprechende Geld. Und Wohnraum wird ohnehin zu teuer. Berlin erlebt aktuell eine Gründerwelle mit hoher Dynamik und einen Zuzug aus allerlei Ländern. Das heißt, dass laut Prognose bis 2030 bis zu 180.000 Neuberliner in die Stadt ziehen werden, das entspricht einer deutschen mittelgroßen Stadt. Der Wohnungsneubau hält damit einfach nicht Schritt. Folglich haben wir einen bis zu zweistelligen Mietpreisanstieg über die letzten Jahre zu verzeichnen. Ich bin gespannt, wie man dieses Problem lösen will.

CCB Magazin: Was schlägst du vor?

Slavis Poczebutas:Die Regierungskoalition ist mit ihrem Koalitionsvertrag 2016 - 2021 angetreten, „Berlin gemeinsam zu gestalten. Solidarisch. Nachhaltig. Weltoffen”. Ein wesentlicher Schwerpunkt liegt auf der Sicherung und zusätzlichen Schaffung von bezahlbaren Wohnungen. Die sechs landeseigenen Wohnungsunternehmen sollen den öffentlichen Wohnungsbestand durch Zukauf und Neubau signifikant erhöhen. Das ist ein erster richtiger Schritt. Darüber hinaus entsteht aber erheblicher Bedarf an bezahlbaren Räumen für Kulturschaffende, für die kreativen Branchen und für Kleingewerbe, die zunehmend aus den angesagten Quartieren verdrängt werden. Gut ist, dass der Senat in Berlin kürzlich die Aktualisierung des Stadtentwicklungsplans Industrie und Gewerbe zur Entschärfung von Nutzungskonflikten beschlossen hat. Hier geht es um eine Neuordnung von Flächen für Industrie und Gewerbe. Zudem erarbeitet die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen gerade einen neuen Stadtentwicklungsplan Wohnen. Ziel ist hier, die Wohnungsnachfrage und Baupotenziale zu ermitteln. Beides sind erste gute Zeichen. Sinnvoll ist es, diese beiden Entwicklungen jetzt zu integrieren und eventuelle Synergien herauszuarbeiten.

Mich interessiert das Experimentieren an der Schnittstelle zu Kunst, Design, Architektur und dem Urbanen Raum mit gesellschaftlichen Fragestellungen

CCB Magazin: Slavis, wie bist du dazu gekommen, dich als Architekt mit Raumfragen und architektonischen Konzepten für die Creative Industries zu beschäftigen?

Slavis Poczebutas:Mich interessiert das Experimentieren an der Schnittstelle zu Kunst, Design, Architektur und dem Urbanen Raum mit seinen gesellschaftlichen Fragestellungen. Zudem habe ich eine Faszination für die räumliche Erforschung von städtischen und ländlichen Regionen und deren Zwischenräume. Insbesondere der Einfluss von interkulturellem Austausch, sozioökonomischen und ökologischen Triebkräften des Wandels und neue Technologien beeinflussen meine Arbeit seit Jahren. Geprägt hat mich sicherlich auch das Nachwende-Berlin der 1990er Jahre. Das war eine außergewöhnliche Zeit, in der sich das stadträumliche Kontinuum aufgelöst, transformiert und neu konfiguriert hat. Damals schien in der Stadt alles möglich. Daraus entstand diese lebendige und vielseitig städtische Subkultur, die Berlin heute so anziehend macht und als Kreativmetropole auszeichnet.

CCB Magazin: Du hast als leitender Architekt bei OMA von Rem Koolhaas den neuen Campus des Axel-Springer-Verlags mitkonzipiert, vor zwei Jahren hast du dein Studio MEKADO in Berlin gegründet und warst als Architekt und Stadtplaner in vielerlei Ländern. Wenn du Berlin mit anderen Ländern vergleichst: Welche Parallelen und Unterschiede kannst du im Hinblick auf Umgang mit Freiräumen und architektonischen Konzepten feststellen?

Slavis Poczebutas:Was man in den allermeisten Städten beobachten kann, ist das Verschwinden von Freiräumen und eine zunehmende Konkurrenz um Flächen zwischen kommerzieller Nutzung, bezahlbarem Wohnraum und Räumen für Kreativschaffende. Dieser Konflikt endet im Grunde immer ähnlich: Künstler und Kreativschaffende entdecken Räume, das macht eine Stadt erst interessant. Zum Schluss sind es die Künstler und Kulturakteure selbst, die weiter ziehen (müssen), wenn die Renditemaximierung steigt. Will Berlin eine Metropole für Kunst- und Kulturschaffende bleiben, braucht es jetzt Lösungen und einen Willen, dies auch wirklich inhaltlich und strukturpolitisch zu gestalten.

CCB Magazin: Slavis, wenn du in die Zukunft blickst, was willst du als Architekt noch erreichen?

Slavis Poczebutas:Mein Ziel ist es, mich mit meinem Studio MEKADO weiter an interessanten Projekten und Diskursen zu beteiligen, die sich mit politischen, sozialen und ökologischen Herausforderungen auseinandersetzen. Ich will integrative Lösungsansätze mitentwickeln. Architektonisch brauchen kreative Gemeinschaften räumliche Freiheit und Pluralität. Sie gedeihen in kollektiven und bezahlbaren Räumen. Das sind Umgebungen, die in unseren Städten leider zunehmend verschwinden. Hier versuche ich Lücken und Lösungen zu finden. Ansonsten interessiert mich Afrika. Afrika als Kontinent steht nicht nur vor einer gewaltigen Herausforderung, sondern seine Einzigartigkeit birgt auch unzählige Potenziale. Momentan entwickeln wir mit einer Organisation in Rwanda die Architektur für ein „Reconciliation and Research Centre“, um die traumatisierenden Folgen des Genozids in Rwanda gesellschaftlich zu verarbeiten und zu heilen. Insbesondere das Dokumentieren der unzähligen Geschichten und Schicksale und das lebhafte Einbetten dieser Geschichten, um dem Vergessen der post-genozid Gemeinschaft in Rwanda entgegenzuwirken, ist ein wichtiger Bestandteil. Eventuell ergeben sich daraus neue Chancen der Zusammenarbeit. Wir werden sehen. 


Weitere Infos zum Konzept der Berliner Mischung unter: www.bauwelt.de

Profil von Slavis Poczebutas auf Creative City Berlin

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