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Sebastian Hoffmann und Hajo Toppius: „Immer nur jammern, das bringt nichts“

Schwerpunkt Stadtraum und Verdrängung

Sebastian Hoffmann und Hajo Toppius: „Immer nur jammern, das bringt nichts“
Foto: © Jens Thomas

Bündeln Ideen und Vorschläge für die Zukunft Berlins in einem Buch: Sebastian Hoffmann und Hajo Toppius von Antje Øklesund.

Berlin verändert sich, für Künstler und Kulturschaffende kann das sehr schmerzhaft sein, wenn Freiräume schwinden und Alternativen teu(r)er werden. Welche Auswege gibt es? Die Künstlergruppe Antje Øklesund hat dazu das Buch „Zur Transformation des Alternativen" veröffentlicht. In liebevoller Handarbeit sind zwei Bände entstanden: Im ersten Buch sind Statements wichtiger Akteure aus der Aktivisten- und Kulturszene gesammelt. Das zweite Buch gibt 15 Handlungsempfehlungen gegen die Verdrängung der Clubkultur aus dem Stadtraum. Finanziert wurde das Buch über das Musicboard Berlin. Wir zeichnen das Projekt mit dem Siegel "Berlin's Best" aus und haben uns mit den Machern Hajo Toppius und Sebastian Hoffmann von Antje Øklesund und Herausgebern des Buches getroffen. Wir wollen wissen: Ist die Stadt noch zu retten?
 

Interview Jens Thomas

 

CCB Magazin: Hallo Hajo, hallo Sebastian, schön habt ihr es hier. Euer Büro ist direkt in der Rigaer Straße, ihr  schaut täglich auf das ehemalige Antje Øklesund, das ihr als Kulturzentrum und Veranstaltungsort schräg gegenüber jahrelang betrieben habt. Wie schmerzhaft ist dieser Anblick?

Hajo: Schmerzhaft schon, auch in Anbetracht des jetzt schon mindestens zehn Jahre dauernden Prozesses, in dem wir versucht haben, für das Gelände eine gute Lösung zu finden: vom Kauf durch die Mieter bis hin zu sehr anstrengenden Auseinandersetzungen und Verhandlungen mit Investoren. Wir kämpfen immer noch für einen Erhalt oder eine Fortführung in irgendeiner Form. Wir machen uns aber auch nichts vor: Das Antje Øklesund wird es so, wie es einmal war, nicht mehr geben. Aber wir versuchen nach wie vor uns dafür einzusetzen, dass hier mal etwas anderes entsteht als bei der Vielzahl von anderen Bauprojekten im Kiez. Aktuell ist die Forderung, dass es Neuverhandlungen geben soll, die die Forderungen der Mieter und Anwohner adäquat berücksichtigen, was die CG Gruppe, die das Gelände 2012 gekauft hat, bislang nur in Lippenbekenntnissen gemacht hat. 

Wir kämpfen immer noch, aber wir machen uns nichts vor: So, wie es das Antje Øklesund einmal gab, wird es das Projekt nicht mehr geben

CCB Magazin: Könnt ihr kurz skizzieren: Was ist das Antje Øklesund? Was ist genau passiert? Was ist Euer Ziel?

Hajo: Das Antje Øklesund ist eine Gruppe von Musikern und Künstlern und war ein Projektraum auf dem Gewerbehof Rigaer Straße 71 – 73 A in Friedrichshain, es ist einer der ältesten Gebäudekomplexe im Kiez. Vor 12 Jahren fingen wir hier an, Konzerte und Ausstellungen zu organisieren. Seit 2007 haben wir uns intensiv mit einer möglichen Zukunft des Geländes beschäftigt. Seitdem aber die CG-Investorengruppe das Gelände gekauft hat, versuchen wir, über Verhandlungen etwas von dem zu retten, was diesen Hof für uns zu etwas besonderem gemacht hat. Unser Ziel ist, hier einen Ort für Kiezkultur zu schaffen. Geplant sind Garten, Kiezküche, ein Sozialcafé, ein Projektraum für Proben, Spiel und Konzerte, auch ein begehbares Dach für alle, Kinderspielmöglichkeiten und Terrassen für künstlerische Arbeiten – das zusammen soll ein Ort für die Nachbarschaft sein, den es hier so noch nicht gibt.

