Als ich nach Berlin kam...

Ewelina Dobrzalski: „Man fängt hier wieder von vorne an“

Ewelina Dobrzalski: „Man fängt hier wieder von vorne an“
Foto: © Philip Nürnberger
Im Gespräch mit Creative City Berlin: Ewelina Dobrzalski (dritte von links)

Noch nie waren weltweit so viele Menschen auf der Flucht wie heute: Ende 2016 verließen 65,6 Millionen Menschen ihre Heimat aufgrund von Krieg, Gewalt und Verfolgung. Darunter befinden sich auch einige Künstler. Das Projekt „Artist Training: Refugee Class for Professionals“ ist ein Modellprojekt für geflüchtete Künstlerinnen und Künstler am Berlin Career College der UdK Berlin. Das Ziel: Hilfestellungen für Neuankommende in Berlin geben und Künstler und Kulturschaffende mit Fluchthintergrund in den Arbeitsmarkt integrieren. Wie kann das funktionieren? Wir sprechen darüber mit Projektkoordinatorin Ewelina Dobrzalski.
 

INTERVIEW JENS THOMAS



CCB Magazin: Hallo Ewelina, euer Projekt „Artist Training: Refugee Class for Professionals“ wurde im Februar 2016 ins Leben gerufen. Jetzt wird es aus Mitteln der Europäischen Union und des Landes Berlin weitergeführt. Was bedeutet für dich Integration? 

Ewelina: Integration bedeutet für mich, wenn Menschen, egal welcher Hautfarbe, Herkunft oder aufgrund ihres sozialen Kontextes, die Möglichkeit haben, in der Gesellschaft anzukommen. Dafür müssen alle aufeinander zugehen. 

CCB Magazin:Eure Zielgruppe sind Künstler und Kulturschaffende mit Fluchthintergrund. Ziel ist es, Hilfestellungen zu bieten, um die Arbeitsmarktintegration zu erleichtern. Was habt ihr bislang erreicht? 

Ewelina:Bisher haben knapp 300 Kunst- und Kulturschaffende am Programm teilgenommen. Die Teilnehmenden kamen aus Syrien, Iran, Palästina oder Afghanistan, vorwiegend aus den Bereichen Tanz, Film, Theater oder Musik. Die Teilnehmer können sich bei uns bewerben, wir wählen dann nach bestimmten Kriterien aus. Voraussetzung ist, dass sie in ihren Herkunftsländern bereits als Künstler oder Kulturschaffende gearbeitet haben. Und Ziel ist es, ihnen in Berlin einen Zugang zu der jeweiligen Branche zu ermöglichen. Bislang gab es drei Phasen: Das ehrenamtliche Pilotprojekt „Refugee Class“ im Februar 2016, die zweite Phase ab November 2016 und die dritte Phase seit September 2017. Der Auftakt war eine Einführungswoche zu den Modulwochen mit allen wichtigen Informationen zum Neubeginn in Deutschland. Jetzt sind wir im Abschluss der dritten Phase. Dazu haben wir fünf Modulwochen in den Sparten Musik, Kulturjournalismus, Bildende Kunst, Darstellende Kunst und Film angeboten. Wir sind wirklich froh, dass wir seit November 2016 eine Förderung bekommen. Wahrscheinlich gäbe es das Projekt sonst nicht mehr. 

Wir stellen Kontakte zwischen geflüchteten Künstlern und Kulturschaffenden und echten Profis aus ihrer Szene oder Branche her. Denn wir wollen, dass sich unsere Teilnehmer auf diesem Wege auf höchstem Niveau in Berlin „weiterbilden“ können 

CCB Magazin:Wie habt ihr das Projekt zuvor finanziert? 

