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Quartiermeister: Wir, Bier, und jetzt ihr!

Quartiermeister: Wir, Bier, und jetzt ihr!
Foto: © Quartiermeister

Bier trinken und dabei in soziale und kulturelle Projekte investieren? Mit Quartiermeister soll das möglich sein.  Quartiermeister wurde als Sozialunternehmen und Verein 2011 in Berlin-Kreuzberg gegründet, angefangen hat man zu zweit, mittlerweile ist Quartiermeister ein 14-köpfiges Team und an verschiedenen Standorten im Süden und Osten Deutschlands aktiv. Das Ziel: Nicht nur saufen, auch mal nachdenken, dann aber auch handeln. Am 29.11. ist das Kreuzberger Unternehmen Kooperationspartner zur 10-Jahres-Veranstaltung von Creative City Berlin „The Big Good Future“. Wir sprachen mit Quartiermeisterin Lisa Wiedemuth und Quartiermeister David Griedelbach über Unternehmensphilosophie und Zukunft des sozialen Biers in einer Stadt wie Berlin.  
 

Interview Stefan Schulz

 

CCB Magazin:Hallo Lisa und David, schön hier bei euch zu sein. Ihr bezeichnet Quartiermeister-Bier als „soziales Bier“. Was ist ein „soziales Bier“? 

Lisa:Bier trinken heißt für uns, dass die Menschen zusammenkommen und sich austauschen, mit Freunden, in der Kneipe, auch im Park oder in der Nachbarschaft. Und „sozial“ ist unser Quartiermeister-Bier, weil wir über die Erlöse in soziale und kulturelle Projekte in unmittelbarer Nachbarschaft investieren. Wir nennen das „Bier für den Kiez“. Wir haben bisher ein Projektnetzwerk von über 80 Projekten generiert und über 80.000 Euro ausgeschüttet. Bier ist für uns nicht nur ein Konsumprodukt, es ist auch Mittel zum Zweck, um einen Mehrwert für die Gesellschaft zu schaffen.

CCB Magazin:Die meisten Unternehmen mit sozialem Anspruch investieren in die Bereiche Bildung und Sport, erst dann folgt die Kultur. Warum investiert ihr neben sozialen Projekten gezielt in die Kultur?

Lisa:Unser Ziel ist es, Projekte zu unterstützen, die integratives und partizipatives Zusammenleben vor Ort fördern. Hier interessieren uns vor allem Initiativen mit lokaler Wirkung, die in Kiezen und Nachbarschaften ein nachhaltiges, gemeinwohlorientiertes und respektvolles Leben ermöglichen und so einen Beitrag zur Integration und gesellschaftlicher Teilhabe leisten. Und bei kulturellen Projekten ist uns wichtig, dass sie viele erreichen. Am besten werden die Menschen im Projekt selbst künstlerisch oder kulturell aktiv. Eine Ausstellung beispielsweise, die sich nur mit zeitgenössischer Kunst beschäftigt und an ein Exklusiv-Publikum adressiert ist, aber keinen sozialen Anspruch hat, würden wir nicht fördern.

CCB Magazin:Welche Projekte fördert ihr konkret? Und in welcher Höhe?

David:Ein gefördertes Projekt war zum Beispiel „Acht-Tage-Marzahn“, ein Kunstfestival, das Marzahner Künstler präsentierte und das kulturelle Leben in einem Stadtteil sichtbar machte, der seit Jahren mit einem Negativ-Image zu kämpfen hat. Ein anderes Projekt war „Platform“. Hier wurden leerstehende U-Bahnshops und Schaufenster mit wechselnden Kunstinstallationen bespielt. Die Höhe der Förderung bezieht sich auf die verkaufte Literanzahl im Vorjahr, beträgt pro Projekt in der Regel jedoch nicht mehr als 1.000 Euro.

CCB Magazin:Wenn sich ein Projekt bei euch bewerben möchte: Was gilt es zu beachten?

Lisa:Unsere Förderung ist einfach gestaltet, der Antrag besteht aus nur zwei Seiten. Wir erfragen zwar Mittelverwendung, jedoch keine kompletten Finanzpläne. Nach der Ausschüttung des Geldes müssen die Bewerber auch keine Abrechnung machen oder sich rückwirkend rechtfertigen. Unsere Zusammenarbeit basiert auf Vertrauen. Denn das ist das, was wir über unsere Förderung ermöglichen wollen: eine Gesellschaft, die auf Kollaboration und Zusammenarbeit basiert.

