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Oliver Zenglein: „Die Situation ist desolat“

Schwerpunkt faires Filmproduzieren

Oliver Zenglein: „Die Situation ist desolat“
Foto: © Steffi Henn

Im Gespräch mit Creative City Berlin: Oliver Zenglein von Crew United

Wie gut ist es um die deutsche Filmbranche bestellt? Crew United, ein Netzwerk und Bündnis für Filmschaffende, hat gerade ein Aufruf zu „Faires Filmproduzieren“ veröffentlicht. Was meint faires Filmproduzieren? Was muss in der Branche passieren? Was kann jeder einzelne tun? Welche Rolle spielen die Gewerkschaften? Wir sprachen mit Oliver Zenglein, Co-Founder und Managing Partner von Crew United.
 

INTERVIEW Jens Thomas

 

CCB Magazin: Hallo Oliver, ihr wollt die Arbeitsbedingungen für Filmschaffende in Deutschland verbessern. In Eurem Aufruf schreibt ihr: „Die Situation der deutschen Filmbranche und dem Großteil der Menschen, die darin arbeiten, ist desolat“. Was genau ist desolat?

Oliver Zenglein: Wirklich eine ganze Menge: Zunächst einmal fallen die meisten Beteiligten der Film- und Fernsehbranche durch das Raster des Sozialstaates, der keine fairen und angemessenen Lösungen für Arbeitnehmer jenseits des „klassischen Normalarbeitsverhältnisses“ bereithält. Ein Beispiel: Filmschaffende sind in der Regel mit Ausnahmen von beispielsweise Regisseuren oder Kameraleuten weisungsgebunden. Damit sind sie verpflichtet, ein befristetes sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis einzugehen. Folglich müssen sie Beiträge zur Arbeitslosenversicherung abführen. Seit 2005 müssen Antragsteller aber auf ALG 360 Sozialversicherungstage innerhalb einer Rahmenfrist von zwei Jahren nachweisen, um Arbeitslosengeld I (ALG I) zu erhalten. Vor 2005 betrug die Rahmenfrist drei Jahre. Immer mehr Film- und Fernsehschaffende werden darum unverschuldet zu Arbeitslosengeld II-Empfängern - trotz ihrer hohen Beitragszahlungen zur Arbeitslosenversicherung. Das ist im Grunde ein Euphemismus aus der Schröder-Zeit, denn es ist die Sozialhilfe und eben nicht die Arbeitslosenversicherung, in die sie eingezahlt haben. Ein weiteres Problem ist, dass nur knapp 12 Prozent aller Filmschaffenden über eine ausreichende Altersvorsorge verfügen. Drohende Altersarmut ist für einen großen Teil der Filmschaffenden vorprogrammiert. 

Drohende Altersarmut ist für einen großen Teil der Filmschaffenden vorprogrammiert

CCB Magazin:Ein Problem, das ihr ebenfalls benennt, ist der Faktor Zeit: „Es wäre viel einfacher, fair und nachhaltig Filme zu produzieren, wenn wir alle mehr Zeit hätten“. Wie bekommt man dieses Problem in den Griff?

Oliver Zenglein: Das Problem ist, dass Budgets und Drehpläne meist so gestrickt sind, dass kaum Luft zum Atmen bleibt. Die Menschen, die Qualität der Filme und die künstlerische sowie wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit unserer Branche bleiben auf der Strecke. In der Filmbranche gibt es eben schon immer gute Gründe für lange Arbeitstage: Ein Motiv oder ein Schauspieler muss abgedreht werden, das Wetter und damit das Licht wechselt komplett usw. Sollte ja kein Problem sein. Ist es aber oft in vielfacher Weise.

CCB Magazin:Was ist denn das Problem im Kern?

Oliver Zenglein: Zum einen werden Verträge pauschalisiert und die 11., 12., 13., 14. Stunde werden faktisch nicht gezahlt. Zum anderen wird die Ausnahme zur Regel und die Drehpläne werden schon inklusive Mehrarbeit kalkuliert. In die Tarifverträge wurde zwar ab 2010 der Begriff „Arbeitsbereitschaft“ im Zusammenhang mit Mehrarbeit integriert. Ein Begriff, der mit der Arbeitsrealität von Filmschaffenden aber nichts zu tun hat. Für einen „Tatort“ fallen plötzlich nur 19 statt noch vor Jahren 25 Drehtage an. Gearbeitet hat der Filmschaffende vielleicht sogar mehr, aber er hat weniger Geld, weniger Anwartschaftszeit für das Arbeitslosengeld, weniger Urlaubstage und auch weniger Rentenbeiträge.