CCB Magazin: Ok, wo ist das Problem?

Hajo: Dass wir eigentlich immer wieder gucken müssen, wie und auf welchem Wege wir am meisten erreichen können. Grundsätzlich wird in den letzten Jahren die Frage nach günstigem Wohnen immer wichtiger, das gilt es alles unter einen Hut zu bringen. Das hat dann leider auch oft mit vielen Kompromissen zu tun. Ob es im Falle von Antje Øklesund dann zum Schluss noch das ist, was wir wollen, müssen wir uns immer wieder selbst fragen. Der aktuelle Stand für die Bebauung auf dem Gelände an der Rigaer 71-73, also wie die CG-Gruppe sich das vorstellt, ist es definitiv nicht.  Ästhetisch und von der Nutzung her finden wir uns in den Entwürfen einfach nicht wider. Aber wir versuchen die Verhandlung noch einigermaßen zum Guten zu wenden.  

Haben viel vor: Sebastian Hoffmann und Hajo Toppius von Antje Øklesund und Herausgeber des Buches „Zur Transformation des Alternativen". Foto: © Jens Thomas 


CCB Magazin: Ihr habt gerade das Buch „Zur Transformation des Alternativen" veröffentlicht, finanziert über das Musicboard. Das Buch bündelt Eure eigene Geschichte, lässt aber auch Akteure zu Wort kommen und präsentiert 15 Handlungsempfehlungen gegen die Verdrängung der Subkultur aus dem Stadtraum. Wer kommt zu Wort? Welche Lösungen sind das?

Hajo: Zu Wort kommen Architekten wie Benjamin Foerster-Baldenius von Raumlabor, Stadtplaner und Wissenschaftler wie Valentin Domann oder Friedericke Landau, Stadtaktivisten wie Leonie Baumann von „Stadt NeuDenken“ oder auch Christoph Langscheid von der Stiftung Edith Maryon, um nur einige zu nennen.

Sebastian: Und eine Lösung gibt es nicht, vielmehr mehrere Strategien, die wir präsentieren: eine Handlungsempfehlung ist zum Beispiel der gezielte Kauf von Häusern. So etwas kann zum Beispiel über eine gemeinnützige Stiftung wie die Stiftung Edith Maryon geschehen. Beim Schokoladen in Berlin-Mitte hat das zum Beispiel geklappt, der Schokoladen existiert noch. Ein weiterer Schritt kann „Strukturen schaffen“ zum Beispiel über das „Mietshäusersyndikat“ sein. Hier schließen sich selbstorganisiert Menschen im Sinne einer kooperativ und nicht-kommerziell organisierten Beteiligungsgesellschaft zusammen, um Wohnungen dem Immobilienmarkt gezielt zu entziehen. Ziel ist also der Erwerb von Häusern, die selbstorganisiert in Gemeineigentum überführt werden, um langfristig bezahlbare Wohnungen und Raum für Initiativen zu schaffen. In diesem Jahr war das Syndikat bereits an 119 Hausprojekten in Deutschland beteiligt, davon 21 in Berlin und Potsdam.

CCB Magazin: Ok, diese Kaufkraft hat ja nicht jeder. Und ändert das etwas an der Gesamtsituation?

Sebastian: Nicht jeder kann sich ein Haus kaufen, das stimmt, es ist ja auch nur ein Weg, den wir aufzeigen. Man kann auch im Kleinen anfangen: Hauke Stiewe zum Beispiel, den wir in unserem Buch ebenfalls aufführen, betreibt das Lovelite in Friedrichshain. Vor zwei Jahren musste er seinen Club schließen. Jetzt macht er das Lovelite wieder auf, im gleichen Kiez, nur mit neuem Konzept. Leute, die kein Geld oder weniger Geld haben, zahlen weniger. So etwas kann Vorbildcharakter haben.