Ewelina:Über viel ehrenamtliches Engagement! Das ist natürlich auf Dauer anstrengend, auch wenn die Arbeit wirklich toll und sinnvoll ist. Durch die finanziellen Mittel können wir jetzt mit einem festen Team arbeiten, aktuell sind wir drei Angestellte. Wir können jetzt zusätzlich zu den Modulen Einzelberatungen zu bestimmten Themen anbieten. Auch Praxisworkshops mit spannenden Dozenten, wie die Produktion einer TV-Sendung oder eines Radiofeatures. Der Radioworkshop wurde zum Beispiel von den Radiojournalisten Michael Ramm und Wolfgang Bauernfeind geleitet. Im Sommer konnten wir zudem eine Ausstellung zum UdK-Rundgang mit Geflüchteten realisieren. Mittlerweile haben wir ein großes Netz von knapp 100 Dozentinnen und Dozenten, auf das wir zurückgreifen. 





CCB Magazin:Was genau vermittelt ihr in den Workshops? 

Ewelina:In erster Linie stellen wir Kontakte zwischen geflüchteten Künstlern und Kulturschaffenden und echten Profis aus ihrer Szene oder Branche in Berlin her. Denn wir wollen, dass sich die Teilnehmer auf diesem Wege auf höchstem Niveau „weiterbilden“ können. In ihren Heimatländern haben die Teilnehmer in der Regel schon professionell gearbeitet. In Berlin beginnen sie ganz von vorne. Und die deutsche Rechtsprechung, das Steuerrecht sowie die Sprache stellen sie vor neue und komplexe Aufgaben. Darum haben wir zu rechtlichen und steuerlichen Grundlagen die Einführungswoche „BASICS – Working as an artist in Germany“ initiiert: Rechtsanwälte, Antragsexpertinnen und Beraterinnen geben Tipps in Workshops zu Steuern und Abgaben. Sie geben Überblicke zum Urheber- und Arbeitsrecht, zur Finanzierung von Projekten durch Crowdfunding oder erklären den Unterschied zwischen Angestellten und Selbstständigen. Die Schwerpunkte werden zusätzlich durch Einzel-Coachings vertieft.

Unsere Auswertung zeigt, dass sich vor allem unsere Musikerinnen und Musiker gut auf dem Berliner Musik- und Arbeitsmarkt integriert haben: Sie spielen in unterschiedlichen Ensembles und Formationen. Sie verbinden orientalische mit europäischer Musik und arbeiten teilweise selbstständig in ihrem Bereich

CCB Magazin:Die Studie „Nach der Flucht“ der OECD zur Integration von Geflüchteten in den deutschen Arbeitsmarkt hat gezeigt, dass Deutschland – mit starker Unterstützung durch die Zivilgesellschaft – relativ schnell die Rahmenbedingungen zur Integrationserleichterung in den letzten Jahren angepasst hat. Sie attestiert insgesamt eine „günstige Voraussetzungen für die Förderung der Arbeitsmarktintegration“ in Deutschland, benennt aber auch Problemgruppen, insbesondere viele weibliche Geflüchtete und vor allem Geringqualifizierte, für die der Integrationsprozess in den Arbeitsmarkt schwer ist. Laut Bundesagentur für Arbeit sind ein Zehntel der 2015 zugezogenen Geflüchteten mittlerweile erwerbstätig. Was passiert mit euren Teilnehmern im Anschluss? Haben sie eine realistische Chance auf dem deutschen Arbeitsmarkt? 

Ewelina:Der Arbeitsmarkt für Kunst und Kultur ist natürlich ohnehin schwer umkämpft. Daran können auch wir wenig ändern. Aber wir ermöglichen durch unsere Module wirklich hilfreiche Synergien: So trafen sich zum Beispiel im letzten Musikmodul der Musiker Youssef aus Syrien und der Musikproduzent Jonathan aus Berlin – heute produzieren sie zusammen. Einige Teilnehmer sind Volontäre beim Tagesspiegel oder bei Radio Alex. Wir haben zwar keine konkreten Informationen über die anschließende Verankerung auf dem ersten Arbeitsmarkt, wichtig ist aber, dass wir überhaupt Kontakte ermöglichen können, die sich in der Zukunft lohnen – darum vermitteln wir auch zu großen Institutionen wie dem ZDF, der Deutschen Welle, auch zum Maxim Gorki Theater oder den KW-Kunstwerken und damit zu Expertinnen und Experten, die in Berlin Einblicke in die konkrete Arbeit von Theatern, Filmredaktionen, Tonstudios oder Galerien geben.  