CCB Magazin:Seit 2005 gibt es aber bereits eine Regelung im Tarifvertrag, die zur Führung eines Arbeitszeitkontos für jeden angestellten Filmschaffenden vorschreibt. So etwas bringt nichts?

Oliver Zenglein: Das würde schon etwas bringen, aber viele halten sich nicht daran und an Selbstständigen geht diese Regelung völlig vorbei. Die Strukturen der deutschen Filmbranche, die maßgeblich durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und die Filmförderer geprägt werden, sind direkt und indirekt für die Situation mitverantwortlich. 

CCB Magazin:Inwiefern?

Oliver Zenglein: Die Vergabe von, zum großen Teil, öffentlichen Geldern ist nicht an die Einhaltung sozialer Mindeststandards gebunden. Diese Standards werden ständig und massiv unterlaufen, die im Tarifvertrag benannte „Mindestgage“ für Anfänger wird als Normalgage behandelt oder unterboten usw. Bis vor kurzem hat das ZDF sogar noch zahlreiche Filmberufe in seinem jahrzehntealten Kalkulationsrahmen einfach nicht vorgesehen und damit nicht gezahlt, zudem wird bei TV-Auftragsproduktionen der Produzent eigentlich zum bloßen Budgetverwalter degradiert. Sein wirtschaftlicher Erfolg hängt nicht von der Qualität des Produkts ab, sondern entspricht genau dem Betrag des Budgets, das er nicht ausgibt.

CCB Magazin:Du sprichst von TV-Auftragsproduktionen. Betrifft das auch Kinoproduktionen?

Oliver Zenglein: Da ist die Situation ähnlich. An der Verwertung ist der Produzent in der Regel erst ab einem Punkt beteiligt, der in den seltensten Fällen erreicht wird. Das Budget muss irgendwie reichen, um den Film und die in der Regel lange Entwicklungszeit zu finanzieren und die Firma am Leben zu erhalten. Filme werden einfach nicht besser, wenn sie billiger sind. Dadurch nimmt vielmehr die Selbstausbeutung in der Branche zu. Die immer noch verbreitete romantische Vorstellung, es würde zu einem Ausbruch an Kreativität kommen, wenn man einfach mal macht, egal wie viel Geld zur Verfügung steht, ist falsch und zynisch. 

Die immer noch verbreitete romantische Vorstellung, es würde zu einem Ausbruch an Kreativität kommen, wenn man einfach mal macht, egal wie viel Geld zur Verfügung steht, ist falsch und zynisch - Filme werden einfach nicht besser, wenn sie billiger sind. Vielmehr nimmt die Selbstausbeutung zu

CCB Magazin:Nur zwei von fünf Filmschaffenden können allein von ihrem Beruf leben – das belegt eine Umfrage des Bundesverbands „Die Filmschaffenden e.V.”, an der 3.827 Filmschaffende teilnahmen. Viele Filmschaffende sind freiberuflich. Muss man dann nicht einfach etwas anders machen, wenn man von seinem eigentlichen Job nicht leben kann?

Oliver Zenglein: Vielleicht wollen tatsächlich mehr Menschen beim Film arbeiten, als die Branche aufnehmen kann. Ganz sicher ist das im Bereich Schauspiel so, wo zirka 20.000 bis 25.000 Schauspieler auf Arbeit für ein paar Tausend treffen. Deshalb würde ich auch jedem Schauspieler von Anfang an raten, sich ein zweites Standbein aufzubauen. Das Problem würde sich aber nur zum Teil reduzieren, wenn einige die Branche verlassen. Hauptgrund für die prekäre Lage bleibt, dass die Arbeit zu schlecht bezahlt wird. Die Maxime maximaler Flexibilität nach dem Motto „Du wir müssen jetzt doch zwei Monate verschieben“ setzt eben voraus, dass allein der Filmschaffende das Risiko dafür trägt. 