Hajo: Die eine große Lösung gibt es eben nicht. Im Grunde geht es aber um zwei zentrale Wege: Zum einen ist der Staat in der Pflicht, er muss auch in die Bresche springen und Strukturen schaffen und Räume schützen. Er muss den Mietmarkt regeln, er muss für Freiflächen sorgen, er muss das Geld da nehmen, wo es ist, um es dort hinzubringen, wo man es braucht. Die City Tax ist hier schon ein gutes Beispiel, indem über die Hotelsteuer Geld der unterfinanzierten Kultur Geld zufließt. Es muss eben vieles zusammenkommen. Unsere Forderung ist auch, einen Kulturfonds aufzulegen, in den Unternehmen und Gewerbebetreibende künftig einzahlen sollen. Der Druck dazu, muss natürlich immer auch von der Politik kommen. Auf der anderen Seite muss man aber auch selbst handeln. Und da geht es eben nicht darum, beide Wege gegeneinander auszuspielen, sondern sie als einen gemeinsamen Weg zu begreifen. Es bringt auch nichts, immer nur an das Land oder den Staat zu adressieren, dass wir etwas wollen und der Staat liefern muss. Man muss sich auch selbst einbringen und Druck aufbauen. Aber: Der Staat muss es auch ermöglichen, dass man sich einbringen kann.

CCB Magazin: Inwiefern?

Sebastian: Kürzlich war ich im SO36 auf einer Veranstaltung, wo es genau um dieses Thema ging. Klar wurde, dass viele weder die Zeit noch das Wissen dazu haben, sich intensiv mit dem zu beschäftigen, was sie dazu befähigt, mitreden zu können. Einen Ansatz, den wir im Buch darum verfolgen.

Hajo: Wir brauchen Vermittler, die sich die Zeit für die entsprechenden Auseinandersetzungen nehmen können. So könnte man zum Beispiel Nachbarschaftsinitiativen kostenfrei einen professionellen Architekten oder Anwalt an die Seite stellen – entweder von Bund oder Land finanziert oder am besten müsste die Immobilienwirtschaft verpflichtet werden, Beteiligung und vor allem auch substantielle Kritik zu ermöglichen. Für eine große Immobilienfirma ist das ja kein Problem, die kommen in nullkommanix mit fünf Anwälten um die Ecke, für selbstverwaltete Strukturen oder Basisinitiativen ist das ein Problem.

Wir brauchen Vermittler, die sich die Zeit für entsprechende Auseinandersetzungen nehmen können

Hajo: Ein weiterer Ansatz ist, dass man gezielt Initiativen und Aktivisten stärkt, die bereits aktiv sind. Unsere Forderung im Buch ist: Stellt den Leuten bewusst etwas zur Verfügung! Oder wie Andreas Krüger im Buch vorschlägt, bestimmte Leuchtturmprojekte oder Grundinitiativen in der Stadt auswählen, die konkret in bestimmte Entscheidungsprozesse mit einbezogen werden.

CCB Magazin: Aber welche Leuchtturmprojekte werden ausgewählt? Und welche nicht? Kann das nicht zur Folge haben, dass gerade die miteinander in Konkurrenz gesetzt werden, die gemeinsame Interessen verfolgen?

Hajo: Das ist eine sehr gute Frage, denn wenn Geld ins Spiel kommt, kann ganz viel kaputt gehen. Das passiert ja auch oft. Das spricht auch Andreas Krüger im Buch an, dass man Ausschüsse oder eine Task-Force schaffen kann. Wichtig ist, dass die Politik es ermöglicht, einigermaßen viele und vor allem die richtigen an einen Tisch zu bekommen. In diesem Zusammenhang verspreche ich mir auch eine Menge vom neuen Senat durch die Besetzung von Klaus Lederer als Kultursenator, Florian Schmidt als Bezirksstadtrat und Katrin Lompscher als Senatorin für Stadtentwicklung, indem sie wichtige Diskussionen ermöglichen aber auch handeln. Es verlangt ja keiner, dass die Stadt der Szene einen fertigen Club irgendwo hinstellt, das macht die Szene dann schon selbst. Aber: schafft die entsprechenden Strukturen und schenkt ihnen das Vertrauen, dass sie etwas daraus machen können! 

CCB Magazin: Ein Kapitel in eurem Buch lautet: „Investoren verpflichten!“ Wie macht man das?