Unsere Zusammenarbeit basiert auf Vertrauen. Denn das ist das, was wir über unsere Förderung ermöglichen wollen: eine Gesellschaft, die auf Kollaboration und Zusammenarbeit basiert

CCB Magazin:Seit diesem Jahr habt ihr auch ein „weibliches“ Bier auf dem Markt: Quartiermeister*in. Was wollt ihr damit erreichen?

Lisa:Wir wollen generell Themen besetzen, die wichtig für die Gesellschaft sind. Dazu gehört auch der Genderdiskurs. Darum gibt es nun neben Quartiermeister auch Quartiermeister*in. Das heißt nicht, dass das Bier anders schmecken muss. Vielmehr wollen wir zeigen, dass Feminismus und Gleichstellung auch in der Bierbranche von Relevanz sind. Deswegen haben wir den Launch unserer neuen Flaschen mit einer Kampagne zu Sexismus in der Werbung, explizit in der Bierwerbung, begleitet. Gefördert haben wir zu diesem Thema die Initiative Schilleria, ein Mädchenzentrum in Neukölln – und das mit 2.500 Euro. Das ist die höchste Summe, die wir jemals für ein Projekt ausgeschüttet haben.

CCB Magazin:Seit Jahren schreitet der Trend voran, Bier selbst zu brauen oder soziale Impulse über Bierproduktion und -konsum  zu setzen. Ihr lehnt euch konzeptionell an den bengalischen Wirtschaftswissenschaftler Mohammad Yunus an, der über eine eigene Bank, die „Grameen Bank“, Mikrokredite an Menschen mit niedrigen Einkommenssicherheiten in Bangladesch vergibt. 2006 hat Mohammad Yunus dafür den Friedensnobelpreis erhalten. Welches Selbstverständnis habt ihr als Sozialunternehmen?

Lisa:Wir setzen auf nachhaltiges, soziales Wirtschaften. Und das bezieht sich sowohl auf die innere Unternehmensstruktur als auch auf die Kommunikation mit Partnern oder Kunden. Das Grundproblem an dem wir ansetzen, ist, dass den Leuten oft die Zeit für ehrenamtliches Engagement fehlt – und das gerade in Großstädten wie Berlin. Darum versuchen wir Konsum mit sozialem Engagement zu verbinden, sodass der Betrag, der in anderen Unternehmen in großes Marketing oder an die Anteilseigner fließt, über Quartiermeister direkt in gute Projekte investiert wird. Zudem lassen wir die Konsumenten direkt mitbestimmen, wohin das Geld fließen soll. Wir treffen dazu eine Vorauswahl, danach kann jede und jeder auf unserer Webseite für zwei Kiezprojekte abstimmen. Das Bier kostet auch nicht mehr als andere Biere. Unser Ziel ist es, als Unternehmen soziale Verantwortung zu tragen. Wir wollen unabhängig und transparent wirtschaften und mit diesen Prinzipien auch andere inspirieren, Ähnliches zu tun.

CCB Magazin:Aber was genau heißt für euch transparent und unabhängig zu wirtschaften? Wie arbeitet ihr?

David:Wir arbeiten unabhängig von Anteilseignern und Investoren. Wir tragen uns komplett selbst. Alle Stellen sind durch eigenen Umsatz finanziert. Und wir versuchen mit Partnern zusammenzuarbeiten, die nicht zu Großkonzernen gehören. Das funktioniert in der Praxis zwar nicht immer. Auch wir sind teils auf Händler angewiesen, die zu Konzernen gehören, weil manche Kunden nur über sie unser Bier beziehen können. Unser Ziel ist es aber, gerade die kleinen und regionalen Lieferer und Anbieter mit ins Boot zu nehmen und zu unterstützen. Und was die Produktion angeht, wird unser Bier in unabhängigen, mittelständischen Betrieben gebraut. Das passiert gegenwärtig mit zwei Brauereien in Wittichenau und in München. Die Zutaten kommen möglichst aus regionalen Anbaugebieten. Darüber hinaus veröffentlichen wir alle drei Monate auf unserer Webseite die gesamten Einnahmen aus dem Verkauf sowie unsere Ausgaben, etwa für Gehälter, Logistik und Marketing. Auch haben wir eine „Gemeinwohl-Bilanz“ auf unserer Webseite.