CCB Magazin:Was können die Gewerkschaften tun? Ver.di fordert „6 Prozent mehr Gage und maximal 12-Stunden-Arbeitstag“. Auch sollen u.a. „die Tagesarbeitszeiten auf 12 Stunden beschränkt werden“. Sind das gute Lösungen? Und kann so etwas überhaupt in der Praxis funktionieren, wenn man über mehrere Wochen z.B. irgendwo in Haiti am Set dreht und auch nicht ewig drehen möchte? Oder anders gefragt: Verlängern sich dadurch nicht wieder Drehtage, wenn man keine Überstunden machen darf und die Produktionsformen Filme in der Folge nicht wie gewohnt/zu geplanten Konditionen abdrehen können?

Oliver Zenglein: Das ist nicht das Problem: Kaum ein Filmschaffender ist nicht bereit, unregelmäßig und auch sehr lange zu arbeiten – es sei denn der Grund dafür ist schlechte Organisation von beteiligten Abteilungen oder mangelnde Vorbereitung der kreativen Führung. Filmschaffende sind in der Regel hochmotiviert und wollen das beste Ergebnis gemeinsam erreichen und alle haben sich dafür entschieden, keinen 9-to-5-Job zu haben. Das Problem ist doch, dass sie nicht angemessen behandelt werden! Überstunden werden nicht bezahlt, Pausen nicht rechtzeitig oder zu kurz gemacht, Ruhezeiten nicht eingehalten. Und solange das in den „geplanten Konditionen“ vorausgesetzt wird, sollte man den Film am besten gar nicht drehen.

Zu ver.di möchte ich mich in Verbindung mit dem Thema Maximaltagesarbeitszeit nicht äußern, da ich die Strategie der Verdi der letzten Jahre bei diesem Thema einfach nicht nachvollziehen kann. Die 6 Prozent mehr Gage sind natürlich viel zu wenig und auch mit einer Erhöhung von sagen wir 10 bis 15 Prozent wären wir aus meiner Sicht noch von angemessenen Gagen deutlich entfernt. Das hat aber auch mit der oben schon erwähnten Praxis zu tun, dass das, was eigentlich laut Gagentarifvertrag „Einstiegs- oder Anfängergage“ sein soll, wie die Normalgage behandelt wird.

CCB Magazin:Warum organisieren sich dann so wenige Filmschaffende? Nach Recherche von Deutschlandfunk sind von etwa 25.000 Filmschaffenden in Deutschland nur rund 7.000 Mitglieder bei ver.di und der Schauspielergewerkschaft BFFS

Oliver Zenglein: Ich kann mit Sicherheit sagen, dass die Zahl 25.000 völlig falsch ist, sie liegt wesentlich höher. Gut 2.800 Mitglieder beim BFFS kann ich bestätigen. Die dann über 4.000 bei ver.di nicht. Ich kenne dazu bisher keine transparente Quelle. Diese Zahl birgt auch eine gewisse politische Sprengkraft, denn viele Filmschaffenden-Verbände sprechen ver.di die Legitimation ab, den Tarifvertrag zu verhandeln, eben mit der Begründung, viel zu wenige Filmschaffende zu vertreten.

CCB Magazin:Woran liegt das?

Oliver Zenglein: Ich möchte dazu gerne aus dem sehr empfehlenswerten Buch „Wir Kreative! Das Selbstverständnis einer Branche“ von Lisa Basten zitieren, die folgende Antwort gibt: „Die unterschiedliche Wertung kreativer Arbeit ist wohl die Hauptursache der Grabenkämpfe der Gewerke und der unendlichen Zersplitterung der Interessensverbände. Partikularinteressen haben bisher jeden Versuch, sich innerhalb der Branche breit aufzustellen, unmöglich gemacht. Damit einher geht auch, dass es keine Vertretung der Beschäftigten gibt, die sich glaubwürdig an der gesellschaftlichen Debatte um die Zukunft kreativen Arbeitens beteiligen könnte“. 

Die Idee, sich solidarisch zu organisieren – beispielsweise in einem Verband oder einer Gewerkschaft – hat ein gewaltiges Imageproblem

CCB Magazin:Warum nicht glaubwürdig? Haben Gewerkschaften ein Imageproblem?