CCB Magazin:Die Studie „Nach der Flucht“ der OECD betont auch die Wichtigkeit von Sprachkompetenzen für den Integrationsprozess. Auch der Soziologe Hartmut Esser hat darauf zuvor in mehreren Analysen hingewiesen: Das Erlernen der deutschen Sprache ist für den Integrationsprozess in den Arbeitsmarkt unumgänglich, und das gerade dann, wenn kommunikative Fähigkeiten abverlangt werden. Wie macht sich das bei euren Zielgruppen bemerkbar? Könnt ihr Unterschiede bezüglich abverlangter Sprachkompetenz zwischen den einzelnen Sektoren und Branchen feststellen?

Ewelina:Ja, jede Szene hat Eigenheiten. Und perfekte Sprachkenntnisse sind beispielsweise im Literaturbereich oder im Kulturjournalismus unumgänglich, sie sind eine Voraussetzung. Das gilt in weiten Teilen auch für den Theaterbereich. Ohne gute deutsche Sprachkenntnisse geht hier wenig. In der Bildenden Kunst ist das hingegen weniger ein Problem. Auch in der Musikbranche sind Sprachkenntnisse, wenngleich nicht unwichtig, so doch zumindest weniger wichtig als im Literaturbereich. Unsere Auswertung zeigt aber, dass sich vor allem unsere Musikerinnen und Musiker gut auf dem Berliner Musik- und Arbeitsmarkt integriert haben: Sie spielen mittlerweile in unterschiedlichen Ensembles und Formationen. Sie verbinden orientalische mit europäischer Musik und arbeiten teilweise selbstständig in ihrem Bereich.  

Wir möchten, dass geflüchtete Künstler und Kulturschaffende einen Platz in Berlin findet und daran anknüpfen können, was sie in ihrer Heimat zurücklassen mussten

CCB Magazin:Was ist euer Ziel für die Zukunft? Was wollt ihr noch erreichen? Und wie wichtig sind Projekte wie eure für Berlin und die Gesellschaft? 

Ewelina:Wir denken, dass das Projekt für viele Teilnehmende einen wichtigen Grundstein legen kann. Das ist auch das Feedback, das wir bekommen. Wenn unserem Folgeantrag zugestimmt wird, können wir weitermachen. Derzeit endet das Projekt im März 2018. Und für die Zukunft wünschen wir uns, dass möglichst viele der Künstlerinnen und Künstler, die Teil unseres Projekts waren, gute Arbeitsperspektiven in Deutschland haben. Wir möchten, dass ihre Kunst einen Platz in Berlin findet. Dass sie daran anknüpfen können, was sie in ihrer Heimat zurücklassen mussten: ihr Leben, ihre Expertise, ihre Kreativität. Sie waren Künstler – Maler, Schriftsteller oder Komponisten. Und das sollen sie auch in Berlin bleiben dürfen. Als Geflüchtete sind sie in Berlin und in Deutschland angekommen und mussten sich durch einen großen Berg an Bürokratie einen neuen Weg ebnen. All das ist nur mit sehr viel Geduld und Ausdauer zu bewältigen. Hier möchten wir in Zukunft die bestmögliche Unterstützung bieten, damit Geflüchtete nicht den Mut und ihren Glauben an ihr Leben und ihre Kreativität verlieren. Die Berliner Kunstszene lebt und profitiert vom Austausch mit anderen Kulturen. Das soll so bleiben. Hieran arbeiten wir. 


Profil von „Artist Training: Refugee Class for Professionals“ auf Creative City Berlin


Weiterführende Literatur: 

Publikation der Heinrich Böll Stiftung "Ausbildungs- und Arbeitsmarktintegration von Gefüchteten"

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