CCB Magazin:Eure Gemeinwohl-Bilanz lehnt sich an den österreichischen Autor und Aktivisten Christian Felber an, der die Bilanz als Bewertungsverfahren für Unternehmen entwickelt hat. Was sagt diese Bilanz aus?

David:Die Gemeinwohl-Bilanz listet positive und negative Indikatoren, so zum Beispiel die „gemeinwohlorientierte Gewinnverteilung“ oder die „Reduktion ökologischer Auswirkungen“, aber auch Negativkriterien wie die „Zahlung von Dumpinglöhnen“ oder „Verstöße gegen Umweltauflagen“. Die Bilanz ist sehr detailliert. Ersichtlich wird, welches Material für Flyer und Flaschen-Etiketten wir zum Beispiel verwenden, mit welchen Finanzdienstleistern wir arbeiten, wie transparent wir insgesamt sind oder ob und wie wir im Team gleichberechtigt kommunizieren und arbeiten. Von maximal möglichen 1.000 Punkten, die man erreichen kann, kommen wir auf 665 Punkte. Wir denken, das ist ein gutes Ergebnis.

CCB Magazin:Aber kann eine solche Bilanz nicht dazu führen, dass sich Unternehmen untereinander vermehrt vergleichen und in einen erneuten Wettbewerb treten? Es geht bei der Gemeinwohl-Ökonomie doch um Kooperation und Zusammenschluss.

David:Das stimmt, aber Wettbewerb muss nichts schlechtes sein. In der Vision der Gemeinwohl-Ökonomie sollen Zahlen vergleichbar werden und innerhalb des politischen Systems auch gewisse Vorzüge bringen, so zum Beispiel Steuervorteile oder die Bevorzugung in Vergabeprozessen von öffentlich-rechtlichen Institutionen. Die Bilanz will lediglich Anregungen geben, es geht nicht um Kontrolle. Es geht um Transparenz, für das Unternehmen und den Konsumenten.

Foto: © Quartiermeister


CCB Magazin:Quartiermeister wurde 2011 in Berlin-Kreuzberg gegründet. Wie unterscheidet sich  Berlin als Standort zu anderen Regionen, bezogen auf soziales Unternehmertum, Gemeinwohl-Denken und bürgerschaftliches Engagement?

Lisa:Berlin ist in diesen Bereichen schon ganz weit vorne, das bringt eine kulturelle Stadt wie Berlin mit sich. In Berlin ist es relativ einfach, Netzwerke im Bereich Social Business aufzubauen. Wir haben in Berlin auch zahlreiche Kontakte zu anderen Sozialunternehmen und Initiativen. Der Markt für Social Entrepreneure wächst, aber auch die Konkurrenz steigt.

David:In Dresden, Halle oder Leipzig sind die Strukturen noch nicht so verankert. Aber auch hier bewegt sich was. Mittlerweile gibt es Social Impact Labs und Startups in vielen Großstädten Deutschlands, die alle gute Arbeit machen.

CCB Magazin:Lisa und David, was sind eure Pläne für die Zukunft?

David:Wir wollen weiter wachsen. Wir wollen Quartiermeister in der nächsten Zeit deutschlandweit und auch darüber hinaus aufstellen. Jetzt bringen wir mit dem Rotbier aber erst mal ein neues Produkt heraus. 

Wir wollen weiter wachsen. Aber wir bleiben kritisch mit uns selbst

CCB Magazin:Aber wie groß wollt ihr werden? Können Expansionen nicht dazu führen, dass am Ende die soziale Idee verloren geht?

David:Wie und ob wir weiter unabhängig von Konzernstrukturen bleiben, hängt mit den Strukturen zusammen, denen wir ausgesetzt sind, die wir aber auch ein Stück weit selbst verändern können - ob man nun eine Brauerei findet, die unabhängig und lokal verankert ist, oder Partner, die familien- und genossenschaftlich ausgerichtet sind. Wir werden uns in nächster Zeit fragen müssen: Gibt es keine anderen Brauereien, die mit uns zusammenarbeiten können? Können wir am Regionalprinzip weiter festhalten, wenn wir wachsen wollen? Vieles wissen wir noch nicht, wir probieren uns immer wieder neu aus. Und an vielen Stellen sind und bleiben wir kritisch mit uns selbst.

CCB Magazin:Lisa und David, danke für das Gespräch.


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