Oliver Zenglein: Die Idee, sich solidarisch zu organisieren – beispielsweise in einem Verband oder einer Gewerkschaft – hat ein gewaltiges Imageproblem. Und das gilt nicht nur für die Filmbranche. Eine Entscheidung für ein solches Engagement wird meist allein an der Antwort auf die Frage „Was nützt es mir?“ gemessen. Mir werden auch immer wieder Fälle von Mitgliedern diverser Verbände zugetragen, bei denen Mitglieder sich beim Verband noch mit einem „alten“ Beruf listen lassen. Sie arbeiten dann beispielsweise schon als Kameramann, zahlen aber die Beiträge eines Kameraassistenten. Das Commitment zu echter Solidarität ist aber Voraussetzung für ein breites Interessenbündnis. Insgesamt ist es ein Teufelskreislauf: Die Gewerkschaften und Verbände sind schwach, weil nur gerade mal ein Viertel der Filmschaffenden organisiert sind. Die anderen bleiben weg, weil die Verbände ja so „schwach sind und nichts erreichen”.

CCB Magazin:Sind Filmschaffende nicht einfach auch selber schuld, wenn sie sich keine Lobby in Form einer Gewerkschaft etc. suchen?

Oliver Zenglein: Erstmal ein ganz klares JA! Die Frage ist natürlich auch, in welcher Form wer von wem sinnvoll vertreten werden will oder wo sich wer engagieren kann. Entscheidend ist, dass alle Film- und Fernsehschaffenden statt zu jammern oder zu motzen oder Verantwortung abzuschieben oder lethargisch alles als unabänderlich hinzunehmen, beginnen müssen, sich selbst an der Gestaltung der Strukturen und Bedingungen ihrer Branche zu beteiligen. Und zwar auch dann, wenn sie wissen, dass sie vielleicht nicht selbst direkter Nutznießer dieser Änderungen sein werden, sondern Kollegen oder der Nachwuchs davon profitieren. 

Film- und Fernsehschaffende sollten endlich beginnen, sich an der Gestaltung der Strukturen und Bedingungen ihrer Branche zu beteiligen, anstatt zu jammern, zu motzen oder immer nur Verantwortung abzuschieben

CCB Magazin:Im neuen Filmförderungsgesetz werden erstmals auch „Sozialverträglichkeit und Nachhaltigkeit“ als Ziele genannt. Was genau meint „Sozialverträglichkeit und Nachhaltigkeit“ bezogen auf die Filmbranche?

Oliver Zenglein: Zunächst mal ist erfreulich, dass hier nun zumindest etwas steht, was selbstverständlich sein sollte: nämlich fair und nachhaltig produzieren zu können oder zu sollen. Aber es wird nicht ausgeführt, was das im Detail bedeutet, wer das wie überprüft und was passiert, wenn es nicht eingehalten wird. Es ist zu befürchten, dass es eine Luftnummer bleibt.

CCB Magazin:Und wie kann man beides realisieren?

Oliver Zenglein: Ganz einfach: Indem man erkennt, dass es der ganzen Branche besser gehen wird, wenn es allen Beteiligten besser geht und man einen Prozess in Gang bringt, bei dem alle Beteiligten mitgenommen und auf Augenhöhe beteiligt werden. Und möglicherweise ist schon ein solcher Prozess der erste Schritt in eine andere Richtung. Rahmenbedingungen für einen solchen Prozess sollten auch Themen wie Respekt und Wertschätzung sein - damit überhaupt ein Boden da ist auf dem fair verhandelt werden kann. Ohne gewisse Regulierungen wird das nicht gehen und der Mindestlohn hat gezeigt, dass manche Dinge erst funktionieren, wenn sie Gesetz sind. Genauso wird aber auch der x-te CO2-Rechner oder Best-Practice-Guide für Grünes Drehen ein Grab für öffentliche Gelder sein, wenn die Filmschaffenden, die das umsetzen sollen, nicht fair behandelt werden.

CCB Magazin:Oliver, vielen Dank für das Gespräch.


Alle Infos zu Crew United: www.crew-united.com

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