Hajo: Ich behaupte erst einmal mal: Es gibt keine vom Himmel gefallene Selbstverantwortung der Immobilienwirtschaft, die von selbst kommt und sagt: Kommt, wir helfen Euch. Der Druck muss darum von Seiten der Politik kommen. Er kann aber auch von der Zivilgesellschaft aufgebaut werden. Wir selbst haben das ja in den letzten Jahren immer wieder und hautnah erlebt, wie schwierig dieser Prozess sein kann, wie man aber auch etwas erreichen kann, wenn man die Öffentlichkeit mobilisiert und die Politik mit ins Boot nimmt. Und man muss auch mit Investoren verhandeln können.

Es gibt keine vom Himmel gefallene Selbstverantwortung der Immobilienwirtschaft, die von selbst kommt und sagt: Kommt, wir helfen Euch. Der Druck muss von der Politik aber auch von der Zivilgesellschaft kommen

CCB Magazin: Ihr selbst seid angefeindet worden, weil ihr mit Investoren verhandelt. Würden ihr euren Weg im Nachhinein als Fehler begreifen?

Hajo: Nein, überhaupt nicht. Was wäre denn die Alternative gewesen? Nichts tun? Tatenlos zusehen? Natürlich hätten wir es uns gewünscht, dass es viel einfacher ist. War aber leider nicht so. Und weil wir verhandelt haben, wurde uns aus einigen Kreisen eine Art Kooptierungsgeschichte unterstellt, indem wir eben ein bisschen was rausholen, der Investor sich aber zugleich grün wäscht, weil er mal ein paar kulturelle Projekte mit ins Boot nimmt oder nicht ganz vertreibt. Uns wurde auch unterstellt, dass wir uns haben kaufen lassen, was absoluter Quatsch ist. Im Gegenteil: kaum was von dem, was zugesagt war, wurde auch umgesetzt – wie z.B. passende Übergangsräume. Im Grunde wollten wir etwas retten, indem wir verhandeln. Na klar, damit begibt man sich immer auch in eine Art von Abhängigkeit, die man so nicht will.

Sebastian: Eine Strategie, die Abhilfe schaffen kann, ist zum Beispiel die von Christoph Langscheid von der Stiftung Edith Maryon in unserem Buch. In Basel gab es kürzlich eine erfolgreiche Volksabstimmung, mit dem Ergebnis, dass die Stadt immer einen gewissen Prozentsatz an Liegenschaften in Eigenbesitz haben muss. Dafür haben in Basel 67 Prozent gestimmt. Das heißt, veräußert die Stadt also einen gewissen Anteil an Flächen an Investoren, muss sie den gleichen Anteil an einer anderen Stelle wieder kaufen – oder zurückkaufen. So bleibt alles im Gleichgewicht, weil immer ein gleicher Anteil an demokratisch verwaltbaren Grundstücken verfügbar ist.

CCB Magazin: Wenn ihr in die Zukunft blickt: Kann für Künstler und Kulturschaffende in dieser Stadt noch etwas zum Guten gewendet werden?

Hajo: Schwierige Frage. Auf der einen Seite möchte ich mir die Hoffnung einfach nicht nehmen lassen, dass es immer Auswege und Veränderungsmöglichkeiten gibt. Nichts ist alternativlos. Der Zug ist nie abgefahren. Auf der anderen Seite verändert sich Berlin als Stadt radikal und wird sich weiter verändern, für viele Kulturschaffende ist das sehr schmerzhaft. Aber es bringt nichts, immer nur nach hinten zu schauen und zu jammern, wie schön, billig und alternativ Berlin einmal war.

Ich will mir die Hoffnung einfach nicht nehmen lassen, dass es Auswege und Veränderungsmöglichkeiten gibt

Sebastian: „Transformation des Alternativen“ heißt für uns auch, dass wir nicht stehen bleiben und neuen Generationen etwas zur Verfügung stellen, womit sie arbeiten können. Wir haben auch eine Verantwortung. Jetzt gilt es Lösungen zu finden. Und genau darum gibt es unser Buch.


Alle Infos zu Antje Øklesund und dem Buchprojekt: www.antjeoeklesund.de

Auszeichnung Berlin's Best 

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